Ethisch investieren: Welcher nachhaltige ETF passt zu dir?

Mona Linke
Stand:

Investieren mit gutem Gewissen – das wollen immer mehr Anlegerinnen und Anleger. Die Finanzbranche hat diesen Trend erkannt. Neben aktiv gemanagten Öko-Fonds gibt es auch immer mehr “grüne” ETFs, die versprechen, ausschließlich in ethisch, sozial und ökologisch vertretbare Papiere zu investieren. Wie ein nachhaltiger ETF entsteht, welche Varianten es hier gibt und wie groß ihr Effekt auf die Umwelt tatsächlich ist, liest du in diesem Ratgeber.

Was du wissen solltest
  • Nachhaltige ETFs versprechen, ausschließlich in solchen Unternehmen zu investieren, die sowohl ethisch, als auch ökologisch und sozial vertretbar sind.
  • Ein nachhaltiges Finanzprodukt wird mit einem sogenannten ESG- oder SRI-Kürzel gekennzeichnet, dazu gibt es eine Reihe weiterer Kürzel und Bezeichnungen, die auf spezifische Nachhaltigkeitskriterien hindeuten. Ein einheitliches Klassifizierungssystem gibt es hier allerdings noch nicht.
  • Eigene Recherche ist nötig, um die ETF Zusammensetzung zu verstehen.
  • Indexanbieter wie MSCI und FTSE verwenden unterschiedliche Methoden bei der Zusammenstellung nachhaltiger Indizes.
  • Ob und wie nachhaltig ein ETF ist, bewerten sogenannte ESG-Ratingagenturen.
  • Grüne ETFs werfen in etwa dieselbe Rendite ab wie herkömmliche Indexfonds, sind dafür etwas risikoreicher, weil sie entsprechend in weniger Unternehmen investieren und so weniger breit diversifiziert sind.
Wie du vorgehst
  • Überlege dir, welche Kriterien dir bei deiner nachhaltigen Anlage wichtig sind bzw. in welche Branchen du bei deiner Investition bewusst ausschließen möchtest (z. B. Tabakindustrie, Alkohol, Glücksspiel, Pornografie, Ölproduktion).
  • Informiere dich auf ETF-Vergleichsportalen oder direkt bei einem Indexanbieter über die verfügbaren nachhaltigen Indizes. Bei den Indexanbietern selbst sind diese in verschiedene Schwerpunkte untergliedert, die wir uns in diesem Ratgeber genauer ansehen werden.
  • Entscheide dich für einen ETF und überlege, wie groß der Anteil sein soll, den er in deinem Portfolio einnimmt und ob du per Einmalanlage oder Sparplan investieren möchtest.
Inhaltsverzeichnis

Was sind nachhaltige Geldanlagen?

Überblick: Der Markt der nachhaltigen Indizes und  ETFs

Er stellt im Vergleich zum restlichen Anlageuniversum nach wie vor eine Nische da – dennoch wächst der Markt für nachhaltige Geldanlagen kräftig. Im Bereich der Fonds und ETFs zählt Europa inzwischen ein Dutzend Anbieter, die wiederum eine Vielzahl an “grünen” Indizes auf dem Markt gebracht haben. Allein der Finanzdienstleister MSCI betreibt 1.500 sogenannte ESG-Indizes. Passive Anlegerinnen und Anleger können zwischen rund 250 nachhaltige in Deutschland zugelassenen Aktien-ETFs wählen. (Stand: Juni 2021). 

In Verbindung mit nachhaltigen Geldanlagen tauchen immer wieder die Kürzel ESG und SRI auf. Unter beiden Bezeichnungen werden Kriterien zusammengefasst, auf deren Grundlage anschließend Unternehmen oder Finanzprodukte bewertet werden.

ESG – “Environment, Social, Governance”

Die Abkürzung ESG steht übersetzt für “Umwelt, Soziales, Unternehmensführung”. Unter Umweltaspekten (Environment) versteht man grob gesagt alles, was zu einer erfolgreichen Energiewende beiträgt. Beispielsweise einen effizienten Umgang mit Energie und Rohstoffen, eine umweltfreundliche Produktion oder die Investition in erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft. 

“Sozial” meint im Rahmen eines ESG-Ratings, dass Arbeits- und Menschenrechte eingehalten werden, keine Kinder- oder Zwangsarbeit erfolgt oder insgesamt faire Arbeitsbedingungen in dem Betrieb herrschen. 

Unter einer ESG-freundlichen Unternehmensführung (Governance) versteht man beispielsweise transparente Strukturen, Maßnahmen zur Vermeidung von Korruption oder die Sicherung des Gesundheitsschutzes.

SRI – “Socially Responsible Investing”

Die Abkürzung SRI wird häufig als Synonym von ESG verwendet. SRI steht übersetzt für “sozial verantwortliches Investieren” und ist dem ESG-Investing in der Tat sehr ähnlich. In beiden Fällen entstehen die nachhaltigen Indizes, indem ein Basis-Index hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit gefiltert wird. Unter anderem, indem bestimmte Geschäftsfelder von vornherein ausgeschlossen werden. Wie dieser Prozess genau abläuft, werden wir später im Detail klären. Schaut man sich die einzelnen SRI-Indizes genauer an, fällt auf, dass die SRI-Kriterien etwas strenger gefasst sind als die ESG-Regulierungen.

Beispiel MSCI: Der Unterschied zwischen ESG & SRI

Der Indexanbieter MSCI beispielsweise hat für seine ESG- und SRI-Produkte unterschiedliche Ausschlusskriterien festgelegt:

  • Ausschlusskriterien ESG: Von vornherein ausgeschlossen werden solche Unternehmen, die an Geschäften mit umstrittenen Waffen beteiligt sind (Landminen, Streumunition, Chemiewaffen), Hersteller von Nuklearwaffen (Atomwaffen), Hersteller von Tabakwaren, Unternehmen, deren Schwerpunkt auf dem Abbau von Kohle liegt und die damit mindestens 5% ihres Gesamtumsatzes erwirtschaften. Die 5%-Grenze gilt ebenfalls für Unternehmen, deren Geschäft zum Teil auf der Förderung von Ölsanden basiert. Ausgeschlossen wird ein Unternehmen auch, wenn es mindestens eine der 10 UN Global Compact-Prinzipien verletzt.

