Mona Linke
Mona Linke
31. März 2022

Womit heizt die Welt?

Deutschland will unabhängig von russischen Rohstoffen werden, andere Länder sind es schon. Woher der Rest der Welt seine Energie bekommt.

Selten hat das Wort Diversifikation in der politischen Welt so viel Aufmerksamkeit erfahren wie derzeit. Deutschland will unabhängig werden von russischen Rohstoffen, vor allem von russischem Erdgas, russischem Öl und russischer Kohle. Denn ein Boykott russischer Energieimporte, der schon bald Realität werden könnte, würde das Land Stand jetzt in eine Energiekrise stürzen. Schon jetzt brechen die Preise an den Tanksäulen und auf den Nebenkostenabrechnungen von Mietern einen Rekord nach dem anderen. Der deutsche Staat ist so abhängig von den russischen Ressourcen wie wenige andere Länder. Doch wie macht es eigentlich der Rest der Welt? Wo bekommen andere Teile Europas ihre Energieträger her, welche Länder versorgen sich vollständig selbst und wie schaffen sie das? Ein Überblick.

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Wieso kostet Tanken, Heizen und Co. gerade so viel?

Hauptauslöser für die gestiegenen Energie- und Benzinkosten sind die aktuell hohen Preise für Gas, Erdöl und Kohle, die nach wie vor als wichtige Energieträger beziehungsweise Treibstoffe dienen.

Schon vor dem Angriff auf die Ukraine waren die Rohstoffe knapp. Denn nachdem die Produktion pandemiebedingt zurückgefahren wurde, hat die Nachfrage nach Energie schneller als von vielen erwartet wieder kräftig angezogen. Das hat die Preise schon 2021 auf Höchststände katapultiert. Der Krieg und die aktuelle Angst vor knapper werdenden Energielieferungen aus Russland, wo einige der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt sitzen, haben die Preise nun zusätzlich angetrieben. Bislang sind es vor allem Befürchtungen, die den Preissprung verursacht haben. Die Preise für Rohstoffe wie Gas werden an spezialisierten Börsen gebildet, beispielsweise an der Gasbörse. In Erwartung einer Verknappung der Rohstofflieferungen haben Investoren mit Zuspitzung des Ukraine-Konflikts begonnen, auf die Preise zu wetten, wodurch diese gestiegen sind. Bei den Haushalten und Verbrauchern kommt das an, weil dadurch beispielsweise Stromversorger mehr bezahlen müssen, um ihr Gas an der Börse kurzfristig einkaufen. Diese Mehrkosten geben sie langfristig an die Verbraucher weiter.

So abhängig ist Deutschland

Deutschland erzeugt knapp 30% seiner Energie selbst, 70% werden aus dem Ausland importiert. Und dabei bezieht Deutschland gleich mehrere Rohstoffe aus Russland. Besonders hoch ist die Abhängigkeit beim Erdgas, das nach Informationen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zu mehr als 55% aus russischen Quellen stammt. Damit ist Deutschland mit Abstand der größte Abnehmer von russischem Erdgas. Der restliche Bedarf wird vor allem mit norwegischen und niederländischen Lieferungen gedeckt. Erdgas und Erdgasgemische sind nicht nur als Treibstoffe und zum Heizen essenziell, sondern finden vielfach auch in der Industrie Verwendung. Landwirtschaftliche Industrien beispielsweise benötigen Gas, um Düngemittel herzustellen, außerdem ist Erdgas die Basis zahlreicher chemischer Produkte.

Problematisch ist der hohe Anteil russischen Gases vor allem, weil konventionelle Energieträger wie Kohle, Gas und Öl in Deutschland noch immer 59% und damit den mit Abstand größten Anteil an der gesamten Energieversorgung haben. Erdgas hatte zuletzt einen Anteil von rund 26% am deutschen Energieverbrauch. Erneuerbare Energien wie Windkraft, Photovoltaik und Solarkraft machten dagegen nur 42% aus.

