Ein Angebot zum Schwärmen?

Mona Linke
Stand:

Über die fragwürdige Crowd-Kampagne von Tomorrow

Mehr als 1 Mrd. € wurden seit 2011 hierzulande in den Crowdfunding-Markt investiert – und es ist nicht absehbar, dass sich der Trend so bald umkehren wird. Gerade in Corona-Zeiten, wo die Banken zögerlicher sind und vor allem junge Unternehmen eine einfache Lösung suchen, an Wagniskapital zu kommen, steigt die Zahl der Crowdfunding-Projekte.

Seit Anfang 2020 haben Emittenten noch mehr Möglichkeiten, sich bei einer Vielzahl von Gläubigern zu verschulden. Inzwischen dürfen sie zum Beispiel auch sogenannte Genussrechte an die Anleger verteilen. Und genau damit wirbt aktuell das Fintech Tomorrow.

“Zu fairen Bedingungen und auf Augenhöhe”

Mit Erfolg, wie seit dem 20. Oktober 2020 klar ist: Gerade mal 300 Minuten hat es gedauert, bis die nachhaltige “Smartphone-Bank” ganze 3 Mio. € von Privatinvestoren eingesammelt hat. Die haben im Gegenzug nun tokenbasierte Genussrechte erhalten, also digitale Wertpapiere, die dem Gläubiger Ansprüche auf eine Gewinnbeteiligung, zumindest aber auf eine Verzinsung garantieren. Das mag erst einmal gar nicht so schlecht klingen, zumal Tomorrow seine Crowdfunding-Kampagne liebevoll angepriesen hat: “Ihr, die Tomorrow-Community, seid für uns nicht irgendeine Stakeholder-Gruppe”, schreibt Tomorrow auf seinem Blog. Und weiter: “Die Aufgabe, ein faires, lebenswertes und nachhaltiges Morgen zu gestalten (…), können und müssen wir gemeinsam lösen. Genau deshalb bieten wir Euch jetzt an, Partner*innen zu werden. Zu fairen Bedingungen und auf Augenhöhe”.

5% Zinsen pro Jahr

Partner auf Augenhöhe sind die mehr als 2.000 Investoren deswegen allerdings noch lange nicht. Denn sie haben weder Mitspracherechte noch eine gesellschaftsrechtliche Beteiligung an dem Unternehmen. Die einzige wirkliche Partizipation an Tomorrow kommt über die eventuellen Gewinnausschüttungen zustande. Und die dürfte – selbst bei eines erfolgreichen Exit der Firma – bei den meisten ziemlich mickrig ausfallen, wie Tomorrow in seinen “Genussrechtsbedingungen” selbst vorrechnet: 

“Wenn die Emittentin eine Dividende von 1 Mio. € ausschüttet (…), entfielen auf einen Investor, der 1000 Genussrechte (Stückpreis 1€) hält 22,08€”. 

Falls es zu keiner Ausschüttung kommen sollte, erhält der Investor zwar in jedem Fall eine sogenannte “Basisrückzahlung”, sprich: Einen festen Zinssatz auf sein Investment pro Jahr. Weil die Laufzeit für das Crowdinvesting 10 Jahre beträgt, würde das 2030 eine Ausschüttung von 1.500€ bedeuten (falls 1.000 Genussrechte erworben wurden). Eine ziemlich miserable Aussicht dafür, dass man dem Unternehmen ein ganzes Jahrzehnt sein Geld anvertrauen. 

Totalverlust ist möglich

Hinzu kommt: Den Zinssatz von 5% erhalten die Anleger nur, wenn Tomorrow auch die nächsten 10 Jahre durchhält und nicht in die Zahlungsunfähigkeit rutscht. Dann nämlich droht den Investoren der Totalverlust, wie es ebenfalls in der Verbraucherinformation von Tomorrow geschrieben steht: 

“Die angebotene Kapitalanlage ist mit speziellen Risiken behaftet. Der Anleger übernimmt mit den tokenbasierten Genussrechten mit vorinsolvenzlicher Durchsetzungssperre ein Risiko, welches über das allgemeine Insolvenzausfallrisiko hinausgeht”. 

Im Klartext sieht dieses Risiko so aus: Sollte Tomorrow bis 2030 wirtschaftlich in die Bredouille oder gar in die Pleite rutschen, hat der Anleger keinen Anspruch auf die Rückzahlung seines eingesetzten Kapitals, geschweige denn der versprochenen Gewinnanteile. Ein Teil- oder Totalverlust sind also durchaus möglich. 

Die mehr als 2.000 Investoren haben sich davon nicht abschrecken lassen. Und auch Tomorrow scheint zuversichtlich, hält das Unternehmen doch in einem Paragraphen schon mal fest, dass das Emissionsvolumen erhöht werden darf – nämlich auf bis zu 8 Mio. €. Lange dürfte es also nicht mehr dauern, bis das FinTech die nächste Crowd-Kampagne auflegt.