Mona Linke
Mona Linke
17. März 2022

Prellen nach Ponzi: die größten Finanzbetrüger der Geschichte

Seit mehr als 100 Jahren werden gutgläubige Investoren nach der “Ponzi”-Methode ruiniert. Ein Überblick über die kuriosesten Fälle.

50% Rendite im Jahr? Welcher Anleger würde so ein Angebot ausschlagen? Bedauerlicherweise nicht genügend, wie ein Blick auf die Finanzskandale und Betrugsfälle der Vergangenheit zeigt. Es sind derart astronomische und damit völlig unrealistische Renditen, mit denen es bis heute etlichen Hochstaplern gelingt, Menschen in ihren Bann und anschließend das Geld aus der Tasche zu ziehen. Insbesondere der sogenannte Ponzi-Scheme feiert als Betrugsmasche seit mehr als 100 Jahren Hochkonjunktur. Gutgläubige Privatanleger, aber auch Großbanken und Institutionelle gehen den Betrügern dabei gleichermaßen auf den Leim. Ein Überblick über die verheerendsten und mitunter skurrilsten Betrugsfälle der Finanzwelt.

Charles Ponzi – Begründer der Ponzi Schemes

Man kann nur schwer einen Artikel über Ponzi-Betrüge schreiben, ohne mit dem Mann zu beginnen, der die skrupellose Masche massentauglich gemacht: Charles Ponzi, einer der größten Betrüger des 20. Jahrhunderts und dabei Namensgeber des sogenannten Ponzi-Scheme. Als der gebürtige Italiener in den 1920er-Jahren in die USA einwanderte, entwickelte er ein System, das ihn – wenn auch nur für kurze Zeit – zum Milliardär machen sollte.

Ponzi behauptete, mit internationalen Antwortscheinen zu handeln und versprach Investoren den ganz großen Reibach. Antwortscheine sind Portogutscheine, die ein Absender auf einen Brief oder ein Paket kleben kann, um dem Empfänger eine kostenlose Rücksendung zu ermöglichen. Solche Kupons gibt es bis heute. Weil Anfang des 20. Jahrhunderts europäische Währungen schwächer notierten als der US-Dollar, kaufte Ponzi die Portoscheine billig im Ausland ein, um sie dann zu Hause gegen US-amerikanischen Dollar oder Briefmarken einzutauschen – zumindest ist das Ponzis Version der Geschichte. Wer dem Einwanderer sein Geld anvertraute, solle dieses binnen weniger Wochen verdoppeln. Etliche Menschen vertrauten der Ponzi-Methode, verschuldeten sich oder verkauften ihren Besitz, um dem Geschäftsmann ihr Geld zu überlassen – der damit in Wahrheit nur wenige Antwortscheine kaufte, das meiste für sich selbst einbehielt und sich damit einen verschwenderischen Lebensstil finanzierte. 

Wie konnten die Menschen so naiv sein und auf den Betrug hereinfallen? Nun ja, die gigantischen Gewinnversprechen wurden anfangs tatsächlich eingelöst – Investoren erhielten ihre Ausschüttungen. Sie stammten jedoch nicht aus dem Handel mit Kupons, sondern ganz einfach von anderen Investoren, die Ponzi ihr Geld anvertrauen. So hielt sich das System praktisch über Monate selbst am Leben. Und so funktioniert die Ponzi-Methode bis heute: Das Geld der Investoren wird größtenteils lediglich umverteilt, nicht aber gewinnbringend angelegt. Der Rest fließt auf die Konten der Betrüger oder wird für deren exzessiven Lebensstil rausgeworfen. Insgesamt 40.000 Anleger soll Charles Ponzi übers Ohr gehauen haben – bis heute gilt er etlichen Betrügern auf der Welt als Vorbild.