Erdgas Deutschland
Aus diesen Ländern bezieht Deutschland sein Erdgas, Quelle: Statista, 2022

35% des deutschen Erdöls kommt aus Russland

Wirtschaftlich relevant ist Russland für die Bundesrepublik auch wegen seiner Erdölproduktion. Etwa 35% des hierzulande eingesetzten Öls stammt von russischen Ölkonzernen. Bis Ende 2022 soll nach Plänen der Bundesregierung überhaupt kein russisches Öl mehr nach Deutschland gelangen müssen. Neben Russland hat die Bundesrepublik neun weitere Öllieferanten: Norwegen (12%), Libyen (8,5%), Kasachstan 8%), Großbritannien (7,8%) und Nigeria (6,4%), außerdem die USA (4,6%), Aserbaidschan (3,6%), Irak (3,6%) und Saudi-Arabien (1,7%).

Rohöl Deutschland
Aus diesen Ländern bezieht Deutschland sein Erdöl, Quelle: BAFA; Statista

Etwa 39 Mio. Tonnen Steinkohle gelangen außerdem jedes Jahr als Brennstoff nach Deutschland – davon ganze 57% aus Russland, kleinere Mengen aus Australien, den USA, Kanada, Kolumbien und Südafrika. Auch im Bereich der Steinkohle strebt Deutschland eine baldige Abkapselung vom russischen Markt an.

Nicht nur bei Energierohstoffen ist die abhängig von russischen Importen bemerkenswert. Unter anderem verschiedenste Metalle wie Nickel, Eisen, Titan, Aluminium und Eisenerz kommen zum großen Teil aus Russland und sind hierzulande besonders relevant für verschiedenste Industriezweige. Um Mikrochips für Elektrogeräte zu produzieren, braucht es beispielsweise mehrere Edelgase, Nickel ist notwendig für die Herstellung von Batterien oder bestimmten Stahlsorten, Palladium dagegen benötigen Automobilhersteller, um Katalysatoren herzustellen.

Russland wichtigster Energielieferant der EU

Auch, wenn Deutschland einer der Hauptabnehmer russischer Rohstoffe ist, ist die Abhängigkeit auch im Rest Europas nicht unerheblich. Alle EU-Länder zusammen haben 2019 etwa ein Viertel ihres Rohöl-Bedarfs aus der Russischen Föderation importiert.

Auch beim Erdgas ist Russland der wichtigste Partner der EU. 2020 kamen knapp zwei Drittel der Erdgaslieferungen aus Russland, den Rest bezog die Union vor allem aus Norwegen, Algerien, den USA und Großbritannien.

Ländervergleich: Wo bekommen Staaten ihre Energie her?

Blickt man auf die Energieversorgung einzelner Länder, fällt auf, dass es teils gravierende Unterschiede gibt, was das Maß der Abhängigkeit von Russland betrifft. Beginnen wir im Süden Europas, wo die Heizkosten und Benzinpreise bereits vor Monaten Höchststände erreicht haben.

Spanien: Emanzipiert und grün

Spanien hat keine eigene Gas- oder Ölvorkommen, aus denen das Land seinen Verbrauch decken könnten. Fossile Rohstoffe wie Erdgas werden daher importiert, und zwar aus mehr als einem Dutzend verschiedener Länder. Russland nimmt dabei einen der letzten Plätze ein: Lediglich 6% des importierten Erdgases bezog Spanien zuletzt von russischen Unternehmen. Hauptlieferanten sind dagegen Algerien im Norden Afrikas, die USA und Nigeria. Immerhin auf dem vierten Platz rangieren die russischen Lieferungen damit. Insgesamt importiert Spanien aus 16 Ländern Erdgas und kann dabei beinah auf einen doppelt so großen Kreis an Lieferanten zurückgreifen. 

Erdöl bezieht Spanien vor allem aus Nigeria (18%), Mexiko (14%), Libyen (11%) sowie Kasachstan und den USA mit einem Anteil von jeweils 7,5% an den Gesamtimporten. Russland liegt mit knapp 4,5% im Mittelfeld, die Abhängigkeit ist dementsprechend gering.

Eben jene Emanzipation von Russland ist es, die Spanien jetzt zu einer Schlüsselfigur in der Debatte um eine Neuordnung der Energieversorgung macht. Die Überlegung von Ländern wie Deutschland ist, Spanien in ein Gas-Transitland zu verwandeln, also praktisch zu einem Gaslieferanten für den Kontinent werden zu lassen. Denn selbst hat das Land keine Versorgungsprobleme, verfügt stattdessen über etliche Solar- und Windparks, sodass die spanischen Haushalte ihre Energie vor allem aus erneuerbaren Quellen beziehen können.

