Aktienboom in Deutschland: Das neue Börsenfieber

2020 haben so viele Menschen investiert wie seit 20 Jahren nicht mehr. Vor allem junge, westdeutsche Männer, wie eine neue Studie zeigt. Woher der neue Börsenboom kommt, wie gefährlich er ist und warum Frauen eher zögerlich bleiben.

Was die Kategorisierung von Jahrgängen betrifft, haben Soziologen und Gesellschaftsforscher in den vergangenen Jahren bekanntlich ganze Arbeit geleistet. So gibt es nicht mehr nur die “Generation Vorkriegszeit” oder die “68-er”, sondern auch die Generationen X,Y und Z, die “Baby-Boomer”, die “Millennials”, die “Digital Natives” oder gar die “Generation Golf”. Mit dem Jahr 2020 nun scheint eine ganz neue Alterskohorte geboren: die Generation Aktie. Gemeint sind damit 14-29-Jährige, die derzeit so aktiv an der Börse sind wie noch nie. Manch ein Medium spricht bereits von einem “Jugend-Boom” an der Börse – während manche Wirtschaftswissenschaftler skeptisch auf die “Jungen Wilden” blicken. Woher kommt der plötzliche Run auf Aktien, wieso investieren Frauen anders als Männer und warum ist die Aktie in Ostdeutschland so viel unbeliebter? Eine neue Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) gibt Aufschluss.

Aktien sind so beliebt wie seit 20 Jahren nicht

Der Deutsche und die Aktie: Es ist eine komplizierte Liebesbeziehung, könnte man sagen – mit dramatischen Gefühlsschwankungen. Fast ekstatisch wurde die Liebe der Deutschen zur Aktie zum Beispiel gegen Ende der 1990er Jahre, als massenhaft neue “Internet-Firmen” aus dem Boden und an die Börse schossen. Die deutschen Sparer konnten nicht genug kriegen von der “New Economy”, von der sich im Nachhinein ein großer Teil als völlig unprofitabel und überbewertet herausstellte. Die Spekulationsblase platzte also – und bis vor Kurzem schien der Knall noch immer durch die Köpfe vieler Deutscher zu hallen, die bei den Themen Aktien und Börse nur kopfschüttelnd abwinken. Das scheint sich jetzt zu ändern: 2020 haben so viele Anleger in Aktien, ETFs oder Fonds investiert wie seit 20 Jahren nicht. So geht es aus den Erhebungen des DAI hervor.

Aktionaere-und-Anleger
Quelle: DAI

So hat im vergangenen Jahr jeder sechste Deutsche in Aktien investiert, also 12,4 Millionen Menschen und damit 2,7 Mio. mehr als 2019. Dazu muss gesagt werden: Rund 500.000 der Neu-Investoren sind allein dadurch hinzugekommen, dass 2020 erstmals auch Menschen mit Migrationshintergrund für die Studie befragt wurden.

Woher kommt der Boom?

Für das Börsenfieber der Deutschen kommen mehrere Erklärungen in Frage:

  1. Die Zinsen sind (und bleiben) niedrig

Weder das Sparen noch die Lebensversicherung, der Pensionsfonds oder der Bausparvertrag lohnen sich noch aus Renditesicht. Die Zinsen für klassische Anlagen verharren auf dem niedrigsten Niveau seit Langem und werden aller Voraussicht nach so schnell auch nicht steigen – haben die Notenbanken im Zuge der Pandemie doch noch mehr Geld in den Markt gepumpt als ohnehin schon. Sparerinnen und Sparer gehen daher wieder an die Börse, schätzen einige Experten.

  1. Viel Zeit und viel Langeweile

Ein weiterer Grund könnte sein: Die Leute haben in Zeiten von Home-Office, geschlossenen Restaurants und Kontaktbeschränkungen viel mehr Zeit – und Langeweile. Außerdem wurden 2020 kaum oder keine Urlaube bezahlt, weniger geshoppt und wegen geschlossener Läden insgesamt weniger konsumiert. Für viele scheint es die perfekte Gelegenheit, das Gesparte anzulegen. Zumal mit dem ersten Ausbruch der Pandemie im März 2020 die Kurse der großen Indizes um 30% gefallen sind. Das dürfte viele Deutsche zusätzlich motiviert haben.

