Mona Linke
Mona Linke
23. Dezember 2021

NFTs: Doch mehr als eine Blase?

Inzwischen mischen große Firmen wie Nike, Adidas und McDonalds in dem Geschäft mit NFTs mit – und die virtuellen Sammelbildchen haben sich verändert.

Etwa neun Monate ist es her, dass das Londoner Auktionshaus Christie’s wegen einer bis dato einzigartigen Versteigerung in die Medien geriet. Das Londoner Traditionshaus hatte für sage und schreibe 69 Mio. USD eine digitale Collage versteigert. Genauer: ein Non-Fungible Token, kurz “NFT”, das dem Besitzer fälschungssicher die Echtheit bescheinigt. Für Christie’s waren es die ersten Gehversuche am NFT-Markt, auf dem schon im Frühjahr 2021 enorme Summen hin- und hergeschoben wurden. Optimistische Beobachter sprachen von einer “Revolution” am Kunstmarkt und einer Wende für die digitale Szene. Skeptiker taten das Ganze als kurzlebigen Trend ab. 

Und heute? Kooperiert Christie’s mit der größten NFT-Plattform Open Sea und hat insgesamt mehr als 150 Millionen Dollar mit der Krypto-Kunst umgesetzt. Derweil der Sportartikelhersteller Adidas seine eigene NFT-Fashion-Kollektion gelauncht und für knapp 20 Mio. Dollar versteigert hat, während Konkurrent Nike virtuelle Turnschuhe für Avatare entwickelt. Ganz frisch ist in einem Pariser Auktionshaus der digitale Code der allerersten SMS der Welt für mehr als 100.000 USD unter den Hammer gekommen. Versteigert wurde das NFT von Vodafone, die Erlöse sollen an ein Flüchtlingshilfswerk gehen. Nicht nur die Geldmengen in dem Markt sind gestiegen, die digitale Kunst hat sich auch als solche weiterentwickelt. Sie ist komplexer und professionellerer geworden, zunehmend verknüpft sie sich mit der realen Welt. Ein Ausflug in den NFT-Markt von heute.

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Was sind NFTs?

Non-Fungible Tokens (NFTs) sind frei übersetzt “nicht austauschbare, digitale Vermögenswerte”, also virtuelle Güter, die so verschlüsselt werden, dass sie dadurch einzigartig sind. Wer ein NFT erwirbt, erhält ein Echtheitszertifikat, ist also der identifizierbare Eigentümer. Wird es anschließend wieder verkauft, wechselt das Zertifikat den Besitzer. Handeln lassen sich NFTs auf dafür eingerichteten Plattformen wie Open Sea, Nifty Gateway oder Rarible, vereinzelt auch über Krypto-Handelsplätze. Denn seit Kurzem wollen auch Anbieter wie Coinbase und Binance in dem Markt mitmischen. Doch dazu gleich mehr.

Der Markt erfindet sich neu

Virtuelle Burger, Fußball-Sammelkarten und Trainingsanzüge

Knapp 26,9 Milliarden USD wurden 2021 nach Angaben des Blockchain-Unternehmens Chainalysis zwischen NFT-Tradern hin und hergeschoben. Solche Summen dürften in erster Linie dafür verantwortlich sein, warum inzwischen auch Großkonzerne in das Geschäft mit den virtuellen Vermögenswerten eingestiegen sind. Coca Cola hat in diesem Sommer eine virtuelle Jacke versteigert, der Vfl Wolfsburg virtuelle Sammelkarten und die Fastfood-Kette McDonalds einen digitalen McRib. Und der Filmregisseur Quentin Tarantino streitet sich aktuell mit einer Produktionsfirma, ob er unveröffentlichte Szenen aus seinem 1990er-Jahre Erfolg “Pulp-Fiction” nicht als NFT versteigern darf. Für Aufsehen sorgten aber vor allem die NFT-Kampagnen von Nike und Adidas, deren digitale Trainingsanzüge und Sneaker mitunter für den Einsatz in einer Art virtueller Parallelwelt gedacht sind: der sogenannten Metaverse.

