Markus Schmidt-Ott
Markus Schmidt-Ott
22. Oktober 2021

Wie verdienen Neobroker Geld?

Vor nicht allzu vielen Jahren hat es noch deutlich mehr Geld gekostet, über einen Broker Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen als heute. Wir erinnern uns an Kosten von mindestens 10€ je Order, die auch heute noch viele klassische Broker erheben. Neu hinzugekommen sind jedoch Neobroker, die zum Teil überhaupt keine Gebühren oder zumindest sehr niedrige Gebühren von einem Euro je Order in Rechnung stellen. Wie verdienen diese Broker ihr Geld und wie kommen diese teils so erheblichen Preisunterschiede zu den klassischen Brokern zustande? Wir klären es auf.

Mit Robinhood in den USA begann der Trend des kostenlosen oder beinahe kostenlosen Tradings. Daraufhin zogen auch auf den deutschen Markt neue Broker, die quasi das Geschäftsmodell kopiert haben: Traden wird deutlich günstiger und die Broker verdienen Geld durch Provisionen, die sie von ETF-Anbietern und Handelsplätzen erhalten. Gleichzeitig unterhalten diese Broker eine deutlich kleinere Infrastruktur und haben dadurch geringere Ausgaben als klassische Filialbanken oder Direktbanken. Aber beleuchten wir nun eins nach dem anderen.

Wie verdienen Broker Geld?

Vergütungen für Transaktionen (payment for order flow)

Mancher Handelsplatz ist darauf angewiesen, dass ihm Aufträge vermittelt werden. Dabei handelt es sich meist um kleinere Handelsplätze wie LS Exchange oder Gettex und eher nicht die großen Handelssysteme wie beispielsweise Xetra. Für jede Order zahlen diese an den Broker, der ihnen die Order vermittelt hat eine Provision. Im Fachjargon spricht man hier auch von “payment for order flow” oder auch einer Rückvergütung. Auch hier lässt sich über die genaue Höhe nur spekulieren. In der Kundenvereinbarung von Trade Republic ist hier beispielsweise von einer Zuwendung von bis zu 3€ und in Ausnahmefällen bis zu 17,60€ pro Order die Rede. 

Bei dem beispielhaften Kauf eines ETFs klärt Trade Republic in den Kosteninformationen darüber auf, dass der Broker dafür eine Zuwendung von 4,50€ erhält. Bei anderen Wertpapieren ist die Zuwendung durchaus niedriger. Scalable Capital beziffert die Zuwendung für den gleichen ETF auf 0€ bis 5€. Dazu später mehr.

Kosteninformation Trade Republic
Ausschnitt aus der Kosteninformation von Trade Republic, 10/21

Spread

An den Handelsplätzen wiederum wird diese Zuwendung erwirtschaftet, indem Market Makers am sogenannten Spread verdienen. Wenn du über eine Börse ein Wertpapier kaufst oder verkaufst, dann handelst du in der Regel mit einem sogenannten Market Maker der den direkten Börsenzugang hat. Dessen Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Wertpapiere gut handelbar sind. Dazu kaufen sie dir deine Wertpapiere ab, verkaufen sie wiederum an andere Händler weiter oder beschaffen dir das Wertpapier, das du kaufen möchtest. 

Ein Wertpapier wird in diesem Falle meistens im Vergleich zum Marktwert zu einem leicht erhöhten Kurs gekauft und einem leicht niedrigeren Kurs verkauft. Die Differenz zwischen diesem Kauf- und Verkaufskurs ist der Spread. An diesem verdienen die Market Makers und von dem wird wiederum ein Teil als Provision an den Broker zurückgegeben. Während große Handelsplattformen wie Xetra geöffnet sind (Werktags zwischen 9 und 17:30 Uhr), müssen sich die kleineren Plattformen an deren Spread orientieren. Aber außerhalb dieser Zeiten erhöhen diese Plattformen ihren Spread, sodass ein Handel indirekt teurer wird. 