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Ponzi Scheme vs. Schneeballsystem

Der Begriff Ponzi-Scheme wird häufig mit “Schneeballsystem” übersetzt, beschreibt aber eigentlich etwas anderes. Ein Schneeballsystem (oder Pyramidensystem) ist grundsätzlich ein Geschäftsmodell, das von dem Werben neuer Mitglieder oder neuer Kunden lebt. Jedes Neu-Mitglied zahlt seinem Anwerber einen einmaligen Betrag oder auch fortlaufend Gebühren, anschließend macht sich der Neu-Bewerber seinerseits auf die Suche nach neuen Teilnehmern, um seinerseits Geld einzunehmen. Ähnlich wie ein Schneeball, der einen Abhang herunterrollt und dabei immer größer wird, bekommt ein Schneeballsystem also immer mehr Schichten. In Deutschland sind Schneeballsysteme illegal.

Auch eine Ponzi-Scheme, also ein Betrug nach der Ponzi-Methode, lebt davon, dass sich das Netzwerk an Teilnehmern beziehungsweise Kunden immer weiter aufbaut und praktisch gegenseitig am Leben hält. Jedoch müssen die Teilnehmer – anders als im Schneeballsystem – nicht selbst aktiv werden oder Leute anwerben, sondern lediglich Geld investieren. Ein weiterer Unterschied ist, dass Mitglieder eines Schneeballsystems für gewöhnlich wissen, worauf sie sich dabei einlassen und wie sie selbst Geld erwirtschaften können (durch das Anwerben neuer Mitglieder). Bei einer Ponzi-Scheme dagegen wird behauptet, dass auf eine bestimmte Weise Gewinne erzielt werden – in Wahrheit werden Altkunden aber nur mit dem Geld der Neukunden ausbezahlt.

Bernie Madoff: 150 Jahre Haft für den berühmtesten Finanzbetrüger der Welt

Nicht fehlen in der Liste der berühmtesten Finanzbetrüger darf der 2021 verstorbene Bernie Madoff. Um schätzungsweise 65 Milliarden Dollar soll der Börsenmakler Privatanleger und Institutionen gebracht haben. Um die 10% jährliche Rendite hatte er den Anlegern seines Fonds versprochen. Kein völlig absurd klingendes Versprechen, was das Ganze vermutlich umso glaubhafter erscheinen ließ. Auch diese Trickserei ging gut, sogar über Jahre, weil Madoff das Geld der neuen Einzahler nahm, um die alten Investoren auszubezahlen. Zusammenbrechen sollte das System erst, als mit der Finanzkrise 2009 etliche Anleger, darunter nicht nur berühmte Fernsehstars, Regisseure und reiche Privatleute, sondern auch Banken und Hedgefonds ihr Geld zurückverlangten. Doch in den Depots der Geprellten war nur ein Bruchteil von dem übrig, was die Investoren damals eingezahlt hatten. 

Madoff brockte sich damit 150 Jahre Gefängnis ein.

Helmut Kiener: der “deutsche Madoff”

“Nur” elf Jahre musste Helmut Kiener hinter Gittern verbringen, den manch ein Medium damals als den “deutschen Madoff” bezeichnete. Zwischen 2006 und 2009 hatte der ausgebildete Psychologe im großen Stil Kontoauszüge und Bilanzen gefälscht, um zu verschleiern, dass seine beiden aufgelegten Investmentfonds nicht im Entferntesten die Traumrenditen einfuhren, die er Tausenden von Anlegern (und zwei Großbanken) versprochen hatte. Stattdessen nutzte auch er ein Schneeballsystem, bediente sich für die Auszahlung also bei den Einlagen der Neu-Investoren. Um mehr als 300 Mio. Euro soll Kiener seine Kundschaft auf diese Weise betrogen haben.

