Markus Schmidt-Ott
Markus Schmidt-Ott
10. Dezember 2021

Chartanalyse: Funktioniert es oder ist es kompletter Humbug?

In vielen Videos und Diskussionsforen hört man hin und wieder die Begriffe “Widerstand”, “Unterstützung” oder “Bollinger Bänder”. Diese kommen aus der Chartanalyse. Wie das funktioniert und was davon zu halten ist, zeigen wir dir in diesem Artikel.

Was ist Chartanalyse?

Die Chartanalyse, auch technische Analyse genannt, besteht darin, den Kurs einer Aktie oder eines anderen Wertpapiers zu interpretieren. Dabei schaut man sich den Kurs der Vergangenheit an und versucht, Trends zu erkennen, von denen man profitieren kann. Mithilfe von verschiedenen Indikatoren, die man in den Kursverlauf einzeichnen kann, können so Kauf- oder Verkaufszeitpunkte ermittelt werden.

Einige Methoden der Chartanalyse

Um einen groben Einblick in die Chartanalyse zu geben, zeigen wir hier einige der gängigsten Charttechniken. Vor allem die Profis verwenden hier aber deutlich aufwendigere Techniken und kombinieren verschiedene Methoden miteinander.

1. Trendlinien

Eine Trendlinie zeigt einen Aufwärts- oder einen Abwärtstrend an. Diese wird folgendermaßen eingezeichnet:

  • Läuft der Trend nach oben, zeichnet man eine Trendlinie unterhalb des Charts ein.
  • Läuft der Trend nach unten, zeichnet man eine Trendlinie oberhalb des Charts ein.
  • An mehreren Punkten sollte die Linie auf den Kurs aufsetzen.

Eine Trendlinie, die einen aufsteigenden Trend kennzeichnet, sieht beispielsweise so aus:

Trendlinie aufsteigend

Während diese Trendlinie einen absteigenden Trend markiert:

Trendlinie absteigend

Wenn der Kursverlauf nun die Trendlinie durchbricht, rechnet man mit einer Trendumkehr. Das wäre für einen Trader dann ein Signal, die Aktie zu kaufen, zu verkaufen oder sogar zu shorten – sprich auf einen fallenden Kurs zu wetten.

2. Gleitender Durchschnitt

Der gleitende Durchschnitt ist der durchschnittliche Kurs der letzten Tage. Zum Beispiel der letzten 30 Tage. Um den gleitenden Durchschnitt zu erhalten, berechnet man den Mittelwert – zum Beispiel der letzten 30 Tage – und trägt ihn in den Chart ein. Das macht man für alle anderen Tage auch und daraus ergibt sich dann diese Linie:

Gleitender Durchschnitt

Der wichtigste gleitende Durchschnitt ist die sogenannte 200er Linie. Also der gleitende Durchschnitt der letzten 200 Handelstage.

Der gleitende Durchschnitt verhält sich ähnlich wie die Trendlinie: Läuft der Trend nach unten, verläuft der gleitende Durchschnitt oberhalb des Kurses. Und geht der Trend nach oben, verläuft der gleitende Durchschnitt unterhalb des Kurses.

Kreuzen sich der Kurs und der gleitende Durchschnitt, ist das ein Kauf- oder Verkaufssignal – je nachdem, ob der Kurs von oben oder von unten durch den gleitenden Durchschnitt verläuft.

3. Widerstand und Unterstützung

Als Widerstandslinie oder Unterstützungslinie bezeichnet man eine horizontale Linie, die man in den Chart einzeichnen kann. Diese Linien werden für eine längere Zeit nach oben oder nach unten vom Kurs nicht durchbrochen, als gäbe es eine gläserne Decke oder einen gläsernen Boden.

Eine Widerstandslinie wird oberhalb des Kurses eingezeichnet und wird nicht von unten nach oben durchbrochen. Eine Unterstützungslinie wiederum verläuft unterhalb des Kurses.

