Schulden sind ein Tabuthema, das Hunderttausende Menschen in Deutschland betrifft. In dieser Folge Finanzfluss Exklusiv trifft Ana die Insolvenz- und Schuldnerberaterin Vanessa Lehmann aus Berlin. Wie geraten Menschen in die Schuldenfalle, warum verschließen viele Betroffene lange die Augen und worin unterscheiden sich junge von alten Schuldnern?

Als Schuldnerberaterin versucht Lehmann zuerst, Alternativen zur Privatinsolvenz zu finden. Doch wenn das nicht möglich ist, bleibt sie als letzter Ausweg – ein Leben mit Einschränkungen beginnt, doch auch: ein Leben mit Aussicht auf Schuldenfreiheit. Wie genau das Verfahren abläuft, wie viel Geld man behalten darf und was mit Aktien passiert, erfahrt ihr in diesem Gespräch.

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Insolvenzberaterin Vanessa Lehmann

Vanessa Lehmann ist zertifizierte Schuldner- und Insolvenzberaterin. Nach ihrer Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten absolvierte sie berufsbegleitend ein Studium zur Rechtsfachwirtin. Sie arbeitete von 2006 bis 2015 als Sachbearbeiterin bei einem Berliner Insolvenzverwalter. Heute arbeitet sie in der Kanzlei Lehmann als Insolvenz- und Schuldnerberaterin.

So verschuldet sind die Deutschen 

In Folge 189 haben Thomas und Ana einen Überblick über die Schuldensituation in Deutschland gegeben, kurz zusammengefasst:

Laut Statistischem Bundesamt lag das volkswirtschaftliche Schuldenvolumen 2019 bei rund 196,6 Milliarden Euro. Pro verschuldeter Person waren das durchschnittlich 28.200 Euro.  Diese Auswertung beruht auf Angaben der ca. 1.450 Schuldnerberatungsstellen in Deutschland. Mehr als 130.000 beratene Personen haben anonym Angaben gemacht, die dann hochgerechnet wurden. 

Wie viele Menschen in Deutschland haben also ein Problem mit Schulden? Ganz genau kann man das schwer einschätzen, aber einen Richtwert gibt folgende Zahl: 2019 waren 582.129 Menschen bei der Schuldnerberatung.

Hier gibt es aber starke Unterschiede in den Altersgruppen:

Der Hauptauslöser für eine Überschuldung unter 25 Jahren war eine unwirtschaftliche Haushaltsführung, sprich kein Schicksalsfall oder Ähnliches/einfach zu viel ausgegeben/zu schlecht gewirtschaftet); bei über 65-Jährigen sind es Erkrankung, Sucht oder Unfall. 

Auch die Gläubigerart unterscheidet sich nach Alter:

Fast ⅔ der unter 25-Jährigen, die 2018 eine Schuldnerberatung in Anspruch genommen haben, hatten offene Rechnungen bei Telekommunikationsunternehmen – durchschnittlich 1.573 Euro.

Bei über 65-Jährigen sind Kreditinstitute ganz klar vorne, in der Gesamtbevölkerung sind es öffentliche Gläubiger (inkl. Finanzamt), gefolgt von Kreditinstituten.

Der Berufsalltag als Insolvenzberaterin

Als Insolvenz- und Schuldnerberaterin heißt es für Vanessa Lehmann zunächst: sich gemeinsam mit dem Mandanten oder der Mandantin einen Überblick verschaffen. Welche Rechnungen stehen aus, welche Gläubiger gibt es, welche Einnahmen stehen welchen Ausgaben und Verpflichtungen gegenüber?

Dann wird mit den Gläubigern gesprochen, gegebenenfalls verhandelt, bevor ein mögliches Verbraucherinsolvenzverfahren beantragt wird. Diese ist der letzte Ausweg – in einigen Fällen konnte Vanessa Lehmann für Ihre Kunden eine Alternativlösung finden, wenn z.B. Eigentum vorhanden ist oder die Familie unterstützen kann bei einer moderaten Schuldensumme. Doch manchmal ist die Privatinsolvenz ein gangbarer Weg, bedeutet sie doch, dass man eine Chance auf ein Leben ohne Schulden hat.

Wie läuft eine Privatinsolvenz ab?

Das Verbraucherinsolvenzverfahren dauert drei Jahre (seit Oktober 2020, früher sechs) Jahre. Dabei wird ein Teil des Einkommens sowie gegebenenfalls Vermögen gepfändet – damit werden Teile der Schulden und der Insolvenzverwalter bezahlt. Der Freibetrag, den man als Alleinstehender behalten darf, beträgt derzeit 1.180 Euro. 

Vorhandener Besitz kann gepfändet werden; wie genau darüber entschieden wird, erklärt Vanessa Lehmann im Interview.

Auswege aus der Verschuldung/Schuldenabbau

Zunächst solltest du dir einen Überblick über deine Schulden verschaffen – z.B. in einer Excel-Tabelle inkl. Zinssätzen, Laufzeit und möglichen Sondertilgungsrechten.

Sondertilgungsrechte: Beim BaFög oder bei einem Bildungskredit der KfW kannst du in Sonderraten Teile deiner Schulden tilgen. Auch bei Hauskrediten gibt es manchmal solche Konditionen.

Bei den meisten Konsumschulden geht das leider nicht – die Banken erheben hier gerne Vorschusszinsen, lassen sich also dafür entschädigen, dass du die Schulden früher abbezahlen willst.

Ordnung in deine Finanzen bringen: Haushaltsbuch? Finanzielle Bildung? Laufende Kosten prüfen. → Vorlage auf der Finanzfluss Homepage.

Rückzahlungsplan erstellen: Wie viel bleibt dir jeden Monat übrig, welche Sondertilgungen kannst du vornehmen? 

Schuldenaufbau vorbeugen: Lehren ziehen, möglicher Neuverschuldung vorbeugen, indem du dir einen Puffer aufbaust – mindestens drei Nettogehälter auf dem Tagesgeldkonto/sofort verfügbar.

Wie geht es danach weiter?

Manche Experten empfehlen, erst alle Schulden abzubauen und sich dann um den Vermögensaufbau zu kümmern.

Andere schwören darauf, beides gleichzeitig anzugehen: Schuldenabbau und langsames Investieren/Rücklagen aufbauen. Was in eurem Fall mehr Sinn ergibt und vor allem emotional besser passt, liegt euch ganz selbst überlassen.

ℹ Quellen und Links: