Markus Schmidt-Ott
Markus Schmidt-Ott
15. Oktober 2021

Sell in May? Börsenweisheiten überprüft

“Sell in May and go away, but remember to come back in September”. Das dürfte die wohl bekannteste Börsenweisheit sein. Spricht man unter Freunden und Kollegen darüber, gehen die Meinungen auseinander: Der Blick ins Depot offenbart bei manchen tatsächlich einen Kursrückgang im Frühling, die anderen bekommen diesen Effekt nicht zu spüren. Was ist also dran an solchen Sprüchen? Wir haben Hunderte von Anlagezeiträumen untersucht und ein paar der bekanntesten Börsenweisheiten auf den Prüfstand gestellt.

Sell in May and go away

Beginnen wir mit “Sell in May and go away, but remember to come back in September”. Glaubt man der Regel, ließe sich die Rendite also ein wenig erhöhen, indem man im Mai seine Aktien und ETFs verkauft und im September wieder anfängt zu investieren.

Um den Sell in May-Effekt auf die Probe zu stellen, haben wir das Ganze einmal rückblickend am Kurs des S&P 500 durchgespielt. Dieser umfasst die 500 größten börsennotierten Firmen der USA und hat im Gegensatz zu anderen Indizes den Vorteil, dass hier recht viele historische Daten vorliegen.

Nehmen wir an, dass ein Anleger in den 60er-Jahren 1.000€ in diesen Index investiert hat. Gemäß unserer Börsenweisheit wurden die Anteile jedes Jahr im Mai verkauft und im September wurde wieder investiert:

S&P 500 verglichen mit dem Beispielportfolio

Kursverlauf mit und ohne Börsenregel
S&P 500 verglichen mit dem Beispielportfolio, Januar 1960 bis Oktober 2021, 1960=100

Die rote Linie zeigt den Wert des Vermögens, das nach dieser Regel investiert wird. Die blaue Linie zeigt wiederum den Verlauf des S&P 500 Index. Auffällig ist, dass die Investition nach der Börsenregel eine Zeit lang tatsächlich mehr Rendite bringt als der S&P 500. Allerdings sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Es gibt auch Zeiträume, in denen das Investieren nach der Börsenregel zu einem schlechteren Ergebnis geführt hätte. 

Um das Ganze noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, haben wir den Kursverlauf des S&P 500 in knapp 400 Zeiträume von jeweils 30 Jahren unterteilt und probieren diese Börsenregel für all diese Zeiträume noch einmal aus. Wir erhalten also am Ende knapp 400 verschiedene Renditen, die Investoren nach der “Sell in May”-Devise zwischen 1960 und 2020 hätten erzielen können. 

Demgegenüber haben wir eine völlig neutrale Buy and Hold-Strategie gestellt, die die Börsenregel ignoriert und uns angeschaut, wie viel Rendite in den verschiedenen Zeiträumen erwirtschaftet worden wäre. Und tatsächlich: In den meisten Zeiträumen hätte ein Investor mit der Sell in May-Strategie den Index geschlagen. Dazu muss man sagen: Der Unterschied ist marginal.

Anzahl der Zeiträume, in denen das Beispielportfolio den S&P 500 geschlagen hätte

Das Ergebnis ist ziemlich ausgeglichen, fast 50:50. In fast gleich vielen Zeiträumen erzielte die Börsenregel eine bessere sowie eine schlechtere Rendite. Den Aufwand, regelmäßig zu verkaufen und zu kaufen, kann man sich also gemäß dieser Statistik sparen.

Darüber hinaus haben wir hier nicht mit eingerechnet, dass für jeden Trade beim Broker Ordergebühren fällig werden. Würden wir diese mit berücksichtigen, sähe die Statistik also ungünstiger für die Börsenregel aus.

Trading mit dem gleitenden Durchschnitt

Die Chartanalyse ist ein beliebtes Instrument aktiver Trader. Es gibt unzählige verschiedene Varianten, einen Chart zu analysieren. Eine davon ist das Heranziehen des sogenannten gleitenden Durchschnitts. Mit dem gleitenden Durchschnitt ist immer der durchschnittliche Kurs eines vergangenen Zeitraums zum Beispiel der vergangenen 100 Tage gemeint. In dem folgenden Chart sieht man den Kurs des S&P 500 und seinen gleitenden Durchschnitt.

Der S&P 500 und sein gleitender Durchschnitt

Index und gleitender Durchschnitt
S&P 500 und sein gleitender Durchschnitt, Januar 1960 bis Oktober 2021, logarithmische Skalierung, 1960=100

In diesem Falle umfasst der gleitende Durchschnitt immer die Kurse der jeweils letzten 20 Monate unseres Kursverlaufs. Wir sehen in der Grafik, dass der Kurs und der gleitende Durchschnitt sich an manchen Stellen kreuzen. Nämlich immer dann, wenn der Kurs anschließend nach oben oder nach unten tendiert. Das können aktive Trader als Signal nutzen: Wenn zum Beispiel der gleitende Durchschnitt erst unterhalb des Kurses verlief und dann den Kurs kreuzt, wird verkauft. Denn dann geht der Trader davon aus, dass der Kurs auch weiter fallen wird. Und andersherum ist das Signal zum Kaufen, wenn der Durchschnitt erst oberhalb des Kurses verlief und dann den Kurs kreuzt.

Klingt nach einer guten Strategie? Probieren wir das Ganze doch