Rohöl Spanien
Spanische Erdölimporte, Quelle: Statista

Und noch etwas hat Spanien: Sechs Flüssiggasterminals, mit denen sich auf flüssigem Gas gasförmiges Gas. Ungeklärt ist bislang jedoch, wie das Gas in andere Länder Europas, beispielsweise nach Deutschland gelangen soll. Eine Pipeline über die Pyrenäen mit dem Namen Midcat wurde bereits vor Jahren begonnen zu bauen, endet bislang aber an der Grenze zu Frankreich. Nun wird verhandelt, ob das Projekt schnell wieder aufgenommen werden soll.

Dass die Strompreise in Spanien schon seit Längerem exorbitant hoch sind, hat mehrere Gründe. Anders als in Deutschland, wo die Stromversorger die Preise setzen, orientieren sich die spanischen Strompreise der Haushalte direkt an den Preisen, wie sie an den Strombörsen entstehen. Dieser Börsenpreis wiederum richtet sich stets nach dem teuersten Angebot. Obwohl Spanien sich selbst also hauptsächlich mit Wind- und Solarkraft versorgt und nur zu einem kleinen Teil mit Gas, bekommen die spanischen Haushalte die gestiegenen Gaspreise in Form ihrer Stromrechnung zu spüren.

Frankreich braucht weniger Öl und vor allem Uran

In Frankreich ist die Abhängigkeit von der Russischen Föderation schon größer. 2020 stammten knapp 17% aller Erdgasimporte aus Russland, das damit nach Norwegen den zweitgrößten Partner bildet.

Algerien, die Niederlande, Nigeria und die USA beliefern Frankreich ebenfalls. Russisches Erdöl macht dagegen nur einen Anteil von 7% am Gesamtverbrauch des Landes aus, bei Steinkohle sind es sogar mehr als 30%. Jedoch muss man dazu sagen, dass Frankreich kaum auf den Brennstoff zurückgreift, um Strom oder Wärme zu erzeugen. Fast 70% seiner Energie erzeugt Frankreich aus Kernenergie. Und um die herzustellen, braucht es wiederum große Mengen an Uran. Und diesen Nuklearbrennstoff lässt sich Frankreich unter anderem aus Russland liefern.

Italien: Fatale Abhängigkeit von russischer Energie

Eines der generell abhängigsten Länder Europas von Energieimporten ist Italien. Mehr als 90% des Erdgases muss das Land importieren, noch dazu spielt das Gasgemisch im Energiemix von Italien mit einem Anteil von mehr als 47% eine entscheidende Rolle. Das war nicht immer so: Bis in die 1980er-Jahre hinein hatte das Land fast die Hälfte seines Gasbedarfs selbst produziert. Nur einen kleineren Teil seines Stroms und seiner Wärme produziert Italien aus verschiedenen erneuerbaren Energiequellen wie Wind- und Wasserkraft, Solarkraft. Umso gravierender ist aktuell für das Land, dass zuletzt knapp 40% der Gasimporte aus Russland stammten. Und so bereist neben dem deutschen Wirtschaftsminister Robert Habeck aktuell auch der italienische Außenminister potentielle neue Gas-Partner wie Algerien und Katar, um möglichst schnell unabhängig von den russischen Lieferungen zu werden.

Steinkohle ist mit einem Anteil von 5,4% weniger relevant für Italien, zumindest bislang. Jüngst diskutierte die italienische Politik nämlich auch darüber, seine eigentlich aus dem Verkehr gezogenen Kohlekraftwerke zu reaktivieren, um auf Gas zumindest teilweise verzichten zu können. Erdöl benötigt das Land dagegen kaum, der Anteil beträgt 0,7% von der Nettostromerzeugung. Für die vergleichsweise kleinen Mengen greift Italien beim Import dafür auf so viele Lieferanten zurück wie wenig andere Länder. Ganze 24 Importeure zählt der Staat, wobei der Irak beispielsweise 2019 mit 20% den größten Partner darstellte. Auch die Abhängigkeit von Russland war mit 14,4% nicht zu verachten. Ein weiterer großer Lieferant ist Aserbaidschan mit knapp 17% an den gesamten Gasimporten.

