Mona Linke
Mona Linke
3. März 2022

Die Börse im Ausnahmezustand

Während Russland die Ukraine bombardiert, schießt der Westen mit scharfen Sanktions-Geschützen. Fragen und Antworten zur Lage an den Finanzmärkten.

Der Krieg ist zurück in Europa und man möchte sich nicht ausmalen, wie viel Schmerz und Leid die kommenden Wochen für etliche Menschen noch bringen werden. Monetäre Interessen sind nichts, was vor dem Hintergrund der momentanen Geschehnisse Priorität haben würde – und doch erreichen uns dieser Tage etliche Fragen aus der Community zu den Entwicklungen am Finanzmarkt. Denn auch dort ist der Krieg ebenfalls längst in vollem Gange und versetzt viele in Unsicherheit. Sich in der Flut an Informationen zurechtzufinden, ist nicht ganz einfach. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, beantworten wir in diesem Blogartikel die aktuell wichtigsten Fragen mit Blick auf die Börsen- und Bankenwelt.

Was passiert momentan mit russischen Aktien?

Seit dieser Woche so gut wie gar nichts mehr – denn internationale Handelsplätze wie die Deutsche Börse, die NYSE und die NASDAQ haben den Handel mit russischen Wertpapieren inzwischen komplett ausgesetzt. Darunter übrigens nicht nur Aktien, sondern auch Anleihen und Derivate wie beispielsweise Zertifikate auf russische Aktien. 

Zuvor hatte das Handelsverbot nur bestimmte, ohnehin schon mit Sanktionen belegte Firmen wie der Ölkonzern Gazprom oder die russische Sberbank betroffen. Als Gegenmaßnahme hatte der Kreml Anfang der Woche den Verkauf russischer Aktien für Ausländer verboten. Hintergrund war auch, dass russische Papiere und Fonds massiv abgestoßen wurden und die Kurse teilweise um 90% und mehr an Wert verloren hatten. Noch dazu erlebt der russische Rubel durch die Sanktionen eine massive Abwertung, wodurch russische Papiere zusätzlich an Wert verlieren. Der russische RTS Index, der rund 50 der größten russischen Börsenunternehmen umfasst, hat zwischen dem 11. Februar und dem 1. März um knapp 36% verloren. Das Verkaufsverbot zielte also auch darauf ab, die massive Kapitalflucht einzudämmen.

Kursverlauf des Gazprom ADR seit Jahresbeginn 2022

Kursverlauf des Gazprom ADR seit Jahresbeginn 2022

Für Käufer sogenannter GDRs (Global Depository Receipt) oder ADRs (American Depository Receipts) war der Handel bis Donnerstag (3.3.) nach wie vor möglich, wenn auch unter widrigsten Bedingungen und zu miserablen Konditionen: Inhaber dieser Hinterlegungsscheine, die wie Zertifikate einem Investor das Eigentum an einer Aktie verbriefen, können nach aktuellem Stand an der Londoner Börse verkauft werden. Jedoch ist der Markt extrem volatil, es kommt immer wieder zu Handelsstops und Verkäufer müssen gigantische Abschläge in Form von Spreads hinnehmen. Die betragen bis zu 50%, das heißt: Verkäufer machen große Verluste, wenn sie jetzt noch ihre Wertpapiere oder Fondsanteile verkaufen.

Das hatten große Finanzdienstleister wie MSCI und FTSE bislang nur in Erwägung gezogen, seit die Sanktionen gegen die russische Föderation vergangene Woche verschärft wurden und sich nun auch gegen die Zentralbank des Landes richten. Seit Donnerstagmorgen nun ist die Lage eine andere: MSCI kündigte an, die Russland-Werte aus all seinen Indizes zu streichen. Ab dem 9. März soll die Entscheidung wirksam werden. Außerdem erklärte der Anbieter, seine Russland-Indizes in “eigenständige Märkte” zu klassifizieren. Die russischen Wertpapiere fallen dann nicht mehr in die Kategorie “Schwellenländer”.