  1. Informationen gibt es überall

Wie die Börse funktioniert, was ETFs sind und wie man ein Depot eröffnet, haben vor einigen Jahren nur wenige ohne die Hilfe ihres Bank- oder Finanzberaters herausgefunden. Heute ist das Internet voll von Portalen, YouTube-Kanälen und Finanz-Influencern, die die Zusammenhänge einfach erklären und Hilfestellung leisten. Die Infos sind kostenlos und schnell zugänglich – und haben offenbar viele Menschen erreicht.

  1. Investieren ist so bequem wie nie

Auch funktioniert Anlegen heute viel einfacher und schneller als früher – nämlich komplett online und seit Kurzem sogar übers Smartphone. Auch in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren Neo-Broker wie Trade Republic und Scalable Capital angesiedelt, über deren Apps der Aktienkauf fast kostenlos und mit wenigen Fingerbewegungen vollbracht ist. Überhaupt mit dem Investieren anzufangen, kostet dadurch deutlich weniger Überwindung.

Frauen investieren breiter, aber weniger

Auch wenn immer mehr Frauen die Börse für sich entdecken und mit Aktien fürs Alter vorsorgen, sind es doch immer noch vor allem die Männer, die Wertpapiere kaufen – sei es in Form von Einzelaktien oder Fonds / ETFs.

Neben 7,9 Mio. Anlegern zählt die Statistik “nur” 4,5 Mio. Anlegerinnen. Auch der Zuwachs im vergangenen Jahr ging vor allem von männlichen Investoren aus: Während 2,1 Mio. von ihnen Aktien für sich entdeckten, kamen nur 650.000 und damit gerade mal ein Drittel so viele Frauen neu an die Börse. Das ist ein Problem, denn: Frauen verdienen im Schnitt immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Der Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, beträgt laut jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamts nach wie vor 18%. 

Die Gründe dafür sind vielfältig: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit oder in schlecht bezahlten Branchen, und im Schnitt kümmern sich Frauen in Partnerschaften noch immer zum großen Teil um Familie und Haushalt, was wiederum häufig Aufstiegschancen schmälert oder zu längeren Unterbrechungen im Erwerbsleben führt. Teilweise lässt sich die Lohnlücke jedoch auch schlichtweg nicht erklären, sprich: Es kommt vor, dass Frauen im gleichen Job und bei gleicher Qualifikation und Auslastung dennoch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. 

Frauen sind eher von Altersarmut bedroht

Weniger Lohn kann vor allem im Alter ein Problem werden: Denn je weniger über das gesamte Erwerbsleben verdient wird, desto schmaler fällt später auch die Rente aus. Im Schnitt hätten es viele Frauen daher sehr viel nötiger, rechtzeitig privat fürs Alter vorzusorgen – was wiederum schwieriger fällt, wenn weniger Rücklagen gebildet werden können.

Die Unternehmerin Natascha Wegelin, die den Finanz-Blog Madame Moneypenny betreibt, meint noch einen Grund für die Zurückhaltung vieler Frauen beim Thema Aktien zu kennen: „Es gibt wenig Angebote, bei denen Frauen sich wohlfühlen“, sagte sie kürzlich dem Handelsblatt. „Der Sparkassenberater verkauft einer 30-jährigen Frau routinemäßig einen Bausparvertrag, egal, ob der zu ihrer Lebenssituation passt oder nicht. Das ist einfach komplett an der Realität vorbei”.

Frauen streuen ihr Geld breiter

Eines haben die weiblichen Anleger den männlichen dann aber doch voraus: Sie investieren im Schnitt klüger. So hat von den 650.000 Neu-Investorinnen kaum jemand in Einzelaktien investiert – sondern fast alle haben ihr Geld in breit gestreute Fonds / ETFs gesteckt. Auch die männlichen Investoren setzten 2020 mehrheitlich auf Fonds – von 2,1 Mio. Anlegern investierten aber dennoch knapp 46% in Einzelaktien, der Rest setzte auf Fonds bzw. ETFs.

