Wie Crowdinvesting funktioniert und warum es so riskant ist

Mona Linke
Stand:

Per Schwarm investieren und dabei noch Renditen kassieren. Das klingt gut – dabei hat das Crowdinvesting seine Tücken und kann für Anleger sogar den Totalverlust bedeuten. In diesem Ratgeber erfährst du, was Crowdinvesting eigentlich ist und ob sich das Ganze für dich lohnen kann.

Was du wissen solltest
  • Crowdfunding bedeutet übersetzt so viel wie Spenden Sammeln mithilfe einer “Crowd”, also einer “Menschenmenge”. 
  • Es gibt mehrere Modelle, mit denen Privatpersonen, aber auch große Firmen, Immobilienentwickler, Kreative und Startups Geld von Privatanlegern einsammeln, um ihre Projekte ganz oder teilweise zu finanzieren. 
  • Anleger bzw. Unterstützer können in Form von Zinsen, Dividenden oder Anteilen an dem Erfolg des Unternehmens, Produkts oder Projekts teilhaben. In einigen Fällen gibt es jedoch auch gar keine Gegenleistung.
  • Als Anleger kannst du über Online-Plattformen in Crowdinvesting-Projekte investieren.
  • Das Verlustrisiko ist (vor allem bei der Startup-Finanzierung) immens und kann bis zum Totalverlust für den Anleger führen.
  • Das Crowdinvesting fällt in den sogenannten Grauen Kapitalmarkt, also in den Teil der Märkte, der nur bedingt unter staatlicher Aufsicht steht. Es müssen kaum gesetzliche Vorgaben erfüllt werden.
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Crowdinvesting – ein Markt im Aufwind

Eigentlich war es nur als Witz gedacht. Welche Wellen der aber schlagen sollte, damit hätte wohl niemand gerechnet, zuletzt er: Zack Brown. 2014 meldete sich der junge US-Amerikaner bei der Crowdfunding-Plattform Kickstarter an und warb für sein Projekt: Einen Kartoffelsalat. Um den herstellen zu können, wollte er Spenden in Höhe von 10 Dollar auf der Plattform einsammeln. Ein kleiner Scherz mit großer Wirkung: Nach vier Wochen hatte Brown fast 55.000 Dollar eingesammelt – tausende Privatinvestoren hatten dem US-Amerikaner Geld geschickt. 

Auch wenn es vermutlich eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten in der Ära des Crowdfunding ist, zeigt sie doch sehr gut, wie viel Schlagkraft in dem Geschäft mit der Schwarmfinanzierung steckt. Seit Ende 2019 hat auch der deutsche Markt die 1 Mrd. Marke geknackt, was das Investitionsvolumen betrifft. Fast 2.800 Projekte wurden hierzulande schon “über die Crowd” finanziert, die im Gegenzug an den Gewinnen beteiligt wird oder Zinsen ausgezahlt bekommt – wenn das Projekt gelingt.

In diesem Ratgeber erfährst du, was Crowdinvesting eigentlich ist und ob sich das Ganze für dich lohnen kann. 

Die 4 Typen der Schwarmfinanzierung: 

Crowdinvesting ist nicht gleich Crowdinvesting. Grundsätzlich gibt es vier verschiedene Typen, wie per Schwarm investiert werden kann.

  • Spendenbasiertes Crowdfunding

    Wie bei Zack Brown und seinem Kartoffelsalat erhalten die Geldgeber keinerlei Gegenleistung für ihre Investitionen. Sie spenden das Geld.

  • Crowdfunding als Vorverkauf

    Hier bekommen die Geldgeber ihr Stück vom Kuchen zugesagt – allerdings nicht in Form von Renditen oder Gewinnbeteiligung, sondern als sogenannte “Naturaldividende”. Autoren beispielsweise verschicken Gratis-Exemplare ihres Romans, den sie über eine Crowdfunding-Plattform finanziert haben. Ein Designer verschenkt Kleidungsstücke oder ein Musiker sein Album an die Kapitalgeber. Natürlich vorausgesetzt, dass das Buch verlegt wird oder der Plattenvertrag zustande kommt.

  • Crowdinvesting

    Das Crowdinvesting hat tatsächlich nichts mehr mit Spenden zu tun – trotzdem wird es fälschlicherweise häufig als Synonym für Crowdfunding benutzt. Beim Crowdinvesting können Unterstützer in Immobilien, Startups und inzwischen auch in mittelständische Unternehmen investieren. Als Gegenleistung werden sie an einem möglichen Gewinn beteiligt oder bekommen Zinsen ausgezahlt – manchmal auch beides. Scheitert ein Projekt oder geht ein Unternehmen pleite, ist nicht selten die gesamte Einlage futsch.

