Mona Linke
Mona Linke
8. Dezember 2022

Rentenpunkte im Sale

Noch bis Jahresende können Beitragszahler zum Schnäppchenpreis ihre Rente aufbessern. Aber sollten sie das auch?

Wenn von der deutschen Rentenversicherung die Rede ist, dann selten im Kontext eines profitablen Geschäfts. Wer heute in die Kasse einzahlt, kann nur erahnen, was später auf seinem Rentenbescheid stehen wird. Gut sieht es jedenfalls nicht aus, kommen doch inzwischen viel zu wenig Beitragszahler auf viel zu viele Beitragsnehmer. Das klingt nicht gerade nach einem guten Investment. Verblüffenderweise kann es das doch sein und sich kräftig lohnen, noch mehr Geld als nötig in die Rentenkasse einzuzahlen. Ganz besonders in diesem Jahr – denn 2022 gibt es die Rentenpunkte gewissermaßen zum Schnäppchenpreis. Wer davon profitiert und ob ein ETF nicht doch die bessere Wahl wäre.

Rentenpunkte gibt es 2022 billiger

Man muss kurz ausholen, um das mit den billigen Rentenpunkten verständlich zu machen.

Die deutsche Rente ist zwar umlagefinanziert, speist sich also aus den Einzahlungen der Erwerbstätigen. Trotzdem gilt: Je mehr im Laufe des Lebens eingezahlt wird, desto höher sind die Ansprüche im Ruhestand. Besserverdienende haben deswegen automatisch bessere Rentenaussichten, denn der Rentenbeitrag wird als Prozentsatz vom Einkommen abgezogen. Derzeit liegt er bei 18,6% vom Bruttogehalt und wird von Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gleichen Teilen getragen. Wer also beispielsweise 4.000€ brutto verdient, zahlt jeden Monat automatisch 744€ in die Rentenkasse ein (4000 x 0,186). Bei 2.000€ brutto sind es nur 372€. Ein Unterschied mit Folgen – denn dadurch halbiert sich auch der Rentenanspruch.

Die spätere Rentenhöhe bemisst sich an der Zahl der Rentenpunkte, die im Laufe des Jahres gesammelt wurden. Ein Rentenpunkt kostet in Westdeutschland in diesem Jahr 7.235€. Das heißt, wer pro Jahr 7.235€ einzahlt, bekommt einen Punkt gutgeschrieben. Das klingt nach einem kostspieligen Geschäft, ist aber in Wahrheit ein Schnäppchen. Vergangenes Jahr lag der Preis nämlich noch bei 7.726€ (West) und 2020 bei knapp 7.500€. Der Rentenpunkt ist 2022 also deutlich billiger geworden. Was ungewöhnlich ist, denn normalerweise werden Rentenpunkte immer teurer.

Ein Punkt ist 36,20€ wert

Der Wert eines Rentenpunkts, also der Euro-Betrag an Rentenauszahlung, den so ein gesammelter Punkt im Alter bringt, ist dagegen gestiegen. Das ist ganz normal und hängt mit den alljährlichen Rentenerhöhungen zusammen. Seit dem Jahr 2000 etwa ist der Rentenwert im Schnitt um 1,67% pro Jahr gestiegen. So bringt in Ostdeutschland ein Rentenpunkt nach Informationen der Deutschen Rentenversicherung derzeit 34,19€, in Westdeutschland sind es 36,02€. Würde ein westdeutscher Angestellte nun beispielsweise zehn Rentenpunkte im Laufe des Erwerbsleben sammeln, entspräche das – zumindest bei den aktuellen Konditionen – einer späteren Rente von 360,20€, die ihm oder ihr bis ans Lebensende jeden Monat zustünde. Vor Steuern und anderen Abzügen.

Kosten pro Rentenpunkt an Durchschnittsgehalt geknüpft

Dass es die Rentenpunkte in diesem Jahr so günstig gibt, hat einen triftigen Grund: Die Durchschnittsentgelte sind im Vergleich zum letzten Jahr gesunken. Und an dem jeweiligen Durchschnittseinkommen misst sich der Preis pro Rentenpunkt. Wer mit seinem Gehalt genau im Durchschnitt liegt, sammelt pro Jahr einen Punkt. Während die Löhne normalerweise von Jahr zu Jahr steigen (und damit auch die Kosten pro Rentenpunkt), sind sie von 2021 auf 2022 ausnahmsweise gesunken. So wird das Durchschnittsgehalt der Deutschen im Gesamtjahr 2022 voraussichtlich 38.901€ betragen, während es 2021 noch bei 41.541€ lag.

