Sin Stocks: Kann denn Anlegen Sünde sein?

Mona Linke
Stand:

Je ruchloser, desto rentabler? So heißt es häufig, dabei sind “Sin Stocks” alles andere als sichere Rendite-Bringer.

Immer gegen den Strom schwimmen, lautet eine der bekanntesten Börsenweisheiten. Während die Anlegerwelt dieser Tage auf einer Nachhaltigkeits-Welle reitet, wäre es also das naheliegendste, auf das genaue Gegenteil zu setzen: Auf Schnaps, Zigaretten, Rotlicht und Kriegsgeschoss, statt auf Wasserstoff-Autos und Windkraft. So zumindest argumentieren einige Verfechter sogenannter “Sünden-Aktien”.

Es gibt keine feste Definition dafür, welche Aktie oder Branche als lasterhaft gilt, zumal die moralischen Vorstellungen von Region zu Region variieren. Ähnlich undurchsichtig ist schon der Markt des nachhaltigen Investierens. Für gewöhnlich bilden sogenannte Sünden-Indizes und -Fonds aber die immergleichen Branchen ab: Angefangen bei der Tabakindustrie mit den großen Aktiengesellschaften wie Philipp Morris, dessen einstiger Mutterfirma Altria und dem Riesenkonzern British American Tobacco über Brauereien und Spirituosenhersteller, Casino- und Nachtclub-Betreiber, Viagra-Hersteller, Cannabis-Firmen oder Waffenproduzenten.
Ein lasterhaftes Portfolio aus solchen Aktien soll angeblich vor Krisen schützen und gleichzeitig fulminante Gewinne bescheren. Verfechter dieser These stützen sich dabei vor allem auf zwei Argumente:

Geraucht und getrunken wird immer

Laster-Aktien sind konjunkturresistent, heißt es oft. Sollte es mit der Wirtschaft bergab gehen, die Inflation anziehen und die Preise steigen, würden Zigaretten, Brandy und Waffen auch weiterhin nachgefragt. Tatsächlich werden vermutlich die wenigsten das Rauchen aufgeben, weil die Schachtel 2€ teurer wird. Gleiches dürfte für begeisterte Casino-Spieler oder Whisky-Liebhaber gelten. Vor allem die Tabakindustrie verzeichnet seit Jahren stabile Umsätze, was sie an der Börse in Form von Dividenden an ihre Anleger weiter gibt. Zwar nimmt die Zahl an Rauchern seit Jahren ab – jedoch nicht überall. Während immer weniger Menschen in Deutschland, den USA und anderen westlichen Industrieländern rauchen und manch eine Nation sogar “rauchfrei” wird, nimmt die Nachfrage nach Glimmstängeln in einigen Schwellenländern wie Russland oder Indonesien stetig zu. Manch ein Tabakproduzent hat sich inzwischen dem Zeitgeist angepasst und setzt wie Philip Morris nun auf tabakfreie E-Zigaretten und andere Alternativen.

In anderen “Sünden”-Branchen, dem Geschäft mit Spirituosen, Glücksspiel, Pornografie oder Rüstung, sind einschneidende disruptive Trendwenden bislang ausgeblieben, wie sie beispielsweise vor einigen Jahren den Bereich Telekommunikation umgewälzt haben.

Riskant & unterschätzt?

Sündenaktien werden von vielen Investoren gemieden, und nur wenige Fondsanbieter wagen sich an das lasterhafte Geschäft mit den unmoralischen Wertpapieren. Der Rendite komme all das zugute, meinen Befürworter des wenig tugendhaften Investierens. Denn gerade weil die Papiere so wenig nachgefragt würden, seien sie tendenziell günstig zu kriegen – die Renditechancen also sehr viel höher. Ein Argument, das bereits seit Anfang des Jahrtausends immer wieder durch die Medien geht, irgendwann aber auch skeptisch machen sollte. Schließlich können Papiere, die angeblich Jahr für Jahr hervorragende Kursgewinne hinlegen, nur sehr schwierig auf ewig unterbewertet bleiben.

Sündenaktien würden sogar “dauerhaft” den gesamten Markt schlagen, heißt es gern. Doch auch diese Feststellung ist weniger spektakulär, als sie klingen mag.