  • Crowdlending (Kredite von Privatpersonen)

    Beim Crowdlending lassen sich Unternehmen oder Privatpersonen von den Anlegern Kredite finanzieren, Auch beim Crowdlending gibt es (im Erfolgsfall) eine Gegenleistung, nämlich regelmäßige Zinszahlungen. Die Gläubigerseite verpflichtet sich, den geliehenen Betrag zurückzuzahlen, selbst bei einer Insolvenz. Nur Zinsen gibt es eben nicht, wenn das Projekt scheitert. Anleger können auf diese Weise nicht nur in Unternehmen, sondern auch in soziale Projekte auf der ganzen Welt investieren oder Privatpersonen mit einem Kredit finanzieren. Letztere werden auch als P2P-Kredite bezeichnet. “Peer” (engl.) bedeutet so viel wie “Gleichstehender”.

Wie kann man als Anleger in Crowdfunding-Projekte investieren? 

Inzwischen gibt es zahlreiche Plattformen, auf denen Anleger in die unterschiedlichsten Projekte, Produkte und Firmen investieren können. Die eigentlichen Einzahlungen und die Verwaltung der Transaktion übernehmen meist die Plattform-Betreiber, ebenso wie eventuelle Gewinn- oder Zinsausschüttungen an Investoren. 

Die 4 Arten der Schwarmfinanzierung im Überblick und wie du darin investieren kannst:

Typ der Finanzierung Beschreibung Gegenleistung Plattformen 
Spendenbasiertes Crowdfunding Der Geldgeber spendet das Geld, um einen Künstler, Journalisten oder Designer und sein kreatives Projekt zu unterstützenKeineKickstarter, Startnext, Musicstarter
Crowdfunding als Vorverkauf Der Geldgeber unterstützt einen Künstler, Journalisten, Autoren, Designer oder Gründer finanziellNaturaldividende: Ein Exemplar des erschienenen Buchs, ein Kleidungsstück aus der realisierten Kollektion oder eine CD des MusikersStartnext, Kickstarter, Musicstarter 
Crowdinvesting Privatanleger können in Immobilien, Immobilienprojekte, Startups oder mittelständische Unternehmen investierenGewinnbeteiligung, Zinsen oder beidesImmobilien: Exporo, Rendity, Bergfürst 
Startups: Kapilendo, Companisto, Bergfürst 
Mittelständler: Moneywell, Finnest 
Crowdlending Privatpersonen finanzieren Kredite von Unternehmen oder Privatpersonen und können so zum Beispiel soziale Projekte ermöglichen (Windparks, Solaranlagen, Bewässerungsanlagen, Wohnhäuser)Regelmäßige ZinszahlungenSoziale Projekte: Bettervest, Greenvesting, Wiwin, Green Rocket
P2P: PeerBerry, Mintos, Bondora

Rendite beim Crowdinvesting

Die erreichbaren Renditen schwanken je nach Risikoklasse zwischen 5 und 15%. Je nach Anbieter wird die vereinbarte Rendite in festgelegten Zeiträumen ausgeschüttet oder erst am Ende der Laufzeit. Auch die Art des Projektes hat einen großen Einfluss auf die Rendite. Ein Investment in ein bestehendes Unternehmen wirft beispielsweise schneller eine Rendite ab als ein aufwendiges Immobilienprojekt, welches erst noch gebaut werden muss. Daher entscheiden sich viele Anleger für einen Renditemix aus kurz-, mittel- und langfristigen Anlagen. Wie immer steigt mit der Rendite auch das Risiko – und das ist im Bereich der Schwarmfinanzierung nicht zu unterschätzen. 

Crowdinvesting birgt auch Risiken

Vor allem kleine Firmen bezahlen die Zinsen an die “Crowd” gerne – schließlich sparen sie sich damit die hohen Kosten eines herkömmlichen Kredits von der Bank. Und in der Tat konnten mehrere junge Startups in den vergangenen Jahren große Erfolge mit dem Crowdinvesting verbuchen. 

Genauso gibt es aber auch Pleitegeschichten: “Sommelier Privee” – ein Wein-Shop mit Online-Geschmackstest und maßgeschneiderten Weinboxen konnte zum Beispiel 300.000 einsammeln, 715 Privatinvestoren haben ihr Geld in das Startup gesteckt. 

Doch schon Monate später meldete die Firma Insolvenz an, 720 Euro verlor jeder Investor im Schnitt. 

