Finanzfluss Team
Finanzfluss Team
9. Dezember 2021

Bitcoin Country: Stimmen aus dem Kryptoland El Salvador

Nachdem El Salvador im September diesen Jahres Bitcoin als Währung eingeführt hat, steht es im Fokus von Kryptointeressierten weltweit. Die Ankündigung des Präsidenten Nayib Bukele, eine “Bitcoin City” zu gründen, die durch die Kryptowährung finanziert werden soll, gibt der Neugier weitere Nahrung. Wir haben anlässlich dieses Vorhabens das zentralamerikanische Land besucht und mit Bewohnern darüber gesprochen, wie die Einführung des Bitcoin als Zahlungsmittel bisher angenommen wird, welche Herausforderung die Kryptowährung mit sich bringt und wie sie die Zukunftsperspektive des Projekts einschätzen.

“Für mich ist Bitcoin kein Experiment”

San Salvador, die Hauptstadt El Salvadors. Unter einer Plastikplane stehen Grüppchen von Männern vor blauen Kühlboxen und unterhalten sich, lachen, während sie auf den Bus warten. Wir sprechen drei irreguläre Arbeiter auf die Einführung des Bitcoins an und erfahren mehr über die praktischen Vorteile der neuen Währung.

Bitcoin Country: Stimmen aus dem Kryptoland El Salvador

Javier*: Die Leute hier sind die, die am meisten Geld in diesem Land bewegen. Aber wir haben weder Sozialversicherung noch feste Arbeit. Ich sehe Bitcoin als gute Möglichkeit, dass Leute aus dem Ausland Geld nach El Salvador schicken, ohne hohe Gebühren zahlen zu müssen. Die Banken leihen uns nämlich kein Geld.

Finanzfluss: Ist es einfacher für euch, mit Bitcoin an US-Dollar zu kommen?

Javier: Ja genau. Ich kann einfach über meine Chivo-Wallet Geld abheben, das ist sehr einfach. Auch wenn mir Geld aus dem Ausland geschickt wird, kann ich meiner Familie einfach meine Wallet-Nummer geben und bekomme dann Geld dorthin. ​​Sie schicken mir 100 US-Dollar und ich erhalte diese direkt in meiner Wallet. Da gibt es keine Gebühren. Western Union verlangt beispielsweise 20% Gebühren.

Finanzfluss: Was denkst du passiert in den nächsten fünf Jahren? Wird es ein erfolgreiches Experiment?

Javier: Für mich ist es kein Experiment: Für mich ist es eine positive Entwicklung, denn wir bekommen viel Geld aus dem Ausland zugeschickt. 

Finanzfluss: Klar, die 20 US-Dollar fehlen nicht mehr. Du hast 20 US-Dollar mehr.

Javier: Ja, das ist unglaublich gut. Hier ist das viel Geld.

Finanzfluss: Hast du Chivo?

Cesar*: Ja. Aber ein Problem hier ist, dass viele Leute zwar die App haben, die Technologie dahinter aber nicht verstehen. Das heißt, viele Leute können ausgetrickst werden. Wenn du einen Account eröffnest, bekommst du 30 US-Dollar Guthaben von der Regierung. Sagen wir jetzt aber, dass ich dir helfe, ein Konto zu eröffnen. Ich lasse dich dafür 20 US-Dollar bezahlen. Dann bleiben dir gerade noch 10! Andere nutzen die App nur, um sich ihre 30 US-Dollar abzuholen und danach nie wieder. Das fehlt hier noch: das Verständnis für den Hintergrund, das Potenzial, das Bitcoin für uns hat und welche Möglichkeiten uns hier geboten werden.

“Es ist eine Illusion”

San Salvador. Manuel trägt ein tarnfarbenes Hemd und eine dazu passende Hose. Er steht in dem kleinen Restaurant, das er besitzt, an den Wänden Drucke von bunten Malereien. Er sieht den Bitcoin vor allem als große Chance an – deutlich kritischer äußert sich sein Bruder Enrique*, den wir etwas später im selben Restaurant sprechen. Er unterstreicht vor allem die Gefahr steigender sozialer Ungerechtigkeit.

Bitcoin Country: Stimmen aus dem Kryptoland El Salvador

Manuel: Bitcoin ist die Währung der Zukunft, für unsere Kinder und Enkelkinder. Für diese ist es auch einfacher, Smartphone und Chivo zu nutzen. Ich habe damit schon manchmal noch Probleme und muss um Hilfe fragen. 

Finanzfluss: Was denkst du, wo wir in fünf Jahren stehen werden? 