Es stimmt erst einmal: Branchen-Schwergewichte wie der Rüstungshersteller Lockheed Martin, der Spirituosen-Anbieter Constellation Brands, Philip Morris oder Fast-Food-Giganten wie Domino’s Pizza bringen zeitweise weit höhere Renditen ein als beispielsweise ein ETF auf den MSCI World. Von 2004 bis heute hat sich die Domino’s Aktie zum Beispiel vervierzigfacht. Für langjährige Käufer der Pizza-Aktie ist das erfreulich, ansonsten aber auch nicht furchtbar überraschend. Es gibt immer Aktien, die besser als der Gesamtmarkt rentieren, also beispielsweise besser als ein weltweiter Aktienindex. Das liegt in der Natur der Sache, denn breite Indizes bilden nun mal den Mittelwert aus allen Gewinnen und Verlusten ab, die viele einzelne Aktien verbuchen. Und so gab es und gibt es immer Papiere, die weit über dem Marktdurchschnitt liegen und solche, die darunter liegen oder gar auf Null rutschen.

Zumal die Kursvergleiche zwischen Sündenaktien und breiten Welt-Indizes selten aussagekräftig sind, werden doch für gewöhnliche Zeiträume von zehn Jahren oder weniger betrachtet. So konnte die Aktie des Tabakriesen British American Tobacco den MSCI World Index zwar zeitweise “schlagen”. Von 2017 bis heute aber ging es mit dem Kurs vor allem bergab.

Sündhafte Indizes & ETFs

Für all jene Anleger, die vom angeblichen Boom der Sündenaktien profitieren, aber nicht alles auf eine Karte setzen möchten, hat die Finanzwelt inzwischen sogenannte “Sünden-Fonds” erschaffen, darunter sogar ETFs. Nach Europa ist der Trend noch nicht so richtig herübergeschwappt, die meisten unmoralischen Fonds wurden in den USA aufgelegt und können von Europa aus nicht gehandelt werden. Sollte man sich deswegen ärgern? Schließlich versprechen auch lasterhafte Fonds eine Rendite über dem Markt.

Die Zigaretten-Indizes von MSCI

Sowohl vom MSCI World als auch vom MSCI ACWI gibt es Abwandlungen, die ausschließlich Tabakfirmen abbilden. Beide Zigaretten-Indizes sind in der Tat über die vergangenen 25 Jahre besser gelaufen als ihre breit gefächerten Pendants. Denn in beiden Fällen waren es vor allem drei “Gewinner”-Firmen, deren Kurse in diesem Zeitraum gestiegen sind.

Während der Weltindex MSCI World mehr als 1.600 Firmen abbildet, sind im MSCI World Tobacco Index gerade einmal sechs Aktien gelistet. Alleine 80% des Index machen dabei die drei Firmen Philip Morris, Altria und British American Tobacco aus. Von 1994 bis 2021 hat der Index eine jährliche Durchschnittsrendite von 12,3% hingelegt. Mit einem Investment in den MSCI World haben Anleger pro Jahr durchschnittlich 8% Rendite erzielt.

Der MSCI ACWI Tobacco Index bildet lediglich zwölf Unternehmen ab und ist damit ebenso wenig mit seinem Mutter-Index vergleichbar, in dem mehr als 2.700 Werte stecken. Auch hier sind es Philip Morris, Altria und British American Tobacco, die knapp 80% des Index ausmachen. Und auch in diesem Fall konnten sie den “Weltmarkt” mit einer jährlichen Durchschnittsrendite von 9,1% überholen. Der MSCI ACWI ist zwischen 1994 und 2021 nämlich um knapp 6% gestiegen.

Auffällig sind die hohen Dividendenrenditen, die bei den Zigaretten-Indizes auf die Kursgewinne noch obendrauf kommen. Der MSCI World Tobacco zum Beispiel hat in den vergangenen zwölf Monaten eine Dividendenrendite von 6,24% ausgeschüttet, beim MSCI World lag sie lediglich bei etwas mehr als einem Prozent. Eine Erklärung für die vergleichsweise hohen Dividenden der Branche: Anders als junge Wachstumsfirmen müssen die Konzerne sich tendenziell nicht alle paar Jahre neu erfinden und dabei viel Geld in Innovationen stecken als beispielsweise Amazon, Apple oder andere Technologiekonzerne. Sie können es sich leisten, ihre Gewinne mit den Anlegern zu teilen. Jedoch ist – ebenso wenig wie bei jeder anderen Einzelaktie – nicht ausgemacht, dass das ewig so bleiben wird und der Höhenflug der drei Tabak-Schwergewichte für immer anhalten wird.

