Mona Linke
Mona Linke
3. November 2022

Finanzkrise in Großbritannien: Knapp am Crash vorbei

Steuern runter, Schulden hoch: Wie Großbritannien beinahe eine neue Finanzkrise lostrat – und es jetzt richten will.

Wochenlang hatten sie sich einen erbitterten Wahlkampf geliefert, sich in TV-Duellen Vorwürfe an den Kopf geschleudert und unermüdlich um die Gunst der knapp 200.000 Tory-Wähler gestritten. Das Gefecht um die Johnson-Nachfolge zwischen Liz Truss und Rishi Sunak war zäh, zuweilen nahm es auch bizarre Züge an. Einmal sah es so aus, als würde der Ex-Investmentbanker das Rennen allein wegen seiner 450 Pfund teuren Prada-Schlappen verlieren, die neben den 4,50 Pounds-Ohrringen der Tory-Abgeordneten doch förmlich nach Snobismus schrien. Am Ende jedenfalls war es tatsächlich Liz Truss, die triumphierte und am 6. September als neue Premierministerin Großbritanniens vereidigt wurde. Rishi Sunak unterlag, er war der Besiegte – doch nur für kurze Zeit. Rund 50 Tage später löste der Millionär mit Elite-Uni-Abschluss Liz Truss in ihrem Amt ab und sitzt seither in der Downing Street 10. Für Genugtuung bleibt jedoch keine Zeit, denn vor dem neuen Premier liegt ein wirtschaftspolitischer Trümmerhaufen.

Rishi Sunak regiert jetzt ein Land, das eben noch an der Schwelle zu einer neuen Finanzkrise stand, das in eine düstere Zukunft blickt und von Medien inzwischen als „Bananenrepublik“ verspottet wird. Das britische Pfund ist mit einem Wechselkurs von 1:1,15 USD so schwach wie seit Mitte der 1980er nicht mehr, während britische Staatsanleihen zeitweise mit mehr als 5% Rendite verzinst wurden und Häuslebauer und Unternehmen unter ähnlich hohen Kreditzinsen ächzen. Doch steht das aktuelle Desaster nicht vielleicht nur am Ende einer Verkettung unschöner Entwicklungen in dem Vereinigten Königreich? Was genau waren Liz Truss’ Fehler und warum fürchtete man kurzzeitig um die Renten von Millionen von Britinnen und Briten?

Steuern runter, Schulden hoch: Truss’ radikale Ideen

Liz Truss hatte versprochen, mit der „Business-as-usual-Wirtschaftsstrategie“ in ihrem Land zu brechen – und gelungen ist ihr das zweifellos. Nur das Endergebnis hat sich die

47-Jährige vermutlich anders vorgestellt. Doch was genau hat das Vereinigte Königreich so ins Straucheln und Truss letztlich um ihr Amt gebracht?

Alles begann mit der Ankündigung, die größte Steuersenkung seit 50 Jahren auf den Weg zu bringen. Sowohl Unternehmen als auch Arbeitnehmer, allen voran Spitzenverdiener, wollte die britische Regierung massiv entlasten. So hatte Truss’ Finanzminister und guter Freund Kwasi Kwarteng im September vermeldet, die Einkommensteuer herabsetzen und außerdem einen Anstieg der Sozialversicherungskosten und der Körperschaftssteuer zurückzunehmen zu wollen. An die 50 Mrd. Pfund hätte das Steuersenkungsprogramm die britische Regierung Schätzungen zufolge gekostet. Außerdem stellte die Regierung einen Energiepreis-Deckel in Aussicht, um den Briten die exorbitanten Gaspreise nicht mehr vollständig zumuten zu müssen. Das wären laut Medienberichten weitere 150 Mrd. Pfund an Kosten gewesen.

Mehr als 5% Zinsen auf lang laufende Anleihen

Das eigentlich Problematische an der Sache: Weder Truss noch ihr Finanzminister hatten einen handfesten Plan vorgelegt, wie die Steuersenkungen finanziert werden sollten. So war schnell klar, dass Liz Truss’ wirtschaftsliberale Revolution ein riesiges Loch in den britischen Staatshaushalt reißen würde, das nur mit neuen Schulden gestopft werden könnte. Und damit war die Tragödie fast schon perfekt. Denn außer der britischen Regierung schien niemand so recht daran zu glauben, dass Steuersenkungen – wie von Truss angedacht – wirklich das Wachstum im Land ankurbeln würden. Die Investoren jedenfalls flohen kurz darauf scharenweise aus britischen Staatspapieren und brachten damit die Kurse der Staatsanleihen zum Einsturz. Denn weniger Nachfrage bedeutet – genau wie bei Aktien – einen sinkenden Kurs. Gleichzeitig steigen bei Anleihen die Renditen, wenn die Kurse sinken. So hat die Investorenflucht etwa die Rendite 10-jähriger britischer Staatsanleihen auf ein Rekordhoch von über 4% katapultiert, bei 30-jährigen Papieren waren es sogar mehr als 5%. Für die britische Regierung als Schuldner bedeutet das, ihren Gläubigern deutlich höhere Zinsen zu zahlen – was dem Land angesichts der geplanten Neuverschuldung noch mal deutlicher zugesetzt hätte.

Rendite 10-jähriger britischer Staatsanleihen zwischen 2018 und 2022
Rendite 10-jähriger britischer Staatsanleihen zwischen 2018 und 2022

Das Pfund am Boden

Die Aussicht auf ein riesiges Haushaltsdefizit hat noch an anderer Stelle für Wirbel gesorgt: Die britische Währung ist auf ein beinahe 40-jähriges Rekordtief gefallen. Ende September war ein Pfund nur noch 1,0350 USD wert und damit so schwach wie seit den 1980ern nicht mehr. Gerade in Zeiten wie diesen kann ein verschlechterter Wechselkurs fatale Folgen haben. Denn je weniger die eigene Heimatwährung gegenüber Fremdwährungen wie dem Dollar wert ist, desto teurer werden die Importe. Großbritannien lässt sich – genau wie viele EU-Länder – große Mengen an Gas aus Russland liefern, ächzt also ohnehin schon unter massiv gestiegenen Preisen. Die Inflation k