Die folgende Grafik zeigt zwei Beispiele anhand von Screenshots der Trade Republic App, wie sich die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs innerhalb und außerhalb der Xetra-Handelszeiten unterscheidet. In beiden Fallen handelt es sich um den iShares Core MSCI World ETF:

Spreads Trade Republic
Beispiel für den Spread innerhalb (links) und außerhalb (rechts) der Xetra-Handelszeiten

Bestandsvergütungen

Egal ob klassischer Broker oder Neobroker: Broker erhalten von Fondsanbietern sogenannte Bestandsprovisionen. Broker vermitteln den Fondsanbietern ihre Investoren und die Fondsanbieter haben ein Interesse daran, dass Anleger ihre Fonds nicht nur kaufen und direkt wieder verkaufen. Interessant sind für Fonds jene Kunden, die darin für lange Zeit investiert bleiben. Um den Brokern einen Anreiz zu geben, Fonds an die Kunden zu bringen, erhalten diese vom Fondsanbieter eine Provision, die sich an der Höhe des investierten Vermögens der Kunden orientiert. 

Wer als Anleger in einen Fonds investiert, zahlt dafür an den Fondsanbieter eine kleine anteilige Verwaltungsgebühr, die TER. Diese wird Tag für Tag von der Performance abgezogen, sodass man als Anleger diese Gebühr gar nicht bemerkt. Die TER dient dazu, das Tagesgeschäft des Fondsanbieters zu finanzieren und bewegt sich in der Größenordnung zwischen 0,01% und 1% pro Jahr des investierten Vermögens. Davon zahlt der Fondsanbieter auch einen Teil an den Broker als Bestandsvergütung. Üblich ist eine solche Vergütung jedoch eher bei aktiven Fonds. Bei ETFs passiert dies in der Regel nicht.

Wie hoch genau ist diese Vergütung? Da herrscht in der Regel nicht allzu viel Transparenz, doch einige wenige Broker geben hier kleine Einblicke. Der Broker Zero (finanzen.net Zero) zum Beispiel verrät in seinem Preis- und Leistungsverzeichnis, dass dieser pro Jahr eine Bestandsvergütung in Höhe von 0% bis 2,5% des investierten Vermögens erhält. 

Andere Einnahmen/Cross Selling

Zu den obigen Einnahmen können unzählige andere Einnahmequellen dazu kommen. Broker unter dem Dach von großen Filial- oder Direktbanken haben zum Beispiel die Möglichkeit, ihren Kunden Wertpapierkredite, Ratenkredite oder andere Bankdienstleistungen anzubieten – das bezeichnet man auch als Cross-Selling. Bei Scalable Capital könnte das zum Beispiel der Robo-Advisor sein, über den zusätzliche Einnahmen erwirtschaftet werden können. Dennoch entfällt diese Option bei vielen Neobrokern eher, da diese generell eine deutlich kleinere Produktpalette anbieten. 

Exklusivität bringt Neobrokern Geld

Wie hoch die oben aufgeführten Provisionen genau sind, hängt davon ab, welche Konditionen Broker mit den jeweiligen Handelsplätzen ausgehandelt haben. Besonders attraktiv ist es aus der Sicht von Handelsplätzen, wenn diese von einem Broker exklusiv angeboten werden. 

Als Trade Republic neu auf den Markt kam, wurden über den Broker lediglich ETFs der Anbieter iShares und Wisdomtree angeboten. Auch hier dürfte Trade Republic mit diesen besondere und exklusive Konditionen ausgehandelt haben. Inzwischen hat Trade Republic sein Sortiment auf ETFs von insgesamt fünf Fondsanbietern erweitert. 

Exklusivität der Handelsplätze

Viele Neobroker unterscheiden sich von Filial- oder Direktbanken auch darin, dass man Wertpapiere nicht über jeden beliebigen Handelsplatz kaufen oder verkaufen kann. Trade Republic bietet ausschließlich den Handel über die Plattform LS Exchange an. Scalable Capital wiederum bietet den Handel über Gettex an, während man gegen einen Aufpreis auch über Xetra handeln kann.

