Mona Linke
Mona Linke
13. August 2021

Cum-Ex: Ein Steuerskandal für die Geschichtsbücher

Der Cum-Ex-Skandal hat Filmreife. Erst haben jahrelang Banker, Anwälte, Berater und Investoren den Staat um Steuergelder im zweistelligen Milliardenbereich betrogen. Und jetzt sind die Akteure entweder wie vom Erdboden verschluckt oder verklagen sind gegenseitig auf Schadensersatz. Aber wie hat dieses windige Geschäftsmodell genau funktioniert und wer sind die Protagonisten?

Es wurde vertuscht, geleugnet, getäuscht – und vor allem: abkassiert. Cum-Ex gilt als bislang größter Steuerskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte, der an Skrupellosigkeit kaum zu übertreffen ist. Über Jahre wurde der deutsche Fiskus durch Steuertrickserei um mindestens 10 Milliarden Euro erleichtert. Banken, Investoren, Berater und Finanzdienstleister waren in das Verwirrspiel mit leer verkauften Aktien und doppelten Steuererstattungen verwickelt. Inzwischen ist das komplexe System hinter dem sogenannten “Dividendenstripping” aufgedeckt – das Netz dahinter aber noch lange nicht. Die wenigsten Beschuldigten wollen von den illegalen Machenschaften gewusst haben, mit denen zwischen 2001 und 2016 der Fiskus betrogen wurde – oder sie geben an, lediglich ein Schlupfloch im deutschen Steuergesetz genutzt zu haben. Manch einer ist ins Ausland geflüchtet, viele andere in die Opferrolle. Doch gehen wir einen Schritt zurück: Was ist passiert?

Worum geht es?

Mehr als 1.000 Einzelpersonen stehen allein hierzulande unter Verdacht, sich an den illegalen Cum-Ex-Geschäften beteiligt oder zumindest wissentlich davon profitiert zu haben. Inzwischen ermitteln Spezialeinheiten, um die 80 Verfahren laufen, laut Medienberichten wurden bereits rund 1,4 Mrd. Euro Steuerausfälle zurückgeholt. Und es hagelt zunehmend Schadenersatzforderungen, vor allem zwischen den einzelnen Beschuldigten: Banken verklagen ehemalige Geschäftspartner, Investoren Banken, Banken Berater und Finanzdienstleister, Fondsgesellschaften Anwaltskanzleien und Investoren wiederum Banken. Wie hoch die Bußgelder noch steigen und wie viele Haftstrafen noch verhängt werden, wird sich zeigen. Sicher ist, dass durch die Cum-Ex und CumCum-Geschäfte ein viel höherer Schaden entstanden ist als anfangs angenommen. Aber wie funktioniert das Ganze überhaupt?

Wie funktioniert Cum-Ex?

Cum-Ex bezeichnet kurz gesagt das Herumreichen eines einzelnen Aktienpakets über mehrere Akteure kurz vor und kurz nach dem Tag der Dividendenausschüttung. Das Ganze wird daher auch als “Dividendenstripping” bezeichnet, das dazu dient, die Finanzämter zu verwirren – und Steuerrückerstattungen vom Fiskus einzuheimsen, obwohl niemals Steuern gezahlt wurden. Das Ganze läuft so ab:

Wie funktioniert Cum-Ex? 1

Cum steht für die Zeit vor der Dividendenausschüttung, und Ex für die Zeit nach der Dividendenausschüttung. Wenn ein börsennotiertes Unternehmen an seine Aktionäre Dividenden ausschüttet, müssen diese darauf 25% Kapitalertragsteuer zahlen. Das Geld wird automatisch an den Fiskus abgeführt. Institutionelle Investoren können sich die Steuer allerdings zurückerstatten lassen, indem sie einen Steuerbescheid beim Finanzamt einreichen.

Wie funktioniert Cum-Ex?2

Investor A kauft Aktien eines börsennotierten Unternehmens im Wert von 2 Mio. Euro. Dafür erhält er 100.000€ Dividende, die er zu 25% versteuern lässt. Anschließend reicht er beim Finanzamt seine Steuerbescheinigung ein und bekommt die gezahlten Steuern zurückerstattet. In diesem Beispiel 25.000€. So weit, so legal.

Wie funktioniert Cum-Ex? 3

Investorin B kauft vor der Dividendenausschüttung (Cum) ebenfalls Aktien des Unternehmens im Wert von 2 Mio.€. Allerdings bekommt sie diese von einem Leerverkäufer C, der selbst noch nicht im Besitz der Aktien ist. Die 2 Mio. Euro kassiert er trotzdem schon mal von Investorin B.