Kurse auf Allzeithoch

Mona Linke
Stand:

Je höher der Flug, desto tiefer der Fall? 

Seit Jahren brechen die Aktienkurse einen Rekord nach dem anderen, und immer wieder ist von einem “Allzeithoch” die Rede. Anleger macht das zögerlich – zu Unrecht.

Unter Anlegern macht sich die Angst vor der großen Korrektur breit – mal wieder. Die fetten Jahre seien vorbei, heißt es von manch einem Börsenexperten. Anderswo wird das “Ende der Börsenrallye” oder gar der große Crash vorhergesagt. Immer wieder fällt dabei der Begriff “Allzeithoch” – also dem höchsten Stand, den ein Kurs seit jeher erreicht hat. Meldungen von einem historischen Hoch, wie sie immer wieder durch die Medien schallen, lassen viele Anleger zweifeln: Sollte ich dann nicht besser jetzt meine Aktien verkaufen?  Und wer noch nach dem richtigen Moment für den Einstieg sucht, bleibt zögerlich: Erst einmal abwarten, ob es jetzt nicht nach unten geht, lautet bei vielen die Devise. Tatsächlich ist das viel fataler, als “im falschen Moment” einzusteigen.

Anleger fürchten den Abschwung

Es ist eine Mischung aus Ereignissen, die viele Anleger aktuell ohnehin ziemlich aufwühlt: Die Notenbanken drucken Geld wie am Fließband, die extrem hohen Kurse der Tech-Aktien rufen Erinnerungen an die 1990er Jahre hervor, in denen die Dotcom-Blase platzte und Tausende Kleinanleger über Nacht ihr Geld verloren. Aus Furcht vor einem ähnlichen Szenario am Aktienmarkt, aber auch vor einer neuen Hyperinflation flüchten sich viele in Kryptowährungen wie Bitcoin, deren explodierende Kurse jedoch ebenfalls Skeptiker auf den Plan rufen. Der berühmte letzte Tropfen dürfte die jüngste Aufregung um Gamestop und Co. gewesen sein – seither haben sich einige Investoren von Börsenstars wie Tesla, Apple und Facebook getrennt – aus Furcht, sie könnten als nächstes zum Spielball von Zockern, Shotsellern oder rebellischen Kleinanlegern werden, nachdem die Kurse einiger Tech-Giganten um bis zu 770% im vergangenen Jahr gestiegen sind.

Doch auch die großen Indizes kratzen gerade an ihre Allzeithochs oder haben sie bereits erreicht: Der MSCI World zum Beispiel notierte Ende Februar so hoch wie noch nie zuvor, Gleiches gilt für den Nasdaq100 und den S&P 500. Inzwischen haben sich die Kurse der Indizes wieder etwas korrigiert. Stimmt es also? Folgt auf das Allzeithoch die Korrektur? Nicht zwangsläufig.

Allzeithochs gibt es immer wieder

Zwar bedeutet Allzeithoch, dass der Kurs einer Aktie oder eines Index nie höher notierte als in diesem Moment. Trotzdem kann es selbstverständlich auch weiterhin nach oben gehen. Schließlich ist ein Allzeithoch eher die Normalität als eine Seltenheit – auch wenn Finanzmedien und Börsen-Zeitungen gern mit dem Begriff polarisieren.

Dass es nicht “das eine” Allzeithoch gibt, sondern sehr viele, die logischerweise immer wieder aufeinander aufbauen, zeigt die folgende Darstellung des amerikanischen Index S&P 500 sehr gut:

Quelle: ofdollarsanddate.com

Sind Aktien auf einem Allzeithoch überbewertet?

Viele verbinden mit dem “All Time High” einen überbewerteten Markt. Tatsächlich muss beides nicht miteinander zusammenhängen. Eine Aktie, die ihr Allzeithoch erreicht hat, kann auch berechtigterweise hoch bewertet sein. Um herauszufinden, ob ein Papier oder ein Index tatsächlich überbewertet ist, kann ein Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) Anhaltspunkte geben. Diese Kennzahl gibt kurz gesagt die Jahre an, die eine Firma braucht, um den Wert ihrer Aktie an der Börse tatsächlich zu erwirtschaften. Beträgt das KGV einer Aktie also beispielsweise 20, dann wird sie mit dem 20-fachen Jahresgewinn des Unternehmens bewertet. Heißt: Je höher das KGV, desto teurer erscheint die Aktie eines Unternehmens. Das KGV kann man selbst ausrechnen, indem man zum Beispiel die Marktkapitalisierung eines Unternehmens (Kurswert der Aktie x Anzahl der verfügbaren Aktien) durch den Jahresgewinn des Unternehmens teilt. Oder man teilt den Aktienkurs durch den Gewinn pro Aktie für das Unternehmen.