Der Totalverlust ist keine Seltenheit im Crowdinvesting-Business. Schließlich tritt der Privatanleger als Kreditgeber im Rahmen eines Nachrangdarlehens auf, in der Regel ohne Sicherheiten vonseiten des Kreditnehmers. Es gibt meist keinerlei Sicherheiten wie eine Verbriefung oder eine Ausfallversicherung. Und so kann es passieren, dass nicht nur Zinsen oder Gewinnausschüttungen ausbleiben, sondern auch der gesamte investierte Betrag verloren geht. 

Ausfallquote von bis zu 30%

Gerade im Bereich “Startup” ist die Ausfallquote immens: Von insgesamt 333 Projekten, die zwischen 2011 und 2019 in Deutschland finanziert wurden, kam es bei 56 zu Ausfällen, bei denen Anleger entweder einen Totalverlust hinnehmen oder bis heute um ihr Investment bangen müssen. So steht es im Marktreport, den das Datenportal crowdinvest.de Anfang des Jahres 2020 herausgegeben hat. Bis jetzt, muss man sagen. Gelistet sind hier schließlich auch solche Startups, die erst 2018 oder 2019 gegründet wurden und dementsprechend nach wie vor in den nächsten Jahren in die Pleite rutschen können. Bei 52 weiteren Unternehmen ist der Status “unklar”, sprich: Informationen deuten darauf hin, dass der Emittent nicht mehr am Markt tätig ist. Zusammen ergibt das eine Ausfallquote von mehr als 30% im Bereich der Startups.

In den anderen Sektoren dagegen ist das Risiko tatsächlich weit weniger groß: Bei Wachstumsunternehmen (Firmen mit geringen Umsätzen, aber großem immateriellen Vermögen in Form eines Patents oder exklusivem Wissen) betrug die Ausfallquote bis Ende 2019 zehn Prozent, im Bereich der nachhaltigen Projekte sogar nur 3%.

Crowdfunding: Graue Kapitalmarkt, kaum reguliert, kaum überwacht

Die gesamte Branche ist nach wie vor kaum reguliert und in vielen Fällen überhaupt nicht überwacht. Das Crowdinvesting zählt daher zum sogenannten Grauen Kapitalmarkt, also in den Teil der Märkte, der kaum unter staatlicher Aufsicht steht und dementsprechend wenige gesetzliche Vorgaben erfüllen muss. 

Bevor ein Unternehmen bzw. eine Crowdfunding-Plattform auf dem Finanzmarkt tätig werden will, braucht es dafür die Erlaubnis von der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) – normalerweise. Tatsächlich sind viele Plattformen gezielt so ausgestattet, dass sie die Prüfung umgehen können und damit auch nicht von der BaFin beaufsichtigt werden. Letztendlich stehen also weder die Plattformen noch die dort angebotenen Geschäfte unter staatlicher Kontrolle. Es gibt keine Bilanzkontrollen und bei einem Verlust greift auch nicht die Einlagensicherung. 

Wieder andere Anbieter von Crowdinvesting-Projekten sind schon verpflichtet, einen Verkaufsprospekt bei der Behörde vorzulegen. Allerdings prüft die Aufsicht diesen lediglich auf seine Vollständigkeit und ob er frei von Widersprüchen ist – nicht aber den Inhalt. 

“Bedenken Sie aber, dass Sie sich in ein Marktsegment begeben, das nicht staatlich reguliert ist. Damit werden weder die dort angebotenen Finanzprodukte noch die Seriosität und Bonität von Anbietern und Investoren kontrolliert. Für die Geschäfte, die hier abgeschlossen werden, gibt es keine ständige Aufsicht, keine Bilanzkontrolle und keine Einlagensicherung.”

Was bringt das Kleinanlegerschutzgesetz? 

An dieser Tatsache ändert auch das 2015 in Kraft getretene Kleinanlegerschutzgesetz nur wenig. Zwar wurden die Investitionssummen gedeckelt und schärfere Kontrollen eingeführt (ab einer Fundingsumme von 2,5 Mio. Euro müssen Startups der BaFin in jedem Fall einen Vermögensanlageprospekt vorlegen). Inzwischen wurde die Deckelung wieder auf 6 Mio. Euro erhöht. Und es ändert auch nichts an der Tatsache, dass die BaFin nur eingeschränkt auf Marktmanipulationen hin prüft. 

Sollte das Unternehmen pleite gehen, muss der Emittent das der BaFin seit 2015 unverzüglich mitteilen. Damals neu eingeführt wurde auch ein verpflichtendes Widerrufsrecht von 14 Tagen. In diesem Zeitraum haben Anleger die Möglichkeit, ihre Investitionen rückgängig zu machen. 