  • Ausschlusskriterien SRI: Nicht enthalten sind Firmen, die ihren Umsatz mit der Produktion von Alkohol, Tabak oder Erwachsenenunterhaltung erwirtschaften, kontroverse Waffen oder Atomwaffen herstellen, im Geschäftsfeld Glücksspiel aktiv sind, den Abbau von Kohle betreiben, Gentechnik einsetzen oder gegen die UN Global Compact-Prinzipien verstoßen.

Beim Global Compact handelt es sich um einen Pakt zwischen der UNO und mehr als 15.000 Unternehmen, der ins Leben gerufen wurde, um die globale Wirtschaft sozial und ökologisch verträglicher zu gestalten.

Zu den 10 Kriterien des UN Global Compact gehören beispielsweise die Respektierung der Menschenrechte, der Ausschluss von allen Formen der Zwangsarbeit, eine “vorsorgende” Haltung gegenüber Umweltgefährdungen oder die Mitwirkung an der Abschaffung von Kinderarbeit.

Nachhaltigkeit: Es gibt nicht die eine Variante

Nachhaltige Finanzprodukte bietet inzwischen jedes große Investmentgesellschaft an. Dabei gibt es nicht die eine Definition von Nachhaltigkeit, sondern unzählige Varianten und dementsprechend unzählige Indizes und ETFs, die in ihrer Zusammenstellung teils stark voneinander abweichen. Man könnte hier grob zwischen fünf großen Kategorien unterscheiden:

1. Die Besten ihrer Klasse

Intention von Investorenseite aus: “Ich möchte in die nachhaltigsten Unternehmen eines klassischen Index investieren”

Beispiel-Indizes: MSCI World SRI; MSCI ESG Leaders

  • Ausschluss von bestimmten Branchen (ESG-Screening)
  • Zusammenstellung nach der “Best-in-Class”-Methode: Aus jeder Branche werden die nachhaltigsten Unternehmen (50% oder 75% des Mutter-Index werden nicht abgebildet)
  • Gewichtung nach Marktkapitalisierung

Geeignet für: Investorinnen, die eine marktnahe Rendite anstreben, bestimmte Branchen ausgeschlossen wissen möchten und ansonsten ungefähr die gleiche Länder- und Sektorenverteilung wie im Mutter-Index bevorzugen.

Nachteil: Die ausgewählten Unternehmen können – je nach Sektor – auch mittelmäßig im ESG-Rating abschneiden, schneiden in einer eher nicht-nachhaltigen Branche aber besser als der Rest ab. In einer eher nachhaltig geprägten Branche (z.B. Energie) kommen Firmen mit einem hohen ESG-Score möglicherweise nicht unter, weil andere noch besser bewertet wurden.

2. Einzelne Ausschlüsse

“Ich möchte alles, nur diese Branche nicht”

Beispiel-Indizes: FTSE ex Fossil Fuels, S&P 500 ex Tobacco, MSCI World ex Controversial Weapons

  • Ausschluss von Unternehmen, die in einer bestimmten Branche tätig sind (zum Beispiel kontroverse Waffen, Alkoholgeschäft, Tabakindustrie, Kohle, Öl & Gas) oder zu einem bestimmten Prozentsatz ihre Umsätze damit generieren
  • Gewichtung nach Marktkapitalisierung
  • Beispiel S&P 500 ex-Tobacco: Ausschluss solcher Unternehmen, deren Hauptgeschäftstätigkeit in der Tabakindustrie liegt
  • Beispiel MSCI Global ex Controversial Weapons: Ausschluss von Unternehmen, die in die Herstellung kontroverser Waffen involviert sind (u. a. Chemiewaffen, Streubomben, Landminen); betrifft zusätzlich Hersteller von Schlüsselkomponenten für Waffen, Unternehmen, die 20% oder mehr Anteile an einem Waffenunternehmen haben sowie Finanzunternehmen, die mindestens 50% Anteile an einem Waffenunternehmen haben

Geeignet für: Investorinnen und Investoren, die aufgrund ihrer moralischen oder ethischen Überzeugung eine bestimmte Branche ausschließen möchten – aber nicht gleich mehrere.

3. Nachweislich positive Effekte

“Ich möchte nur in solche Unternehmen investieren, die aktiv und messbar an einer Verbesserung arbeiten”

Beispiel-Indizes: MSCI World Womens Leadership; MSCI Global Environmental

  • Abbildung solcher Unternehmen, deren Haupteinnahmequelle darin besteht, aktiv an der Verbesserung sozialer oder ökologischer Standards mitzuwirken
  • Beispiel MSCI Global Environmental Index: Unternehmen, die mindestens 50% ihrer Umsätze aus umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen erwirtschaften (zum Beispiel: alternative Energiegewinnung, Vermeidung von Umweltverschmutzung, Investition in saubere Technologien)
  • Beispiel MSCI Women Leadership: Bildet nur Unternehmen ab, in denen der Vorstand aus mindestens drei Frauen besteht oder zwei weiblichen Vorständen, solange mindestens eine Führungsposition weiblich besetzt ist
  • Bezeichnet man auch als “Impact Investing”: Emittenten und Produktanbieter informieren die Investoren über den Erfolg und die erreichten Ziele der Geldanlagen (Wirkung der sozialen und ökologischen Ziele)

Geeignet für: Investorinnen und Investoren, die bereits konkret im Sinn haben, was sich verbessern soll und die keine generellen Ausschlüsse vornehmen möchten

4. Mehr Gutes als Schlechtes

“Ich möchte nach Nachhaltigkeit gewichten”

Beispiel Indizes: MSCI World SRI / ESG; Climate Paris Aligned etc; Low Carbon Target, MSCI ESG Focus, MSCI World ESG Universal

  • teilweise Ausschluss von bestimmten Branchen
  • Gewichtung nicht nach Marktkapitalisierung, sondern auf Grundlage von ESG-Kriterien
  • Beispiel MSCI World Low Carbon Target: Übergewichtung von Unternehmen mit geringen CO2-Emissionen
  • Beispiel MSCI ESG Focus: Unternehmen mit hohen ESG-Ratings werden übergewichtet & solche mit niedrigem ESG-Rating untergewichtet
  • Folge: Ob ein Unternehmen in den Index aufgenommen wird, ist nicht von der jeweiligen Branche abhängig, sondern von der tatsächlichen Erfüllung der Nachhaltigkeitskriterien
  • marktnahe Renditen

Geeignet für: Investorinnen und Investoren, die in die nachhaltigsten Werte eines gesamten Index investieren möchten.