Widerstand Unterstuetzung

Wie verwendet man diese Linien nun als Kauf- oder Verkaufssignale? Immer wenn sich der Kurs der Linie nähert, geht man davon aus, dass dieser anschließend seine Richtung ändert. Man kann in diesem Moment also kaufen oder verkaufen. Wird eine solche Linie hingegen durchbrochen, wird das als positives Signal (Widerstand) oder negatives Signal (Unterstützung) gewertet.

4. Bollinger Bänder

Bollinger Bänder bestehen aus 3 Linien. In der Mitte verläuft der gleitende Durchschnitt, hier gestrichelt dargestellt. Von diesem gleitenden Durchschnitt zieht man jeweils eine oder mehrere Standardabweichungen ab oder addiert sie hinzu. Dadurch entsteht das obere und untere Band.

Die Standardabweichung drückt aus, wie stark verschiedene Werte von ihrem Mittelwert abweichen. In diesem Falle ist die Standardabweichung also ein Maß dafür, wie stark der Kurs schwankt. Schwankt der Kurs stärker, ist die Standardabweichung höher und umgekehrt. 

Die Bänder bewegen sich also ähnlich wie der gleitende Durchschnitt entlang des Kurses. Je stärker er schwankt, desto breiter ist das Band. Und wenn der Kurs weniger schwankt, wird das Band enger.

Bollinger Bänder

Wie werden die Bollinger Bänder verwendet? Nähert sich der Kurs dem oberen Band, ist dies ein Signal dafür, dass der Kurs steigen wird. Andersherum geht man eher von einem fallenden Kurs aus, wenn der Kurs sich dem unteren Bollinger Band nähert.

5. Formationen

Wie bereits erwähnt, suchen Charttechniker nach Hinweisen, wann ein Trend zu Ende geht und sich umkehrt, um dann entsprechend handeln zu können. Dabei können ihnen zum Beispiel auch bestimmte “Formationen” helfen – also Muster, die man im Chart erkennt und die auf eine Trendwende hindeuten. Hier ein paar mögliche Formationen:

Die V-Formation

Bei der V-Formation verläuft der Kurs steil nach unten und dann steil wieder nach oben. Daran kann man eine Trendwende ablesen.

V Formation

Die W-Formation

Kommt es zu zwei V-Bewegungen hintereinander, spricht man von einer W-Formation. 

Der Kurs fällt zum Beispiel nach unten ab und findet dann eine Unterstützung. Dort sind Investoren, die diese Unterstützungslinie identifiziert haben, bereit zu kaufen und sorgen damit für einen Kursanstieg. Nach einem kurzen Anstieg nehmen diese ihre Gewinne mit, verkaufen die Aktie und sorgen wieder für einen Kursabfall. Anschließend steigt der kurs wieder langfristig.

W Formation

Die M-Formation

Die gleiche Formation wie die W-Formation gibt es auch umgekehrt. Dann spricht man von der M-Formation. Auch diese läutet eine Trendwende ein – nämlich von steigend zu fallend.

M Formation

Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS)

Ebenfalls eine Trendwende deutet die Schulter-Kopf-Schulter Formation an, die wie folgt aussieht.

SKS Formation

Chartanalyse überprüft

Um zu testen, ob die Chartanalyse überhaupt funktioniert, haben wir das Ganze einmal durchgerechnet. Dazu verwenden wir den gleitenden Durchschnitt der letzten 200 Tage. Dieser hat den Vorteil, dass man ihn berechnen kann und nicht wie Trendlinien händisch einzeichnen muss. Außerdem ist der gleitende Durchschnitt ein guter Ersatz für eine händisch eingezeichnete Trendlinie.

Wenn der gleitende Durchschnitt den Kurs von unten kreuzt, wird verkauft. Wenn dieser den Kurs wiederum von oben kreuzt, wird gekauft. 

Unsere Test-Methode ist eine starke Vereinfachung. Kein Trader würde so “simpel” nur nach einem Indikator traden. Dennoch kann man dadurch qualitativ erahnen, ob sich solche Methoden überhaupt lohnen.

Beispiel S&P 500

Die folgende Grafik zeigt, wie ein Portfolio aussehen würde, wenn man die Strategie seit 1960 mit dem S&P 500 Index durchgezogen hätte. Die rote Linie zeigt den Kurs des S&P 500, die schwarze Linie den gleitenden