Privatanleger sind deutlich schlechter gestellt als professionelle Investoren 

Außerdem sollten Kleinanleger beachten, dass sie als Kapitalgeber oftmals deutlich schlechter gestellt sind als professionelle Anleger. Das betrifft den Bereich der Startup- und Unternehmensfinanzierung, aber auch den der Immobilienfinanzierung. Anders als professionelle Investoren erwerben sie nämlich keine wirkliche Beteiligung an der Firma, sondern ein sogenanntes Nachrangdarlehen. Wird das Startup zu mindestens 50% an einen Großinvestor verkauft, steht dem Anleger eine Beteiligung am Exiterlös zu, also ein Teil des Kaufpreises. In anderen Fällen wird im Darlehensvertrag eine vordefinierte Laufzeit vereinbart. Zum Laufzeitende wird der Unternehmenswert des Startups ermittelt und der Anleger bekommt seine prozentuale Beteiligung am Unternehmenswert ausgeschüttet. 

Auch sogenannte Genussrechte, wie sie unter anderem das Unternehmen Tomorrow im Oktober 2020 ausgegeben hat, sind kein Garant für ein Mitspracherecht (wir berichteten). Auch hier profitieren die Investoren lediglich von eventuellen Gewinnausschüttungen. Umso tiefer kann es in den finanziellen Abgrund gehen, wenn Tomorrow mit seinem Geschäftsmodell scheitern sollte: Denn wer Genussrechte erworben hat, hat keinerlei Anspruch auf die Rückzahlung seines eingesetzten Kapitals – der Totalverlust ist also durchaus möglich.

Crowdinvesting ist nichts für langfristige Anleger

Vor allem im Bereich der Startup-Finanzierung ist die Ausfallquote ziemlich hoch und der Totalverlust des eingesetzten Kapitals jederzeit möglich. Hinzu kommt, dass Crowdinvestoren in der Regel deutlich schlechter gestellt sind als professionelle Investoren und die Renditen bzw. Zins- oder Bonuszahlungen dennoch vergleichsweise gering sind. Ob du unter diesen Voraussetzungen wirklich als Risikokapitalgeber auftreten willst, solltest du dir also im Voraus gut überlegen. 

Zudem sollte sich jeder Anleger stets eines vor Augen halten: Dass die Emittenten bzw. Unternehmen auf Crowdfunding-Plattformen nach Unterstützern suchen und sich nicht klassisch an professionelle Investoren wie Venture Capital Fonds oder eine Bank wenden, hat meist einen triftigen Grund. Entweder hat sich zuvor ganz einfach kein Wagniskapitalgeber gefunden, der das Risiko tragen wollte – oder es kommt die Firma ganz einfach billiger, sich über Einzelpersonen finanzieren zu lassen. 

Das Crowdinvesting als langfristige Anlage zu betrachten, wäre fatal. Letztendlich gibt es nur zwei Gründe, hier zu investieren: Man möchte zocken und kurzfristig viel Geld zu einem hohen Risiko anlegen – oder aber, um Projekte zu fördern, die einem am Herzen liegen.

Möchtest du dennoch per Crowdinvesting Geld anlegen, sind hier ein paar Tipps für dich:

  • Informiere dich so gut es geht über das Angebot und die Rahmenbedingungen. Informationen findest du dazu in den Anbieter- und Produktinformationen, falls diese auf der Plattform zur Verfügung gestellt wurden.

  • Nimm den Emittenten genauer unter die Lupe, indem du zum Beispiel den Internetauftritt prüfst: Erscheint das Unternehmen seriös? Gibt es ein Impressum? Wie bewerten andere Websites das Unternehmen?

  • Einige Anbieter von Crowdinvesting-Projekten unterliegen der Prospektpflicht der BaFin. Über die Prospektdatenbank kannst du nach dem Prospekt des jeweiligen Emittenten suchen.

  • Über die Risiken informieren: Je höher die Rendite, desto höher das Risiko. Welche Regelungen in Verlustfällen gelten, kannst du in der Verbraucherinformation oder den Bedingungen des Kreditanbieters nachlesen.

Also: Selbst informieren und gründlich prüfen

Weil der Markt so gut wie unbeaufsichtigt seine Geschäfte treibt, bleibt es letztlich am Investor hängen, den Emittenten, aber auch die Plattform, auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor Geld investiert wird. Verträge, Bilanzen und Businesspläne des Unternehmens können hier Orientierung geben, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ein wirtschaftlicher Erfolg in den nächsten Jahren ist. Solche Informationen selbst zu recherchieren, kostet nicht nur viel Zeit – sondern ist zudem selten von Erfolg gekrönt. Schließlich wird nicht jedes kleine Unternehmen freiwillig alle interne Informationen offenlegen – und die meisten müssen es schließlich nicht, um auf einer Plattform gelistet zu werden.