Investieren auf Kredit – macht das Sinn?

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Mit geliehenem Geld lässt sich leicht die eigene Rendite hochschrauben. Doch die Methode hat einen Haken. 

Rendite machen mit fremdem Geld. Dass das gut klingt, fanden schon 1927 viele Menschen. Investoren, Fließbandarbeiter und Dienstmädchen, die plötzlich zu Nullzinsen Kredite aufnehmen und an dem Börsenboom der Goldenen 20er teilhaben konnten. Warum auch nicht? Die Wirtschaft blühte und einen Kredit bekam man hinterhergeworfen. 

Ähnlich enthusiastisch war man in den USA auch 80 Jahre später, als sich dank billiger Kredite und steigender Immobilienpreise plötzlich jeder den Traum vom Eigenheim erfüllen konnte. 

Wie beide Geschichten ausgingen, wissen wir heute. Die Welt stürzte in die große Depression, Börsianer und Kleinsparer in die Privatinsolvenz, teilweise sogar in den Selbstmord. Und doch stellen sich viele Anleger heute wieder die Frage: Ist es sinnvoll, auf Kredit zu investieren und so von den derzeit niedrigen Kursen zu profitieren? 

Tatsächlich kann sich ein Investment auf Pump lohnen – und muss nicht zwangsläufig den finanziellen Genickbruch bedeuten. Allerdings hängt das maßgeblich von der eigenen finanziellen Situation und der Art des Kredits ab. Wie viel Sinn ein Investment auf Pump macht, klären wir in unserem… 

Investieren auf Pump – brandgefährlich oder brillant? 

Eines vorweg: Auch heute noch werden faule Kredite ausgegeben. Doch ist nicht davon auszugehen, dass diese zu einem ähnlich apokalyptischen Untergang der Weltwirtschaft führen werden wie 1927 oder 2008. Die Voraussetzungen waren damals ganz einfach andere, die Geldpolitik laxer und Regulierungen wie heute durch die Bafin schlichtweg nicht vorhanden. Auch wenn die heutigen Bankengesetze an mancher Stelle lückenhaft sind, fällt es Geldhäusern doch heute deutlich schwerer, den Privatanleger zur Überschuldung zu verleiten. 

Trotzdem: Investieren auf Kredit ist auch heute noch möglich – und wird von vielen Investoren genutzt, um die eigene Rendite zu erhöhen. 

Aber wie funktioniert das eigentlich? 

Basis des Ganzen ist der sogenannte Hebel-Effekt, auch bekannt als: Leverage-Effect. 

Ein Anleger, der zum Beispiel 50.000€ per Sparplan in Aktien investiert hat und damit eine durchschnittliche Rendite von 7% erzielt, macht jährlich (vor Steuern) einen Gewinn von 3.500€. Um diesen Gewinn nun zu erhöhen, könnte er sich weitere 50.000€ als Privatkredit von der Bank leihen und komplett in Aktien bzw. in seine Fonds stecken. Zusammen würde das Investitionskapital also auf einen Schlag 100.000€ betragen. 

Der Gewinn würde also schlagartig auf 7.000€ pro Jahr steigen und die Rendite auf die eigenen 50.000 € (Eigenkapitalrendite) entsprechend auf 14%. 

Von diesen 7000€ Gesamtgewinn muss natürlich noch der Kreditzins abgezogen werden. Bei 5% Verzinsung müssen also 2500€ von den gewonnen 7000€ abgezogen werden. Bleiben also 4500€ Gewinn, was die Eigenkapitalrendite zwar wieder etwas drückt (auf 9%), aber immer noch gesteigert hat (von 7% auf 9%) und den Gewinn von 3500 auf 4500 €. 

Das Risiko ist immens

Ja, das klingt fabelhaft. Allerdings gibt es, wie sollte es anders sein, einen Haken: Denn so steil wie es mit den Gewinnen hinauf gehen kann, kann es auch wieder runter gehen – und den Anleger bis in die Privatinsolvenz stürzen. 

Das hängt auch davon ab, mit welcher Methode auf Kredit investiert wird. 

Methode 1: Einen Privatkredit aufnehmen 

Nehmen wir noch einmal das Beispiel von vorhin: Ein Anleger hat 50.000€ gespart und und leiht sich zusätzlich 50.000€ von der Bank zu einem Zinssatz von 5%. Beides wird investiert. 