Nachteil: Nicht-nachhaltige Unternehmen werden eventuell weiterhin abgebildet, wenn auch weniger stark gewichtet als nachhaltige Werte.

5. Sektorwetten

“Ich möchte den Markt schlagen, indem ich gezielt in Wachstumsbranchen investiere”

Beispiel-Indizes: Solactive Hydrogen Economy Index, S&P Global Clean Energy

  • Schwerpunkt auf eine oder zwei nachhaltige Branchen 
  • abgebildet werden nur solche Firmen, die in einem bestimmten Sektor tätig sind (beispielsweise Wasserstoffwirtschaft, Erneuerbare Energien oder E-Mobilität)
  • Gewichtung nach Marktkapitalisierung
  • zum Teil Ausschluss von kontroversen Branchen oder solcher Unternehmen, die ein Mindest-ESG-Scoring nicht erreichen
  • Beispiel S&P Global Clean Energy: Ausschluss von Firmen, die einen bestimmten Kohlenstoffemissionen-Schwellenwert überschreiten + Ausschluss bestimmter Branchen (Kontroverse Waffen, Umsätze zu mehr als 5% aus Geschäft mit Kraftwerkskohle und Ölsanden, Unternehmen aus der Tabakwirtschaft, Verstöße gegen die UN Global Compact Prinzipien)

Geeignet für: Investorinnen und Investoren, die sich eine Mehrrendite gegenüber konventionellen Indizes versprechen, aber weniger an der Erfüllung von ESG-Kriterien interessiert sind.

Nachteil: Die Anzahl der Positionen ist häufig sehr klein, da der Fokus auf eine einzelne Branche gelegt wird, wodurch die Diversifikation leidet. Verstärkt wird das Risiko dadurch, dass es sich selten um etablierte Firmen handelt und häufig um gehypte Unternehmen, die in der Realwirtschaft nicht selten rote Zahlen schreiben.

Nachhaltigkeit kombiniert mit Faktor-Investing 

Unter Smart-Beta oder faktorbasiertem Investieren versteht man eine fortgeschrittene Art des passiven Investierens, das eine Überrendite zum Ziel hat. Diese Strategien orientieren sich an bestimmten Regeln. Die Gewichtung von Wertpapieren erfolgt nicht allein auf der Basis der Marktkapitalisierung (Börsenwert eines Unternehmens), sondern auf anderen Faktoren. Diese Faktoren, oder auch Faktorprämien sind zum Beispiel “Size”, “Quality” oder “Value”. Beim Fokus auf “Size” werden beispielsweise kleine Unternehmen stärker gewichtet, weil man davon ausgeht, dass diese aufgrund eines höheren Risikos eine bessere Rendite abwerfen. Als Value-Aktien dagegen bezeichnet man unterbewertete Papiere.

Nachhaltiges Faktor- oder Smart-Beta-Investing meint zum Beispiel im Falle der FTSE-Indizes, dass entweder Nachhaltigkeitskriterien als fundamentale Faktoren zur Gewichtung herangezogen werden oder ESG-Kriterien zusätzlich zu den herkömmlichen Faktorprämien eine Rolle spielen. Hierzu zählt beispielsweise der FTSE4Good RAFI Index (RAFI = Research Affiliates Fundamental Indexing), der einerseits nach Faktorprämien wie Umsatz, Dividende und Mitarbeiterzahl gewichtet und sich gleichzeitig an ESG-Kriterien orientiert.

Basics zum faktorbasierten Investieren findest du in unserem Video zum Thema:

Wie ein nachhaltiger Aktien-Index entsteht

Basis eines nachhaltigen Aktien-Index ist in der Regel ein konventioneller Index. Bei der Zusammenstellung des “grünen Pendants” wird dieser klassische Index nach bestimmten Kriterien gefiltert, welche wiederum von einer ESG-Ratingagentur festgelegt werden.

Wer darf in einen ESG-Index?

Welche Unternehmen überhaupt nachhaltig genug sind, in einen ESG-Index aufgenommen zu werden, entscheiden Rating-Agenturen. Große Indexanbieter wie MSCI und FTSE setzen dafür ihre hauseigenen Rating-Gesellschaften ein. Aber wovon hängt es ab, ob sich eine Firma “nachhaltig” nennen darf?

MSCI, S&P und FTSE gehen ähnlich vor

In ihrem Rating-Prozess unterscheiden sich die Rating-Häuser der großen Indexanbieter MSCI, S&P und FTSE nur wenig. An erster Stelle steht das Datensammeln, wobei alle Anbieter angeben, zunächst tausende Unternehmensdaten aus unterschiedlichen Quellen einzuholen. Vor allem greifen sie dabei auf die von Unternehmen erstellte Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte zu, teilweise werden aber auch öffentlich zugängliche Quellen wie Nachrichtenseiten oder Daten von NGOs genutzt. Oder es werden Fragebögen verwendet, mit denen sie die einzelnen Unternehmen auf ihre sozialen, ökologischen und ethischen Standards überprüfen. In allen Fällen steht eine Kernfrage über dem Bewertungsprozess: Wie gut geht das Management einer Firma mit den wichtigsten ESG-Risiken um und welche Chancen nutzt es, um nachhaltiger zu werden?

