Wirtschaftsboom in Fernost – lohnen sich asiatische Aktien?

Mona Linke
Stand:

China, Vietnam, Thailand und Südkorea entwickeln sich rasant. Und doch schrecken westliche Anleger eher zurück, wenn es um Investments im “Reich der Mitte” geht. Ein Fehler?

Der Westen hat Angst…

…Angst vor China, der neuen Supermacht, der aufstrebenden Volkswirtschaft aus Fernost – oder ganz einfach: dem großen Unbekannten. Während die einen fürchten, schon bald nichts weiter als ein Stopp auf der “Neuen Seidenstraße” zu sein und von Xi Jinpings Wirtschaftsmaschine plattgewalzt zu werden, fürchten andere gar den Untergang des gesamten Abendlandes.

Ob derartige Ängste nun berechtigt sind oder nicht: Klar ist, dass das “Reich der Mitte” seinem Weltherrschaftsziel immer näher kommt und längst mehr zu bieten hat als bunte Plastikblumen und kopierte Elektronik. China ist Technik-Vorreiter, Digitalisierungs-Champion und Pionier in Sachen Elektromobilität. Nicht mehr lange, und die Volksrepublik wird die Weltmacht USA mit ihrer Wirtschaftsleistung überrundet haben, schätzen Ökonomen. Gleichzeitig ziehen andere Länder nach: Vietnam und Thailand sind längst in den internationalen Wettbewerb eingestiegen, Südkorea gilt als “Entwicklungsstar” und ist inzwischen die zwölftgrößte Wirtschaftsnation der Welt.

Wenn von Asien die Rede ist, dann denken die meisten Anleger zunächst an China, allenfalls noch an Japan, wo Firmen wie Toyota und Sony sitzen. Tatsächlich steckt jedoch auch im Rest des Kontinents eine geballte Ladung Wirtschaftskraft: Während Hongkong, Shanghai, Singapur und Tokio ihren Status als Boom-Städte wacker verteidigen, tritt immer mehr auch das Potential der asiatischen Schwellenländer (zu denen übrigens auch China gehört) zutage. Länder wie Taiwan, Malaysia, Indonesien, Indien zählen mit Wirtschaftswachstumsraten von rund 6% pro Jahr zu den am schnellsten expandierenden Regionen der Welt. Die Bevölkerung ist jung und das Aufholpotential groß – beides macht die Schwellenländern zu attraktiven Zielen von Anlegern.

Und dennoch: In den wichtigsten Aktienbarometern und größten Weltfonds ist das Reich der Mitte kaum vertreten. Gerade einmal 4% Asien steckt beispielsweise im MSCI World. Der Grund: Die meisten asiatischen Staaten, darunter sogar China und Taiwan, zählen wegen ihrer vergleichsweise geringen Marktkapitalisierung als Schwellenländer. Die Wirtschaft mag florieren, trotzdem haben sie den Aufstieg in die Riege der Industrienationen aus Sicht der Börsenexperten noch nicht geschafft – Bananenrepubliken sind sie aber auch nicht mehr. Gelistet werden die Schwellenländer im MSCI World “Emerging Market” – alleine 40% stellt hier übrigens China. Einzig Hongkong, Japan und Singapur tauchen im “normalen” MSCI World auf. Vietnam, Bangladesh und Sri Lanka dagegen verharren in der dritten und letzten Kategorie des MSCI World: Sie sind “Frontier Markets”, also Grenzmärkte, deren Kurse innerhalb weniger Wochen schon mal um mehr als 10% zulegen, aber auch genauso schnell wieder verlieren können.

Asiatische Firmen auf Wachstumskurs

Die Kurse der gehyptesten asiatischen Firmen (Samsung, Tencent oder Alibaba) befinden sich ohne Frage seit einigen Jahren auf der Erfolgsspur und stellen die großen Indizes mit Kurssprüngen um mehr als 60% pro Jahr regelmäßig in den Schatten.
Und dennoch: Einzelaktien sind riskant – asiatische Einzelaktien allerdings noch einmal deutlich riskanter.
Das liegt zum einen daran, dass die asiatischen Märkte sehr viel empfindlicher sind als westliche. Politische Unruhen wie die Hongkong-Krise oder der immer wieder aufflammende Handelsstreit zwischen China und den USA.

Indien, die Mongolei, Taiwan, Südkorea und Japan gelten als demokratische Vorzeigemodelle auf dem asiatischen Kontinent – wo sie allerdings Ausnahmen bilden. Denn freiheitliche Gesellschaften und politische Stabilität sucht man in den meisten Ländern vergeblich: Während der philipinische Präsident gerade einen blutigen Drogenkrieg gegen seine eigenen Landsleute führt, hat sich die pakistanische Regierung jahrelang ein zweites Standbein in Korruptionsgeschäften aufgebaut. In Vietnam herrscht derweil nach wie vor eine sozialistische Kommandowirtschaft.

