Mona Linke
Mona Linke
13. Oktober 2022

83% Inflation in der Türkei: Vom „Wirtschaftswunder“ zum Krisenstaat

Das Leben in der Türkei wird zusehends teurer. Der Krieg ist ein Grund für die Inflation – aber nicht ihr Auslöser. Denn die Abwärtsspirale hat schon viel früher begonnen.

Die Türkei als einer der Big Player auf dem Spielfeld der Weltwirtschaft: Recep Tayyip Erdoğan träumt nicht nur von dieser Vision, er proklamiert sie auch seit Jahren siegessicher gegenüber seinen Wählern. Spätestens im Sommer 2023, wenn sich die Gründung der modernen Türkei zum 100. Mal jährt, soll das Land nach seiner Vorstellung zu den zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören. Und noch nie war die Republik am Bosporus davon so weit entfernt wie heute.

83,45% Inflation vermeldete die türkische Statistikbehörde im September, unabhängige Wirtschaftsforscher gehen sogar von Teuerungsraten von über 180% aus. Gleichzeitig ist die Türkische Lira so schwach wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr: Um einen USD zu erhalten, müssen aktuell 18,60 TL auf den Tisch gelegt werden. Noch im Frühjahr 2021 lag der Wechselkurs bei 1:7. Importierenden Unternehmen, Konsumentinnen und Angestellten setzt das zu: Etwa 42% der türkischen Bevölkerung wird nach dem Mindestlohn bezahlt, derzeit sind das rund 5.500 Türkische Lira, umgerechnet 326€ und damit weit unter der Armutsgrenze: Der regierungsnahe Gewerkschaftsverband Türk-İş hat die für einen Single-Haushalt im Mai auf 19.602.14 TL beziffert, was 1.087€ entspricht.

Inflation in der Türkei, Quelle: Turkstat
Inflation in der Türkei, Quelle: Turkstat

Die Türkei steckt also in einer veritablen Hyperinflation, und das bereits seit Monaten. Eine Folge davon sind Entlassungen: Schon im ersten Quartal 2022 betrug die Arbeitslosenquote nach Angaben der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH (GTAI) 11,4%, unter den jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren soll sogar nur jeder fünfte einer Beschäftigung nachgehen.

Krieg, Corona, Niedrigzinspolitik: Was führte zur Krise?

Der Krieg in der Ukraine wird aktuell gern als Grund für die Hyperinflation in der Türkei angeführt. Und in der Tat macht die Situation dem Land zu schaffen: Denn auch die Türkei lässt sich einen beachtlichen Teil ihrer Rohstoffe aus dem Kriegsgebiet liefern. Sei es Getreide aus der Ukraine oder Gas und Öl aus Russland. Dass gleichzeitig die Heimatwährung so schlecht dasteht wie seit 24 Jahren nicht, macht den Handel noch unwirtschaftlicher: Denn Rohstoffe werden in aller Regel in USD gehandelt. Dadurch zahlt die Türkei sozusagen nicht nur die real gestiegenen Preise, sondern auch noch die „Extrakosten“ für den schwachen Wechselkurs.

Inflationsrate lag schon 2021 bei über 20%

Dennoch ist die aktuelle Rohstoffkrise nicht Auslöser der Krise, sondern lediglich ein Brandbeschleuniger, der die Krise verschärft hat – wenn auch erheblich. Das Land litt bereits im Frühjahr 2021 unter Inflationsraten von an die 17%, zum Jahreswechsel hin wurde dann die 20%-Marke geknackt. Und schon im Januar 2021 stand die türkische Lira gegenüber anderen Währungen schlecht da. Eine türkische Lira entsprach schon damals gerade einmal 0,11€ – inzwischen sind es 0,06€. 

Dass die Türkische Lira so billig ist wie noch nie, hängt mit der Inflation zusammen – und mit der Art und Weise, wie der Präsident mit ihr umgeht. Denn entgegen den volkswirtschaftlichen Lehrbüchern verfolgt das Land eine, sagen wir, unkonventionelle Wirtschaftspolitik. Statt den Leitzins zu erhöhen, um die Inflation einzudämmen, setzt die nationale Notenbank, über deren Personalpolitik der türkische Präsident inzwischen weitgehend die Hand hat, den Leitzins stetig herab. Im März 2021 lag er noch bei 19%, inzwischen beträgt er 12%. Denn „niedrige“ Zinsen, so der Gedanke dabei, sollen die Wirtschaft wieder ankurbeln. Indem Kredite günstiger werden, Unternehmen mehr investieren und entsprechend mehr Arbeitsstellen schaffen. Doch wird durch eine solche lockere Geldpolitik eben die ohnehin schon hohe Inflation zusätzlich befeuert.

Leitzinsentwicklung der türkischen Zentralbank
Leitzinsentwicklung der türkischen Zentralbank, Quelle: Statista

Die Niedrigzinspolitik der Türkei belastet auch die Währung zusätzlich: Denn niedrigere Zinsen bedeuten, dass türkische Anleihen für Investoren an Attraktivität verlieren, die Währung dadurch weniger gehandelt wird und folglich an Wert verliert. Auch am Fremdwährungsmarkt wird sich nicht gerade um Währungen gerissen, die wegen einer Hyperinflation zunehmend an Wert zu verlieren drohen. 

Mehr Importe als Exporte

Die türkische Regierung dagegen kon