MSCI bewertet je nach Branche anders

Der Indexanbieter MSCI beziehungsweise das hauseigene Institut MSCI ESG Research bewertet immer im Hinblick auf die Branche, in der ein Unternehmen tätig ist – und definiert unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe. Ein Beispiel: Bei dem Unternehmen Coca Cola, das in der Softdrink-Industrie tätig ist, gelten in Sachen Unternehmensführung dieselben Kriterien wie auch für alle anderen Firmen. Zusätzlich wird jedoch zum Beispiel speziell darauf geachtet, wie viel Verpackungsmüll während der Produktion anfällt oder wie hoch der CO2-Fußabdruck pro hergestelltem Produkt ausfällt. 

Für die Bewertung wirft MSCI letztlich immer auch einen Blick in die Vergangenheit: Hat sich das Engagement verbessert oder haben die Bemühungen des Managements abgenommen?

Insgesamt sind es um die 30 Kriterien, sogenannte “Key Issues”, an denen MSCI die ESG-Bilanz eines Unternehmens misst. In der Sparte “Environment” (Umwelt) spielt beispielsweise eine Rolle, wie hoch die CO2 Emissionen sind, wie groß die Menge an nicht-recycelbarem Abfall oder wie hoch der Wasserverbrauch sind. In der Kategorie “Social” schaut sich MSCI Dinge wie die Einhaltung des Arbeitsschutzes an oder wie hoch die Gesundheitsrisiken für Mitarbeiter sind. Im Bereich “Governance” ist mitunter relevant, wie transparent das Unternehmen bei der Offenlegung von Gewinnen und Steuern vorgeht. 

S&P fragt die Unternehmen, wie “grün” sie sind

Auch FTSE setzt etwa 35 Hauptindikatoren an, die sich nur leicht von den MSCI-Maßstäben unterscheiden. Im Bereich Governance beispielsweise hat FTSE zusätzlich das ESG-Kriterium “Umgang mit Korruption” definiert. MSCI bewertet dafür im Bereich Umwelt ebenfalls, inwiefern ein Unternehmen saubere Technologien (Cleantech) nutzt, also beispielsweise Photovoltaik- oder Windkraftanlagen nutzt.

S&P Dow Jones, ebenfalls einer der größten Indexanbieter der Welt, geht bei der Zusammenstellung des nachhaltigen Index Dow Jones Sustainability World Enlarged ähnlich vor, setzt für die Prüfung auf ESG-Kriterien jedoch Fragebogen ein, die von den Unternehmen selbst ausgefüllt werden. Dort muss beispielsweise beantwortet werden, wie das Thema Datenschutz behandelt wird, inwiefern sie für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sorgen oder wie viel CO2 sie ausstoßen.

Von AAA bis CCC

Dann schließlich wird gemessen: Wie nachhaltig agiert ein Unternehmen? MSCI und FTSE bedienen sich hier einer Zahlenskala. Je nachdem, wie viele Punkte das Unternehmen bei der Bewertung durch die spezifischen Indikatoren (und im Vergleich zu den Branchenkollegen) erreichen konnte, errechnet MSCI eine Zahl zwischen 1 und 10. Um für jede ESG-Kategorie Punkte zu vergeben, schaut sich MSCI beispielsweise im Bereich Governance die Gehälter an, wirft einen Blick in die Buchhaltung und prüft, wie der Vorstand zusammengesetzt ist.

Je mehr Punkte ein Unternehmen letztlich erreicht, desto besser. Um in einen ESG-Leader-Index (Branchenführer, was die Vermeidung von ESG-Risiken angeht, sprich: Umweltrisiken, soziale Risiken und Governance-Risiken) aufgenommen zu werden, muss mindestens ein Company Score von 7 erreicht werden. Laut MSCI Rating gilt eine Firma dann als “Leader”, als Branchenführer, was das Management von ESG-Risiken angeht, und wird mit der Buchstabenfolge AAA oder AA ausgezeichnet.

Quelle: msci.com, 06/21

Neben “Leader” existieren die beiden anderen Kategorien “Average” (Durchschnitt) und “Laggard” (Nachzügler). 

CCC + B (Laggard): Unternehmen mit diesem Rating sind laut MSCI “nicht willens oder demonstrieren nicht die Fähigkeit”, ESG-Risiken managen zu können (indem beispielsweise der ökologische Fußabdruck reduziert wird), weil beispielsweise die Treibhausgas-Emissionen zu hoch sind. Hierunter fallen auch Firmen, die sich im Laufe der Zeit hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit verschlechtert haben.

BB + BBB + A: (Average): Die Erfolgsbilanz in der Umsetzung von ESG-Kriterien beziehungsweise beim Umgang mit ESG-Risiken ist im Vergleich zu den Branchenkollegen nicht außerordentlich, sondern eher mittelmäßig.

Auch bei FTSE kommt eine Zahlenskala zum Einsatz, die allerdings nur bis 5 reicht.

0-1: No disclosure (keine Offenlegung, sehr intransparent)

2-3: Good Practice (gute Vorgehensweise)

4-5: Leading (Branchenführend)

Mehr als 150 Rating-Agenturen

Neben den Research- und Rating-Gesellschaften der Indexanbieter selbst haben sich inzwischen um die 150 eigenständige Rating-Gesellschaften allein im Bereich des nachhaltigen Investierens gegründet.

Die größten und bekanntesten Agenturen sind:

  • Standard & Poor’s (S&P)
  • Moody’s & Fitch
  • ISS
  • Vigeo-Eiris
  • KLD
  • Sustainalytics
  • Asset4
  • RobecoSAM
  • Moriningstar
  • FNG

Bewertungen fallen häufig unterschiedlich aus

Auch wenn es Gemeinsamkeiten in der Vorgehensweise großer ESG-Rating-Gesellschaften gibt: Die Ergebnisse der Bewertungen sind allzu häufig nicht deckungsgleich. 

So kommt es beispielsweise vor, dass ein Unternehmen von einer Agentur mit der Note A ausgezeichnet wird, es für eine andere Gesellschaft aber nur für die Note C+ reicht. Das liegt daran, dass je nach Ratingunternehmen unterschiedliche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um einen bestimmten ESG-Score zu erreichen.

