Die Dotcom-Krise hat das Vertrauen in Aktien nachhaltig geschädigt. Doch wie konnte es dazu kommen? Das erzählen Thomas und Ana in dieser Folge Finanzfluss Exklusiv nach. Millionen Kleinanleger haben ums Jahr 2001 herum viel Geld verloren – wir ziehen Lehren daraus und fassen zusammen, welche Faktoren die Krise ausgelöst haben.

Die Dotcom-Krise in Kürze

Als das Internet die breite Masse erreichte, werden immer mehr Internetunternehmen gegründet, die oft extrem schnell wachsen: der “Neue Markt”. Anlegerinnen und Anleger lassen sich vom Trend verleiten, vertrauen auf das Potenzial der neuen Technologie. Die Folge davon ist eine Spekulationsblase, deren Platzen vielen Unternehmern und Anlegern ums Jahr 2001 herum Riesenverluste einbringt – und das Vertrauen in Aktien nachhaltig schädigt. 

Chronologie der Dotcom-Krise

Grundlage: Das Internet erobert die Welt

In den 1990er-Jahren entwickelt sich das Internet weltweit immer schneller, viele Unternehmensgründungen verstärken die Entwicklung. Investoren stürzen sich auf das Feld, denn das Potenzial scheint enorm zu sein. Doch wann ging das Ganze los?

1989 entwickelt Tim Berners-Lee das World Wide Web am CERN – zunächst als Mittel, um zwischen Wissenschaftlern und Universitäten Informationen hin- und herzuschicken. Um 1993 herum wird schon mehr damit experimentiert, Daten um die Welt zu schicken, was allerdings noch sehr zeitaufwendig und kompliziert ist. Schätzungsweise nutzt nur ein Prozent der Bevölkerung damals das Web. 

Das ändert sich rasant, als die ersten Browser das Internet für alle zugänglich machen. 1994 kommt Netscape auf den Markt, das Unternehmen wird beim Börsengang auf rund drei Milliarden US-Dollar geschätzt. Dabei hat Netscape nie Gewinn gemacht, es ging rein um das Potenzial, das Investoren darin gesehen haben. Immer mehr Internetunternehmen sprießen aus dem Boden.

Wachstum ohne Weitblick: Die “New Economy”


Daran erkennt man einen der Fallstricke, die zur Dotcom-Krise führten: Wachstum stand an allererster Stelle, um jeden Preis. Nach dem Motto: “Get large, or get lost”. Viele Internetfirmen, bzw. wie man sie jetzt gerne nennt, “Dotcom-Firmen”, setzen Gratisprodukte oder Sonderangebote ein, um sich ihre Stellung auf dem Markt zu sichern und bekannter zu werden. Oft locken die Unternehmen Mitarbeiter mit schicken Büros, geben Millionen für Werbung aus. Das klappt einige Jahre auch – viele der Unternehmen können schnell wachsen dank Wagniskapital. Es sieht nach einem Win-Win für Investoren und Unternehmer aus.

Die Aktienkurse steigen sehr schnell, und dasselbe gilt für viele der Internetunternehmen: oft junge Unternehmen, die sehr schnell wachsen. Viele Investoren vertrauen auf ungebrochenes Wachstum, den Abschied von Konjunkturzyklen und ständige Innovationen. Die Medien verstärken den Trend. Viele Anleger werden durch den Hype in kurzer Zeit reich. Allerdings verbrennen sich auch viele daran die Finger.

Gedanken dazu, wie die Unternehmen Profit generieren und langfristig bestehen können, haben sich manche der Unternehmen nicht von Anfang an gemacht. Es ging vor allem darum, dabei zu sein. Manche Hypes führten zu extremen Überbewertungen, z.B. pets.com, ein ehemaliger Online-Tierhandel, z. B.: Das Unternehmen ging nur neun Monate nach dem Börsengang pleite – und war zu dem Zeitpunkt mit 300 Mio. US-Dollar bewertet. Grund für die Pleite: Lieferprobleme, viel zu hohe Werbeausgaben.

Was nicht heißt, dass alle Gründungen im Sand verlaufen sind: Unternehmen wie Google und Amazon zählen zu den großen Gewinnern der Dotcom-Jahre.