Rauschen die Kurse plötzlich um 10% nach unten, werden aus den 100.000€ Kapital plötzlich nur noch 80.000€. Trotzdem müssen die geliehenen 50.000€ zurückgezahlt werden. Am Ende bleiben dem Anleger also 40.000€, er hat einen Verlust von 10.000€ gemacht. 

Erschwerend hinzu kommen die Kreditzinszahlungen: Beträgt die jährliche Rendite plötzlich nicht mehr 7%, sondern nur noch 1% oder weniger, die Kreditzinsen aber nach wie vor 5%, wird auch hier Kapital verloren gehen: Betrug der Gewinn vorher 3.500€ pro Jahr, sind es nun lediglich noch 500 €, die der Anleger mit seinem geliehenen Geld erwirtschaftet. Trotzdem kommen auf jede monatliche Kreditrate, die der Anleger zurückzahlen muss, noch mal 5% drauf, also 2.500 €. Das Investieren auf Kredit wäre also zunächst mal ein Verlustgeschäft. 

Methode 2: Der Wertpapierkredit

Möchtest du dir den ganzen Aufwand sparen, der dir bei der Aufnahme eines Privatkredits blüht, hast du noch eine andere Möglichkeit: den Wertpapierkredit, oder auch: Lombard-Kredit genannt. Ein solches Darlehen kann dir deine Depotbank ausstellen, die ohnehin schon dein Investitionskapital für dich anlegt. Je nach dem, welche Summe in deinem Depot steckt, wird dir die Bank auch ein Kreditangebot machen. Realistisch sind maximal 80% von dem Gesamtwert deiner Einlagen. Bist du also mit 100.000€ investiert, könntest du einen Kredit über bis zu 80.000€ aufnehmen – sofern du dein Geld in weitgehend risikoarme Anlageklassen investiert hast und nicht für hochspekulative Börsengechäfte aufwendest. Bei vielen Anbietern gibt es einen solchen Wertpapierkredit schon ab 3.000€ Depotvolumen.

Ähnlich wie beim Privatkredit zahlst du auch für den Lombard-Kredit Zinsen (etwa 5% pro Jahr). Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Darlehen: Rutschen die Kurse und damit dein Depotwert  in den Keller, dann wird das nicht nur schmerzhaft, sondern richtig schmerzhaft. 

In der Krise droht der Margin Call 

Denn weil die eigenen Wertpapiere im Depot beliehen werden, gelten diese auch als Sicherheit für den Kreditgeber im Falle eines Verlustes. Im Klartext bedeutet das: Fallen die Kurse plötzlich um 30 oder gar 40% (wie in den vergangenen Wochen im Corona Crash), sind die angelegten 100.000€ plötzlich nur noch 70.000€ wert. Der 80.000€ Kredit ist damit nicht mehr gedeckt – und das gefällt der Depotbank gar nicht. Im nächsten Zug wirst du von deinem Kreditgeber einen Margin Call bekommen – jener in der Finanzwelt gefürchtete und von Hollywood ausgeschlachtete “Warnruf”, mit dem dich der Broker zum Nachschuss, also zum Zahlen der Differenz verpflichten kann. Kannst du deiner Zahlungspflicht nicht nachkommen, weil du schlichtweg gerade nicht flüssig bist, wird sich dein Gläubiger das Geld anderweitig beschaffen – und dein Depot angreifen. Das Worst-Case-Szenario: Wertpapiere werden verkauft – und das zwangsläufig zu den Preisen, die gerade an der Börse gelten. Du bist also im schlimmsten Fall gezwungen, deine Verluste zu realisieren und kannst die Krise somit nicht einfach aussitzen. 

Man mag sich also nicht ausmalen, was die historischen Kursrutsche der vergangenen Woche mit dem Nervenkostüm von Lombard-Kreditnehmern angerichtet hat. 