Wie bereits oben erwähnt, erhalten Broker wie Trade Republic oder Scalable Capital eine Zuwendung von bis zu 5€ pro Order, während diese nur einen Handel über einen oder zwei Handelsplätze anbieten.

Die Comdirect wiederum ist eine klassische Direktbank, deren Broker eine ganze Auswahl an Handelsplätzen anbietet. Bei dem Kauf eines iShares ETFs fällt hier über LS Exchange eine Zuwendung von 1,20€ und bei Gettex gar keine an. Diese Zuwendung ist also deutlich kleiner als bei Neobrokern und ist mutmaßlich darin begründet, dass die Comdirect mit diesen Handelsplätzen keine exklusiven Konditionen ausgehandelt hat. In dem folgenden Screenshot ist die Zuwendung als “Zahlung von Dritten an die Bank” ausgewiesen.

Rückvergütung Comdirect
Kosteninformation der Comdirect, 10/21

Praxis ist nicht unumstritten

Grundsätzlich können alle Broker, seien es Neobroker oder klassische Broker, solche Vereinbarungen mit Handelsplätzen oder Fondsanbietern treffen. Aber vor allem Neobroker nutzen die Möglichkeit, exklusive Vereinbarungen zu treffen. Durch die dann eingeschränkte Auswahl an Handelsplätzen erhalten Neobroker die höhere Provision. In ihren Kundenvereinbarungen oder Preis- und Leistungsverzeichnissen wird explizit vereinbart, dass derartige Zuwendungen an den Broker fließen und nicht an seine Kunden. Auch in der Kosteninformation kurz vor dem Kauf oder Verkauf von Wertpapieren wird darauf hingewiesen. 

Diese Praxis ist nicht unumstritten. So lautet auch hier die Kritik, Neobroker könnten nicht immer im besten Sinne ihrer Kunden handeln, sondern konzentrieren sich hier eher auf gute Deals mit Fondsanbietern oder Handelsplätzen. Tatsächlich ist ein solches Geschäftsmodell nicht in allen Ländern möglich: In der Niederlanden ist die Annahme dieser Zuwendungen für Broker nicht erlaubt. Auch die europäische Börsenaufsicht ist inzwischen auf dieses Modell aufmerksam geworden und hat deutsche Neobroker im Visier. 

Beispiel-Kauf bei Scalable Capital

Wie auch du erkennen kannst, wie dein Broker Geld verdient, zeigen wir dir nun an einem Beispiel. Wir kaufen ein Wertpapier über Scalable Capital und entscheiden uns für den iShares Core MSCI World.

In dem Fenster sehen wir zunächst die Unterscheidung zwischen dem Kauf- und Verkaufskurs. Zu einem Kurs von 73,988€ kann ein ETF-Anteil verkauft und für 74,004 gekauft werden. Der Unterschied dieser beiden Kurse ist der Spread. Mit nur 0,02% ist dieser minimal, was der Uhrzeit geschuldet ist: Der Screenshot entstand wochentags um 11:00 mittags.

Spread bei Scalable Capital
Screenshot Scalable Capital, 19.10.2021, 11:00 Uhr

Nachdem wir uns dafür entschieden haben, einen Anteil dieses ETFs zu kaufen, erhalten wir die Möglichkeit, uns für einen Börsenplatz zu entscheiden. Wie bereits erwähnt, kann hier über Gettex besonders günstig gekauft oder gegen einen Aufpreis über Xetra gehandelt werden. 

Handelsplätze bei Scalable Capital
Handelsplätze bei Scalable Capital

Wir probieren beides aus, zunächst den Kauf über Gettex. Kurz vor Abschluss des Kaufes, erhältst du in einem klein gedruckten Text einen Link zur Kosteninformation.

Link zur Kosteninformation bei Scalable Capital
Link zur Kosteninformation bei Scalable Capital

Hier sind verschiedene Kosten aufgelistet, wie beispielsweise die Ordergebühr (“Einstiegskosten”) und die TER des Fonds (“Laufende Kosten”). Unten im Kleingedruckten klärt dich Scalable darüber auf, dass sie von Dritten Zuwendungen von bis zu 5€ erhalten kann. Das ist die erwähnte Provision von Gettex.