Aktienkurse von Technologieunternehmen entfernen sich von der Realität

Viele Tech-Unternehmen verdoppeln, manche vervierfachen sogar den Verkaufspreis ihrer Aktie am Tag des IPOs (Börsengangs). Der NASDAQ Index, der wichtigste Technologie-Index, kennt jahrelang nur eine Richtung: nach oben. Zwischen Januar 1995 und März 2000 ist der Index um 582 Prozent gestiegen.

Der Nemax Index

Die Deutsche Börse Group schafft am 10. März 1997 einen neuen Index für die New Economy: den NEMAX, “Neuer Markt Index”. Vorbild dafür war die US-amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Der heutige TecDAX ist ein Nachfolger des NEMAX.

Die ersten Nemax-Unternehmen sind Bertrandt und Mobilcom. Das erste ausländische Unternehmen im Nemax ist das niederländische Biotech-Unternehmen Qiagen. Ende 1997 sind 17 Unternehmen gelistet; der Index hat zwischen März und Dezember 1997 um 97,4 Prozent zugelegt. Im nächsten Jahr dann nochmal um 174,4 Prozent.

1999 veröffentlicht die Deutsche Börse den Blue-Chip Index Nemax 50. Als Basiswert wird der 30.12. 1997 mit 1.000 Punkten gesetzt. Der bisherige Nemax wird in Nemax All Share umbenannt. 

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis gerät außer Balance

Ein Trend zeichnet sich ab: Die Aktienkurse steigen immer weiter, doch die tatsächlichen Gewinne der Unternehmen lassen oft auf sich warten – durch hohe Investitionen schreiben manche Unternehmen lange rote Zahlen. Das kann man am Kurs-Gewinn-Verhältnis (englisch: PE-Ratio) ablesen – einem Kriterium, das wichtig für die Aktienbewertung ist. Es vergleicht den Wert eines Unternehmens zum Gewinn, den das Unternehmen erwirtschaftet.

Am Kurs-Gewinn-Verhältnis kann man gut die Entwicklung zur Dotcom-Krise ablesen: Der S&P 500, ein US-amerikanischer Technologie-Index, hatte in den 1980-er Jahren ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von ca. 10, der Börsenwert der Aktie ist also zehnmal so hoch wie der Gewinn der Aktie. Im Jahr 2000 lag das KGV bei durchschnittlich 44. 

Übrigens: Aktuell liegt das Durchschnitts-KGV für den S&P 500 wieder bei über 40. Am 10. März 2000 erreicht der NASDAQ seinen Rekord von 5.049 Punkten. Die enthaltenen Unternehmen hatten im Durchschnitt ein KGV von rund 200 erreicht. Der Kurs lag also 200 mal so hoch wie der Gewinn! Ein klares Symptom einer Spekulationsblase, die noch im selben Monat platzt.

Höchststand und Beginn der Krise (am Fallbeispiel Nemax erklärt)

Am 10. März 2000 erreicht der Nemax All Share seinen Rekordstand von 8559 Punkten. Die rund 300 darin gelisteten Unternehmen sind damals nach Marktkapitalisierung knapp 235 Milliarden Euro (ca. 459,6 Mrd. DM) wert. Der DAX erreicht einen damaligen Rekord und knackt die 8.000er-Marke.

Dabei spiegelt dies nicht die ganze Realität wieder: Immer mehr Unternehmen können ihre Prognosen nicht erfüllen, die Kurse rutschen ab, erholen sich teilweise zwischendurch wieder. Doch die Tendenz geht kontinuierlich nach unten.

Am 17. April 2000 geht T-Online an die Börse – das mit einem Volumen von fast 2,5 Milliarden Euro größte IPO am Neuen Markt. Die Warnungen von Experten in Magazinen und Börsenbriefen werden lauter. “Todeslisten” mit Unternehmen, die vor der Zahlungsunfähigkeit stehen sollen, kursieren. Im September 2000 geht das erste Nemax-Unternehmen in die Insolvenz: Telekom-Tochter Gigabell. Es kommen weiter neue Firmen auf den Neuen Markt, obwohl die Kurse weiter sinken. 

Die bekannteste Dotcom-Aktie ist wohl die Telekom-Aktie selbst, die als “Volksaktie” gefeiert wurde. Sie stieg vom IPO am 18. November 1996 bis März 2000 von 14,57 Euro (damals 28,50 DM ) auf einen Höchststand von 103,50 Euro. Fast zwei Millionen Kleinanleger hielten die Aktie, als der Crash kam. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, bewegt sich die Telekom Aktie wieder im Bereich des Ausgangspreises von rund 17 bis 18 Euro.

