Mona Linke
Mona Linke
8. Oktober 2021

Teure Umweltverschmutzung: Sind CO2-Zertifikate ein gutes Investment?

Der Preis für CO2-Zertifikate bricht einen Rekord nach dem anderen. Auch Privatanleger können auf ihn wetten. Aber wie sinnvoll ist das?

Luftverschmutzung hat einen Preis – und das schon etwas länger. Seit 2005 müssen europäische Unternehmen sogenannte Emissionsrechte erwerben, um umweltschädliche Treibhausgase in die Luft pusten zu dürfen. Dazu gehören EU-weit rund 11.000 Anlagen, vor allem aus dem Stromsektor und der verarbeitenden Industrie. Neben Energieunternehmen und Kraftwerksbetreibern also beispielsweise auch Zement-, Stahl- und Papierhersteller und die Luftfahrtbranche. All diese Unternehmen sind verpflichtet, für jede Tonne Treibhausgas ein entsprechendes Zertifikat zu erwerben, das ihnen das Recht auf Luftverschmutzung verbrieft. Das Ziel: Die Wirtschaft nachhaltiger, umweltfreundlicher und grüner werden. Klimaneutralität soll sich finanziell lohnen, so der Gedanke.

Und seit einigen Monaten sieht es aus, als würde der Plan aufgehen: Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis für ein CO2-Emissionsrecht beinah verdreifacht, die Tonne Treibhausgas kostet inzwischen knapp 65€.

Was einigen Wirtschaftszweigen gehörig gegen den Strich geht, freut die Investorenwelt: Denn auch Einzelpersonen, institutionelle wie private Anleger können in CO2-Zertifikate investieren, zumindest indirekt. So sollen auch sie von einem steigenden CO2-Preis profitieren. Bevor wir uns die Produkte anschauen, mit denen der Finanzmarkt wirbt, beginnen wir ganz von vorne:

Um welche CO2-Zertifikate geht es?

Weltweit existieren unzählige Emissionshandelssysteme und damit je nach Region auch unterschiedliche CO2-Preise. Das mit Abstand größte Handelssystem ist das der Europäischen Union, welches 2003 in Brüssel beschlossen wurde und seit 2005 in Kraft ist. Neben den 27 Mitgliedstaaten der EU nehmen auch Liechtenstein, die Schweiz, Island und Norwegen am Emissionshandel teil.

Neben dem europäischen Modell haben beispielsweise auch die USA und Kanada sowie einzelne Bundesstaaten ihre individuellen Handelssysteme, Länder wie Neuseeland und die Schweiz ebenfalls. Im Januar 2021 hat auch die deutsche Regierung ihr eigenes System für den Handel mit Emissionszertifikaten eingeführt und hat als Teil des Klimaschutzprogramms einen nationalen CO2-Preis festgelegt, der den europäischen Zertifikatehandel ergänzen soll. Er ist für die Branchen Wärme und Verkehr relevant, während das europäische System vor allem die Industrie erfasst. Seit Anfang des Jahres müssen also deutsche Unternehmen, die fossile Brennstoffe wie Erdgas und Heizöl in den Verkehr bringen, für jede Tonne ausgestoßenes CO2 ein Zertifikat kaufen. Betroffen sind beispielsweise Raffinerien oder Öl-Importeure, aber auch die Autoindustrie.

Der CO2-Preis ist staatlich festgelegt und liegt aktuell bei 25€ pro Tonne. Bis 2025 soll er nach Plänen der aktuellen Bundesregierung auf 55€ steigen.

Verbraucherinnen und Verbraucher, die Auto fahren, heizen und Wasser verbrauchen, müssen zwar keine Zertifikate kaufen, jedoch legen viele Unternehmen die zusätzlichen Kosten für den Erwerb der Zertifikate auf ihre Kundinnen und Kunden um. So hat sich beispielsweise der Benzinpreis durch den CO2-Preis um 8 Cent pro Liter verteuert, ebenso das Heizöl. Der Großteil der Einnahmen, den die Bundesregierung durch den CO2-Preis generiert, soll in Maßnahmen zum Klimaschutz fließen.

