Mona Linke
Mona Linke
27. Januar 2022

Wenn der ETF von der Bildfläche verschwindet

Wenn ein Fonds oder ETF aufgelöst wird, kann das für Anleger verschenkte Gewinne bedeuten. Und was passiert, wenn der Fondsanbieter insolvent geht? Vermeintliche Schreckensszenarien im Detail.

Dass ein Fonds unerwartet aufgelöst wird, kann theoretisch jederzeit passieren und ist für die Fondsanbieter ein ganz natürliches Prozedere. In vielen Fällen verändert sich für die Investorinnen dadurch nichts – teilweise kann die finanzielle Belastung aber umso heftiger ausfallen. Die meisten Anleger fürchten sich jedoch vor einem Szenario, das weit unwahrscheinlicher ist: vor der Pleite eines Emittenten. Wann Anlegerinnen wirklich mit Verlusten rechnen müssen und wie sie sich von vornherein absichern können.

Eine Fondsauflösung kann theoretisch jeden treffen

Um die Finanzkrise 2008 herum gehörte es fast schon zum Alltag, dass Investmentfonds geschlossen werden. Zwar betraf das neben offenen Immobilienfonds in erster Linie hochspekulative geschlossene Fonds, die beispielsweise in Transportschiffe investiert und dabei insgesamt mehrere Milliarden an privatem Kapital versenkt hatten.

Doch ist die Gefahr einer Fondsschließung auch heute noch relevant – und zwar nicht nur für aktive, sondern auch für passive ETF-Anleger. Rein theoretisch kann es immer passieren, dass ein ETF oder Publikumsfonds geschlossen wird. Doch ist das Risiko nicht bei jedem Produkt gleich hoch.

Warum wird ein Fonds geschlossen?

Dass ein Fondsanbieter beschließt, einen ETF oder einen Fonds aus dem Markt zu nehmen, kommt ständig vor und hat vor allem einen Grund: die Wirtschaftlichkeit.

Das Produkt rentiert sich nicht

Etwa einmal im Jahr prüft eine Fondsgesellschaft ihre Produkte auf ihre Wirtschaftlichkeit. Das heißt, sie prüft, ob der Fonds oder ETF nach einer gewissen Karenzzeit von beispielsweise drei Jahren genügend Geld einsammelt, um nach Abzug von Management- und Verwaltungskosten profitabel zu sein. Das ist ein ganz normales Prozedere, das nichts mit einer Krise zu tun haben muss. Sollte das nicht der Fall sein, lohnt es sich schlichtweg für den Emittenten nicht, das Produkt noch weiter zu betreiben. Eine Ausnahme machen Fondsanbieter meist, wenn es sich bei dem “Verlustbringer” um einen Teil einer ganzen Fonds- oder ETF-Serie handelt, die mit Auflösung des Produkts durchbrochen wäre.

Regulatorische Neuerungen

Ferner kommt es vor, dass neue Gesetze oder Auflagen einen Fondsanbieter dazu zwingen, die eigene Produktpalette aufzuräumen. Beispielsweise könnte die Bafin als Aufsichtsbehörde einem Emittenten verbieten, weiterhin Produkte im Rohstoffbereich zu führen. Möglich ist auch, dass die Region, in die der Fonds investiert hat, plötzlich nicht mehr investierbar ist, weil von staatlicher Seite der Kapitalverkehr beschränkt wurde oder die Währung nicht mehr umtauschbar ist. In seltenen Fällen kann es also passieren, dass ein Fonds aufgelöst wird, obwohl er seinem Herausgeber Gewinne eingebracht hat.

Wie läuft eine Liquidation ab?

In der Regel läuft so eine Liquidation immer gleich ab: Die Anleger werden etwa einen Monat vor der Auflösung schriftlich darüber informiert. Es wird ein Stichtag festgelegt, zu dem die Anteile spätestens an die Fondsgesellschaft zurückgegeben werden können. Meist direkt nach Ablauf der Frist wird der Fonds bzw. ETF vom Handel an der Börse ausgeschlossen, es können nun weder neue Anteile gekauft noch bestehende zurückgegeben werden. Als Nächstes wird das Fondsvermögen liquidiert, das heißt, alle Vermögenswerte verkauft und anschließend an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Wer möchte, kann sein Geld nun also wieder neu anlegen.

2019: Drei Xtrackers-ETFs verschwinden

So geschehen beispielsweise im Herbst 2019, als viele Anleger Post von der DWS bekamen. In ihrem Schreiben kündigte der Vermögensverwalter an, drei Fonds aus dem Hause Xtrackers aus dem Markt zu nehmen: Einen Dividenden-ETF (Xtrackers Morningstar Global Quality Dividend UCITS ETF), einen Anleihen-ETF (Xtrackers Eurozone Government Bond Quality Weighted UCITS ETF) und einen Indexfonds auf den MSCI World. Weniger als drei Wochen hatten Anleger von da an Zeit, ihre Anteile bis zum “Termination Date” (Tag der Auflösung) zu verkaufen. Verzichteten sie darauf, übernahm die Fondsgesellschaft das für sie. Als Erklärung für die kommende Liquidation gab die DWS damals eine “konstant niedrige Nachfrage” an. Die Fondsgrößen seien unter der Mindestfondsgröße geblieben, weswegen es unmöglich sei, sie “wirtschaftlich effizient” zu betreiben.

2021: Vanguard räumt sein Portfolio auf

Vor ziemlich genau einem Jahr kündigte wiederum der Vermögensverwalter Vanguard an, vier Faktor-ETFs aufzulösen. Das Prozedere für die betroffenen Anleger war das gleiche wie bei den Xtrackers-Produkten: Wer wollte, konnte die Anteile bis zu einem festen Stichtag handeln, also verkaufen. Sollten die Anteile bis dahin nicht selbstständig zurückgegeben worden sein, wurden sie von Vanguard liquidiert und anschließend an die Anteilseigner ausgeschüttet. Wer Freigrenzen überschritten hatte, musste die Gewinne versteuern lassen.

Bei Liquidation fallen – meist – Steuern an

Für die Anleger bedeutet eine Auflösung nicht unbedingt Mehraufwand, dafür aber gegebenenfalls einen finanziellen Nachteil. Schließlich können sie nicht selbst entscheiden, zu welchem Kurs sie ihr Geld gern abziehen würden. Wer Pech hat, gibt seine Anteile mit Verlust zurück. Noch dazu sind mit einer Liquidation prinzipiell alle Anleger gezwungen, Gewinne versteuern zu lassen. Zumindest, sofern sie damit die geltenden Freibeträge überschritten haben (bei Kapitalerträgen gilt ein Freibetrag von 801€ pro Jahr). Eine Liquidation gilt schließlich als Verkauf. Finanziell bedeutet das einen Nachteil: Zwar müssen die Gewinne aus einem Fo