Am 3. Januar 2001 erreicht der Nemax 50 ein Rekordtief von 2.175 Punkten. Am 3. April 2001 beginnt der Ausverkauf: Der Nemax 50 stürzt rapide ab, auf unter 1.300 Punkte. Viele Unternehmen wechseln vom Neuen Markt in den geregelten Markt (Indexwechsel), oder versuchen es zumindest, um ihr Image zu verbessern. Im Juli 2001 kündigt die Deutsche Börse ein Delisting von Penny-Stocks und Aktien insolventer Unternehmen an. Betroffen sind Aktien, deren Kurs dauerhaft unter einem Euro und deren Marktkapitalisierung unter 20 Mio. Euro liegt. 

Im August 20 fällt der Nemax 50 erstmals unter 1.000 Punkte, also unter den Basiswert. Nach den Anschlägen in den USA am 11. September 2021 brechen die Kurse weiter ein, bis Ende September fällt der Nemax 50 auf 662 Punkte.Im Oktober schließt die Deutsche Börse erste Unternehmen vom Nemax Index aus; Kabel New Media ist die erste insolvente Firma, die vom Delisting betroffen ist.

Immer mehr Firmen werden vom Index genommen, teilweise werden Verfahren eingeleitet, u. a. gegen den Telematikanbieter Comroad. Geschäftsführer Bodo Schnabel wird verhaftet. Der 21. März 2003 war der letzte Handesltag des Nemax – die Deutsche Börse schließt das Segment Neuer Markt nach den rapiden Kursrückgängen.

Die Auslöser

Wie kam es zu den drastischen Einbrüchen an den Technologiebörsen? Im Februar 2000 kündigt die Fed in den USA an, die Zinsen zu erhöhen, was für Panik bei vielen Großanlegern sorgte. Der Leitzins stieg von 5,5 auf 6,5 Prozent (2001). 

Vielen dämmerte, dass die Werte der Technologieaktien nicht real gedeckt sind und sie haben Aktien im großen Stil abgestoßen. Dadurch kam es zu einer Kettenreaktion: Kleinanleger waren verunsichert, haben ihre Aktien abgestoßen, der Kurs sank weiter, was weitere Anleger in Angst versetzte und dazu brachte, ihre Aktien loszuwerden. Diese Angst verbreitet sich natürlich international auf den Märkten und trifft auch den Nemax.

Der Nasdaq fiel vom Höhepunkt von 5.048 Punkten am 10. März 2000 bis auf 1.114 Punkte am 9. Oktober 2002. Der Crash löschte eine Marktkapitalisierung von 5 Billionen Dollar aus. Infolge dessen wurden unter anderem die Zinsen wieder herabgesetzt – eine der Grundlagen für die Immobilienblase, die sich um 2007 in den USA entwickelt hat.

Eine Folge davon: die Aktienscheu der Deutschen

Die Dotcom-Krise hat das Vertrauen vieler Deutscher in Aktien erschüttert. Es hat Jahre gedauert, bis die Aktionärsquote wieder langsam angestiegen ist. Durch die Pandemie gab es einen Schub, viele Kleinanleger sind seitdem eingestiegen – die Zahl der Aktionäre ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Studie des DIW: Der Fall der T-Aktie

Neuer Boom der Tech-Aktien: Ist jetzt alles anders?

Vorab: Natürlich sind durch die Dotcom-Krise nicht alle Internet-Unternehmen abgestürzt oder nachhaltig beeinträchtigt worden. Wie wir wissen, konnten sich einige große Firmen durchsetzen, u. a. Apple, Google, Microsoft, die heute zu den am höchsten bewerteten Unternehmen gehören.

Wie kann man das Investieren in überbewertete Aktien vermeiden?

  • Du solltest Investments nie rein auf erwartbare Entwicklung basieren, sondern den aktuellen Stand des Unternehmens berücksichtigen (z. B. unter Berücksichtigung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses).
  • Eine weitere nützliche Kennzahl ist der Beta-Koeffizient: Er zeigt an, wie stark eine Aktie in Börsenauf- und -abschwüngen im Vergleich zum Durchschnitt schwankt.
  • Vermeide Panikverkäufe