Letztlich verfolgen alle nationalen wie internationalen Handelssysteme ähnliche Ziele: Es soll sich finanziell lohnen, weniger Treibhausgase auszustoßen und stattdessen auf umweltfreundlichere Prozesse und Lösungen zu setzen. Auf Solar- und Windenergie beispielsweise. Und das funktioniert nur, indem der Ausstoß immer teurer wird.

Wodurch steigt der CO2-Preis?

Viele Zertifikate-Systeme sind marktbasiert und funktionieren nach dem sogenannten “Cap and Trade” System, zu deutsch: Begrenzung und Handel.

Zunächst werden CO2-Zertifikate kostenlos in begrenzter Anzahl von staatlicher Stelle ausgegeben oder zu einem festgelegten Preis verkauft, wie es aktuell bei den deutschen Emissionsrechten der Fall ist. Nach einer Einführungsphase soll dann der Markt bestimmen, wie viel Wirtschaft und Industrie für die Tonne CO2 hinblättern müssen. Denn die Papiere werden anschließend an Klima- und Strombörsen wie der European Climate Exchange (ECX) in London oder der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig versteigert und gehandelt (Trade). Unternehmen können überschüssige Papiere dort verkaufen, falls sie doch weniger benötigen – und wer Nachschub braucht, muss ebenfalls über die Börse gehen. Investoren haben in der Regel keinen Zugang zu den Strombörsen. 

Der Preis für CO2 ist also wie schon ein Aktienkurs dem Spiel aus Angebot und Nachfrage ausgeliefert. Mit dem Unterschied, dass die Politik in das System eingreift: Sie verknappt das Angebot an Zertifikaten (Cap), indem sie die erlaubte Obergrenze für Treibhausgasemissionen Jahr für Jahr herabsetzt. Bis 2030 soll zum Beispiel die Maximalgrenze für europäische Emissionsrechte um 2,2% pro Jahr sinken. Konkret bedeutet das: Jedes Jahr werden rund 48 Mio. Zertifikate weniger ausgegeben als ein Jahr zuvor. Das Angebot soll also sukzessive sinken und der Preis dadurch stetig steigen.

Die nationalen CO2-Zertifikate sind in dieser Phase noch nicht, sie werden erst ab 2025 zum Handel zugelassen, der Preis unterliegt so lange also noch staatlichen Vorgaben. Die europäischen Emissionsrechte dagegen können schon seit 2005 von Unternehmen an den Klima- und Energiebörsen gehandelt werden.

Nach Jahren des Preisverfalls geht es seit 2018 bergauf

Zunächst sah alles danach aus, als würde das Projekt Emissionshandel scheitern. Kurz nach seiner Einführung 2005 erlebte der europäische CO2-Preis nämlich zunächst einen Verfall. Grund war, dass die staatlichen Stellen etliche Zertifikate umsonst herausgegeben hatten. Zahlreiche Unternehmen waren so im Besitz von mehr Zertifikaten, als sie überhaupt benötigten. Durch das massive Überangebot sank der Preis: Zwischen 2013 und 2018 kostete das Zertifikat für eine Tonne CO2 um die 5€, zeitweise rutschte der Preis sogar auf 3€ ab. Der Sinn der Zertifikate war damit verfehlt: Es war günstiger, sich mit Zertifikaten einzudecken und alles beim Alten zu belassen, statt auf alternative Lösungen umzusatteln.

2018 sollte sich das ändern. Die EU führte die sogenannte Marktstabilitätsreserve ein, kurz MSR. Seither gilt: Sobald die Überschüsse an Zertifikaten eine bestimmte Grenze überschreiten, werden Zertifikate aus dem Markt genommen. Das Angebot wird also noch drastischer verknappt, als ohnehin geplant, um einem Preisverfall vorzubeugen. Im Sommer 2020 knackte der CO2-Preis die 25€-Marke, inzwischen kostet die Tonne 64 Euro (Stand: 05.10.21).