Land oder RegionAnteil
Mittlerer Osten27,9%
Afrika27,1%
GUS-Staaten (ohne Russland)23,8%
Russland14,4%
Nord- und Südamerika4,2%
Europa2,7%
Erdöl-Importe von Italien nach Ländern

Schweden: Wind, Sonne und Atomkraft

Als absolutes Vorreiterland in Sachen Energiewende ist Schweden weit weniger abhängig von fossilen Energieträgern aus dem Ausland als andere Länder. Mehr als 60% seines Stroms gewann Schweden zuletzt aus erneuerbaren Energien. So gelang es dem Staat, seine Energieimporte von knapp 44% im Jahr 2002 bis 2020 auf unter 35% zu senken. Neben erneuerbaren Energien setzt Schweden wie Frankreich auf Atomkraft, das einen Anteil von 32% an der Nettostromerzeugung einnimmt. Öl und Gas spielen mit 2% des gesamten Energieverbrauchs kaum eine Rolle – und so ist die Abhängigkeit von Russland kaum bis gar nicht merklich, obwohl etwa knapp 50% des Erdgases zuletzt aus Russland importiert wurden. Beim Erdöl lag der Anteil russischer Lieferungen bei etwa 8%.

Norwegen profitiert von steigenden Energiepreisen

Wo wir gerade bei nachhaltigen Vorreitern sind: Der mit Abstand emanzipierteste Staat in Sachen Energieversorgung ist Norwegen. Das Land im Westen Skandinaviens hat jedoch einen entscheidenden Standortvorteil: Es sitzt auf riesigen Erdöl- und Erdgasvorräten. Als drittgrößter Erdgasförderer und einer der weltweit größten Ölförderer profitiert Norwegen deswegen sogar von den gestiegenen Rohstoffpreisen, die der Ukraine-Krieg nun noch verteuert hat. Mit 110 Milliarden Kubikmetern pro Jahr produziert das Land etwa halb so viel Erdgas wie die Russische Föderation, für Deutschland ist Norwegen nach Russland der zweitwichtigste Gaslieferant. Seinen eigenen Strom bezieht Norwegen übrigens zu 99% aus erneuerbaren Energien wie Wasserkraft. Wäre da nicht genügend übrig, um Ländern wie Deutschland etwas mehr Rohstoffe zu schicken und so bei ihrem Kampf gegen die Abhängigkeit zu unterstützen? Genau das soll nach jüngsten Überlegungen passieren, jedoch lassen sich die Fördermengen nicht grenzenlos erhöhen. Bis 2026 sollen sie nach aktuellen Plänen um knapp 5% steigen.

Finnlands Strom braucht wenig Gas

Umweltfreundliche Energiequellen konnte auch Finnland in den vergangenen Jahren erfolgreich etablieren. Knapp 45% seines Strom erzeugte das Land 2021 aus erneuerbaren Energien. Erdgas dagegen hatte am Gesamtverbrauch zuletzt lediglich ein Gewicht von 6,5%. Dass rund die Hälfte des Imports zuletzt aus Russland stammte, ist dadurch weniger dramatisch, als es zunächst klingt. Beim Erdöl ist die Abhängigkeit von Pipelines nach Russland noch höher, knapp 80% des importierten Öls kam laut Eurostat zuletzt aus Russland, doch auch dieser Rohstoff wird kaum gebraucht für die Stromerzeugung. Dagegen bildet Atomkraft mit einem Anteil von 35% den höchsten Anteil am Strommix 

