Das Ende der comdirect?

Inzwischen ist es offiziell:

Die 150 Jahre alte Commerzbank hat ihre agile Online-Tochter comdirect komplett geschluckt und will jetzt zur “Multikanalbank” werden. Doch was bedeutet das für die comdirect-Kunden? 

Es war die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar, an dem die Commerzbank wahrlich allen Grund hatte, die Korken knallen zu lassen: Um Punkt Mitternacht ging das gesamte Vermögen der Direktbank comdirect in Besitz der Frankfurter Großbank über. Der Commerzbank war es endlich gelungen, einem Großteil der comdirect-Aktionäre ihre Anteile abzukaufen und fortan mehr als 90% der Anteile an der Direktbank zu halten. Damit war der Weg frei für die lang ersehnte Verschmelzung mit der Online-Tochter comdirect. Denn mehr als 90% Aktienanteil bedeutete, die restlichen Aktionäre gegen eine Barabfindung herausdrängen und die comdirect von der Börse nehmen zu können. “Squeeze-Out”, heißt das im Börsen-Slang. 

Seit dem 5. Mai nun ist die Fusion der beiden Gesellschaften vollzogen. “Commerzbank schluckt comdirect”, titelten Wirtschaftsmedien und Finanzblogger, während das Geldhaus von “gemeinsamen Synergien” spricht. Schön und gut. Aber was bedeutet all das jetzt für die Kunden der comdirect? 

Der Plan: The best of both worlds 

Bis die comdirect komplett in die Commerzbank integriert sein wird, kann es noch eine Weile dauern. Bis 2023 solle die Integration abgeschlossen sein, heißt es in dem Verschmelzungsbericht. Große Pläne hat die Commerzbank aber schon jetzt – und die zielen vor allem auf eines ab: Kosten sparen. Mehr als 500 Mio. Euro weniger will das Frankfurter Geldhaus durch die Zusammenlegung pro Jahr ausgeben. Doppelte Funktionen sollen wegfallen, Angebote und die IT zusammengelegt und bis zu 4300 Arbeitsplätze gestrichen werden – sowohl bei der Commerzbank als auch bei der comdirect. Ferner verspricht sich die Commerzbank durch die Übernahme den lange notwendigen Sprung ins Digitale: Man wolle das Smartphone- und Online-Angebot ausbauen und das Firmenkundengeschäft effizienter machen, heißt es in einer Stellungnahme aus vergangenem Herbst. Das Ganze soll ein Meilenstein sein auf dem Weg hin zur “Commerzbank 5.0”: einer starken, innovativen Multikanalbank, wie es im Strategiepapier des Bankenriesen formuliert ist. 

Womit müssen comdirect-Kunden rechnen? 

Für die bisherigen Kunden der Online-Bank comdirect soll die Verschmelzung erst einmal keinen Unterschied machen, heißt es in dem Verschmelzungsbericht, den die Commerzbank veröffentlicht hat. Kredit- und Bankkarten sowie Kontonummern sollen wohl bestehen bleiben. Und auch das Leistungsangebot werde zunächst “unverändert” fortgeführt, heißt es dort. 

Dass sich für die 2,7 Mio. comdirect-Kunden langfristig einiges ändern wird, davon ist allerdings auszugehen. Denn “Commerzbank 5.0” bedeutet keineswegs, dass sich die behäbige Filialbank nun in eine agile Online-Bank verwandeln wird. Eher ist zu erwarten, dass der Frankfurter Bankenkoloss einen Teil seine Schwerfälligkeit auf das schlanke Online-Haus abwälzen wird. 

Ein ähnliches Schicksal hat schon den einstigen Star unter den Online-Geldhäusern, die Fidor Bank, ereilt. 2016 wurde sie von der französischen Bankengruppe BPCE aufgekauft, die dadurch nicht nur seinen Status als Vorreiter der Branche, sondern auch massenhaft Kunden verloren hat. 

So heißt es im Strategieprogramm der Commerzbank zwar, man wolle in Kürze 200 der 1000 Bankfilialen schließen, investiere “kräftig in eine schnellere Digitalisierung und setze künftig auf eine “Mobile-First-Strategie”. Gleichzeitig ist in dem Strategiepapier aber auch die Rede von einer “Filialpräsenz” – und auch die persönliche Kundenberatung soll ein Kerngeschäft der “neuen” Commerzbank bleiben und sogar ausgebaut werden. 

Konditionen werden sich mutmaßlich verschlechtern 

Persönlicher Kundenkontakt, Filialmitarbeiter und laufende Gebäudemieten verursachen Kosten, die früher oder später höchstwahrscheinlich auch auf die comdirect Kunden umgelegt werden. Das kostenlose Girokonto der comdirect gibt es zwar (noch) auch bei der Commerzbank (wenn auch unter Auflagen) – und daran soll sich laut Vorstandschef Martin Zielke auch so bald nichts ändern. Der Manager stellte allerdings schon vergangenes Jahr in Aussicht, dass für andere Finanzdienstleistungen künftig Gebühren fällig würden, um so den Niedrigzins-Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) auszugleichen. Um welche Angebote es sich dabei handelt, ist allerdings unklar. 

Was also tun? 

Es gilt abzuwarten, was sich mit der Verschmelzung von Commerzbank und der Online-Tochter comdirect für Kunden ändert. Noch hat der Vorstand der künftigen “Multikanalbank” dazu keine konkreten Informationen veröffentlicht. Unsere Empfehlung an comdirect Kunden lautet daher: Abwarten. Sollten sich Änderungen in den Konditionen ergeben, wird auch der sonst so träge Bankenriese schnell und agil reagieren – und seine Kunden frühzeitig informieren müssen. 

Wer ohnehin den Bankanbieter wechseln wollte, könnte die aktuelle Lage jetzt dafür nutzen – oder für alle Fälle schon einmal woanders ein zweites Depot eröffnen. Wer einen Ersatz für die comdirect sucht, könnte zum Beispiel bei der Consors Bank fündig werden. Die Tochter der französischen Großbank gehört mittlerweile zu den führenden Direktbanken Europas.