Mona Linke
Mona Linke
27. August 2020

Freiheit oder Faulheit: Wie sinnvoll wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen?

1.200€ mehr jeden Monat. Das ist der Weg in die Teilzeitstelle. Mehr Zeit für Sport und Urlaub mit der Familie. Endlich ein Hobby haben, studieren, sich selbstständig machen. Oder die Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg mieten. Ja, mit knapp 1.000€ mehr könnte sich das Leben vieler Deutsche grundlegend verändern.

Zum Positiven, meinen die Befürworter des Bedingungslosen Grundeinkommens, das den Leuten mehr Freiheit geben und wieder Chancengleichheit herstellen soll. Derweil die Gegner fürchten, der gemeine Deutsche flüchte sich ins süße Nichtstun, Putzfrauen werfen das Handtuch und dem Krankenhaus gehen die Pfleger aus. Rainer Hoffmann zum Beispiel, der Chef der Gewerkschaften, hält das Grundeinkommen für “Irrsinn”. Für eine “Abwrackprämie für Menschen”. Der Gewerkschaftsfunktionär ist längst nicht der einzige, der das Grundeinkommen – gelinde gesagt – für eine Schnapsidee hält. 

Ein ausführliches Gespräch zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen haben wir in dieser Folge Finanzfluss Exklusiv geführt:

Zugegeben: Ein bisschen unwirklich klingt das Ganze schon. Jeder Mensch – wirklich jeder – soll von seiner Geburt bis zum Tod jeden Monat vom Staat Geld bekommen. Für die meisten eine utopische Vorstellung, die schließlich auch schon Thomas Morus in seinem 1516 erschienenen Roman “Utopia” aufgegriffen hat. 

Heute, 500 Jahre später, kann man nur spekulieren, was so eine Lebenssicherung mit der Gesellschaft machen würde. Der Verein “Mein Grundeinkommen” will es herausfinden und startet deswegen einen dreijährigen Feldversuch. 122 Menschen sollen das Grundeinkommen über diese Zeit erhalten – wie sie es verwenden, ist ihnen überlassen. 

Nichtsdestotrotz kocht schon jetzt die Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen über. Wir haben die häufigsten Argumente für und gegen das Modell einmal für euch aufgelistet.

Kritik / Bedenken:

“Uns gehen die Briefträger und Krankenpfleger aus”

Mit einem Grundeinkommen hat es doch niemand mehr nötig, einen anstrengenden und schlecht bezahlten Job anzunehmen, so eine beliebte Kritik an dem bedingungslosen Zuschuss.

“Uns gehen die Briefträger und Krankenpfleger aus”
Krankenpfleger-Mangel durch Grundeinkommen? Keine schöne Vorstellung. | Bild: unsplash.com

“Für den Millionär sind das doch Peanuts”

Bedingungsloses Grundeinkommen, das bedeutet auch, dass jeder, wirklich jeder, die Hilfe vom Staat bekommt. Auch die, die es eigentlich gar nicht nötig haben: Großinvestoren, Unternehmer, gut gestellte Erben. So ein Gießkannenprinzip sei doch einfach unfair, monieren viele Kritiker des Modells.

“Wer soll das bezahlen?”

Die Finanzierung eines solchen Modells ist nach wie vor ungeklärt. Fest steht: Irgendwo muss das Geld herkommen. Und Grundeinkommen-Kritiker fürchten, dass am Ende genau die geschröpft werden, die die Zuschüsse besonders gebrauchen können: Nicht-Akademiker oder Zuwanderer mit schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die plötzlich das Doppelte für den Supermarkt-Einkauf bezahlen müssen, weil zum Beispiel die Mehrwertsteuer angehoben wird. 

“Dann arbeitet doch niemand mehr”

Es ist das wohl populärste Argument gegen das bedingungslose Grundeinkommen: Die Befürchtung, die meisten Leute würden ihren Job hinschmeißen und dem täglichen Müßiggang verfallen. Mit 1.200€ pro Monat ließe es sich schließlich ganz gut leben. Noch ungerechter, wenn das ganze Projekt über die Steuergelder jener finanziert wird, die nach wie vor arbeiten. 

“100 Jahre Wohlfahrtsstaat wären dahin!”

Hartz IV, die Rente, Kindergeld oder die Pflegeversicherung: All das würde mit einem Grundeinkommen überflüssig werden, kritisieren einige Gegner. Wer die Zusatzleistungen aber braucht, weil er zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, dem helfe auch das Grundeinkommen nicht mehr. 

Die Argumente der Befürworter:

“Jobs werden besser bezahlt”

Dass viele Menschen keine Lust mehr auf ihren unterbezahlten Knochenjob haben, sobald sie eine Grundsicherung bekommen, halten auch die Befürworter für wahrscheinlich. Aber ist das schlecht? Aus ihrer Sicht nicht: Schließlich würde das den ein oder anderen Arbeitgeber indirekt dazu zwingen, attraktivere Arbeitsbedingungen zu schaffen, so das Argument. 

“Mehr Freiheit, mehr Selbstbewusstsein, mehr Sport”

Wer finanziell unabhängig ist, komme überhaupt erst dazu, seine Talente oder gar seine Berufung zu finden, meinen viele Befürworter. Man sei überdies mit sich selbst im Reinen, ernähre sich gesünder und treibe mehr Sport, wie einige praktische Studien gezeigt haben. Grundsätzlich führe ein bedingungsloses Einkommen also zu mehr Zufriedenheit in der Gesellschaft – ohne Existenz- und Abstiegsängste.