Niederlande will doch weiter Gas fördern

500 Millionen Kubikmeter Erdgas schlummern vor der Küste der niederländischen Stadt Groningen. Der Staat ist nach Russland und Norwegen der größte Erdgasförderer der Welt und sollte es eigentlich ab diesem Jahr die längste Zeit gewesen sein. Denn die niederländische Regierung hatte geplant, 2022 die Förderung vollständig zu stoppen. Mit dem Angriff der Ukraine nun steht ein Umlenken im Raum – denn auch die Niederlande sind inzwischen abhängig von russischem Gas, wenn auch nicht in gleichem Umfang wie Deutschland. Etwa 15% des Bedarfs werden aus russischen Quellen gedeckt, seit Holland 2018 begonnen hat, sich aus der Eigenproduktion zurückzuziehen. Dieser Anteil ist nicht unbeträchtlich angesichts der Tatsache, dass Erdgas und Erdöl die wesentlichen Energieträger bei der holländischen Stromerzeugung sind. Weniger als 10% des Stroms werden aus erneuerbaren Energien erzeugt, der Anteil von Kohle liegt bei 11%.

Sollte Holland den Gashahn tatsächlich wieder aufdrehen, wäre denkbar, dass auch Deutschland künftig mehr holländisches Gas erhält. Aktuell sind die Niederlande für die Bundesrepublik der drittwichtigste Importeur von Erdgas, 20% des hierzulande benötigten Erdgases stammt bislang aus der Küste vor Groningen.

Auch beim Erdöl sind die Niederlande noch sehr abhängig von Russland. Mehr als ein Drittel der Importe sind russisches Öl, der Rest wird vor allem aus Großbritannien, den USA, Norwegen und Kasachstan bezogen.

Schweiz & Österreich

In Sachen Energielieferungen nehmen sich die einzelnen DACH-Regionen nicht viel. Schweizer Energie wird zu knapp 15% aus Erdgas erzeugt, und auch die Eidgenossenschaft ist damit abhängig von externen Quellen. Die bedeutendste Quelle ist ebenfalls Russland, das beinah die Hälfte aller Schweizer Gas-Importe stemmt, gefolgt von Norwegen und Algerien. Einen Vorsprung in Sachen Emanzipation hat die Schweiz gegenüber Deutschland, weil schon jetzt mehr als die Hälfte der Energie aus Wasserkraft erzeugt wird. Kernenergie macht mit einem Anteil von 35% ebenfalls einen großen Teil der Elektrizitätserzeugung aus.

Wind, Wasser und Biomasse sind in Österreich für knapp 75% des erzeugten Stroms verantwortlich, 24% werden aus fossilen Rohstoffen wie Öl und Gas gewonnen. Und hier beginnt auch für das deutsche Nachbarland die Abhängigkeit: 80% des Erdgases werden aus Russland angeliefert. Beim Rohöl ist Kasachstan der größte Lieferant, dicht gefolgt vom Irak.

Kanada: Import – Export mit wenig Russland-Anteil

Man möchte meinen, dass Kanada – ebenfalls einer der weltgrößten Ölproduzenten – sich wenig Gedanken um den Import von Rohstoffen machen muss. Tatsächlich lässt sich auch der nordamerikanische Staat Erdöl ins eigene Land. Allerdings stammte das 2020 zu 77% aus den USA, zu 13% aus Saudi-Arabien, zu 4% Nigeria und zu 3% aus Norwegen. Die Russische Föderation wird in den meisten Statistiken zu Kanadas Rohöl-Importen gar nicht mehr erwähnt, denn die Liefermengen machen inzwischen nur noch einen winzigen Bruchteil an der Gesamtmenge aus. Stattdessen liefert Kanada selbst eine Menge des Öls, das in den landeseigenen insgesamt 27 Raffinerien gewonnen wird, ins Ausland. Bester Kunde sind die USA – einzig 1% des kanadischen Öls wird an andere Länder verschifft. Die Vereinigten Staaten sind außerdem Hauptabnehmer kanadischen Erdgases. Und auch Kanada kommt wegen seiner immensen Ölreserven nun als Retter aus der Abhängigkeit für Länder wie Deutschland infrage. Zumindest erhöhen könnten sich die Einfuhren in die Bundesrepublik bald: Zuletzt hatte die kanadische Regierung in Aussicht gestellt, die Öl-Exporte an die EU um 5% erhöhen zu wollen.