Manuel: All die jungen Menschen werden Chivo benutzen. Wir Alten haben damals schon gelernt, in Dollar umzurechnen, warum sollten wir dann nicht auch lernen, mit diesem neuen Geld umzugehen? Wir müssen das Geld bewegen und ausgeben.

Finanzfluss: Benutzen deine Kinder Chivo? 

Manuel: Ja, sehr viel, alle von ihnen. Sie kaufen morgens und verkaufen später, und machen dadurch auch Geld. 

Finanzfluss: Trading, richtig?

Manuel: Ja, genau. Wer weiß, wie man damit umgeht, kann Geld machen. Wer keine Ahnung hat, verliert. Das ist wirtschaftliche Macht. 

Bitcoin Country: Stimmen aus dem Kryptoland El Salvador

Finanzfluss: Kann die Bitcoin-Technologie die Welt verändern? 

Enrique*: Ja, aber zum Besseren? Oder zum Schlechteren? Es ist bisher nur ein Experiment. Ein Gedankenexperiment: Du hast eine Million US-Dollar und tauschst diese in Kryptowährungen um. Dann wirst du gehackt – du verlierst alles. Was machst du dann? Der Präsident wird dir nicht helfen. Die Millionäre brauchen uns, die Armen, damit die Kryptowährungen weiter im Kurswert ansteigen. 

Finanzfluss: Ist das nicht in jedem Markt so?

Enrique: Klar, aber wer gewinnt wirklich? Wir sicherlich nicht. Es ist ein bisschen wie Glücksspiel. Reiche Leute können sich Leute leisten, die sie dafür bezahlen, ihr Vermögen in Krypto zu verwalten und es herauszunehmen, wenn die Kurse sinken. Ich kann das nicht. Es ist also eine Illusion, ein Zaubertrick.

“Systemwandel”

Im Südosten der Hauptstadt befindet sich der vulkanische See Laguna de Alegria mit seinem türkisgrünen Wasser, eingebettet in die Berglandschaft des Tecapa-Vulkans. David sitzt im Schneidersitz unter Bäumen, während er uns von seinen Erfahrungen mit der neuen Landeswährung und Technologie erzählt.

Bitcoin Country: Stimmen aus dem Kryptoland El Salvador

Finanzfluss: Benutzt du Bitcoin und die Wallet Chivo?

David: Seit dem Moment, in dem die Regierung die Chivo App offiziell eingeführt hat, haben wir als Salvadoreños begonnen, uns mehr mit dem Thema Bitcoin auseinanderzusetzen: wie funktioniert das genau, was sind die Vorteile? Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich die App im Moment noch nicht nutze, da ich technische Probleme hatte. Aber viele meiner Freunde nutzen sie schon. Sie erzählen mir, dass es momentan noch nicht viele Orte gibt, an denen man auch mit Bitcoin zahlen kann. Aber es werden wohl immer mehr, je mehr wir über das Thema und die Vorteile, die die Zahlung mit Bitcoin für El Salvador mit sich bringt, lernen. Ich hoffe deshalb, dass wir in einigen Monaten keine technischen Probleme mehr haben und die Technologie besser verstehen. 

Finanzfluss: Nutzen deine Familienmitglieder bereits die App? 

David: Ja, und sie meinten, dass es eine interessante Erfahrung sei.

Finanzfluss: Was meinst du damit? 

David: Mein Schwager verwendet beispielsweise die App. Er nutzt sein Handy viel, um den Kurs von Bitcoin zu verfolgen und sagt mir dann immer, wenn der Kurs gerade steigt oder sinkt. 

Finanzfluss: Ah, Trading! 

David: Genau. Wie gesagt, ich persönlich habe die App noch nicht. Trotzdem interessiert sie mich. Ich glaube, Bitcoin könnte unser Land fortschrittlicher machen. 

Finanzfluss: Hast du Familie in den USA oder einem anderen Land? Schicken sie dir Geld mit Moneygram oder Bitcoin, oder wie funktioniert das? 

David: Ja, ich habe Familie in den USA. Wenn sie Geld schicken, dann beispielsweise mit Wells Fargo oder Moneygram. Das ist unglaublich teuer, weil unabhängig von der Summe, die gesendet werden soll, stets 15-20 US-Dollar Gebühren anfallen. Außerdem kann es ein bisschen anstrengend werden – man muss sich bei den Banken hier lange anstellen, um an das Geld zu kommen. Manchmal ist auch der Name falsch geschrieben, dann wollen einem die Banken das nicht auszahlen. Für die von uns, die Geld von Familienmitglieder geschickt bekommen, kann Chivo deshalb eine große Hilfe sein.

Finanzfluss: Gibt es auch Kritiker in deinem Umfeld? Was sind deren Gründe? 

David: Klar, es gibt auch