Preisschock am Ölmarkt

Als Ende April der Ölpreis abschmierte, konnten einige Investoren ihren Augen nicht trauen: Für die Tonne WTI Rohöl mussten Käufer nicht bezahlen, sondern haben sogar Geld dafür bekommen. Wie konnte es so weit kommen? Und sollten Anleger jetzt in das schwarze Gold investieren? 

Schon jetzt hat die Corona-Pandemie zu allerlei Verwerfungen an der Börse geführt. Der jüngste Investoren-Schock: Ein Ölpreis, der innerhalb von 24 Stunden ins Bodenlose gestürzt ist. Es mag skurril klingen, aber: Wer am 21. April ein Fass Rohöl der amerikanischen Sorte WTI gekauft hat, der musste dafür nicht bezahlen, sondern hat sogar 37 Dollar von seinem Öllieferanten bekommen, damit er ihm den schmierigen Rohstoff abnimmt. Vom schwarzen Gold, wie das Erdöl gerne genannt wird, konnte keine Rede mehr sein. 

Eines vorweg: Inzwischen ist der Preis für die Tonne amerikanisches Rohöl wieder leicht gestiegen und liegt bei 23,89 Dollar pro Barrel (Stand: 7.5.20 für einen Juni Future Contract) .

Die Schäden, die der historische Öl-Crash vor drei Wochen angerichtet hat, werden sich so schnell allerdings nicht ausbügeln lassen. 

Aber wie konnte es so weit kommen? 

  • Angebot und Nachfrage klaffen dieser Tage weit auseinander.

Die Weltwirtschaft steht seit Wochen so gut wie still, Firmen produzieren nicht mehr, Autos fahren nicht mehr und Flugzeuge bleiben am Boden. Kurz gesagt: So wirklich braucht gerade niemand Öl. Der fehlenden Nachfrage steht ein gewaltiges Überangebot gegenüber. Und um zu verstehen, wie dieses Missverhältnis entstehen konnte, muss man zunächst verstehen, wie der Rohstoff gehandelt wird. 

Bloß nicht auf dem Öl sitzen bleiben 

Anders als Aktien wird Öl über sogenannte Futures, also Terminverträge gehandelt. Wer zum Beispiel im Juni Öl benötigt, schließt einen Juni-Kontrakt ab und kauft sogenannte Juni-Papiere zu einem vorher an der Börse verhandelten Preis. Sowohl der Anleger- als auch der Verkäuferseite gibt das die Sicherheit, nicht plötzlich unermesslich viel für die Tonne Rohöl bezahlen zu müssen oder andersherum das Petroleum nur noch zum Dumpingpreis verkauft zu bekommen. Auch andere Rohstoffe wie beispielsweise Kaffeebohnen oder Weizen werden übrigens über den Terminmarkt gehandelt. 

Doch für Investoren kann das Ganze riskant werden: Denn während einige Unternehmen wie Fluglinien in Rohöl investieren, weil sie es tatsächlich benötigen, um beispielsweise Treibstoff herzustellen, wimmelt der Ölmarkt auch vor Tradern und Spekulanten. Ohne je einen Tropfen von dem schwarzen Gold zu Gesicht bekommen zu haben, handeln sie riesige Mengen von Öl. Das Prinzip dahinter: Bevor ein Vertrag ausläuft, verkaufen die Investoren ihre Papiere wieder und “rollen” ihr Geld in den späteren Future, also zum Beispiel in einen Juli-Kontrakt. 

Bis zu einem bestimmten Stichtag haben die Käufer von Futures Zeit, ihre Finanzpapiere wieder zu verkaufen. Als am 20. April der Kurs in den Minusbereich gestürzt ist, handelte es sich um den Mai-Future, der am 21. April auslaufen sollte. Dass es kurz vor diesem Stichtag zum panischen Rausverkauf kam, ist kein Zufall: 

Gelingt es einem Anleger in der vorgegebenen Frist nicht, das gekaufte Öl wieder zu verkaufen, ist er zur Abnahme der zugesicherten Ölmenge verpflichtet, sprich: er muss das Fass Öl tatsächlich abholen, einlagern, versichern und bewachen lassen. 

Ein Szenario, das die meisten Investoren um jeden Preis vermeiden wollen, haben doch die wenigsten von ihnen einen eigenen Öltanker im Golf von Mexiko liegen. 