Kurs-Gewinn-Verhältnis des DAX von 1980 bis 2020. Quelle: boerse.de

Der KGV des Dax beispielsweise bewegt sich aktuell zwischen 15 und 20. Zum Vergleich: Seinen höchsten Stand erreichte es Mitte der 1990er Jahre (33), im vermeintlich goldenen Zeitalter der “New Economy”. Wenig später platzte bekanntlich die Spekulationsblase um die neuen Internet-Firmen und die Kurse rauschten in den Keller. Am niedrigsten war der KGV des DAX kurz nach der Finanzkrise in den Jahren 211/2012. Nimmt man das KGV als Orientierung, ist der Index also derzeit von einer Übertreibung ziemlich weit entfernt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 war vor der Finanzkrise 2008/09 ebenfalls extrem hoch und lag zeitweise bei mehr als 120. Aktuell beträgt das KGV des US-amerikanischen Index knapp 40. (Quelle: https://www.multpl.com/s-p-500-pe-ratio/table/by-month) Auch die KGVs einzelner Aktien in einem Index können Aufschluss geben: Im Nasdaq100 beispielsweise besetzen Tech-Aktien wie Tesla mit einem KGV von 172,14 aktuell die vordersten Plätze, was eine Überbewertung betrifft.

Aber heißt das deswegen, dass ich eine Aktie oder einen Index nicht investieren sollte? 

Nun ja. Ab welchem Wert ein Papier oder ein Index als überbewertet gilt, ist nirgendwo festgehalten. KGVs geben keine Auskunft darüber, wie sich der Gewinn eines Unternehmens in Zukunft entwickeln wird, sondern messen sich an vergangenen oder aktuellen Bilanzen. Die Angaben zum KGV können deswegen sehr verzerrt sein. Ein niedriger KGV heißt nicht automatisch, dass die Gewinne weiterhin hoch und der Aktienkurs im Verhältnis niedrig bleiben werden. Andersherum muss ein hoher KGV nicht bedeuten, dass ein Unternehmen nicht bald seine Gewinne steigert und die hohe Bewertung an der Börse doch berechtigt ist. 

Wahr ist: Den richtigen Einstiegs- oder Ausstiegspunkt finden Anleger auch nicht mithilfe des KGV. Niemand kann voraussehen, ob die Kurse künftig weiter steigen oder einbrechen. Oder ob sie noch tiefer fallen, statt wieder anzusteigen. “Time in the market beats timing the market”, hat der Investmentberater Ken Fisher einmal gesagt. Übersetzt meint das: Wer sein Geld lange Zeit im Markt hält, fährt damit besser als der, der nach dem richtigen Timing für Ein- und Ausstiege sucht. Denn:

Warten kostet Geld

Vor allem im Frühjahr 2020, nachdem die Aktienmärkte um bis zu 30% abgestürzt sind, fragten sich viele Anleger: Sollte ich jetzt einsteigen oder lieber noch abwarten? Diese Frage könnte man sich immer stellen, auch während eines Allzeithochs. Tatsächlich ist das Risiko, einen nächsten Höhenflug zu verpassen, deutlich größer als das, einen Verlust zu erleiden. Man spricht hier auch von sogenannten Opportunitätskosten, also entgangenen Gewinnen.

Buy & Hold schützt vor Verlusten durch Krisen

Es gibt keinen falschen Zeitpunkt zu investieren, solange das Geld ohnehin über 15 Jahre und länger im Markt bleibt. Denn etwaige Verluste wie die Kursrückgänge durch die Corona-Pandemie werden so wieder ausgeglichen. Und Krisen, Kurseinbrüche und Rezessionen wird es immer geben.

Natürlich hätte am meisten Rendite der Anleger gemacht, der pünktlich zu Beginn der Krise all seine Papiere verkauft und dann Mitte März wieder neu eingekauft hätte. Aber wer hätte die Entwicklung der Kurse voraussehen können? Richtig: Niemand. Selbst wer Ende Februar 2020 in den MSCI World investiert hat, musste zwar erst einmal (zumindest nervlich) extreme Kursrückgänge verkraften, hat bis heute aber dennoch immerhin eine Rendite von knapp 4,8% gemacht. Es zeigt sich also: Gar keinen Gewinn hat in der jüngsten Krise nur gemacht, wer überhaupt nicht investiert hat, weil er sich für Warten entschieden hat.

Und auch aktuell gilt: Selbst wenn sich die Kurse der großen Indizes jetzt korrigieren sollten, ist ein breit gestreutes, passives Investment doch besser als gar kein Investment. Hinzu kommt: Wer mit seinem Portfolio durch eine Krise geht, kann davon sogar profitieren, sofern er weiterhin nachkauft – beispielsweise über einen Sparplan, der regelmäßig in einen ETF investiert.

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