Rentenversicherte haben automatisch profitiert 

Wer also schon 2021 das damals geltende Durchschnittsgehalt von 41.541€ brutto verdiente, hat mit seinem Gehalt im Jahr 2022 nicht nur einen, sondern 1,067 Rentenpunkte erworben (41.541 / 38.901). Auf dem Papier sind das 2,42€ mehr Rente pro Monat, also knapp 29€ im Jahr. Je höher das Einkommen, desto größer ist auch der Sprung: Wer etwa 60.000€ verdient, zahlt pro Jahr 11.160€ in die Rentenkasse ein (60.000 x 0,186). Vergangenes Jahr hätte das 1,4 Rentenpunkten entsprochen (11.160 / 7.726) und damit 50,68€ Rente. Bei den Vergünstigungen von 2022 sind es nun 1,54 Punkte (11.160 / 7.235), also ein Anspruch von 55,74€ pro Monat und damit knapp 5€ mehr. Bei 80.000€ Bruttoverdienst wäre der Rentenanspruch im Jahr 2022 um 7€ pro Monat gestiegen.

Nicht alle dürfen die Extrapunkte kaufen

Wer angestellt ist und mithilfe seines Arbeitgebers ohnehin jeden Monat in die Rentenversicherung einzahlt, hat 2022 also ganz automatisch von den guten Konditionen profitiert. Doch um die Rente merklich aufzubessern oder Abzüge wegen eines verfrühten Ausstiegs ausreichend zu kompensieren, dürften die paar Euro mehr im Monat noch nicht genügen. Der Kauf von Extra-Rentenpunkten bietet sich also an – doch haben nicht alle Anrecht darauf.

Pflichtversicherte müssen mindestens 50 sein

Pflichtversicherte, für die der Abschluss einer Rentenversicherung gesetzlich vorgeschrieben ist, dürfen zum Beispiel frühestens ab dem 50. Geburtstag Rentenpunkte hinzukaufen. Und dann auch nur, wenn sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum geplanten Rentenbeginn 35 Jahre lang Beiträge gezahlt haben werden. Wer also plant, mit 63 in Rente zu gehen und aktuell 53 Jahre alt ist, darf nur dann Extrapunkte kaufen, wenn zuvor mindestens 25 Jahre lang Beiträge in die Kasse geflossen sind. Die Höhe ist dabei unerheblich.

Selbstständige können direkt einzahlen

Wer dagegen nicht pflichtversichert ist, hat schon mehr Freiheiten, denn Alter und Beitragsjahre spielen keine Rolle. Nicht zu Rentenzahlungen verpflichtet sind grundsätzlich Selbstständige und Freiberufler, die keinen festen Arbeitgeber haben und sich deswegen komplett selbst um ihre Altersvorsorge kümmern müssen. Doch gibt es allerlei Ausnahmen: Hebammen, Seelotsen, Künstlerinnen, Publizisten sowie selbstständige Lehrerinnen und Erzieher sind ebenfalls versicherungspflichtig – ebenso Auszubildende, duale Studentinnen und Eltern in Kindererziehungszeiten. Beschäftigte in sogenannten freien Berufen, also etwa Architektinnen, Rechtsanwälte und Ärztinnen, müssen zwar nicht zwingend in die Deutsche Rentenversicherung einzahlen, sich dafür aber in einem berufsständischen Versorgungswerk versichern lassen. Geringfügig Beschäftigte, also Minijobber mit weniger als 520€ monatlichem Verdienst, können sich dagegen von der Rentenversicherungspflicht befreien lassen.

Unbegrenzt Punkte sammeln?

Wer sich freiwillig versichern lässt, muss mindestens 83,70€ einzahlen, maximal dürfen es 1.311€ im Monat sein. Die Höchstgrenze ist nicht willkürlich gewählt, die Beiträge zur Rentenversicherung sind in Deutschland nämlich gedeckelt. Stand jetzt dürfen höchstens 15.732€ im Jahr in die Rentenkasse fließen. Für Angestellte mit festem Gehalt bedeutet das, dass ab einem bestimmten Einkommen vom Bruttogehalt keine Beiträge zur Rentenversicherung mehr eingezogen werden. Aktuell liegt diese Beitragsbemessungsgrenze im Westen bei 84.600€ und im Osten bei 81.000€ im Jahr. Wer also 130.000€ (West) verdient, zahlt genauso viel ein, wie jemand, der 84.600€ verdient – und bekommt am Ende auch die gleiche Rente. So konnten Beitragszahler im Jahr 2022 maximal 2,17 Rentenpunkte erwerben – ihre Rente also um knapp 78€ pro Monat aufbessern.