Dieser massive Verkaufsdruck hat also mitunter zu dem dramatischen Preisabsturz im April geführt. Denn um die Öl-Papiere wieder verkaufen zu können, braucht es zuallererst Abnehmer. Doch eben diese Abnehmer suchte man – wie gesagt – Ende April vergeblich. Gleichzeitig ächzten die 13 OPEC-Staaten, darunter Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuwait, sowie der Ölriese Russland, vor allem aber die USA unter einer mächtigen Überproduktion. Womit wir beim zweiten Grund für den historischen Preis-Kollaps wären: 

Der jahrelange Kampf ums Rohöl 

Man mag sich kopfschüttelnd fragen, warum die Erdölförderer dieser Welt ihre Produktion nicht schon vor Monaten eingefroren haben, als der Ölpreis seine erste Talfahrt angetreten hat. Doch ganz so einfach ist das nicht, vor allem nicht für die USA, die ihr Gas und Öl per Fracking fördern.  

Bei der hierzulande verbotenen und äußerst umstrittenen Fracking-Technologie werden tiefe Gesteinsschichten mit Hochdruck aufgebrochen und dabei Schieferöl gewonnen. Das ist nicht nur umweltschädlicher, sondern auch deutlich aufwändiger und damit sehr viel teurer als – grob gesagt – ein Loch in die Wüste zu bohren, das Öl aus der Erde zu pumpen und anschließend in eine Pipeline in Richtung Raffinerie zu jagen. 

Auch gibt es in den amerikanischen Erdöl-Umschlagplätzen bei Weitem nicht so viele Pipelines, mit denen sich das “schwarze Gold” einfach exportieren ließe. Mit dem Fracking haben sich die USA vollkommen unabhängig vom Import gemacht und produzieren nur noch für den eigenen Bedarf. Doch weil der um bis zu ein Drittel eingebrochen ist, quillen die Erdöllager dieser Tage über. Womit wir beim dritten Grund für den Preis-Kollaps wären: 

Die explodierenden Lagerkosten 

Durch die massive Überproduktion in den USA sind außerdem die Preise für Lagerung und Transport ins Unermessliche gestiegen. Das wiederum verstärkte die Furcht der Spekulanten, am Ende tatsächlich auf einem Fass Öl sitzen zu bleiben, das dann aus dem Umschlagplatz in Oklahoma abgeholt werden muss.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass vor allem amerikanisches Öl gerade so billig ist wie nie. Zwar stand auch der Preis für die Nordsee-Sorte Brent Ende April so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr (unter 16 Dollar pro Barrel). Ins Minus rutschte der Preis allerdings nicht. 

OPEC-Staaten leiden ebenfalls unter dem Öl-Crash 

All diese Faktoren haben dafür gesorgt, dass es an besagtem 20. April zu dem dramatischsten Öl-Rausverkauf der Geschichte kam: Investoren wollten ihre Ölfässer der amerikanischen Sorte WTI (West Texas Intermediate) so dringend loswerden, dass sie für ein paar Stunden sogar draufzahlten, um ihr Öl noch loszuwerden. Um 20 Uhr waren es dann 40 Dollar pro Tonne, die ein Käufer defacto zu seinem Barrel dazuverdient hat.

Nun ist es nicht so, dass die immensen Preisstürze nur den USA zusetzen. Schließlich finanzieren viele OPEC-Staaten wie Saudi-Arabien und Iran mit der Ölproduktion einen Großteil ihres Staatshaushalts. Billiges Erdöl bedeutet für Riad oder Teheran im Umkehrschluss, die Staatsausgaben auf ein Minimum senken zu müssen. Es stellt sich die Frage: 

Wieso fahren die Öl-Riesen ihre Produktion nicht einfach herunter, um den Preis zu stabilisieren? 

Auch das hat mehrere Gründe. Schon Anfang Februar versuchte das internationale Öl-Kartell OPEC, sich mit Nicht-OPEC-Staaten wie Russland auf eine Verknappung der Ölproduktion zu einigen, um so die fehlende Nachfrage aus China aufzufangen. Doch Russland und der Iran (Saudi-Arabiens Erzfeind) stellten sich quer – und es entbrannte ein folgenschwerer Preiskampf ums Öl. Die OPEC dachte gar nicht mehr daran, die Fördermengen herunterzufahren und so seinen Rivalen das Feld zu überlassen. 

Anfang April kam es zwischen den Erdöl-Förderländern dann doch zu einer Einigung. Russland hat sich nach dem Preiskrieg mit den Saudis durchgerungen, die Produktion doch zu drosseln, und die OPEC kündigte an, ab Mai täglich 9,8 Millionen Barrel Rohöl vom Markt zu nehmen. Es ist die größe Kürzung in der Geschichte der Staatengemeinschaft.