European Kings Club: Eine Anti-Kapitalistin für kleine Leute

Als “Königin der Anlagebetrüger” sollte dagegen Damara Bertges in die Geschichtsbücher eingehen. Beispiellos perfide brachte die gelernte Hotelfachfrau in den 1990er-Jahren um die 80.000 Anleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz um ihr Erspartes. Zusammen mit ihrem Partner gründete sie dazu den European Kings Club: einen angeblich nicht gewinnorientierten Verein, dessen Anteile sie verkaufte, sogenannte “Letters”. Jedem Investor versprach die damals Ende-30-Jährige nicht weniger als 70% Jahresrendite, außerdem war jeder Anteilsschein mit einer Rückzahlungsgarantie versehen. Und auch in diesem Fall wurden wahrhaftig die ersten Investoren ausgezahlt. Dass sich später etliche Kunden sogar verschuldeten, um Teil des “Kings Club” zu werden, lässt sich wahrscheinlich auch mit Bertges Auftreten erklären: Bei Vorträgen und Veranstaltungen präsentiere sie sich stets als Kämpferin für die kleinen Leute, die angeblich von Banken und anderen Vertretern des “Großkapitalismus” mit niedrigen Zinsen hinters Licht geführt würden. Sie war also so ziemlich das genaue Gegenteil von dem klassischen Finanzschurken, wie man sie sonst kannte. Knapp drei Jahre sollte der Ponzi-Scheme funktionieren, bis 1994 der Schwindel aufflog und die Verantwortlichen verhaftet wurden.

Madame Gils “Zauberkäse”

Auch wenn dieser Fall nicht als größter und folgenreichster Finanzbetrug für die Rekordbücher taugen mag, dann doch als einer der skurrilsten: Gilberte Van Erpe, Rentnerin aus Paris, hatte zwischen 2005 und 2006 mehreren Tausend Chilenern sogenannte “Käse-Starter-Sets” verkauft, mit denen diese angeblich selbst zu Herstellern einer besonders exquisiten Delikatesse werden sollten. Denn sobald der Käse gereift sei – so Van Erpes Versprechen – würde sich die französische Kosmetikindustrie nur so darum reißen. 100% Gewinn stellte die Französin in Aussicht. Van Erpe gründete selbst eine Firma, die den ersten Anlegern tatsächlich die versprochenen Traum-Erlöse auszahlte – so gelang es ihr, mehr und mehr Kunden übers Ohr zu hauen. Immerhin bis zu 10 Millionen Euro soll die Seniorin so eingesammelt haben, bevor man sie zu drei Jahren Haft verurteilte.

1% Zinsen am Tag: der Fall Bitconnect

Hochstapler und Schneeballsysteme haben längst auch Einzug in die Welt der Kryptowährungen gehalten. Eines der prominentesten Beispiele ist die Geschichte von Bitconnect, einer 2016 gestarteten Krypto Handelsplattform, die sich zwei Jahre später als Betrugsmaschine entpuppen sollte. Bis 2018 sammelte der Gründer des US-amerikanischen Unternehmens mehr als 2 Milliarden Dollar ein – und zwar in Form von Bitcoin. Denn die Firma warb mit einem eigenen Trading-Bot, einer Software, die angeblich Währungsschwankungen perfekt ausnutzen und hohe Profite erzielten sollte. Ausgezahlt wurden die Gewinne nicht in Bitcoin, sondern in Bitconnect-Coin, der eigens geschaffenen Kryptowährung des Unternehmens. Offeriert wurden Tageszinssätze von 1% oder mehr.

Auch in diesem Fall sollten einige glückliche Investoren mit Gewinnen das Spielfeld verlassen – sie stammten auch hier aus den Taschen anderer Investoren. Der Kreis der Opfer erweiterte sich also stetig, zwischenzeitlich kostete ein Anteil des Bitconnect Coin an der Börse 400 USD.

Bis sich 2018 das ereignete, was bisher die allermeisten Ponzi-Scheme Betrüger das Genick gebrochen hat: den ersten Anlegern wurden die Zahlungen verweigert, weil nicht genügend Neukunden dazukamen. Investoren zogen daraufhin ihr Geld ab – und plötzlich war die Website nicht mehr zu erreichen. Binnen kürzester Zeit brach der Kurs des Bitconnect Coin um beinah 100% ein. Bis heute läuft eine Sammelklage gegen die Betreiber, der Gründer ist spurlos verschwunden.