EU will mehr Transparenz und einheitliche Regeln schaffen

Die EU-Kommission will dem entgegenwirken und hat sich inzwischen auf eine sogenannte EU-Taxonomie geeinigt, die unter anderem Unternehmen dazu verpflichtet, bestimmte Nachhaltigkeitskriterien von sich aus offen zu legen. Auch sieht die Taxonomie ein Klassifizierungssystem vor, das festhält, durch welche Kriterien sich ein nachhaltiges Finanzprodukt auszeichnet. Laut der neuen Bestimmungen gilt ein Investment beispielsweise als nachhaltig, wenn das entsprechende Unternehmen zur Erfüllung der in der Taxonomie-Verordnung festgelegten EU-Umweltziele (Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung, und Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme) beiträgt, weil es beispielsweise die Erzeugung erneuerbarer Energien fördert oder den Erhalt der Artenvielfalt unterstützt. Dazu gehört jedoch auch, dass gleichzeitig kein anderes Umweltziel durch die Tätigkeiten behindert wird.

Ende 2021 soll die EU-Taxonomie voraussichtlich in Kraft treten.

Das Problem mit nachhaltigen Geldanlagen

Kritik an ESG-Ratings

Kritik Nr. 1: Die Herausbildung von “Rating-Riesen”

Ein Kritikpunkt zielt darauf ab, dass sich in der Welt der ESG-Ratinggesellschaften inzwischen Monopole bilden. Im Bereich der Kreditratings hat das bereits stattgefunden, hier dominieren vor allem drei große Agenturen das Spielfeld. Doch auch im Bereich der Öko-Investments zeichnet sich eine Konzentrationsprozess ab, manch ein Kritiker spricht gar von oligopolistischen Zügen, seit sich die MSCI ESG Research als mit Abstand größte Rating-Agentur der Welt positioniert hat. Auch die Übernahme von Sustainalytics durch die Agentur Morningstar hat bei vielen Branchen-Beobachtern für Bedenken gesorgt, sowie der Zusammenschluss von ISS mit der Agentur Oekom Research. Dass den Urteile einzelner Anbieter eine immer stärkere Bedeutung zuteil wird, wird insofern als Problem betrachtet, als dass eventuelle Fehler in der Beurteilung sehr viel schwerer wiegen würden.

Dass überhaupt privatwirtschaftliche Agenturen ohne einheitliches Regelwerk die Nachhaltigkeitskriterien überprüfen, steht ebenfalls in der Kritik: Fonds, die nachhaltige Ableger bilden wollen, würden sich durch die Macht der Agenturen gezwungen fühlen, bestimmte Unternehmen aus dem Fonds oder Index zu schmeißen, die in Wahrheit viel klimafreundlicher seien als von den Agenturen befunden.

Kritik Nr. 2: ESG-Scorings je nach Anbieter unterschiedlich

Wie nachhaltig ein Unternehmen ist, darüber herrscht unter den Ratingagenturen Uneinigkeit. So kommt es, dass die einzelnen Scoring-Ergebnisse teils stark voneinander abweichen. Das Massachusetts Institute of Technology hat die Abweichungen genauer untersucht und bei sechs großen ESG-Ratingagenturen (KLD, Sustainalytics, Vigeo Eiris, RobecoSAM, Asset4 und MSCI) eine durchschnittliche Korrelation von 0,54% festgestellt.

Kritik Nr. 3: Vor allem Großkonzerne bekommen gute ESG Ratings:

Ein viel genannter Kritikpunkt bezieht sich auf die Größe jener Unternehmen, die überhaupt einem ESG-Rating unterzogen werden. So eine ESG-Lizenz von einer etablierten Rating-Agentur kostet viel Geld. Geld, über das naturgemäß Großkonzerne eher verfügen als kleine und mittelgroße Unternehmen. Letztere seien dadurch in ESG-Indizes und -Fonds entsprechend seltener vertreten, meinen Kritiker.

Kritik Nr. 4: Mangelnde Transparenz

Der Finanzdienstleister Flossbach von Storch Research bemängelt, dass viele Unternehmen wenig Informationen herausgeben, wie nachhaltig sie arbeiten: “Die entsprechenden Berichte erinnern nur all zu oft an Imagebroschüren und stellen kaum eine geeignete Grundlage für eine allumfassende Nachhaltigkeitsbeurteilung dar”, schreiben die Experten in einem Website-Beitrag.

ESG-Ratings: Viel Luft nach oben

Die unterschiedlichen Bewertungsansätze und Scoring-Ergebnisse der zahlreichen ESG-Ratingagenturen können in der Tat irreführend sein. Nichtsdestotrotz haben ESG-Ratings auch Vorteile: Zumindest die Motivation dürfte bei vielen Unternehmen geweckt sein, sich transparent und nachhaltig zu präsentieren. Klimafreundlich und sozialverträglich zu arbeiten, ist mittlerweile ein Wirtschaftstreiber.

Kryptische Bezeichnungen

Will man sich in der Auswahl an Indizes zurechtfinden, begegnen einem eine Zahl von Kennzeichnungen und Beinamen. Die gängigsten Begrifflichkeiten seien im Folgenden näher beleuchtet:

  • Low Carbon: Investieren in Länder oder Unternehmen, die weniger CO2 ausstoßen als andere oder aktiv die Dekarbonisierung vorantreiben.
  • Paris-Aligned & Climate Transition (PACT): Kennzeichnung für solche Indizes, die Aktien von Unternehmen abbilden, die zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens beitragen (“paris-aligned“) beziehungsweise die EU-Richtlinien zum Erreichen der Energiewende (Climate Transition) berücksichtigen, darunter das Ziel, die Erderwärmung um maximal 1,5 Grad ansteigen zu lassen.
  • Sustainability (Nachhaltigkeit): Bezeichnung für sowohl für ökologische als auch ethische und soziale Kriterien einbindende Indizes oder Index-Familien.
  • Impact Investing: Gemeint sind in der Regel „wirkungsorientierte“ Investitionen, spricht: ein Investment in solche Unternehmen, die aktiv daran arbeiten, soziale oder ökologische Probleme zu lösen. Hierunter würde zum Beispiel ein Unternehmen zählen, das eine Bildungs-App auf den Markt gebracht hat oder dessen Ziel es ist, faire Entlohnung für ausländische Landwirte zu realisieren. Gleichzeitig soll beim Impact Investing aber auch eine mindestens so hohe oder höhere Rendite wie bei einem konventionellen Investment erzielt werden.
  • Ex: Präfix, das aussagt, welche Geschäftsfelder ausgeschlossen werden. Z.B.: „ex Tabacco“: Ausschluss von Unternehmen, die in der Tabakindustrie tätig sind. Oder “ex CW”: Ex Controversal Weapons.