Rentenansprüche je nach Bruttogehalt

Jahresentgelt brutto 2022Jahresbeitrag zur RentenversicherungArbeitnehmeranteilEntgeltpunkteRentenansprüche bei einem Rentenwert von 36,20€
5.400€1.004,40€502,20€0,1385,00€
12.000€2.232,00€1.116,00€0,30811,11€
27.600€5.133,60€2.566,80€0,70925,56€
38.400€7.142,40€3.571,20€0,98735,56€
50.400€9.374,40€4.687,20€1,29546,67€
69.600€12.945,60€6.472,80€1,78964,45€
84.60015.735,60€7.867,80€2,17478,34€
Quelle: Deutsche Rentenversicherung

Wie viel Rendite wirft die Rente ab?

Die größte und wohl wichtigste Frage ist, wie profitabel die Sonderzahlungen in die gesetzliche Rente überhaupt sind. Und dazu muss man erst einmal herausfinden, wie viel Rendite die Rente einbringt – was beinahe unmöglich ist. Denn die gesetzliche Rente funktioniert gänzlich anders als alle anderen Vorsorgeprodukte. Es wird kein Vermögen angesammelt und auch nicht investiert, es gibt keine Zinsen, Kursentwicklungen oder andere Erträge, die die Rendite bestimmen würden. Gezahlte Beiträge fließen von den Jüngeren an die Älteren. Und so hängt die Höhe der Auszahlungen nicht nur von der Zahl der Rentenpunkte ab, sondern auch vom Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern. Mittlerweile stehen einem Ruheständler nur noch zwei Erwerbstätige gegenüber. Vor rund 70 Jahren sorgten noch sechs Erwerbstätige für einen Beitragsnehmer. Die Rendite schmälern können auch politische Entscheidungen wie die Anhebung der Regelaltersgrenze. Dadurch würde die eigentliche Auszahlung schließlich erst später als geplant beginnen.

Je länger das Leben, desto höher die Rendite

Ganz entscheidend ist aber auch die Lebenserwartung. Die gesetzliche Rente fließt erst mit Eintritt in den Ruhestand und dann bis zum Lebensende – ganz egal, wie alt man wird. Je länger ein Rentner lebt, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hat, desto mehr werden sich die Investitionen also gelohnt haben. Wohingegen ein normales Sparvermögen oder Erträge aus einem ETF bei einem langen Leben auch vorzeitig aufgebraucht sein können. Mal abgesehen davon, dass die tranchenweise Auszahlung ab dem Renteneintritt wenig Freiheiten lässt, werden viele Rentner ein massives Minusgeschäft machen. Verstirbt ein Beitragszahler kurz nach Eintritt in den Ruhestand, wird er nur einen Bruchteil von dem erhalten haben, was die Jahrzehnte zuvor eingezahlt wurde. Das hängt natürlich auch davon ab, wie viel zuvor eingezahlt wurde. 

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Ein Beispiel

Ein Beitragszahler zahlt monatlich freiwillig 300€ in die Rentenkasse ein, sammelt bei den Konditionen von 2022 also jedes Jahr 0,5 Rentenpunkte. Nach 30 Jahren hat er auf diese Weise 15 Rentenpunkte erworben, was – ebenfalls Stand jetzt – 543€ monatlicher Rente entspricht. Dieser Beitragszahler müsste nun nach Eintritt in den Ruhestand noch mindestens 15 Jahre leben, damit sich die Investitionen gelohnt hätten. Denn insgesamt eingezahlt hat er in den 30 Jahren Arbeitsleben 108.000€ – nach 15 Jahren Ruhestand aber erst 97.740€ ausgezahlt bekommen. Übrigens: Krankenkassenbeiträge, Steuern und Sozialabgaben wurden hier noch nicht beachtet. Sie müssen ebenfalls von der Rente abgezogen werden, womit wir beim nächsten Parameter wären.

DIW hält Nettorendite von bis zu 3,6% für möglich

Wie viel am Ende von der Rente übrig bleibt, ist nämlich von der Höhe der Abgaben abhängig. Während bei Kapitalerträgen, also zum Beispiel bei Gewinnen aus Aktiengeschäften, stets ein und derselbe Steuersatz von rund 25% anfällt, wird jede Rente anders versteuert. Wie schon beim Gehalt, liegt der prozentuale Anteil umso höher, je höher die Einkünfte sind. Zum Ausgleich lassen sich auch die Einzahlungen in die Rentenkasse inzwischen fast vollständig absetzen. Das lohnt sich bei hohen Einkünften eher als bei niedrigen, das Endergebnis ist also jedes Mal ein anderes.