ETFs für ein schmutziges Portfolio

AdvisorShares Vice ETF: Von Champagner bis Handfeuerwaffen

Wenig breit gefächert ist auch der AdvisorShares Vice ETF. Der Name ist etwas irreführend, denn in Wahrheit handelt es sich dabei um einen aktiv gemanagten Fonds, dem kein Index zugrunde liegt. Mit seinen insgesamt 40 Werten deckt er so ziemlich alle Formen der “Anrüchigkeit” ab, darunter Brauereien, Sportsbar- und Stripclub-Betreiber, Zigarettenfirmen, Schnellrestaurant-Ketten oder Firmen, die in Las Vegas Casinos betreiben. Auch der Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton) ist vertreten. Am stärksten gewichtet ist aktuell das Unternehmen Turtle Beach Corp, ein Hersteller von Computerzubehör. Denn auch den Bereich Gaming rechnen viele Fondsanbieter zu den lasterhaften Branchen. Platz Zwei nimmt Nordamerikas größter Hersteller von Handfeuerwaffen ein, die Firma Smith & Wesson, gefolgt von dem Casino- und Rennsteckenbetreiber Penn National Gaming Inc. Überhaupt verdienen die meisten Firmen in dem AdvisorShares Vice Fonds ihr Geld mit dem Glücksspiel. Die Branche Alkohol ist am zweithäufigsten vertreten, gefolgt von Firmen, die im Geschäft mit psychoaktiven Substanzen tätig sind. “Mind Medicine Mindmed Inc.” lautet der bezeichnende Name einer dieser Firmen. Das kanadische Neuro-Pharmaunternehmen entwickelt Arzneimittel auf Psychedelika-Basis, also mit bewusstseinsverändernder Wirkung, um – nach eigenen Angaben – die Opioid-Krise in den USA und andere Formen der Sucht zu bekämpfen.

Aufteilung des Vice Fonds nach Sektoren. Quelle: Advisorshares.com, 08/21

Aufgelegt wurde der Vice Fonds Ende 2017 und hat seither eine Rendite von 12,6% erzielt. Verglichen mit einem ETF auf den Weltindex S&P 500, der pro Jahr durchschnittlich 18,6% gestiegen ist, hat er also etwas schlechter abgeschnitten. Jedoch ist der Betrachtungszeitraum auch viel zu kurz, um daraus einen Schluss auf die Rentabilität zu ziehen. Mit aktuell 1,3% Dividendenrendite hat der Sündenfonds sogar weniger Dividende ausgeschüttet als der S&P 500.

VanEck Vectors Video Gaming and eSports ETF

Speziell Videospiele und “digitalen Sport” deckt der erst 2019 aufgelegte VanEck Vectors Video Gaming and eSports ETF ab. 26 Firmen sind dort gelistet, die unter anderem Online-Spiele herausgeben, Konsolen, Prozessoren und Chips entwickeln oder entsprechende Hard- und Software bereitstellen. Eine der am stärksten gewichteten Aktien ist die des chinesischen Internet-Riesen Tencent. Auch der mehr als 100 Jahre alte Videospiele-Hersteller Nintendo ist vertreten sowie das kalifornische Unternehmen Activision Blizzard, Herausgeber von bekannten Spielereihen wie World of Warcraft. Auch die E-Gaming-Branche wirft eher bescheidene Dividenden ab, im vergangenen Jahr betrug die Dividendenrendite des ETF lediglich 0,13%.

Berauschende Rendite? Der ETFMG Alternative Harvest ETF

Cannabis-Aktien zählen ebenfalls zu den Sin-Stocks. Der ETFMG Alternative Harvest ETF (zu deutsch: “alternative Ernte”) bildet rund 30 Hanf-Unternehmen ab, darunter führende Konzerne wie die kanadischen Unternehmen Canopy Growth und Tilray, die sich auf die Produktion von medizinischem Cannabis spezialisiert haben. Wieder andere Firmen betreiben Einzelhandelsgeschäfte für den Vertrieb von Marihuana oder forschen zur Wirksamkeit von CBD-Produkten. Der Fonds ist mit seinen fünf Jahren ebenfalls recht jung. Seit 2016 hat er eine Rendite von im Schnitt 1,5% im Jahr erzielt – und damit weit weniger als Fonds, die den Weltmarkt abbilden. Doch auch hier muss man sagen, dass der Betrachtungszeitraum sehr kurz ist. 2% Dividendenrendite haben Anleger im vergangenen Jahr erhalten, die in den ETF investiert haben.