Index-Anbieter wie MSCI, S&P, Dow Jones oder FTSE, aber auch Fondsbetreiber wie iShares und HSBC bedienen sich zusätzlich weiterer Beinamen, um ihre Indizes oder ETFs zu bezeichnen. Nachfolgend seien die Definitionen des Indexanbieters MSCI examplarisch für die einzelnen Begrifflichkeiten aufgeführt:

ESG-Screened: Die MSCI ESG-Screened Indizes entstehen, in dem ein konventioneller Mutter-Index gefiltert wird. Ausgeschlossen werden Firmen, deren Umsatz zu mehr als 5% aus dem Bergbau, der Gewinnung von Kohle oder Ölsanden erzielt wird. Nicht zugelassen sind auch Firmen, die einen Anteil von mindestens 5% am Gesamtumsatz durch die Produktion, Lieferung oder den Vertrieb von Tabakprodukten erzielen. Ausgeschlossen sind auch solche Firmen, die in Verbindung mit kontroversen Waffen, zivilen Waffen und Atomwaffen stehen, weil sie diese entweder direkt produzieren oder vertreiben, oder weil sie an der Herstellung von Komponenten beteiligt sind wie beispielsweise Nuklearsprengköpfen oder Trägerplattformen von Atomwaffen. Zusätzlich werden nur Unternehmen zugelassen, die die UN Global Compact Richtlinien nicht verletzen.

ESG-enhanced: Auch bei der Zusammenstellung der ESG-enhanced Indizes werden die genannten kontroversen Branchen herausgefiltert, zusätzlich liegt der Fokus bei der Index-Zusammenstellung auf solchen Unternehmen, die klimafreundlicher als andere Unternehmen arbeiten, weil sie beispielsweise weniger Treibhausgase freisetzen. Solche Unternehmen werden stärker gewichtet als andere. Beim MSCI World ESG-enhanced beispielsweise ist die CO2-Emission laut Angaben des Indexanbieters 30% geringer als bei dem Basis-Index, dem MSCI World.

SRI: MSCI setzt bei seinen SRI-Indizes mehr Ausschlussfilter an als bei den ESG-optimierten Produkten. Beispielsweise zählen zusätzlich die Geschäftsfelder Erwachsenenunterhaltung, Gentechnik und Alkohol zu kontroversen Branchen. Um in einen MSCI SRI Index aufgenommen zu werden, muss eine Firma einen ESG-Score von mindestens A verfügen. Sprich: Es genügt nicht, ein mittelmäßiges ESG-Rating zu erhalten, um Teil eines nachhaltigen Index zu werden, wie es beispielsweise bei ESG Indizes der Fall ist, die nach der “Best-in-Class”-Methode zusammengestellt werden.

Nachhaltig durch Ausschlüsse

Indizes beziehungsweise ETFs mit dem Zusatz „Ex“ schließen Unternehmen von vornherein aus, die in bestimmten umstrittenen Geschäftsfeldern tätig sind. Um welche Branchen es sich dabei konkret handelt, ist allerdings von Index zu Index unterschiedlich, und somit auch von ETF zu ETF.

Das Online-Portal justETF hat im April 2021 in einer Übersicht festgehalten, welche Indexfamilie welche Ausschlusskriterien ansetzt. So orientieren sich fast alle Indexfamilien an den UN Global Compact Prinzipien, kontroverse Waffen werden von allen Indizes ausgeschlossen. Wer es vermeiden will, in Unternehmen zu investieren, die Gentechnik als Technologie verwendet, ist laut Tabelle ausschließlich bei dem MSCI SRI Indizes an der richtigen Adresse.

Nachhaltige ETF
Quelle: justetf.com, 06/21

Zusätzliche Ausschlüsse nehmen dann die zahlreichen Sub-Indizes der Indexfamilien vor. Subindizes der MSCI SRI-Familie sind beispielsweise der Low Carbon SRI Leaders oder der SRI Select Reduced Fossil Fuels.

Neben weiteren Ausschlüssen kommt es bei einigen Sub-Indizes auch zu einer lokalen Konzentration – also auf Europa, die Emerging-Markets (Schwellenländer) oder auch einzelne Länder wie Japan.

Sind grüne ETF wirklich risikoreicher?

Nachhaltige ETFs, die von einem Mutter-Index abgeleitet werden, bilden nur einen Bruchteil jener Unternehmen ab, die im Basis-Index zu finden sind. Eine Anlage macht das riskanter, denn: Je weniger Werte in einem Index oder ETF enthalten sind, desto weniger breit wird das Risiko verteilt. 

Doch auch wenn kein direktes Pendant existiert, wie beispielsweise bei Trend-Indizes, die sich auf eine bestimmte nachhaltige Branche fokussieren, ist die Anzahl an Positionen naturgemäß ziemlich beschränkt. Der S&P Global Clean Energy beispielsweise investiert in nicht einmal 80 Unternehmen – denn aufgenommen werden nur solche, die an der Erzeugung sauberer Energien oder der Bereitstellung entsprechender Technologien beteiligt sind. Abgesehen von der beschränkten Anzahl an Werten wird das Klumpenrisiko dadurch befördert, dass eben nur ein bestimmter Sektor abgebildet wird.