Anleger müssen mit Vertuschung und Intransparenz rechnen

Hinzu kommt ein Risiko, für das vor allem China beinah schon bekannt ist: Intransparenz. Wie viel Phantasie in den Unternehmenszahlen und Bilanzen der chinesischen Firmen steckt, lässt sich von unseren westlichen Breitengraden aus nur schwer beurteilen. Dass der Staat an „privatwirtschaftlichen“ Unternehmen beteiligt ist, gehört dazu – Eingriffe in den Kapitalmarkt sind Gang und Gäbe.

Noch viel mehr als die etablierten Konzerne betrifft das die kleinen, lokalen Unternehmen. Deren Aktien sind für ausländische Anleger allerdings in den vielen Fällen ohnehin tabu – zumindest für Privatanleger. Denn an der Börse handeln lassen sich meist nur solche Unternehmensaktien, die auch an westlichen Handelsplätzen wie der Xetra Börse in Frankfurt gelistet sind. Lassen sie sich doch handeln, dürften die Gebühren so hoch sein, dass sich ein Investment kaum noch lohnt.

China öffnet Markt für ausländische Investoren

Die Tore für internationale Anleger etwas weiter zu öffnen, verspricht ausgerechnet China: Seit Januar 2020 ist das sogenannte China Foreign Investment Law (FIL) in Kraft, das künftig gleiche Marktzugangsbedingungen für in- und ausländische Investoren schaffen will. “Ausländische Investoren werden in der Phase des Investitionszugangs nicht weniger bevorzugt behandelt als inländische Investoren”, heißt es in dem neuen Gesetz zum Beispiel. Funktionieren soll das über sogenannte A-Aktien, die an der Börse Shanghai gehandelt werden und zuvor nur Chinesen vorbehalten waren. Nicht zuletzt wird der chinesische Börsenmarkt selbst von der Marktöffnung profitieren: Werden chinesische Aktien mehr gehandelt, steigen die Börsenwerte der chinesischen Unternehmen und China gewinnt an Marktkapitalisierung hinzu.

Ob und wann Xi Jinpings Reich den Sprung in die nächste Liga, in den MSCI World schafft, wird sich zeigen. Tatsächlich ist der letzte Aufstieg gar nicht so lange her: 2017 wurde China nach langem Ringen endlich der Einzug in den MSCI EM gewährt – zuvor hatte MSCI immer wieder den eingeschränkten Zugang ausländischer Investoren zum chinesischen Kapitalmarkt kritisiert.

ETFs auf chinesische Märkte: Auf den zweiten Blick ernüchternd

Wer nicht direkt aufs Ganze gehen und Einzeltitel kaufen will, hat auch bei asiatischen Aktien die Möglichkeit, über einen ETF zu investieren.
Der iShares MSCI China zum Beispiel investiert in etwa 700 chinesische Firmen. Alleine ein Drittel des Index teilen sich dabei allerdings die beiden Vorreiter-Unternehmen Tencent und Alibaba. In den vergangenen drei Jahren hat der Index um mehr als 36% zugelegt – doch ein Blick auf die 5-Jahres-Bilanz ist eher ernüchternd: Der Index ist um knapp 9% gestiegen, während der MSCI World in diesem Zeitraum um mehr als 40% zugelegt hat.

Etwas besser hat in fünf Jahren der MSCI EM Asia abgeschnitten, der sich vor allem auf Technologie-Werte spezialisierst hat. Auch hier stellen Tencent und Alibaba die größten Positionen, nehmen allerding “nur” jeweils 8% des Gesamtwerts ein. Der MSCI EM Asia streut etwas breiter als der MSCI World China (in 1.120 Firmen) und hat in 5 Jahren immerhin 33% dazugewonnen.
Der mit Abstand bedeutendste Index Asiens ist der japanische Nikkei 225, der Unternehmen wie Softbank, Toyota, Mitsubishi oder Panasonic listet. In 5 Jahren hat der Nikkei um etwas mehr als 30% zugelegt – auch er konnte den MSCI World in diesem Zeitraum also nicht schlagen.

Das Investieren in Fonds auf asiatische Märkte ist also eine risikoärmere Alternative zu asiatischen Einzelaktien – grenzt teilweise aber auch an Spekulation, wenn die Gewichtung alles andere als ausgeglichen ist und einzelne Unternehmen teilweise mehr als 15% des Gesamtanteils stellen.

Nichtsdestotrotz kann es sich lohnen, den Anteil asiatischer Aktien im eigenen Portfolio zu erhöhen. Eine Möglichkeit wäre, etwas weniger Kapital in den US-lastigen MSCI World fließen zu lassen und gleichzeitig in den Emerging Market zu investieren.

Eines aber sollten Investoren beim Thema asiatische Aktien stets im Hinterkopf behalten: Die Kursschwankungen können immens ausfallen und – wie auch in anderen Märkten – unerwartet kommen. Sich über ein Unternehmen zu informieren, ist im Falle asiatischer Aktien umso wichtiger – allerdings auch deutlich aufwendiger.

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Jonnymcbongo
3 Monate

Für weitere Information bzgl. Investments in China, gerne einmal das Video angucken 🙂
https://www.youtube.com/watch?v=RmzkgMrAK90&t=1680s