Negativzinsen: Wenn das Konto Geld frisst

Finanzfluss Team
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Mit Nostalgie denken wir an die Zeiten zurück, in denen vergleichsweise hohe Zinssätze galten. Noch 2003 war das Sparbuch laut Statista mit durchschnittlich 2,2% p.a. verzinst. Im derzeitigen Niedrigzinsniveau gelten auf manche Girokonten aber sogar Strafzinsen. Aus welchem Grund es diese Negativzinsen überhaupt gibt, welche Vorteile die derzeitige Situation bietet und wie man Strafzinsen vermeiden kann, zeigen wir im Ratgeber.

Was du wissen solltest
  • Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und der Strafzinsen für Banken bei dieser werden bei zunehmend vielen Banken Negativzinsen für Privatkunden eingeführt.
  • Das heißt, dass die Einlagen, die auf Girokonten (und zum Teil auch Tagesgeldkonten) eine gewisse Höhe (Freibetrag) überschreiten, mit einem jährlichen Zinssatz belastet werden. Derzeit sind etwa -0,5% üblich.
  • Freibeträge bewegen sich oftmals im Bereich von 50.000€ bis 100.000€.
  • Für Bestandskunden sind die Regeln oftmals anders als für Neukunden.
So gehst du vor
  • Wer den jeweiligen Freibetrag überschreitet, kann sein Geld auf Konten bei anderen Banken oder Tages- und Festgeldangebote umschichten, um Strafzinsen zu vermeiden. Auch der Wechsel zu einer anderen Bank kann die Situation verbessern.
  • Allerdings verliert man auch ohne Strafzinsen durch die Inflation Geld, was sich insbesondere bei längeren Zeiträumen und höheren Beträgen stark bemerkbar macht.
  • Deswegen ist es bei längeren Zeiträumen (ab zehn Jahren) sinnvoll, sein Geld anzulegen. Eine risikobehaftete, wenn auch diversifizierte, Assetklasse sind Indexfonds bzw. ETFs. Mit diesen kann man weltweit gestreut in Aktienindizes investieren und hat damit eine gute Renditechance. Eine risikoärmere Assetklasse sind beispielsweise Staatsanleihen aus Ländern mit hoher Bonität.
Inhaltsverzeichnis

Ursachen: Darum gibt es Negativzinsen

Im Sommer 2014 erhob die Europäische Zentralbank (EZB) erstmalig Strafzinsen für Geschäftsbanken, im März 2016 wurde dann auch der Leitzins auf 0,0% gesenkt. Damit wurde die Basis für das bis heute anhaltende Niedrigzinsniveau geschaffen, das so ähnlich auch in anderen Industriestaaten(-verbunden) vorhanden ist. Das Kalkül der Notenbanken ist, die Wirtschaft anzukurbeln. Den Banken wird ein Anreiz geschaffen, ihr Geld nicht bei der Zentralbank einzulagern, sondern günstige Konditionen für Kredite von Unternehmen zu schaffen. 

Ob diese Geldpolitik von Nutzen oder eher schädlich ist, sei dahingestellt, jedenfalls ist ihre logische Konsequenz, dass die Banken die negativen Zinsen an ihre Kunden weitergeben. Dies ist aber in den vergangenen Jahren eher schrittweise geschehen und mittlerweile ist es üblich, dass Strafzinsen auf sogenannte Sichteinlagen, also Geldbestände auf Girokonten, Tagesgeldkonten und anderen Konten, verlangt werden. 

Was sind Strafzinsen genau?

Negativ-, Straf- oder Minuszinsen, von Banken oftmals als Verwahrentgelt bezeichnet, sind das Instrument, mit dem Banken die Negativzinsen der Zentralbanken an ihre (Privat-)Kunden weitergeben. Bei einem Verwahrentgelt von -0,5% p. a. wird bei einer Einlagesumme von 100€ also ein jährlicher Betrag von 0,50€ fällig. Allerdings bieten die meisten Banken ihren Kunden einen Freibetrag, bis zu dem keine Minuszinsen fällig werden. Dieser liegt oft im Bereich von 50.000-100.000€. Bei einem Freibetrag von 100.000€ müssten also 100.100€ auf dem Konto vorhanden sein, damit die Bank bei unserem obigen Beispiel 0,50€ pro Jahr verlangt.

Zudem gehen viele Banken unterschiedlich bei Bestands- und Neukunden vor. Die Ersteren sind von der Einführung von Negativzinsen oftmals weniger oder weniger stark betroffen. Als Interessent für eine Kontoeröffnung sollte man sich also die Konditionen diesbezüglich sehr genau anschauen. Insgesamt sind die Vorgehensweisen rund ums Thema Strafzinsen für Banken eine heikle Sache, da sie weder große Verluste durch Nichtweitergabe der Negativzinsen eingehen, noch Bestandskunden im großen Stil verlieren wollen.