Auch das hänge mit dem Einkommen zusammen, meint Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des DAI auf Anfrage. “Frauen verdienen häufig weniger als Männer. Sie haben deshalb oft einen geringeren finanziellen Spielraum. Dieser macht sich natürlich auch beim Sparen und der Geldanlage bemerkbar”, so Bortenlänger. Anlegerinnen entschieden sich daher häufiger für Fonds oder ETFs. Und: “Das ist sogar richtig gut, denn eine breit gestreute Aktienanlage ist clever.” Verfügen Frauen hingegen über das gleiche Vermögen verfügen wie Männer, legen sie auch ähnlich risikobewusst an, so die Vorständin weiter. Zu dieser Erkenntnis ist auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einmal in einer Untersuchung gekommen.

Einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Anlegerin gebe es aber doch, so Bortenlänger:  “Frauen wünschen sich oftmals Geldanlagen, die Sinn machen. Sie interessieren sich deshalb häufiger für ökologische oder ethische Geldanlagen.” Auch würden Frauen  oft beständiger agieren: “Weil sie weniger von einer Geldanlage zur anderen springen, nicht kurzfristig auf der Jagd nach Gewinn sind, erreichen sie sogar eine bessere Rendite.”

Im Osten ist die Aktie weniger beliebt

32 Jahre nach dem Mauerfall sind Ost- und Westdeutschland in einigen Bereichen immer noch ziemlich unterschiedlich. Zum Beispiel beim Thema Geldanlage: Während in den alten Bundesländern jeder Fünfte Aktien besitzt, investiert in den neuen Ländern gerade mal jeder Achte in Wertpapiere.

Dieses Ost-West-Gefälle zeigt sich auch an den Zahlen, die das DAI in seiner Studie ermittelt hat: Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und sogar Berlin bilden die Schlusslichter, was Aktieninvestments betrifft. Dort liegt die Aktionärsquote teilweise bei nur 8,2%, während fast 25% der Bayern und Baden-Württemberger in Wertpapiere investiert sind.

Quelle: DAI

Das DAI erklärt sich den regionalen Unterschied damit, dass es in der ehemaligen DDR anders als in Westdeutschland keine Aktiengesellschaften gab und daher keine Erfahrungen mit Wertpapieren gemacht wurden. Das Institut verweist aber auch auf die immer noch geringere Wirtschaftskraft in den neuen Bundesländern – und die damit verbundenen Einkommensunterschiede.

Tatsächlich ist das Median-Nettoeinkommen in westdeutschen Haushalten nach Angaben des Statistischen Bundesamts nach wie vor rund dreimal höher als im Osten. Das Klischee, nach dem Aktienhalter vor allem Gutverdiener sind, scheint zum Teil also immer noch zuzutreffen. Oder doch nicht?

Aktien sind nicht mehr nur für “Reiche” attraktiv

Die Untersuchung des DAI zeigt auch: Immer mehr Menschen mit geringem Einkommen wagen sich an die Börse und sorgen mit Aktien vor. Zwar ist ihr Anteil im Vergleich zu dem der Besserverdiener immer noch gering – doch es scheint sich etwas zu verändern: Allein eine halbe Million von den Anlegern, die vergangenes Jahr mit dem Investieren begonnen haben, verdienen weniger als 2.000€ Netto im Monat. Auch dieser Wandel könnte auf die neuen Broker-Apps zurückzuführen sein, über die schon ab einem Mindestbetrag von 25€ Aktien gekauft oder ETFs bespart werden können. Am auffälligsten ist aber ein anderer Trend:

Die Jungen stürmen an die Börse

Der Großteil der Aktienbesitzer, die vergangenes Jahr zum ersten Mal Aktien bzw. Fonds gekauft haben, ist jung: So verzeichnete das DAI bei den 14-29-Jährigen Anlegern einen Zuwachs von sagenhaften 67%. Gerade mal 13% der Neu-Investoren waren älter als 60 – hier ist der Zugewinn am geringsten.