NFT Burger BigMac
Der erste gesunde Burger? Ein BigMac als NFT. Quelle: OpenSea

NFTs für ein Leben in der Metaverse

Einige der in diesem Jahr entwickelten NFTs lassen sich in der sogenannten Metaverse verwenden. Das ist der Oberbegriff für digitale 3D-Räume, in denen Nutzer in Gestalt von Avataren per Virtual Reality aufeinandertreffen und interagieren können. Schon vor Jahrzehnten haben Sci-Fi-Autoren eine solche alternative Welt erschaffen – beispielsweise Neal Stephenson mit seinem Roman “Snow Crash”, der 1991 erschienen ist. Die Idee ist also nicht neu, soll jetzt aber Wirklichkeit werden: Vor allem Silicon Valley-Größen wie Mark Zuckerberg und Epic Games-CEO Tom Sweeney glauben an das Zukunftsprojekt (Facebook heißt jetzt Meta). Noch steckt die Metaverse in der Entwicklungsphase und mehrere IT-Unternehmen versuchen sich an einer Version der virtuellen Welt. Was wiederum digital affine Menschen motiviert, in NFTs zu investieren, die dadurch einen konkreten Anwendungsbereich erhalten. Bestücken lässt sich so eine Metaverse übrigens mit unzähligen Dingen: Neben Avataren und Kleidung für die Avatare zum Beispiel mit Grundstücken oder Häusern. Eine digitale Yacht, bestehend aus nichts als kryptografischen Zeichen, ist kürzlich für schlappe 650.000 USD versteigert worden.

Physische NFTs

Zusätzlich sieht es so aus, als würden die virtuelle und reale Welt allmählich miteinander verschmelzen. Einige NFTs werden inzwischen etwa als Begleitung zu realen Produkten entwickelt. Dieses Feld der sogenannten “physischen NFTs” möchte unter anderem der Sportartikelhersteller Nike beackern. Mitte Dezember gab der Konzern bekannt, das 2020 gegründete Unternehmen Artefakt (RTFKT) übernommen zu haben. Der Kaufpreis blieb geheim, vor dem Kauf war das Unternehmen Medienberichten zufolge allerdings 33 Mio. USD wert. Artefakt ist ein Kreativstudio, das sich auf die Entwicklung virtueller Fashion-Sammlerstücke fokussiert hat, darunter beispielsweise Sneaker, die sich dann als NFT erwerben lassen. Auf der Plattform OpenSea bietet das Designunternehmen bereits mehrere virtuelle Sneaker zum Kauf an, darunter ein Turnschuh für stolze 2 Mio. USD (das entspricht etwa 500 Ether). Schon 2020 hat sich Nike seine “Tokenisierung” von Turnschuhen patentieren lassen und plant nun, zu jedem realen Paar Schuhe ein paar virtuelle Nikes dazu zu geben, die dann in der Metaverse getragen werden können. Werden die echten Schuhe wieder verkauft, wechselt auch das NFT seinen Besitzer.

NFTs werden dynamisch

Anders als noch vor einem Jahr, existieren inzwischen nicht mehr nur starre JPEG-Bilder, GIFs und Sammelkarten oder Videoclips, die stets ein und dieselbe Szene zeigen. Viele der neuen NFTs sind dynamisch, können sich also weiterentwickeln und optisch verändern – und durch Entwicklungen in der “realen Welt” in ihrem Wert steigen oder fallen. Grob gesagt funktioniert das, indem die Smart Contracts, auf denen die NFTs basieren, mit externen Echtzeitdaten angereichert werden. Ein Sammelbild-NFT könnte beispielsweise von der Performance eines Profi-Fußballers abhängen. Gelingt dem Spieler eine bestimmte Leistung in der “echten” Welt, könnte das in dem Smart Contract einen Befehl auslösen, der die Auflage an NFTs für ebendiesen Spieler verknappt. Das NFT gewinnt dadurch an Wert. Für den NBA-Basketballer LaMelo LaFrance Ball existiert beispielsweise bereits ein solches dynamisches NFT.

NFT Mashmellow
NFT des Basketballers LaMelo Ball. Quelle: OpenSea

Neue Plattformen erobern den Markt

Nach anfänglicher Skepsis sind nun auch mehrere Krypto-Handelsplätze auf den Geschmack der NFTs gekommen. Noch im Sommer 2021 verglich Coinbase-Mitgründer Fred Ehrsam den NFT-Hype mit der Dotcom-Blase der 1990er Jahre. Ende Oktober nun ließ sein Unternehmen verlauten, Wallet-Besitzern den Handel mit NFTs e