Finanzfluss Exklusiv Podcast Cover mit Thomas und Ana

#331 Tech-Aktien: vom Vorzeigesektor zum Problemkind

13. Oktober 2022

Wer 2020 und 2021 in Tech investiert hat, durfte sich freuen: ein regelrechter Boom, Kurse, die sich teils verdoppelt haben – was sich in vielen Fällen als Überbewertung entpuppt hat. Diese Zeiten sind vorbei. Der höhere Leitzins macht Tech-Werten besonders zu schaffen. Ana und Thomas erklären euch, woran das liegt, schauen sich einige Zahlen an und werfen einen Blick darauf, wer von der aktuellen Krise stattdessen profitiert.

Bestandsaufnahme

Zum Zeitpunkt der Aufnahme dieser Folge ist offensichtlich: Tech-Indizes sind von der aktuellen Krise weit stärker getroffen als der Gesamtmarkt. Von Januar bis Ende September verlor der Tech-Index Nasdaq 31,69%, der breitere Dow Jones 20,36%. Der MSCI World sank im selben Zeitraum um ca. 25%; der Xtrackers MSCI World Information Technology im Vergleich um 30,6%.

Selbstredend sind nicht alle Technologie-Aktien gleich stark betroffen. Gerade etablierte Unternehmen wie Apple (minus 4,8% seit Jahresanfang) oder Microsoft (minus 16,5% minus) stehen besser da.

Und wenn man vom Technologiesektor absieht, gibt es natürlich auch Gewinner dieser Krise. Die Rüstungsindustrie, Ölunternehmen, Stromerzeuger und Betreiber von Windparks und anderen erneuerbaren Energiequellen profitieren.

Treiber der Tech-Krise

Der Boom der letzten Jahre

Tech-Werte sind dank der Niedrigzinsphase stark gestiegen. Man könnte sagen: Was hoch fliegt, muss irgendwann absinken. Dazu kam ein Hype um einzelne Werte, der die Überbewertung verstärkte. 

Einige Titel haben nach einem ersten “Coronaknick” von den Lockdowns profitiert, die sogenannten “Stay-at-home-Aktien”. In Folge 125 hatten Thomas und Ana einige interessante Beispiele zusammengestellt. Lieferunternehmer finden sich darunter, aber auch ein paar Überraschungen wie Sexspielzeug-Hersteller. In den USA gab es durch die sogenannten Stimulus Checks einen zusätzlichen Konsumanreiz, und konsumiert wurde in 2020 und 2021 zu großen Teilen im digitalen Raum.

Nun, Ende 2022, hat sich die Lage erholt. Menschen konsumieren wieder in den Innenstädten, gehen in den Supermarkt, statt sich Lebensmittel liefern zu lassen. Das ist einer der Aspekte, der jedoch nicht die herben Verluste erklären kann.

In Zahlen ausgedrückt haben einige Aktien extreme Einbußen verzeichnet: Die Differenz zwischen dem 52-Wochen-Hoch und -Tief liegt bei dem Softwareunternehmen Zoom etwa bei 69,8%, bei Everbridge Inc bei 82,5% und bei dem Lieferservice Delivery Hero bei 81,8%. Der größte Faktor für diesen Einbruch dürfte die Anpassung des Leitzins sein.

Leitzins-Korrektur 

Der Leitzins der USA liegt aktuell, nach einer Anhebung, bei 2,25 bis 2,5%. Die EZB hat ihn für die EU auf 1,25% angehoben – von vorher 0%. 

Grund für den Kurswechsel in der Geldpolitik ist die anhaltend hohe Inflation. Der höhere Leitzins trifft Tech-Unternehmen, die noch nicht profitabel sind (sogenannte “Non-Profitable Techs”, besonders hart. Ihr Wachstum fußte jahrelang auf fast kostenlosem Fremdkapital, Geld war sozusagen billig.

Ein Großteil der erwarteten Gewinne und Mittelzuflüsse liegt in der fernen Zukunft, was in der Bewertung berücksichtigt wird. Die künftigen Zahlungsströme werden auf das Heute abdiskontiert. Es wird also ermittelt, was ihr heutiger Wert wäre. Und da die Zinsen gestiegen sind, wird hier ein höherer Zinssatz für das Abdiskontieren angesetzt. Der Unternehmenswert der Firmen fällt somit also niedriger aus.

Ein weiterer Nebeneffekt der Leitzinsanhebung: Risikoarme Anlageklassen wie Staatsanleihen werden für manche Anleger wieder interessanter.

Lieferkettenprobleme und Chipmangel

Gerade für Computertechnologie- und Automobiltech-Unternehmen sind Lieferkettenprobleme eine Bremse. So können weniger Produkte produziert und verkauft werden, als geplant.

Inflation bremst Werbeeinnahmen

Meta (Facebook), Amazon, Google, Twitter, Snapchat und weitere Unternehmen verlieren drastisch an Werbeeinnahmen, die Kern ihres Geschäftsmodell sind. Denn: In Zeiten von hoher Inflation kürzen viele Firmen vermeintlich unnötige Kosten für Werbung und Marketing. 

Und natürlich sparen auch die Nutzerinnen und Nutzer, die Kunden, wegen der Inflation. Die Kaufstimmung liegt in Deutschland auf einem Tiefpunkt – das bekommen auch Tech-Unternehmen zu spüren. Ein zusätzlicher Faktor ist das Ende der Kooperation mit Russland und der Abzug vieler Unternehmen und Angebote aus dem Land – damit gehen natürlich auch zahlende Kundinnen und Kunden verloren. 

So reagieren die Unternehmen

Viele Tech-Unternehmen haben ihre Gewinnziele nach unten korrigiert und ihre Ausgaben reduziert. Dazu zählen auch Entlassungen bzw. Einstellungsstopps. Auch die Tech-Unternehmen selbst kürzen jetzt ihre Werbebudgets, und Profitabilität wird zu einem Ziel, dass früher erreicht werden soll.

Wie geht es weiter?

Wo die Märkte in einem Jahr oder in mehreren Jahren stehen werden, kann keiner voraussagen. Weitere Leitzinserhöhungen sind wahrscheinlich – Experten erwarten im November eine weitere Ankündigung. Das könnte zu weiter sinkenden Kursen führen.  Allerdings besteht immer das Risiko für die Fed und die EZB, durch steigende Leitzinsen eine Rezession einzuleiten, deshalb wird der Leitzins nicht unendlich weiterklettern.

Der Technologie-Sektor wird sicherlich auch in Zukunft wichtig sein, was sich allerdings erst auf lange Sicht zeigen wird.

Worauf du als Anleger/in achten solltest

Bevor du Geld an der Börse anlegst, solltest du einen Notgroschen ansparen. In Krisenzeiten behältst du so einen kühlen Kopf und musst keine Verluste realisieren. Panikverkäufe sind keine gute Entscheidung.

Der Boom und der Absturz einiger Tech-Werte zeigt: Mit einem Weltportfolio klammert man das Klumpenrisiko weitestgehend aus. Der MSCI World beispielsweise richtet sich nach dem weltweiten Aktienmarkt und richtet sich nach den aktuellen Gewinnern und Verlierern des Markts aus.

Shownotes

Kommentare (0)


Kommentar schreiben