Diversifikations-Sieger USA

Am wohl diversifiziertesten von allen Energiesektoren ist der US-amerikanische Markt. 2021 ließen sich die Vereinigten Staaten aus sage und schreibe 73 verschiedenen Ländern ihr Öl liefern. Etwas mehr als die Hälfte stammte aus Kanada, starke Importeure waren aber auch Mexiko, Saudi-Arabien und Kolumbien. Russland belegt mit einem Anteil von 8% an den Gesamtlieferungen immerhin einen der ersten fünf Plätze unter den Importeuren. Fossile Energieträger nehmen in den USA eine wichtige Stellung ein. Knapp 70% der verbrauchten Energie stammt aus Gas, Öl oder Kohle. Und so gelangten bis vor Kurzem rund 100.00 Barrel russisches Öl täglich nach Amerika. Genau wie Großbritannien haben die USA den Import russischen Öls Anfang März jedoch gestoppt. Erneuerbare Energien sind mit einem Anteil von 20% vertreten, Kernkraft sorgt für 7% der Energiegewinnung.

China als größter Öl- und Gasimporteur der Welt

In einigen Sachen hat China ganz klar die Nase vorn. So auch bei den Importmengen von Öl und Gas. Nicht-fossile Energieträger machen in dem Land gerade einmal 15% am Gesamtverbrauch aus, es dominieren vor allem Erdöl, Erdgas und Kohle – und ist damit zum größten Energieimporteur der Welt aufgestiegen. Erdgas erhält die Volksrepublik in erster Linie aus Russland, flüssige Varianten des Rohstoffs gelangen über Australien, den USA und Katar nach China.

Sowohl flüssiges als auch gasförmiges Gas bezieht China zum Teil aus Russland. Mit 10% russischem Gas ist die Abhängigkeit jedoch weniger ausgeprägt als für einige EU-Länder. Die wichtigsten Gaslieferanten für China sind vor allem Turkmenistan und Australien.

Als Erdöllieferant ist Russland für den ostasiatischen Staat dann schon bedeutender. 2020 handelte es sich 15% des importierten Öls um russisches Öl.

Diversifikation ist nicht alles – aber fast alles

Deutschland ist längst nicht das einzige Land, das sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in eine unbequeme Abhängigkeit zu Russland begeben hat. Was die Lage nicht gerade besser macht, buhlen dadurch doch aktuell gleich mehrere Länder um die Gunst alternativer Rohstofflieferanten.

Es zeigt sich also derzeit einmal mehr, dass es selten eine gute Idee ist, zu viel auf eine Karte zu setzen. Ähnlich wie bei der Diversifikation im eigenen Portfolio spielt breite Streuung bei dem Import von Gütern eine entscheidende Rolle. Mit dem Unterschied, dass ein schlecht diversifiziertes Portfolio für den einzelnen Anleger verpasste Gewinne oder gar Verluste bedeuten kann – und ein schlecht diversifizierter Energiesektor ganze Bevölkerungsschichten in Bedrängnis bringen kann.

Vor allem Öl, Gas und feste Brennstoffe wie Kohle erzeugen wenige europäische Staaten heute noch selbst, der größte Teil wird aus dem Ausland importiert. Die Energieabhängigkeitsquoten einiger Länder sind dadurch teilweise sehr hoch, was bei unzureichender Diversifikation entsprechend verletzbar macht. Gleichzeitig bedeutet es eben auch, dass sich immer mehr Länder von Kohlebergbau, Atomkraftwerken und anderen umweltschädlichen Verfahren zur Erzeugung von Strom und Wärme verabschieden. Apropos Umwelt: Nachhaltige Methoden zur Stromerzeugung werden in den nächsten Jahren vermutlich gefragter sein denn je. Schließlich könnten auch sie eine Option sein, sich langsam von einem der größten Energieriesen der Welt zu emanzipieren.

Energieabhängigkeitsquote
Energieabhängigkeitsquoten europäischer Staaten, Quelle: Eurostat


Kommentare (5)

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Daryusch Ghassemi

sagt am 01. April 2022

Wir sehen meiner Meinung nach das Scheitern der selbsternannten Energiewende. Wir haben unsere Kohlekraftwerke und Kernkraftwerken abgeschaltet, und wollen das nun durch Wetterstrom mit geringer Energiedichte und miserabler Verfügbarkeit ersetzen. Uran könnten wir hingegen auch aus dem Meerwasser gewinnen. Kernkraft macht unabhängig!