Mona Linke
Mona Linke
7. April 2022

Mit ein paar Klicks zum Totalverlust: Die neuen Maschen der Cyber-Betrüger

Mehrere Hundert Millionen Euro erbeuten Kriminelle jedes Jahr übers Internet von gutgläubigen Anlegern. Was sind ihre Tricks?

Was zu schön klingt, um wahr zu sein, ist meist gelogen. Das klingt pessimistisch, ist im Finanzbereich aber die beste Einstellung, um sich vor Betrug oder unnötigen Risiken zu schützen. Thomas Ulrich* sieht das eigentlich genauso. Schon früher hat er sich bei dubiosen Gewinnversprechen immer gedacht, “dass ja jeder Millionär wäre, wenn das klappen würde”.

Umso erschreckender muss es an diesem Dienstagmorgen für den 58-Jährigen sein, die vergangenen sechs Monate am Telefon zu rekonstruieren. Andererseits ist Ulrich auch schon daran gewöhnt: hat seine Geschichte schon häufig erzählt, zum Beispiel engen Freunden oder seinem Sohn – und schließlich der Polizei. Das war im Dezember 2021, kurz nachdem der baldige Rentner 15.000€ an einen Internet-Betrüger überwiesen hat. “Das ist so eine Geschichte”, sagt Ulrich, “da würde man eigentlich sagen, das kann einfach nicht wahr sein.”

Und sie beginnt so: Thomas Ulrich steht kurz vor der Rente und wie viele seiner Generation fühlt er sich darauf nicht recht vorbereitet. Ein bisschen hat er gespart – aber das soll es noch nicht gewesen sein. Ulrich, der sich selbst als “finanziell nicht sonderlich gut unterwegs” beschreibt, lernt in dem Messengerdienst Telegram den Krypto-Influencer Julian Hosp kennen – oder zumindest meint er das. Die beiden kommen ins Gespräch, führen Smalltalk, reden irgendwann auch über Ulrichs finanzielle Probleme. Und der 58-Jährige ist überrascht von der Bodenständigkeit dieses jungen Millionärs. “Ich habe mich so geschmeichelt gefühlt, dass sich dieser Mensch meiner Probleme annimmt”, erklärt er. Deswegen folgt Ulrich auch dem Ratschlag seines neuen Chat-Freundes und wendet sich an Gabriella Alana Richard, angeblich eine Bekannte von Julian Hosp, die als Trading- und Krypto-Expertin arbeiten soll. Ulrich kontaktiert sie und bekommt sogleich ein Angebot: Für 15% Provision würde die Expertin für Ulrich mit Kryptowährungen handeln. Von seinem Chat-Kollegen angespornt, sagt Ulrich schließlich zu und investiert 1.500€ auf der Plattform Paragon Traders, die sich auf ihrer Website selbst als “Multi Million Investment Power House” beschreibt und vorgibt, mehr als 300 professionelle Trader zu beschäftigen. Ein paar Tage später kann Ulrich seinen Augen nicht trauen. 42.700 USD Gewinn werden ihm in seinem Online-Konto ausgewiesen. Der 58-Jährige ist voller Enthusiasmus und will sich seine Gewinne auszahlen lassen. Doch dafür müsse erst einmal 8.000 Euro Steuern bezahlen, schreibt ihm ein Manager von Paragon. Ulrich kratzt das Geld zusammen, einen Teil bekommt er von seinen Schwiegereltern. Doch damit hat es sich noch nicht: Eine weitere Gebühr fällt an, diesmal für die Eröffnung einer Wallet, die für die Auszahlung nötig sei. Ulrich überweist nochmals 3.200€ an die Trader. Statt seines Gewinns bekommt er nur eine weitere Mail: In der Zwischenzeit seien Währungsschwankungen aufgetreten, Ulrich soll nochmals 3.200€ nachschießen. Da kommt die Sache ihm dann doch seltsam vor. Er investiert nichts mehr, informiert sich über Julian Hosp und seine vermeintliche Telegram-Identität – und findet Schritt für Schritt heraus, wie die Dinge eigentlich laufen: Dass hinter dem Account nicht der Multimilliardär steckt. Dass die vermeintliche Traderin eigentlich eine Betrügerin ist, dass sein Geld niemals in Krypto-Währungen geflossen ist und die angeblichen Gewinne ihm nur vorgegaukelt wurden.

“Ich denke, es steckte auch viel Wunschdenken meinerseits dahinter”, resümiert er heute. 

Das klassische Betrugsschema beim “Cybertrading”

So einzigartig Thomas Ulrichs Geschichte auch klingt, sie ist es ganz und gar nicht. 4.865 Straftaten im Zusammenhang mit Kapitalanlagen zählte das Bundeskriminalamt im Jahr 2020, die Dunkelziffer dürfte ungleich höher sein. Erbeutet wurden dabei allein in diesem Bereich 429 Mio. Euro – darunter die 15.000€ von Thomas Ulrich, dessen Fall die Behörde unter den Begriff “Cybertrading” stellt. Vor allem seit Beginn der Corona-Krise erhalten Institutionen wie das Europäische Verbraucherzentrum vermehrt Anfragen von besorgten Anlegern, Beschwerden oder Hilferufe von geprellten Opfern. Im Kern folgen die Täuschungen stets einem ähnlichen Schema. Das BKA hat diesen “Modus Operandi” einmal in seinem Bundeslagebericht 2020 skizziert:

Ablauf eines Finanz-Scams

Phase 1: Die Gewinnversprechen 

Ganz zu Anfang stehen die typischen utopischen Gewinnversprechen, die mit einer vermeintlichen Kapitalanlage erzielt werden sollen. Sei es mit dem Trading von Kryptowährungen, wie es bei Thomas Ulrich der Fall war, oder aber mit speziellen Zertifikaten und Optionen, durch den Handel mit Währungen (Forex) oder schlichtweg dem Wetten auf Einzelaktien. 

Phase 2: Die Registrierung

Ist das potenzielle Opfer erst einmal von der Glaubwürdigkeit des Angebots überzeugt, folgt im zweiten Schritt meist die Registrierung auf einer vermeintlichen Trading-Plattform. Über einen Link gelangt der Nutzer auf eine Website, wo er seine persönlichen Daten eingibt, um vorgeblich ein Konto oder eine Wallet zu eröffnen.

Phase 3: Die Motivation

Nach der Registrierung wird der “Kunde” kontaktiert: Ein Manager, Trading-Experte oder der Website-Betreiber selbst motiviert zur ersten Investition, schwärmt noch einmal von den Renditen oder erklärt, mit welcher Methodik oder auch besonderen Software die Gewinne zustande kommen sollen.