Wenn das Date von seinen Feinden gejagt wird: der Tinder-Schwindler

Man muss noch nicht einmal in den Sphären der Finanzwelt unterwegs sein, um Opfer eines betrügerischen Schneeballsystems zu werden. Ziemlich eindrücklich zeigt das die Doku “Der Tinder-Schwindler”, die seit Neuestem auf Netflix einen Zuschauerrekord nach dem anderen bricht. Über zwei Stunden rekonstruiert der Film die wahre Geschichte eines angeblichen Millionärs und Diamentenhändlers, der junge Frauen mit Luxus überhäufte, um sich dann kurz darauf Geld von ihnen zu “leihen”. Wer dem vorgeblichen Millionär sein Erspartes überließ oder gar einen Kredit für ihn aufnahm, sah davon keinen Cent wieder. Denn Simon Leviev, so nannte sich der Tinder-Schwindler, verschleuderte das geliehene Geld sofort für die nächste Geliebte. Ein Schneeballsystem, wie es im Buche steht. Und doch unterscheidet sich der Fall sehr deutlich von den anderen Ponzi-Schemes der Vergangenheit: Die Opfer hatten es dieses Mal ausnahmsweise nicht auf hohe Renditen abgesehen – sondern auf die Liebe.



Kommentare (8)

A

Anonym

sagt am 18. März 2022

Habt Ihr ganz ausführlich den Unterschied zwischen Ponzi-Scheme und Schneeballsystem erklärt nur um die beiden Begriffe im Absatz zu Helmut Kiener dann selbst durcheinaner zu bringen? :P

S

Stefan

sagt am 18. März 2022

Dann ist Bitcoin also ein klassisches Ponzi-Scheme. Kann bald der Liste hinzugefügt werden… „Den letzten beissen die Hunde“

D

Daniel

sagt am 18. März 2022

Vielen Dank für den kurzweiligen Beitrag! So alt ist das System und dennoch werden auch in Zukunft wieder Anleger drauf reinfallen. Die Dramen der Menschen wiederholen sich immer wieder. Dabei wurde schon vor fast 100 Jahren im Buch „Der reichste Mann von Babylon“ beschrieben: Bewahre deine Schätze vor Verlust! In der Auflistung der größten Finanzbetrüger der Geschichte würde ich gerne noch ergänzen: Insolvenz der Infinus AG S&K Immobilien PIM Gold

A

Anonym

sagt am 19. März 2022

PIM Gold könnte man wirklich dazu schreiben. Denen bin ich auf den Leim gegangen!! Hab den Fehler gemacht und mich von Ängsten und der Gier verleiten zu lassen. Zudem habe ich nur einen Teil meiner Einlage vorher rausgezogen und nicht alles. Ich hab es als Lehrgeld verbucht und weis nun einiges mehr über die Finanzwelt! Verfahren läuft noch! Mal sehen was noch kommt. Kleiner Tipp: Gold bringt keine Zinsen!! Edelmetalle sind für eine sichere Wertanlage super und auch weitgehend sicher. Die Renditen die hier erzielt werden resultieren auch nur daher, dass Gold gekauft wird. (nicht anders als bei Aktien) Die einzige Art unnatürlich hohe Renditen einzufahren lautet: investiere in dich selbst! Mehr Wissen und Verständnis einer Anlageklasse reduziert Risiken für einen selbst und erlaubt damit auch mehr mögliche Rendite!! Ich wünsche euch maximale Gesundheit, fröhliches Lernen und viel Erfolg. Alles Gute.

A

Anonym

sagt am 18. März 2022

Als Ergänzung könnte man noch den Fall mit der S&K Gruppe aufnehmen. Bin damals selbst fast darauf reingefallen.

A

Anon

sagt am 18. März 2022

Für mich riecht P2P irgendwie nach Ponzi 🤔 oder bin ich jetzt einfach nur misstrauisch. Und im Fall von Helmut Kiener. 300 Millionen für 11 Jahre is n monatsgehalt von 2.2 Millionen, verbrechen lohnt sich

M

Marcel

sagt am 19. März 2022

Die Teldafax-Pleite war auch so ne Sache. Bei der haben meine Mutter und ich auch unsere Vorauszahlung verloren. Interessant ist wohl der Fakt, dass der verantwortliche Manager schon vorher mal wegen Insolvenzverschleppung verurteilt worden war.

B

Bastian

sagt am 20. März 2022

Interessante Aufzählung, auch wenn ihr selber teilweise Ponti- und Schneeballsystem trotz vorheriger Erklärung durcheinander bringt. Aus der Crypto Welt fehlt mir noch der berühmte One-Coin. Oder Nick Leeson mit der Baringsbank.


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