Mona Linke
Mona Linke
2. Juni 2022

Klarna in der Kritik: Treibt das Vorzeige-Fintech Menschen in die Verschuldung?

Kritiker werfen dem Payment-Anbieter Klarna vor, Nutzerinnen unwissend zu Kreditnehmern zu machen. Was ist dran an der Anschuldigung?

Man darf von der “Über uns”-Seite eines Unternehmens nicht erwarten, objektive Informationen zu erhalten. Vielmehr sollte man sie als eine Plattform begreifen, auf der sich die Firma von ihrer besten Seite präsentiert. Ist ja auch verständlich. Jedenfalls betreibt auch der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna eine solche Über-Uns-Seite und nennt sie “Wikipink”. Mit ihren floskelhaften Formulierungen unterscheidet sie sich nicht großartig von anderen Firmen-Websites: Man wolle einen “neuen Standard für faire und nachhaltige Zahlungen in der Finanzbranche” setzen, steht dort beispielsweise, außerdem mit “neuen Maßstäben in puncto Transparenz” anderen ein Vorbild sein. Einen schalen Beigeschmack bekommen die Zeilen erst, wenn man versteht, weshalb das schwedische Fintech Werte wie Transparenz, Fairness und Verantwortung seit Neuestem so deutlich auf seiner Website betont.

Die Firma ist seit Jahren ein rotes Tuch für Verbraucherschützer und Schuldnerberater. Denn seinen Erfolg gründet das Unternehmen vor allem darauf, dass sich Millionen von Menschen auf der ganzen Welt über die rosa App verschulden. Mit TV-Spots, U-Bahn-Plakaten und Online-Werbebannern animiert das Unternehmen zum Kleidungs- und Beauty-Shoppen per Ratenkredit oder mittels Zahlungsaufschub. Wer sich das neue Outfit eigentlich nicht leisten kann, verschiebt die Rechnung einfach auf den nächsten Monat. Oder man stückelt sie in viele kleine Tranchen und zahlt über bis zu drei Jahre das Designer-Sofa ab. “Buy now, pay later” (BNPL) nennen sich solche Zahlungsmöglichkeiten, die aktuell eine neue Blütezeit erleben. Neben Klarna bietet noch eine Handvoll anderer Dienstleister den Service an, während immer mehr Online-Händler mit Klarna und Co. kooperieren. Selbst Banking-Apps wie N26 bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern inzwischen an, vergangene Zahlungen mit der Kreditkarte in Raten zurückzuüberweisen. Dienstleister ist Klarna.

Klarna-Kunden posten ihre Schulden auf Tiktok

Dass dieser Trend gefährliche Ausmaße annehmen kann, hat vergangenes Jahr eine bedenkliche “Challenge” auf dem Kurzvideo-Portal Tiktok gezeigt: Tausende Kundinnen und Kunden veröffentlichten unter dem Hashtag “#klarnaschulden” ihre teils vierstelligen Schulden bei Klarna. In einigen Kreisen gilt der CEO des Fintechs deswegen inzwischen nur noch als der Mann, der einmal Millionen Menschen in die Konsumschulden getrieben haben wird.

Screenshot von TikTok

Verbraucherschützer warnen vor dem “Buy now, pay later”-Modell und werfen dem Fintech vor, ahnungslose Kunden in Finanzierungen zu verstricken, ohne dass die es so richtig mitbekommen. Großbritannien hat dem Payment-Anbieter bereits ein eine Werbekampagne von Klarna verboten erteilt, die deutsche Finanzaufsicht Bafin warnt vor den Angeboten von Klarna, das weltweit inzwischen mehr als 140 Mio. Kundinnen und Kunden zählt. Doch wie berechtigt sind die Anschuldigungen?

Wie funktioniert das Bezahlen mit Klarna?

Als Zahlungsdienstleister ist Klarna erst einmal nur dafür zuständig, Kundenzahlungen im E-Commerce abzuwickeln. Dazu kooperiert das Unternehmen mit inzwischen mehr als 400.000 Händlern, die dem Fintech Gebühren zahlen, um die Klarna-Zahlungsart den Online-Kunden anbieten zu können. Wer in einem dieser Partner-Shops einkauft, kann beim “Checkout” an der Kasse die klassische Sofortüberweisung wählen und direkt bezahlen oder aber seine Zahlung stunden – sei es per Rechnung mit Zahlung in 30 Tagen oder über den Ratenkauf, mit dem die Zahlung auf bis zu 36 Monate gestreckt wird. In beiden Fällen geht Klarna beim Händler in Vorleistung, bezahlt das Produkt also zunächst aus eigener Tasche und fordert anschließend beim Kunden das Geld ein. 

Wie erfolgreich Klarna dabei ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn einige der Nutzer, die sich über die App verschulden, verzweifeln an ihren Schulden und landen im schlimmsten Fall mit einem Insolvenzverfahren beim Schuldnerberater. Doch kann man dafür Klarna verantwortlich machen?