Im Falle des MSCI Emerging Markets Index, der rund 1.300 Unternehmen aus Schwellenländern und damit auch russische Aktien abbildet, wird das keinen allzu großen Unterschied machen: Ende Januar betrug der Anteil russischer Aktien am Index noch rund 3,2%. Binnen vier Wochen hat sich das Gewicht halbiert – was schlichtweg damit zusammenhängt, dass sich russische Aktien im Sinkflug befinden, zunehmend an Marktkapitalisierung einbüßen und dadurch ganz automatisch an Gewicht verlieren. Das heißt, der Russland-Anteil wäre früher oder später durch die wirtschaftlichen Einschnitte ohnehin auf ein Minimum zusammengeschrumpft oder komplett entfernt worden. Im MSCI EM IMI, der neben mittleren und großen auch kleine Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern abbildet, macht sich der Zusammenbruch der russischen Aktiengesellschaften ebenfalls bemerkbar: Waren im Dezember noch 3,2% aller enthaltenen Wertpapiere russische Positionen, ist der Anteil jetzt, Anfang März, auf 1,38% gesunken.

Anteil russischer Aktien am iShares Core MSCI EM IMI ETF

Anteil russischer Aktien am iShares Core MSCI EM IMI ETF

MSCI hatte schon Anfang dieser Woche die Gründe für seine Überlegung genannt: Das Index Policy Committee, das für die Zusammensetzung der Indizes verantwortlich ist, hatte betont, dass ohnehin kaum noch Transaktionen mit russischen Wertpapieren möglich seien.

Der Anbieter FTSE wird Russland ebenfalls aus seinen Indizes verbannen, hier soll es sogar noch schneller gehen: Mit Wirkung zum 7. März sollen alle Russland-Positionen aus den FTSE-Indizes gestrichen sein, heißt es in einer Pressemitteilung der Nachrichtenagentur Reuters.

Was passiert mit ETFs und Fonds, die russische Werte enthalten?

Etliche Fonds, darunter aktiv gemanagte wie passiv verwaltete ETFs, wurden als Reaktion auf die Sanktionen, aber auch als Antwort auf den russischen Angriff eingefroren, das heißt: Ihre Anteile sind – genau wie russische Einzelaktien an deutschen und US-amerikanischen Börsen – nicht mehr handelbar. Es werden weder neue Fondsanteile ausgegeben, noch können Anleger ihre Anteile verkaufen. Außerdem werden auch keine Anteilspreise mehr berechnet.

Das Assetmanagement von JP Morgan hat zuletzt zwei seiner Russland-Fonds eingefroren, die Investmentgesellschaft Union Investment hat sein Osteuropa-Produkt in dieser Woche ausgesetzt. Daneben haben auch die DWS, der Vermögensverwalter der Deutschen Bank, sowie die US-amerikanischen Investmentgesellschaften Franklin Templeton und das UBS Asset Management ihre Publikumsfonds mit hohem Russland-Bezug vorerst auf Eis gelegt.  Auch am ETF-Markt hat sich einiges getan: Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, gibt inzwischen keine neuen Anteile seines iShares MSCI Russia ETF mehr aus, der Handel ist bis auf Weiteres ausgesetzt. Ebenso sind die Produkte von HSBC und Lyxor auf den MSCI Russia Index seit diesem Donnerstag nicht mehr an der Deutschen Börse handelbar.

Der norwegische Staatsfonds hatte schon am 27. Februar angekündigt, sich so schnell wie möglich von seinen russischen Beteiligungen trennen zu wollen. Noch sind das knapp 50 russische Firmen, darunter der Erdgasförderer Gazprom, von dem der Fonds knapp 0,7% hält. Die Ölkonzerne Bashneft und Lukoil sowie die Bank St. Petersburg gehören ebenfalls zu den russischen Positionen des Fonds. Zusammen machen die russischen Beteiligungen ein Gewicht von gerade einmal 0,2% am Fonds aus. 

Wie wird ein ETF oder Fonds seine Russland-Anteile überhaupt los?

Momentan in den meisten Fällen überhaupt nicht, denn die Anteile lassen sich schließlich nicht mehr am Markt handeln. Das heißt, erst einmal müssen die Fonds- und ETF-Anbieter abwarten, ob und wann die Papiere wieder handelbar sein werden. Möchte man als Fondsanbieter solange nicht warten, wäre eine zweite Option die komplette Abschreibung auf 0, also das Streichen d