Saudis trifft es weniger hart 

Auch Saudi-Arabien fährt dieser Tage also massive Verluste ein – und doch dürfte der Wüstenstaat mit einem blauen Auge davonkommen. Denn eines zumindest ist den Saudis gelungen: Die amerikanische Konkurrenz liegt am Boden, die niedrigen Ölpreise haben die USA gezwungen, die Produktion stark zurückzufahren. Ein Hoffnungsschimmer für den Mittleren Osten, der seit Jahren versuchen, die junge Konkurrenz auf dem Westen wieder vom Markt zu drängen. 

Aber was bedeutet das Ganze jetzt für Anleger? Sollten Investoren und Sparer jetzt zugreifen, da die Preise für Öl im Keller sind? 

Ganz so einfach ist es leider nicht. Wie sich der Preis für Rohöl in den nächsten Monaten entwickeln wird, kann niemand voraussehen. Wie alle Rohstoffe wird auch der Ölmarkt stark von geopolitischen Spielen beeinflusst, unvorhersehbare Preiskämpfe wie jüngst zwischen Russland und Saudi-Arabien sind keine Seltenheit.

ETC’s auf Rohöl – wie sinnvoll ist das? 

Nun lässt sich ein Aktienrisiko bekanntermaßen durch breite Streuung verringern. Und auch auf dem Ölmarkt gibt es inzwischen Möglichkeiten, sein Geld nicht in eine einzelne Aktie, sondern in einen Fonds zu stecken, zum Beispiel in einen ETC (Exchange Traded Commodity). Weil das Öl aber immer noch über Futures gehandelt wird, handelt es sich bei solchen ETCs um nichts anderes als verbriefte Derivate, also Zertifikate. Sollte also der Anbieter von Öl-Papieren pleite gehen, kann es sein, dass Anleger ihr Geld nicht zurück bekommen. Eine Absicherung durch Sondervermögen, wie Anleger sie beim Investieren in ETFs haben, gibt es beim Future-Handel nicht. 

Achtung vor Rollverlusten

Hinzu kommt das sogenannte Rollrisiko, also die Gefahr, beim “Rollen” in den nächsten Monat einen Verlust einzufahren, sollten die Preise für den aktuellen Future niedriger sein als für den neuen, in welchen “gerollt” wird. 

Zur Erinnerung: Ein Investor muss von einem in den nächsten Future-Vertrag “rollen” (also den einen Vertrag, der bald fällig wird, verkaufen und den nächst längeren kaufen) um nicht in die Pflicht zu kommen, seine Barrel abholen zu müssen). 

Quelle: cmegroup.com – Übersicht der WTI Future Preise

Sehr hohe Einstiegshürden 

Wer tatsächlich in Öl investieren will, muss erst einmal eine ganze Stange Geld in die Hand nehmen: Mit einem Future-Kontrakt werden 1000 Barrel Öl erworben. Also 1000 mal dem angezeigten Preis. In unserem Beispiel oben wären das stolze 24.000 Dollar für 1000 Barrel. 

Keine Ausschüttungs-Renditen

Wie auch beim Handel mit anderen Rohstoffen wie Gold hängt die Rendite beim ÖlHandel allein von der Preisentwicklung ab. Sprich: Geld lässt sich nur dann verdienen, wenn der Kurs steigt. Es gibt keine Zinsen (wie bei Anleihen), keine Mietzahlungen (wie bei Immobilien) oder Dividenden (wie bei Aktien).

Um professionell in den Öl-Handel einzusteigen, brauchst du nicht nur ganz schön viel Kapital auf der hohen Kante, sondern solltest auch ein Experte auf dem Gebiet sein. Das gilt für Rohöl genauso wie für andere Branchen (zum Beispiel BioTech). 

Doch lässt sich auch mit weniger Geld und weniger Risiko in den Rohstoff investieren – und zwar über eine Beimischung zu dem eigenen Portfolio. Das funktioniert am besten über einen breit gestreutet Rohstoff-Index-Fonds, also zum Beispiel einen ETC auf den Bloomberg Commodity Index 3 Month Forward. 

Fazit:

Nur weil Öl gerade so günstig ist wie selten, solltest du nicht gleich all deine Prinzipien über Bord werfen und zum leichtfertigen Spekulanten werden, der seine mühsam zusammengesparten Renditen aufs Spiel setzt. 

Klüger wäre stattdessen das: Großzügig tanken und die heimische Ölheizung auffüllen. 

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