Paypal, Afterpay und andere Dienstleister locken ebenfalls mit Krediten

Klarna hat das “Buy now, pay later”-Modell nicht erfunden, es existierte schon in Zeiten von Quelle- und Neckermann-Prospekten. Auch ist Klarna nicht der einzige Zahlungsdienstleister, der den Service anbietet. Mit “Pay-over-Time”-Ratenkrediten wirbt beispielsweise auch das US-amerikanische Unternehmen Affirm, der australische Payment-Anbieter Afterpay mit “nachträglichen Teilzahlungsgeschäften”, die erst einmal keine Zinsen kosten. Wer nicht zahlt, bekommt es allerdings mit saftigen Mahngebühren zu tun. Selbst für Firmenkunden gibt es spezielle Anbieter, die den Online-Rechnungskauf erleichtern wollen – sie heißen Mondu, Billie oder Topi. Schon 2009 ist das weniger bekannte Ratepay aus Berlin in die Payment-Szene eingestiegen und bieten ebenso wie Klarna Raten- und Rechnungskäufe für Privatkunden an. Nicht zuletzt bietet der Branchenriese Paypal unter dem Motto “Paypal it your way” flexible Zahlungsmethoden an. 

Vor der Kritik an “Buy now, pay later”-Modellen sind auch Klarnas Branchenkollegen nicht gefeit – vor allem wegen der Extrakosten, die der Kauf auf Raten für Kundinnen und Kunden bedeutet. Vor Paypals Ratenkrediten etwa warnen Verbraucherschützer ebenfalls immer wieder mit Verweis auf die überdurchschnittlich hohen Zinsen von effektiv 9,99% pro Jahr. Für einen Für einen Klarna Ratenkauf müssen Kunden noch tiefer in die Tasche greifen: Der effektive Jahreszins für eine Ratenzahlung beläuft sich auf etwa 14,8%. Was bedeutet das konkret für eine Bestellung? Wer beispielsweise für 2.000€ über Klarna Mode shoppt und die Zahlung in auf 24 Monate aufteilt, zahlt insgesamt knapp 300€ Zinskosten obendrauf. Du kannst das auch selbst ausrechnen mit unserem Kreditrechner.

Screenshot aus dem Finanzfluss Kreditrechner

Großbritannien will “Buy now, pay later” regulieren

Doch auch schon die zinslose Rechnungszahlung nach 30 Tagen ist vielen Kritikern ein Dorn im Auge: Als erstes Land überhaupt hat Großbritannien vergangenes Jahr angekündigt, den “Buy now, pay later”-Markt und damit Anbieter wie Klarna durch die eigene Finanzaufsichtsbehörde FCA regulieren zu wollen. Viele Konsumenten würden die Angebote nicht als Kredite begreifen, begründete die Regierung ihre Pläne. Man sehe deswegen ein erhöhtes Risiko, dass Leute Produkte kaufen, die sie sich eigentlich nicht leisten können und sich somit verschulden. Dass die Anbieter solcher BNPL-Modelle zunehmend mit Händlern kooperieren, die höherpreisige Produkte anbieten, verstärke das Risiko zusätzlich. Sollte es tatsächlich zu einer solchen Regulierung kommen, wären die Anbieter fortan verpflichtet, spezielle von der FCA vorgegebene Bonitätsprüfungen durchzuführen, bevor sie einen Kredit vergeben. Wie schon bei klassischen Darlehen, sollen Konsumenten nur solche Angebote annehmen dürfen, die sie sich auch wirklich leisten können, kommentierte die Regierung. Die Bafin als deutsches Pendant der britischen FCA sieht bislang keine Regulierungen in dem Sektor vor. Die Aufsichtsbehörde warnt lediglich vor  “leichtfertigem kreditbasiertem Bezahlen”.

Vor allem junge Leute kaufen auf Raten

Die Corona-Krise hat der gesamten E-Commerce-Branche Aufwind beschert – und damit auch dem BNPL-Markt. Vor allem bei jüngeren Leuten können die Zahlungsdienstleister mit ihren flexiblen Modellen punkten, wie eine Konsumentenstudie des Unternehmens Credi2, das ebenfalls Finanzierungslösungen anbietet, zeigt: In der Umfrage von 2021 gaben ganze 73% und damit mehr als zwei Drittel der 18-34-Jährigen an, das BNPL-Modell interessant zu finden, weil sie so auch mal “spontaner” einkaufen könnten. 71% der unter 34-Jährigen fanden das Angebot vor allem attraktiv, weil sie sich dadurch ein “hochwertiges Produkt” leisten könnten. Unter den über 55-Jährigen stimmten dieser Aussage knapp die Hälfte der Befragten zu.

Konsumentenstudie
Quelle: credi2 Konsumentenstudie 2021

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die Schuldenquote unter den Millennials explodiert? Bislang sieht es jedenfalls noch nicht danach aus, als hätten Angebote wie Klarna eine große Auswirkung auf die finanzielle Gesundheit der Deutschen. Nach einer Erhebung des EHI Retail Institute wurden im Frü