Quelle: DAI

Das sich vor allem immer mehr junge Leute für das Aktiensparen interessieren, ist erst einmal erfreulich. Schließlich legen die Sparinnen und Sparer damit schon früh den Grundstein, um langfristig ein Vermögen aufzubauen und ihre spätere Rente aufzubessern.

Der “Jugend-Boom” macht aber auch skeptisch 

Manch einem Experten bereitet der neue “Jugend-Boom” allerdings auch Bauchschmerzen: Sie fürchten, dass mehr und mehr unerfahrene Anleger an die Börse strömen und – verleitet durch bequeme und günstige Smartphone-Apps – Kurse von Unternehmen in die Höhe treiben, die den Bewertungen an der Börse überhaupt nicht gerecht werden. “Unerfahrene Anleger laufen verrückten Trends und Wertpapieren mit einem starken Momentum hinterher. Die Bewertung spielt dabei offenbar keine Rolle”, schreibt beispielsweise ein Finanzredakteur im Handelsblatt.

Einzelaktien werden bei jungen Anlegern beliebter

In der Tat werden Einzelaktien bei den“jungen Wilden”, wie sie gern etwas abfällig genannt werden, beliebter: Waren es 2019 nur 22% der 14-39-Jährigen, die ausschließlich in Einzelwerte investierten, stieg der Anteil ein Jahr später auf 26%. In der Altersgruppe 40+ ist dagegen die Lust auf breit gestreute Investments gestiegen. 57% von ihnen investierten 2020 ausschließlich in Fonds und ETFs, ein Jahre zuvor waren es 3% weniger. Trotzdem: Auf Nummer sicher wollen über alle Generationen hinweg immer noch die meisten Anlegerinnen und Anleger in Deutschland. Auch wenn die Beliebtheit von Fonds 2020 bei den Jüngeren leicht abgenommen hat, steckten auch sie im Jahr 2020 genau 57% ihr Erspartes in ETFs und Fonds. 2019 waren es noch 65%.

Vermutlich hat auch der Gamestop-Skandal bei dem ein oder anderen Skepsis gegenüber der neuen “Generation Aktie” geweckt. Doch lässt sich der Skandal nicht so einfach pauschal auf alle jungen Anleger projizieren – denn tatsächlich ist der Zahl derer, die halsbrecherisch per Hebelinvestment ihr Erspartes in völlig aufgepumpte Computerspiele-Aktien stecken, ziemlich gering.

Nichtsdestotrotz besteht vor allem bei jungen, unerfahrerenen Anlegern eine Gefahr: Nämlich, dass sie durch das Börsenjahr 2020 falsche Erwartungen an den Markt hegen. 2020 begann mit Kursabstürzen von 30% und mehr – kurz darauf aber folgte die Aufstiegsrallye und viele Aktien und Indizes haben ihr Vorkrisenniveau inzwischen längst übertroffen. Wer im Frühjahr eingestiegen ist, konnte sein Erspartes extrem vermehren. Der Standard ist das allerdings nicht: Normal sind Renditen von 5-8% im Jahr, nicht aber 30% und mehr. Es bleibt also abzuwarten, ob die gute Stimmung an der Börse langfristig anhalten wird oder ob einige der neuen ETF-Sparer und Aktienkäufer wieder abspringen, sobald es etwas “gemäßigter” am Markt zugeht.

Bei Trends und Hypes ist Vorsicht geboten

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oder den USA ist die Aktienkultur in Deutschland immer noch ziemlich unterentwickelt. Dass sich das langsam zu ändern scheint, ist überaus erfreulich.

Wichtig ist und bleibt für Anleger und Anlegerinnen jedoch, sich nicht von kurzzeitigen Trends leiten zu lassen und nur dann auf den Aktienzug aufzuspringen, wenn sich extreme Hypes anzubahnen scheinen. Langfristig zu investieren heißt, gute wie schlechte Zeiten durchzustehen und sich in Geduld zu üben. Sich selbst zu informieren und die Funktionsweise der Börse grundlegend zu kennen, um eigene Entscheidungen treffen und souverän anlegen zu können. Umso effektiver wird das Ganze am Ende sein – denn über 20 Jahre und länger die richtigen Aktien herauszupicken, ist – und das ist statistisch bewiesen – unmöglich.