Vorteile der Negativzinsen

Logischerweise ist das Thema der niedrigen Zinsen oder gar Strafzinsen  insbesondere für Sparer und Anleger sehr negativ konnotiert: Wer will schon gerne draufzahlen, wenn er sein Geld der Bank anvertraut? Allerdings hat diese auch einige Vorteile, wenn es um Kredite geht. 

Und zwar können Unternehmer wie Privatpersonen derzeit Kredite zu sehr günstigen Konditionen aufnehmen, was für Privatleute beispielsweise im Bereich der Immobilienfinanzierung von großem Vorteil ist. Auch Unternehmen profitieren, da sie mit den günstigen Krediten ihren Betrieb ausbauen und in Innovationen investieren können. Genau dies ist das ausgegebene Ziel der Zentralbanken, das für private Kreditnehmer vorteilhaft sein kann.

Inflation und der reale Zins

Manche neigen in der momentanen Zinslage dazu, die Vergangenheit zu verklären, als es noch positive Zinsen gab. Allerdings wird dabei oftmals der Faktor der Inflation, also der Geldentwertung, vergessen. Selbst bei einem positiven Zinssatz ist bei einer gleichzeitig höheren Inflation der “wirkliche” Zinssatz, also der sogenannte Realzins, negativ. Deswegen sollten für eine vollständigere Bewertung der Zinssituation beide Faktoren hinzugezogen werden. Allerdings gibt es bei einem Leitzins von 0% und einer gleichzeitigen Inflation (auch bei einer niedrigen) natürlich einen negativen Realzins. Selbst in den früheren 2000ern, in denen der nominale Zinssatz der Banken bei 1% und mehr lag, war der Realzins durch eine höhere Inflationsrate negativ.

Nominaler und realer Zins

Der nominale Zins ist quasi der Zins, von dem alle reden. Gibt es auf einem Tagesgeldkonto einen Zins von 1% p. a., entspricht dies dem nominalen Zins. Hier ist jedoch die Inflation nicht berücksichtigt. Bei einer Inflation von 1,8% p. a. erhält man zwar einerseits auf die Einlagen auf dem Tagesgeldkonto 1% Zinsen pro Jahr, gleichzeitig wird das Geld aber um 1,8% pro Jahr entwertet. Für eine realistische Betrachtung müsste man also die Inflation von dem nominalen Zins abziehen und erhält -0,8%: Das ist der reale Zins. Auch wenn der nominale Zins positiv ist, kann der reale Zins – je nach Inflationsrate – negativ sein.

Bei diesen Banken werden Strafzinsen fällig

Im September 2021 hat das Vergleichsportal Verivox bei fast 400 Banken geltende Negativzinsen für Privatkunden gezählt. Allerdings gelten diese meist für Neukunden oder Bestandskunden, die einer solchen Regelung zugestimmt haben. Im Folgenden eine beispielhafte Auflistung von bekannten Banken, die diese erheben:

Name der BankHöhe der StrafzinsenHöhe des Freibetrags
Comdirect-0,5%50.000€
Deutsche Bank-0,5%100.000€
DKB-0,5%50.000€
ING-0,5%100.000€
N26-0,5%50.000€
Norisbank-0,5%100.000€
Postbank-0,5%25.000€
Solarisbank-0,5%250.000€
Quelle: verivox.de, 09/21

An dieser Auflistung kann man bereits erkennen, dass viele Banken sich direkt an dem Negativzinssatz der Zentral- bzw. Bundesbanken orientieren und ihn an ihre Privatkunden weitergeben. Interessant ist aber der jeweils geltende Freibetrag, der in unseren Beispielen von 25.000€ bis 250.000€ reicht, was einen immensen Unterschied ausmacht. 

Negativzinsen vermeiden

Zwar sind die Strafzinsen für Bankkunden ein Ärgernis, allerdings gibt es einige Wege, um sie zu umgehen. Wir stellen die wichtigsten drei Arten, Negativzinsen zu vermeiden, im Folgenden vor. Bei jeder Art geht es zunächst darum, zu erfassen, ob man sich als Neukunde für eine Bank interessiert oder als Bestandskunde von einer Verschlechterung der Kondition betroffen ist und ob das betreffende Geld kurzfristig verfügbar sein soll bzw. nur zwischengeparkt wird oder eher zum Zweck einer langfristigen Verwahrung oder Anlage geeignet ist. Zudem spielt natürlich die Summe des Geldes eine große Rolle.

Auf verschiedene Banken umschichten oder Bank wechseln

Da die Freibeträge sich von Bank zu Bank unterscheiden, kann es sinnvoll sein, sein Geld auf mehrere Banken zu verteilen und deren Freibeträge zu nutzen. Bei einer Veränderung der Kondition als Bestandskunde kann ein Bankwechsel für dich der richtige Weg sein, falls andere Banken für Neukunden bessere Konditionen bieten.