Doch auch wenn über Branchen hinweg investiert wird, wie beim MSCI World SRI, leidet die Diversifikation. In dem nachhaltigen Index stecken durch die zahlreichen Ausschlüsse lediglich etwas mehr als 370 Unternehmen. Der konventionelle MSCI World dagegen bildet mehr als 1.500 Werte ab.

Eine strenge Auslegung von ESG-Kriterien und eine gleichzeitig breite Diversifikation ist faktisch nicht möglich. Das ist mit ein Grund, warum einige Indizes ihre Kriterien nicht allzu streng fassen, um zu vermeiden, dass zu viele Unternehmen aus dem Index herausfallen. Bei den MSCI ESG Leaders Indizes beispielsweise wird das Klumpenrisiko zumindest reduziert, indem innerhalb einer Branche gewichtet wird – und dadurch mitunter auch mittelmäßig nachhaltige Firmen Zutritt zum ESG-Index haben.

Man kann einen Blick auf die Volatilität werfen, also das Ausmaß an Schwankungen grüner ETFs, um herauszufinden, ob die nachhaltigen Varianten wirklich riskanter sind:

ETFVolatilität
MSCI World SRI15,56% (3 Jahre)
MSCI World18,25% (3 Jahre)
FTSE Global All Cap Choice14,7% (5 Jahre)
FTSE Global All Cap (Basis)14,9% (5 Jahre)
S&P 500 ESG14,83% (5 Jahre)
13,41 % (10 Jahre)
S&P 50014,99% (5 Jahre)
13,6% (10 Jahre)
Quelle: msci.com, ftserussell.com, spglobal.com, 06/21

Die drei Beispiele zeigen: Zieht man die Volatilität als Messgröße von Risiko heran, waren die nachhaltigen Indizes sogar weniger riskant als ihre konventionellen Basis-Indizes. Dazu muss man allerdings sagen, dass der Betrachtungszeitraum mit unter 10 Jahren sehr gering ist und sich so keine allgemeingültige Aussage treffen lässt, ob die Indizes nun riskanter sind oder nicht. Fakt ist: In der Regel sind nachhaltige Indizes weniger breit diversifiziert und dadurch kommt in der Regel ein ungünstigeres Risiko-Rendite-Verhältnis zustande. Denn das Kapital wird ganz einfach über weniger Werte verteilt. Kommt es zu einem Kursverfall bei einem Unternehmen, wiegt dieser schwerer, als wenn gleichzeitig in tausende andere Firmen investiert wird.

Die Rendite von nachhaltigen ETF

Erzielen nachhaltige Geldanlagen tatsächlich eine bessere Rendite als konventionelle Produkte, die ohne Rücksicht auf ökologische oder moralische Standards investieren? Glaubt man mehreren Studien zu dieser Frage, ist dem nicht so: Nachhaltige Fonds würden mindestens genauso gut oder teilweise besser abschneiden als klassische, haben zum Beispiel die Santa Clara University und die University of Pennsylvania 2008 festgestellt. 

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und die Frankfurt School of Finance and Management sogar schon im Jahr 2003. Damals prüften die Forscherinnen 16 deutsche und schweizerische Aktienfonds sowie 30 US-amerikanische und 10 globale Fonds aus dem ESG-Bereich auf ihre Wertentwicklung. Das Ergebnis: Nur wenige Fonds schnitten schlechter ab als ihre Basis-Indizes, die ohne Rücksicht auf Umweltstandards investierten.

Performen grüne Indizes besser?

Und auch der heutige Blick auf die Renditen zeigt: Nachhaltig zu investieren, bedeutet offenbar nicht, auf Gewinne verzichten zu müssen. Der MSCI World SRI konnte von 2018 bis 2021 pro Jahr 0,8% mehr Rendite erzielen als der “normale” MSCI World. Gleiches gilt für die FTSE Indizes. 

Deswegen zu glauben, dass nachhaltige ETF grundsätzlich besser rentieren als konventionelle, wäre allerdings falsch. Denn zum einen sind die Vergleichszeiträume viel zu gering, um auf die langfristige Performance zu schließen – angebracht wäre hier ein Blick um mindestens 20, besser 30 Jahre.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Faktoren, die die Performance in einem so kurzen Zeitraum beeinflussen können. So sind in den nachhaltigen Indizes vor allem Unternehmen aus der IT-Branche stark gewichtet – einem Sektor, dem es dank erfolgreicher Silicon-Valley-Tech-Riesen in den vergangenen Jahren ziemlich gut ergangen ist.

Auch die regionale Gewichtung kann eine Rolle spielen: Die meisten nachhaltigen Indizes konzentrieren sich noch mehr als konventionelle Pendants auf Industrieländer wie die USA, Schwellen- und Entwicklungsländer werden tendenziell weniger beachtet.

Ob nachhaltige Geldanlagen besser performen, ist Stand jetzt also noch gar nicht beurteilbar.

Wie sehr hilft man wirklich der Umwelt?

Die große Frage, die sich für Anlegerinnen und Anleger stellt, die mit gutem Gewissen investieren möchten, ist: Trage ich jetzt wirklich dazu bei, dass die Welt ein Stück weit besser wird?

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Viele Kritiker meinen, der Effekt auf die Realwirtschaft sei kaum bis überhaupt nicht vorhanden, und wer “grün” investiert, tue das vor allem aus eigener Überzeugung. Schließlich wird ein Bergbauunternehmen nicht damit aufhören, Kohle zu produzieren, um in einen ESG-Fonds aufgenommen zu werden, so ein Argument. Ein anderes lautet: Trotz des zunehmenden ESG-Investings bleibt das Kapital in nicht-nachhaltigen Firmen dasselbe. An der Börse finde lediglich ein Eigentümerwechsel statt: Nachhaltige Indizes entstehen schließlich, indem konventionelle Fonds gefiltert werden. Die aussortierten Aktien werden aus dem Index gefiltert – verschwinden dadurch aber nicht. Sie werden verkauft, und so findet sich ein neuer Besitzer. Die meisten ETFs werden von privaten Anlegerinnen und Anlegern ohnehin auf dem Sekundärmarkt erworben, es fließt also kein zusätzliches Kapital an die Unternehmen.