Kosteninformation bei Scalable

Wiederholen wir diesen Prozess nun für einen Handel über Xetra, sehen die Kosteninformationen folgendermaßen aus:

Scalable Kosteninformation Xetra

Hier fällt eine deutlich höhere Ordergebühr von 5,49€ an. Zudem sind im Kleingedruckten keine Zuwendungen von Dritten erwähnt. Hier erhält Scalable Capital keine Provision. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Handel über Gettex so günstig ist.

Auch die Ausgaben sind relevant

Nicht nur die Einnahmenseite ist entscheidend dafür, dass Neobroker ihre Dienstleistungen deutlich günstiger anbieten können. Auch auf der Ausgabenseite unterscheiden sie sich stark von klassischen Filial- oder Direktbanken. Die Ausgaben klein zu halten ist für das Geschäftsmodell der Neobroker entscheidend.

So unterhalten diese keine Filialen und haben die Depotführung häufig an eine Bank ausgelagert. Die Verwahrung der Wertpapiere übernimmt beispielsweise bei Trade Republic HSBC und bei Scalable Capital die Baader Bank. Als Kunde bemerkt man dies kaum. Das ermöglicht es den Neobrokern, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren: Das Vermitteln von Käufen und Verkäufen von Wertpapieren mithilfe schöner und intuitiver Applikationen.

Darüber hinaus basieren Neobroker häufig auf einer modernen IT-Infrastruktur, die viele Prozesse automatisiert, während diese bei anderen Banken noch durch Sachbearbeiter abgewickelt werden müssen.

Auch ist der Kundensupport meist nicht so umfangreich wie bei klassischen Banken. Ein telefonischer Support wird meist gar nicht angeboten und die Bearbeitungszeit von Anfragen kann insbesondere dann lange dauern, wenn sich die Anliegen der Kunden häufen. Als zum Beginn der Corona Krise der Trading-Boom begonnen hat und viele Kunden auf einmal ein Depot eröffnen wollten, kamen diese den vielen Anfragen kaum hinterher.

Neobroker sind also in der Lage, Personal deutlich sparsamer einzusetzen als andere Banken.

Fazit

Ein höherer Spread, keine Auswahl des Handelsplatzes, ein dünneres Angebot an Fondsanbietern und weniger Kundenservice spricht zunächst nicht besonders stark für Neobroker. Doch durch die niedrigen Gebühren lohnen sich Neobroker für die meisten Anleger. 

Von den Konditionen der Neobroker kann jeder profitieren. Wenn ein Neobroker beispielsweise nur einen einzigen Handelsplatz zur Verfügung stellt und insbesondere bei hohen Summen nicht der Handelsplatz mit den besseren Konditionen ausgewählt werden kann, mag sich dies durch einen schlechteren Kurs bemerkbar machen. Auf der anderen Seite kompensieren das jedoch wieder die deutlich geringeren Ordergebühren.

Im Gegensatz zu klassischen Brokern verdienen Neobroker pro Transaktion deutlich weniger. Da der Handel über Neobroker aber besonders einfach ist, sind viele Nutzer dazu motiviert, viel und zu verschiedensten Tageszeiten außerhalb der Xetra-Handelszeiten zu traden. An diesen Kunden verdienen Neobroker besonders viel. Wenn du hingegen zwei Spielregeln beachtest, kannst du davon profitieren und kommst bei Neobrokern besonders günstig weg:

  • Immer nur Werktags zwischen 9:00 und 17:30 Uhr kaufen oder verkaufen.
  • Sich nicht zum Trading verleiten lassen und bei einer Buy and Hold Strategie bleiben.
  • Ordergebühren sparen durch kostenlose Sparpläne.


Kommentare (0)


Kommentar schreiben

Mit Absenden bestätigst du, dass du unsere Datenschutzerklärung gelesen hast und den Bedingungen zustimmst.