Angesichts der Tatsache, dass viele Banken Freibeträge von 50.000 – 100.000€ anbieten, ist es aber fraglich, ob es sinnvoll ist, eine so hohe Summe für einen längeren Zeitraum auf einem Girokonto liegen zu lassen. Denn auch ohne Strafzinsen verliert man real ständig Geld, da die Inflation (auch Kaufkraftverlust genannt) über die Zeit am Vermögen nagt.

Tages- und Festgeldangebote nutzen

Eine weitere Möglichkeit sind Tagesgeld und Festgeld. Während das Tagesgeld sich vor allem durch die Flexibilität auszeichnet, sein Geld jederzeit entnehmen zu können, wird beim Festgeld auf eine fixe Dauer ein bestimmter Zinssatz gezahlt. Laut Statista wurde das Tagesgeld 2001 im Durchschnitt noch mit satten 2,3% verzinst. Von solchen Summen kann man heutzutage – Durchschnitt 0% – nur träumen. Zwar ist aufgrund der Zinslage hier kein Geld mehr zu verdienen, allerdings gibt es noch einige Angebote, die mit niedrigen Positivverzinsungen bis zu einer gewissen Anlagesumme locken. Auch dieser Weg ist aber nur für Summen empfehlenswert, die man kurz- oder mittelfristig zwischenparken möchte, um kein Geld zu verlieren, zum Beispiel als Notgroschen.

Langfristig anlegen

Viele Auswege blieben dem geplagten Kleinanleger nicht, um mit der derzeitigen Situation aus niedrigem Zinsniveau und Inflation produktiv umzugehen. Für Geld, das mit einem Anlagezeitraum ab 15 Jahren verwahrt werden soll, bleibt nur die Anlage in illiquidere Assetklassen wie Aktien, Anleihen oder Fonds.

Wie genau diese Geldanlage aussieht, hängt von der je eigenen Risikotragfähigkeit ab. Staatsanleihen mit hoher Bonität sind beispielsweise eine risikoarme Assetklasse mit entsprechend niedriger Rendite. Für eine langfristige diversifizierte Investition, die eine gute Renditeerwartung aufweist, eignen sich Exchange Traded Funds oder kurz ETFs. Mit diesen erwirbt man einen Korb vieler verschiedener Aktien, die sich weltweit an den wichtigsten Märkten finden. Der Vorteil einer solchen Anlage ist, dass sie passiv Indizes nachbildet und damit transparent und günstig für Anleger ist. Eine langfristige Renditeerwartung von etwa 5-7% kann sich auch sehen lassen – mehr zum Thema in unserem großen ETF-Handbuch. Allerdings eignet sich dieser Weg nur für langfristige Investitionen und kann das Girokonto oder Tagesgeld nicht unbedingt ersetzen.

Häufig gestellte Fragen

  • Was tun gegen Strafzinsen?

    Wer den Freibetrag seiner Bank überschreitet und damit Strafzinsen zahlen soll, kann sein Geld zu anderen Banken oder auf Tages- und Festgeldkonten umschichten. Geld, das länger nicht gebraucht wird, kann allerdings auch langfristig angelegt werden, zum Beispiel in weltweit diversifizierten ETFs.

  • Strafzinsen ab wann?

    Ab welcher Einlagesumme Banken Straf- oder Minuszinsen erheben, unterscheidet sich je individuell. In unseren Beispielen reichen die Freibeträge von 25.000€ bis zu 250.000€. Erst die Summen, die darüber hinausgehen, werden von den Minuszinsen erfasst.

  • Wie hoch sind Strafzinsen?

    Auch dies kommt auf die jeweilige Bank an, vor allem aber auf den aktuellen Strafzinssatz der Zentralbanken, die an die Privatkunden weitergegeben werden. Derzeit (September 2021) erheben alle unsere Beispiele 0,5% Negativzinsen pro Jahr. Bei einer Anlagesumme von 100€ (ohne Freibetrag) würden also 0,50€ pro Jahr an Strafzinsen fällig.

  • Was sind Strafzinsen?

    Strafzinsen sind ein negativer Zinssatz, der auf Einlagen von Bankkunden erhoben wird. Dieses sogenannte “Verwahrentgelt” verlangen Banken, da die Zentralbanken seit 2014 Negativzinsen für die Einlagen auf Banken erheben. Damit geben die Banken die Strafzinsen sozusagen an ihre Kunden weiter. Meist gewähren die Banken aber einen Freibetrag, bis zu dem keine Minuszinsen gelten.

  • Welche Banken verlangen Negativzinsen?

    Laut einer Erhebung des Vergleichsportals Verivox sind es im September 2021 an die 400 Banken, darunter die großen und bekannten Banken für Privatkunden. Wer sich ein neues Konto oder Tagesgeldkonto zulegt, sollte sich im Vorhinein also genau über die Konditionen und eventuellen Strafzinsen der betreffenden Bank informieren, um eine böse Überraschung zu vermeiden.