Das DIW hat in einer Studie von 2020 einmal den Versuch gewagt, die potenzielle Nettorendite (nach Steuern und Abgaben) der Rente auszurechnen. Mithilfe eines Simulationsmodells haben die Forscher für verschiedene Fallbeispiele und unter Berücksichtigung potenziell steigender Rentenbeiträge und -werte sowie durchschnittlicher Lebenserwartungen und Einkommen prognostiziert, auf welche Rendite Beitragszahler am Ende ihres Lebens kommen könnten. Das Ergebnis klingt gar nicht mal schlecht: Für Arbeitnehmer, die zusammen mit dem Arbeitgeber in die Kasse einzahlen, prognostizieren sie Nettorenditen zwischen 2,9 und 3,6%. Die Inflation wurde hier nicht eingerechnet. Trotzdem sind die Zahlen beachtlich, wenn man bedenkt, welch schlechter Ruf der deutschen Rentenversicherung anhängt. Mit einem globalen ETF kann es die deutsche Rente jedoch noch nicht aufnehmen: Wer beispielsweise zwischen 1970 und 2020 per Sparplan eine gleichbleibende Summe in einen ETF auf den MSCI World investiert hat, konnte pro Jahr eine Durchschnittsrendite von 7,1% erzielen. Zwar vor Steuern, dafür gehen von diesem Ertrag auch keine Krankenkassen- oder Sozialbeiträge mehr ab. Die Inflation wurde hier ebenfalls noch nicht berücksichtigt.

Sollte man jetzt noch zuschlagen?

Einzahlungen in die Rentenkasse bieten also eine gewisse Form von Sicherheit, weil sie bis ans Lebensende ausgezahlt werden und ihre Höhe nicht von Kursentwicklungen oder Ähnlichem abhängt. Gleichzeitig steht die Rente wegen politischer und demografischer Risiken aber auf wackeligen Beinen. Dafür können Einzahler wiederum beinahe die gesamten Einzahlungen von der Steuer absetzen und ihre Steuerlast damit merklich mindern. Was die Rendite betrifft, können Rentenbeiträge fast so viel Ertrag einbringen wie ein globaler ETF – unter Umständen aber auch schlechter laufen als ein zinsloses Sparbuch. Denn das hängt immer auch von der Lebenserwartung ab. Am Ende müssen Anleger selbst entscheiden, auf welchen Säulen sie ihre (Zusatz)-Vorsorge aufbauen möchten, welche Arten von Risiken sie eingehen möchten und welche lieber nicht. Möglich ist am Ende auch eine Mischung aus Geldanlagen wie Aktien und Anleihen und gesetzlicher Rente.

Bleiben die Rentenpunkte günstig?

Der Krieg in der Ukraine mitsamt der aktuellen Rohstoffkrise belastet die Wirtschaft. Man könnte also annehmen, dass die Gehälter auch im Jahr 2023 eher stagnieren oder fallen als anziehen werden – und damit auch die Rentenpunkte billig bleiben.

Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein, meint zumindest die Bundesregierung. Um die neuen Beitragsbemessungsgrenzen für 2023 festzulegen, ging das Kabinett zuletzt von einem Durchschnittsentgelt von 43.142€ im kommenden Jahr aus. Im Vergleich zu den 38.901€ von diesem Jahr wäre das ein Anstieg um mehr als 10%. Der Schlussverkauf bei den Rentenpunkten dürfte dann fürs Erste beendet sein.



Kommentare (4)

m

[email protected]

sagt am 10. Dezember 2022

Ich beziehe seit Oktober 2018 eine Erwerbsminderungsrente , im Mai 2023 steht meine Realrente an. Kann / darf ich Rentenpunkte erwerben ? Schon mal Danke für die Antwort Gruß aus Hamburg Manfred 😎

A

Anonym

sagt am 09. Dezember 2022

Wie soll eine Rendite von 2,9 - 3,6% lauf DIW zustande kommen wenn man nach 15 Jahren Rente noch nicht einmal das herausbekommen hat was man eingezahlt hat. Ich denke für diese Renditen muss man schon über 100 Jahre alt werden. :(

J

JB

sagt am 09. Dezember 2022

Super Beitrag. Die Politik sollte sich allgemein mal Gedanken um dieses Rentenkonzept machen. Sollten Sie es beibehalten, dann sollten sie Ost/West abschaffen. Die heutigen Generationen sind nicht mal in Ost/West geboren, sonder in Deutschland! Ich bin im sogenannten Osten (eigentlich Norden) geboren. Aber ich kümmere mich privat und zahle auch keinerlei Kosten an Deutschland, da ich im Ausland lebe.

S

Sol

sagt am 09. Dezember 2022

Bevor ich freiwillig in die Rentenkasse einzahle, würde ich lieber eine ETF-Rentenversicherung (Netto-Police!) abschließen. So hab ich auch das Langlebigkeitsrisiko abgesichert und bei frühem Tod ist das Geld nicht weg, sondern kann vererbt werden. Und ich muss mich nicht auf Vater Staat verlassen.


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