Von Starbucks bis Disney: Der Invesco Dynamic Leisure & Entertainment ETF

Alles rund um Freizeit, Hotels, Entertainment und Fast Food bildet der Dynamic Leisure & Entertainment ETF ab. Zu 50% investiert der Fonds in zyklische Konsumgüter, also in Waren und Dienstleistungen, die nicht gerade das tägliche Überleben sichern, sondern eher “nice to have” sind. Firmen wie McDonald’s, Starbucks, Walt Disney oder die US-amerikanische Yum-Brands-Gruppe, zu der wiederum Restaurantketten wie Pizzahut und KFC gehören, sind in dem Fonds versammelt. Ebenso der Kinobetreiber AMC Entertainment und das Online-Reisebüro Expedia. In den vergangenen zehn Jahren ist der Kurs des Fonds um 12,67 pro Jahr und damit ein klein wenig stärker gestiegen als der Weltindex MSCI World. Die Dividendenrendite ist mit 0,6% dagegen eher bescheiden.

Rüstung und Verteidigung im iShares US Aerospace & Defense ETF

Mit Freizeit und Vergnügen haben die Firmen im iShares US Aerospace & Defense ETF weniger zu tun. Unter den insgesamt 34 US-amerikanischen Unternehmen sind Mischkonzerne wie Raytheon Technologies, der unter anderem Cybertechnologie, Raketen, Luftverteidigungssysteme und Drohnen herstellt sowie das Luftfahrtunternehmen Boeing. Der ETF investiert aber auch in Unternehmen wie Lockheed Martin, eine der größten Rüstungsfirmen der Welt, die vor allem das US-amerikanische Militär beliefern. Enthalten sind zudem Entwickler von Waffensystemen, Maschinengranatwerfern und Kriegsschiffen. Auch die Rüstungsfirmen werfen keine fulminanten Dividenden ab, für das vergangene Jahr betrug die Dividendenrendite 0,8%. Schaut man sich die Kursentwicklung des 2006 aufgelegten ETFs an, fällt auf, dass sich Investoren zeitweise freuen durften, es die meiste Zeit aber mit dem Kurs nach unten geht. Wer bei Auflage 10.000 USD in den ETF investiert hätte, könnte nun auf ein Vermögen von 27.000 USD blicken. Beim MSCI World wären daraus hingegen mehr als 34.000 USD geworden.

Anlegen muss nicht unbedingt Sünde sein

Je schmutziger das Portfolio, desto besser die Rendite? Nun ja, für einige ausgewählte Jahre und für einige ausgewählte Wertpapiere mag dieses Prinzip gelten – so wie es für so gut wie jede Branche oder Aktienkategorie schon einmal gegolten hat. Sei es für Tech-Werte, Wasserstoff-Aktien, Internet-Firmen oder andere “Aufsteiger”-Branchen.

Wie sich ein Wertpapier entwickelt, hängt von unglaublich vielen Faktoren ab, und dabei auch von unternehmensspezifische Risiken. Auch Tabakfirmen, Spirituosen-Hersteller oder Strip-Club-Betreiber können sich verschulden, falsche Managemententscheidungen treffen, Bilanzen fälschen oder in die Insolvenz rutschen.

Je ruchloser, desto riskanter

Mehr Diversifikation versprechen Sünden-Fonds, die gleich mehrere unmoralische Aktien vereinen – tatsächlich aber fast genauso riskant sind wie einzelne Werte. Denn häufig bilden sie nicht mehr als 30 Firmen ab. Sollte manch eine Aktie in einem solchen Fonds durch die Decke gehen, wirkt sich das entsprechend stärker auf die Gesamtperformance aus, als wenn 2.000 Unternehmen sich gegenseitig ausbalancieren. Andersherum machen sich aber eben auch Verluste deutlich stärker bemerkbar. Das ist ganz natürlich und kein Phänomen, das nur Sündenaktien betrifft. Je weniger Aktien sich in einem Korb befinden, desto extremer sind die Ausschläge nach oben und unten.

Auf kurze Sicht hat manch ein Fonds tatsächlich besser rentiert als der breite Markt. Ihnen deswegen mehr Potential zu attestieren, wäre aber falsch. Die wenigsten Fonds sind zudem älter als 15 Jahre, es lässt sich also gar keine allgemeingültige Aussage über die Performance von Sünden-Fonds treffen. Was die Dividenden betrifft, sticht allenfalls die Tabakindustrie hervor. Viele Zigaretten-Unternehmen schütten tatsächlich vergleichsweise hohe Dividenden aus, für die restliche Sündenbranche gilt das aber nicht. Das Gesetz “Je ruchloser, desto rentabler” ist also nichts, worauf sich Anleger verlassen sollten. Bezogen auf die passiven Fondsprodukte sollte es ohnehin eher lauten: “Je ruchloser, desto riskanter”.