CO2 Preis
CO2-Preis von 2005 bis 2020. Quelle: Reuters

Hamsterkäufe, Wind und Spekulation

Einen derart gewaltigen Sprung wie in diesem Jahr hat der CO2-Preis bis jetzt noch nicht erlebt. Was führte zu der jüngsten Preisexplosion? Darüber gibt es mehrere Theorien.

Zum einen dürften es Erwartungen sein, die den CO2-Preis zuletzt angetrieben haben. Ende 2020 hat die EU ihre Klimaziele verschärft und will nun nach eigenen Angaben bis 2030 die Treibhausgase im Vergleich zum Jahr 1990 um 55% senken. Zuvor war lange Zeit von von 40% die Rede gewesen. Beobachter vermuten, dass sich viele Unternehmen nun schon vorsorglich mit Zertifikaten eindecken, weil sie eine noch drastischere Verknappung der Zertifikate-Menge befürchten. “Viele Marktteilnehmer haben sich eingedeckt mit Emissionsrechten in Erwartung eines kräftigen Preisanstiegs”, sagte beispielsweise Strommarkt-Experte Thorsten Lenck der Tagesschau.

Zum anderen ist offenbar auch das Wetter schuld: Deutschlands Windräder standen im ersten Halbjahr 2021 ziemlich still, es war ganz einfach nicht stürmisch genug. Und so wurde Strom vor allem konventionell gewonnen, die Kohle war 2021 der wichtigste Energieträger des Landes (2020 wurde der meiste Strom mit Windkraft gewonnen). Entsprechend mehr CO2-Zertifikate musste die Industrie in diesem Jahr also erwerben, was wiederum den Preis an den Klimabörsen befeuert hat.

Ein zusätzlicher Preistreiber sollen nach Meinung einiger Analysten Spekulanten sein: Denn europäische CO2-Zertifikate lassen sich zwar nicht direkt von Einzelpersonen erwerben, jedoch existiert inzwischen eine Vielzahl an Finanzprodukten, um an dem Handel mit CO2-Zertifikaten teilzunehmen. Und diese Produkte werden vor dem Hintergrund der explodierenden Preise offenbar immer stärker nachgefragt.

Nicht zuletzt, weil einige Branchenexperten mit weiter steigenden Preisen rechnen. So prophezeite der bekannte Hedgefonds-Manager Pierre Andurand bereits Anfang des Jahres einen Anstieg auf 100€ für die Tonne ausgestoßenes CO2, und das noch in diesem Jahr. Sollte es tatsächlich so kommen, dürfte sich auch der ein oder andere private Investor freuen. Denn längst können auch ganz normale Kleinanleger an dem Emissionshandel teilhaben, wenn auch nur indirekt.

Zertifikate und ETCs auf den CO2-Preis

Privatanleger haben keinen Zugang zu den Energiebörsen in Leipzig oder London, sondern müssen den Umweg über Finanzprodukte gehen, die den CO2-Preis nachbilden. Eine Möglichkeit sind Futures, genauer gesagt futurebasierte Zertifikate, die die Wertentwicklung des CO2-Preises sehr genau nachzeichnen. 

Der ICE Europe ECX EUA Future (CO2)

Die französische Geschäftsbank Societe Generale bietet gleich mehrere futurebasierte Zertifikate an, darunter ein unbefristetes Indexzertifikat, das an der Börse Frankfurt handelbar ist. Als Basiswert gilt der ICE EUA [CO2-Emission] Future: ein Futures-Kontrakt, der die Wertentwicklung des europäischen CO2-Preises nachbildet. “ICE” steht für Intercontinental Currency Exchange, einen der größten Börsenbetreiber für Optionen und Futures. EUA ist das Kürzel für European Union Allowances, womit die Kohlenstoffdioxid-Zertifikate der EU gemeint sind. Gleich mehrere deutsche Banken bieten ähnliche Produkte an, darunter die Commerzban