Den größten Einfluss haben Konsumenten

Würden plötzlich Großinvestoren scharenweise ihr Kapital nur noch in nachhaltige Geldanlagen stecken, dürften auch mehr Unternehmen bestrebt sein, ihre Geschäftsmodelle neu zu strukturieren, faire Arbeitsbedingungen sicherzustellen oder die Menge an Treibhausemissionen signifikant zu senken. Gegenwärtig machen nachhaltige Geldanlagen mit einem Anteil von rund 9% nach wie vor nur einen kleinen Teil im gesamten Geldanlage-Universum aus. Ihr Wachstum ist dafür beeindrucken: 2020 beispielsweise ist das Vermögen in nachhaltigen Finanzprodukten teilweise innerhalb weniger Monate um bis zu 30% gestiegen.

Einen direkten Einfluss auf die Praktiken oder ethischen Leitgedanken eines Firmenmanagements haben nachhaltige Investorinnen und Investoren nicht direkt. Und doch schafft der Trend hin zu nachhaltigen Portfolios ein neues Bewusstsein für das Thema. Umweltfreundlichkeit und nachhaltige Standards sind schon jetzt zum Wirtschaftstreiber für Unternehmen geworden.

Den größten Einfluss auf die Realwirtschaft haben letzten Endes die Konsumenten, die sich für oder gegen ein Produkt entscheiden – indem sie es kaufen oder darauf verzichten. Der Aktienhandel aber findet für Privatanleger am Sekundärmarkt statt, sprich: ob eine Aktie gekauft wird oder nicht, verändert letztlich nichts an der Bilanz der Firma.

Schritt für Schritt den richtigen nachhaltigen ETF finden

Bist du auf der Suche nach einem nachhaltigen ETF, kannst du dich an folgendenermaßen vorgehen:

  • Stelle dir die Frage, was du mit deinem Investment erreichen willst.

    Möchtest du nachhaltige Projekte oder Firmen aktiv unterstützen oder ganz einfach Firmen aus kontroversen Branchen aus deinem Portfolio verbannen? Hast du hier bereits eine konkrete Branche im Sinn oder möchtest du alles ausschließen, was nach ESG-Kriterien als “kontrovers” gehandhabt wird? Ist dein Ziel eine Rendite über dem Marktniveau oder ist die Rendite zweitrangig?

  • Schau dich bei den gängigen Indexanbietern wie MSCI, S&P oder FTSE nach nachhaltigen Indizes um.

    Dort wirst du meist zuerst zu einer Übersicht über das gesamte nachhaltige Index-Universum weitergeleitet. Anschließend kannst du zwischen verschiedenen Kategorien wählen und etwas spezifischer nach Indizes suchen. Von dort aus kannst du jeden Index einzeln aufrufen und über zusätzliche Anhänge wie “Methodology” oder ein Factsheet erfahren, was genau in einem Index drinsteckt.

  • Alternativ kannst du dich direkt nach einem nachhaltigen Index umsehen, beispielsweise auf Online-Vergleichsportalen wie justETF oder extraETF.

    Dort kannst du zum Beispiel mit der Filterfunktion verschiedene Kriterien festlegen und dir zum Beispiel nur globale ETFs anzeigen lassen, die zusätzlich Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Auch hier bieten dir die Factsheets der einzelnen Fondsanbieter einen Überblick darüber, nach welchen Kriterien und in welche Firmen ein ETF investiert. Worauf du sonst noch bei der Auswahl eines ETFs achten solltest, erfährst du hier.

  • Entscheide dich, wie viel Prozent der Anteil des nachhaltigen ETF an deinem Gesamtportfolio betragen soll, oder anders gesagt:

    Möchtest du ein komplett nachhaltiges Portfolio aufbauen oder nachhaltige Aktien nur beimischen? Beides ist möglich. So könntest du bei einem grünen Portfolio die gleiche Anlagestrategie fahren wie bei einem  konventionellen, also beispielsweise nach der 70-30-Regel: 70% des Kapitals würden in einen nachhaltigen Weltindex wie den MSCI World oder den FTSE All World fließen – und 30% in einen grünen ETF, der sich auf Schwellenländer spezialisiert hat.

  • Du hast die Wahl, ob du auf einmal in den Fonds investieren möchtest oder jeden Monat per Sparplan.

    Bei letzterer Methode ist der Vorteil, dass auch mit einem kleinen monatlichen Budget erfolgreich investiert werden kann.

Häufig gestellte Fragen

  • Was bedeuten ESG und SRI bei nachhaltigen ETF?

    Die Abkürzung ESG steht für “Environment, Social, Governance”, zu deutsch: “Umwelt, Soziales und Unternehmensführung”.

    Die Abkürzung SRI wird häufig als Synonym von ESG verwendet. SRI steht für “Socially Responsible Investing” (zu deutsch: sozial verantwortliches Investieren). SRI-Kriterien sind in der Regel etwas strenger als ESG-Regulierungen.

  • Wann ist eine Geldanlage nachhaltig?

    Dafür gibt es (noch) keine einheitliche Definition, die EU arbeitet aber an einer allgemeingültigen Taxonomie. Von Indexanbietern werden Nachhaltigkeitskriterien jedoch unterschiedlich kategorisiert, außerdem gibt es Unterschiede bei der Art der Zusammenstellung, sodass eigene Recherche nach wie vor notwendig ist.

  • Werfen nachhaltige ETFs weniger Rendite ab?

    Kurzfristige Betrachtungen haben gezeigt, dass grüne ETFs sogar etwas mehr Rendite erzielten als konventionelle. Wie es langfristig aussieht, kann Stand jetzt allerdings noch niemand beurteilen.

  • Sind grüne ETFs riskanter?

    Nachhaltige Fonds oder ETFs enthalten weniger Werte als klassische Produkte, was die Diversifikation reduziert. Das Klumpenrisiko ist also generell höher als bei breit diversifizierten Produkten.