“Geld für sich arbeiten lassen” fällt mit Lombard-Kredit schwer 

Überhaupt ist die Laufzeit ein Argument, das gegen das Investieren mithilfe eines Lombard-Kredits spricht: Denn anders als ein Immobilienkredit hat ein Privatkredit in der Regel eine Laufzeit von maximal 10 Monaten. In der Konsequenz bedeutet das: Erwischst du in diesem Zeitfenster einer gänzlich schlechte wirtschaftliche Phase und machst Verlust, wirst du am Ende des Tages mit deinem Lombard-Kredit ein schlechtes Geschäft machen – denn am Ende der Laufzeit wird dieser auf einen Schlag zurückbezahlt. Der Vorteil beim langfristigen Investieren ist ja, dass etwaige Kursrutsche oder gar ganze Wirtschaftskrisen wieder ausgeglichen werden. Hast du allerdings nur fünf Jahre Zeit, dein Investment für dich arbeiten zu lassen, wird das entsprechend schwieriger. 

Läuft der Kredit ab, hast du immer noch die Möglichkeit, einen neuen Kredit aufzunehmen. Dadurch ergibt sich allerdings ein Refinanzierungsrisiko: Die Zinsen können in der Zwischenzeit gestiegen und dein Investitionsvolumen gesunken sein, sodass die Kreditkonditionen womöglich deutlich schlechter ausfallen. 

Der psychologische Druck ist überproportional hoch 

Und wo wir gerade bei der Psyche sind: Ein Argument, das gegen das Investieren auf Kredit spricht, ist der psychische Druck, dem Privatanleger über Jahre ausgesetzt sein werden. Natürlich – auch Immobilienbesitzer, von denen die meisten das Haus oder die Wohnung auf Pump gekauft haben, tragen über Jahrzehnte einen Schuldenberg mit sich herum. Allerdings geraten diese bei krassen Wirtschaftsrezessionen auch nicht so leicht in Versuchung, alles hinzuschmeißen und zu verkaufen. 

Wer auf Kredit investiert, geht ein extremes Risiko ein, bei einem Einbruch der Finanzmärkte Verlust zu machen. Entsprechend blank liegen die Nerven, sobald die Kurse auf Talfahrt gehen und Investoren reihenweise ihre Wertpapiere abzustoßen. 

In einer solchen Situation gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und rationale Entscheidungen zu treffen. Und das fällt in Krisenzeiten schwer, wie schon Warren Buffet wusste: “Es ist nie einfach, rationale Entscheidungen unter Druck zu treffen”. 

Der Einzelfall ist entscheidend  

Einen Kredit aufzunehmen, um mit geliehenem Geld an der Börse zu investieren, kann durchaus deine Rendite hochtreiben. Nichts anderes tun Unternehmen im wirtschaftlichen Alltag, wenn sie ihre Projekte kreditfinanzieren. Dasselbe gilt auch für den Großteil der deutschen “Häuslebauer”. Doch bedenke: So stark wie die Hebel-Wirkung deinen Gewinn in die Höhe schrauben kann, so niederschmetternd wirken sich auch Verluste auf dein Depot aus. Kredite und Zinsen müssen zurückgezahlt werden – ganz gleich, wie es dir oder der Weltwirtschaft geht. Und befindest du dich nicht gerade in der komfortablen Situation, deine Kreditraten und anfallenden Zinsen locker vom eigenen Monatsgehalt zu begleichen, kann das Investieren auf Pump durchaus zur Existenzbedrohung werden. 

Kurz gesagt: Investierst du mehr Geld, machst du logischerweise bei Kursanstiegen mehr Rendite – und bei Kursstürzen mehr Verlust. Noch mehr als der Gewinn im Glücksfall steigen würde, würde allerdings der Verlust ausfallen, wenn es mit den Kursen abwärts geht. Schließlich musst du in jedem Fall die Zinsen bezahlen, die den Gewinn jedes Mal schmälern und den Verlust erhöhen. 

Natürlich wird es dich nicht in den finanziellen Ruin treiben, wenn du dir 1.000 oder 2.000€ von der Bank leihst. Allerdings ist dann auch die Frage, ob sich das Ganze lohnt. Wie hoch die veranschlagten Zinsen sein werden, hängt von deiner finanziellen Situation und der Laufzeit des Kredits ab. Möchtest du dir gerne möglichst viel Zeit lassen, um den 10.000€ Kredit abzubezahlen, wird der Zinssatz entsprechend hoch sein. Liegt er zum Beispiel bei 7% oder mehr, wird sich das Ganze kaum lohnen angesichts des administrativen Aufwands, den so ein Kredit bedeutet. 

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