Mona Linke
Mona Linke
21. Juli 2022

Gaskrise: Wie hart wird der Winter?

Es fließt wieder Gas durch Nord Stream 1. Die Frage ist, wie lange noch – und ob die Menge reicht.

Die Zitterpartie ist zu Ende – zumindest vorerst. Die Pipeline Nord Stream 1 ist fertig gewartet und seit diesem Donnerstag fließt nun doch wieder Gas durch die russisch-deutsche Pipeline Nord Stream 1 – wenn auch weniger als zuvor. Der befürchtete Lieferstopp vonseiten des Kreml ist also scheinbar erst einmal vom Tisch. Entspannt zurücklehnen kann sich Europa deswegen noch nicht und blickt weiter mit Sorge auf den kommenden Winter.

Einerseits, weil die Liefermenge nach aktuellen Informationen nochmals verknappt wurde. Und andererseits, weil die Versorgungssicherheit noch von anderen Dingen abhängt. Es gibt also längst keine Garantie dafür, dass uns im Winter nicht doch das Gas ausgehen wird. Doch wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? In welche Höhen wird der Gaspreis vermutlich noch steigen und wie viel werden Privathaushalte davon zu spüren bekommen?

Wie voll sind die Speicher aktuell?

Schon seit dem Frühjahr fließt deutlich weniger Gas über die Pipeline Nord Stream 1 von Russland nach Deutschland. Bereits kurz nach Eintreten der ersten westlichen Sanktionen im Frühjahr hatte der Kreml das Volumen auf 40% der normalen Menge gedrosselt. Fraglich ist, ob der Gastransfer in den kommenden Wochen noch weiter erhöht wird oder gar noch einmal gesenkt wird.

Noch kann Deutschland damit gut umgehen: Die Gasspeicher sind nach aktuellen Angaben der Bundesnetzagentur zu 65,1% gefüllt – und damit voller als vergangenes Jahr und sogar voller als im April 2022. Damals lag der Füllstand zeitweise bei unter 30%.

Mit wenig Gas ins Jahr gestartet

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Eine ist, dass der größte Gasspeicher Deutschlands bis vor Kurzem von dem Gasversorgungsunternehmen Astora betrieben wurde – einer Tochterfirma des russischen Staatskonzerns Gazprom. Schon 2021 hatte das Unternehmen begonnen, weniger Gas einzuspeichern als gewöhnlich. Eine Weisung aus Russland, um sich auf den Konflikt mit dem Westen vorzubereiten? Dieser Verdacht liegt zumindest nahe. Jedenfalls war der Speicher Anfang des Jahres so gut wie leer. Inzwischen hat die Bundesnetzagentur treuhänderisch die Geschäfte des Gasspeichers übernommen und der Speicher hat sich langsam wieder gefüllt.

Bis zu einem gewissen Grad ist es allerdings auch normal, dass die Gasspeicher im Frühjahr leerer sind als im Herbst. Das hat schlichtweg damit zu tun, dass in den kalten Wintermonaten mehr Gas entnommen wird als im Sommer. Der Winter 2020/21 ging ungewöhnlich lang, sodass selbst im Frühjahr 2021 noch große Mengen Gas zum Heizen entnommen werden mussten. All diese Ereignisse haben dafür gesorgt, dass Deutschland schon vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine mit ziemlich leeren Speichern ins Jahr gestartet ist.

Speicherfüllstände in Deutschland von Oktober 2021 bis Juli 2022

Quelle: Bundesnetzagentur

Wie lange reichen 65%?

Rund 1000 Terawattstunden Gas verbraucht Deutschland jedes Jahr – und so viel lässt sich nicht vorrätig speichern. Alle Gasspeicher zusammen verfügen laut Informationen des Branchenverbands Ines nämlich nur über maximal 256 Terawattstunden Speicherkapazität. Von der Bundesregierung hieß es Ende Juni, dass komplett gefüllte Speicher das Land theoretisch über zwei bis drei Wintermonate versorgen könne. Bei 65% Auslastung stecken, Stand jetzt, nur 166 Terawattstunden Gas in den Speichern. Die Menge würde bei gleichbleibendem Verbrauch also lediglich für etwa zwei Wintermonate reichen. Wie voll die Speicher bis Herbst aber tatsächlich gefüllt sein werden, bleibt abzuwarten.

Speicher müssten bis November zu 90% gefüllt sein

Weder Haushalte noch Unternehmen müssen also bei den aktuellen Füllständen damit rechnen, dass Ihnen das Gas abgedreht wird. Die Versorgungssicherheit sei “derzeit weiter gewährleistet”, hieß es am Donnerstag von der Bundesnetzagentur. Im Moment sei die Lage “stabil”, eine “Verschlechterung der Situation” könne aber “nicht ausgeschlossen werden”.

Und tatsächlich hängt es von mehreren Aspekten ab, wie verheerend die Gaskrise am Ende ausfallen wird. Zum Beispiel davon, wie viele Vorräte die Bundesrepublik bis dahin noch bilden kann.

Ziel der Ampel-Koalition ist es, bis Anfang Oktober Füllstände von 80% und bis Anfang November 90% zu erreichen – um zu verhindern, dass Deutschland im Winter vor einer Gaslücke steht. Das Problem dabei ist: durch die Wartungsarbeiten in den vergangenen zehn Tagen ist nun sogar mehr Gas aus den Speichern geflossen, als gleichzeitig hereinkam. In der Vergangenheit wurden die ausbleibenden Liefermengen durch andere Pipelines aufgefangen. Zum Beispiel hatte Russland normalerweise ersatzweise etwas mehr Gas durch die anderen russisch-deutschen Pipelines geschickt, zum Beispiel durch die sibirische Jamal-Pipeline. Doch die liegt schon seit April brach.

Andere Länder und LNG-Terminals könnten Mangel auffangen

Ob wir im Winter eine ernsthafte Gaskrise bekommen, hängt ein Stück weit auch vom Ausland ab. Denn Deutschland bekommt sein Gas nicht nur aus Russland. 2020 noch stammten ganze 55% des importierten Erdgases aus Russland, seit dem Frühjahr 2022 sind es noch knapp 37%. Den restlichen Bedarf liefert vor allem Norwegen, das seine Exportmengen seit dem russischen Angriffskrieg zeitweise sogar verdoppelt hat. Daneben gelangt aus den Niederlanden und Belgien Gas nach Deutschland, aus den USA und Katar bezieht die Bundesrepublik Flüssiggas. Ob jetzt diese Staaten ihre Exporte in Zukunft erhöhen oder wegen eigener Versorgungsengpässe gar reduzieren werden, entscheidet also mit über die Lage in Deutschland.

Preise sind schon jetzt deutlich gestiegen

Schon in den vergangenen Monaten hat der Gaspreis einen Rekord nach dem nächsten geknackt. An der Terminbörse kostete die Megawattstunde Gas im Juli bereits 175€. Anfang des Jahres waren es noch um die 80€. In erster Linie bedeutet das, dass Energieversorger nun weit mehr zahlen für Gas, wenn sie sich dieses direkt am Terminmarkt besorgen. Und dazu sind viele Versorger aktuell gezwungen, seit Russland seine Liefermengen verknappt hat. Die Versorger nämlich beliefern wiederum Stadtwerke und Großunternehmen, mit denen sie langfristige Verträge laufen haben. Das heißt, sie müssen das Gas im Notfall am freien Markt einkaufen, am sogenannten Spotmarkt, damit es beim Endverbraucher ankommen kann. Und diese gestiegenen Kosten dürfen sie – bislang – noch nicht an ihre Kunden weitergeben.

Gaspreis am Terminmarkt seit Januar 2022

Quelle: Lagebericht Bundesnetzagentur

Dieser Umstand macht beispielsweise dem Energiekonzern Uniper schwer zu schaffen. Das Düsseldorfer Unternehmen hofft aktuell auf weitere staatliche Hilfen, nachdem es Ende Juli bereits einen 2 Mrd. Euro Kredit bewilligt bekommen hatte. Man wolle die Pleite des Konzerns unbedingt vermeiden, hieß es aus Regierungskreisen.

Neuverträge sind bereits teurer

Die meisten Privathaushalte werden die Preisexplosion im Großhandel deswegen erst verspätet zu spüren bekommen. Lediglich bei Neuverträgen zahlt ein bundesdeutscher Haushalt nach Angaben des Vergleichsportals Verivox schon jetzt im Schnitt 16 Cent pro Kilowattstunde Gas bei einem neu abgeschlossenen Vertrag. Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh, wie ihn etwa ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht, entspricht das Kosten von rund 3.200€ im Jahr. Das ist dreimal so viel wie beispielsweise im Herbst 2020, als die Kilowattstunde noch etwas mehr als 5 Cent gekostet hat.

Quelle: Verivox; Stand Juli 2022.

Experten zufolge soll das aber nur der Anfang sein. Bis 2023 könnten sich die Abschlagszahlungen nochmals verdreifachen, schätzt beispielsweise Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. Wer aktuell 1.500€ pro Jahr für sein Gas bezahle, könne 2023 mit einer 4.500€-Rechnung rechnen, so Müller.

Wirtschaft verbraucht mehr Gas als Haushalte

Das meiste Gas wird in Deutschland von Wirtschaft und Industrie verbraucht, also beispielsweise von Gewerbebetrieben und Dienstleistungsunternehmen. Geraten Unternehmen wegen der Gasengpässe in die Krise, würde das mittelbar allerdings auch die Bevölkerung zu spüren bekommen – was wiederum eine unheilvolle Abwärtsspirale in Gang setzen könnte.

Denn bricht die Produktivität eines Unternehmens ein, beginnt für dieses normalerweise ein Sparkurs: Beschäftigte werden in Kurzarbeit geschickt oder Stellen gestrichen. Sollte es flächendeckend zu solchen Einschnitten kommen, würde sich die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger noch weiter reduzieren – und das träfe abermals die Wirtschaft: Denn weniger Kaufkraft in der Bevölkerung bedeutet weniger Umsätze bei den Unternehmen.

Bald könnte der Staat rationieren

Die wirtschaftenden Unternehmen sind es auch, die eine mögliche Gaslücke als Erstes ausbaden müssten. Das jedenfalls sieht der sogenannte Notfallplan Gas der Bundesregierung vor.

Schon Anfang März hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck die “Frühwarnstufe” ausgerufen, seit Juni nun herrscht offiziell die “Alarmstufe”. Das ist die zweite von drei Stufen, die die Bundesregie