Mona Linke
Mona Linke
18. November 2021

11 Millionen Euro für Limonade und Banking

Die Firma Lemonaid sammelte binnen Stunden 3 Mio. Euro von der Crowd ein, die Tomorrow Bank sogar 8 Mio. Euro. Zinsen für Investoren sind nicht garantiert, Risiken dafür schon.

Rendite machen und dabei die Welt verbessern – immer mehr Firmen werben mit diesem Versprechen. Darunter auch das Fintech Tomorrow, das sich auf nachhaltige Finanzen spezialisiert hat, und die Hamburger Getränkefirma Lemonaid, die faire Softdrinks verkauft. Die beiden Unternehmen verbindet nicht nur eine ähnliche Nachhaltigkeitsmission, sondern auch ein gemeinsamer Gründer. Noch dazu nutzen sie die gleiche und nicht unumstrittene Form der Finanzierung: das Crowdinvesting. In diesem Herbst haben beide Unternehmen zusammen 11 Mio. Euro von Privatanlegern eingesammelt, statt sich an Großinvestoren, Venture Capital-Geber oder eine Bank zu wenden. Für Lemonaid ist es die erste Kampagne überhaupt, Tomorrow tritt als Wiederholungstäter auf. Ihren Investoren stellen beide Wachstumsfirmen 5% Zinsen pro Jahr plus Gewinnbeteiligungen in Aussicht. Doch genügt das, um die immensen Risiken des Crowdinvesting zu kompensieren?

Was ist Crowdinvesting?

Etwa 2014 schwappte der Trend des Crowdinvesting nach Deutschland herüber und wird seither von mehr und mehr Organisationen, Unternehmen und Projektentwicklern als Alternative zur klassischen Finanzierung genutzt: Statt einen Bankkredit aufzunehmen oder Venture-Capital-Geber zu umgarnen, wird “die Crowd” angezapft, will heißen: Privatleute, die ihr Geld investieren und gleichzeitig Gutes tun möchten. Anders als beispielsweise im Private Equity Bereich können die Anleger in der Regel bereits mit kleinen Summen von 100 oder 200€ einsteigen. Im Gegenzug erhalten sie das Recht auf jährliche Zinszahlungen oder eine Beteiligung an Gewinnen, teilweise auch beides. Dazu erwerben sie ein Finanzinstrument, das ihnen ihre Rechte zusichert. Das kann ein Genussrecht, ein Nachrangdarlehen oder eine stille Beteiligung sein. Was es mit solchen Produkten auf sich hat und warum sie mit Vorsicht zu genießen sind, klären wir gleich. 

Crowdinvesting ist nicht zu verwechseln mit dem spendenbasierten Crowdfunding: Beim Crowdfunding erhalten die Geldgeber in der Regel keinerlei finanzielle Gegenleistung für ihre Investition, sondern allenfalls eine materielle Entschädigung – beispielsweise ein Buch des Autoren, den man finanziell bei seiner Veröffentlichung unterstützt hat.

Der Fall Lemonaid: Was steckt hinter der ersten Crowd-Kampagne?

Zwölf Jahre nach seiner Gründung ist nun auch das Unternehmen Lemonaid auf den Geschmack der Schwamfinanzierung gekommen. Unter Hashstags wie “sozial veranlagt” und mit Slogans wie “Zinsen gibt’s jetzt auch in Bio” hat der Hersteller fair produzierter Limonaden und Säfte seine Crowd-Kampagne im Voraus angekündigt.

Mit Erfolg, wie sich Anfang November mit Start des Crowdinvesting gezeigt hat: Binnen Stunden hat das Unternehmen 3 Mio. Euro von der Crowd eingesammelt. Mehr als 1.500 Privatpersonen haben der Firma ihr Geld geliehen, das sie nun – so sieht es der Deal vor – frühestens in fünf Jahren wiedersehen werden. Im Gegenzug sollen sie pro Jahr 5% Zinsen auf ihr investiertes Kapital erhalten, die jährlich ausgeschüttet werden.

Digitale Wertpapiere als Schuldverschreibungen

Was sie erwerben, sind tokenbasierte Schuldverschreibungen. Dabei handelt es sich um digitale Wertpapiere, die eine Zahlungsverpflichtung der Emittentin (Lemonaid) gegenüber den Investoren (der Crowd) begründen. Lemonaid spricht bewusst nicht von Genussrechten oder Genussscheinen, die prinzipiell genauso funktionieren, bei denen die Ansprüche aber zusätzlich in einer Urkunde verbrieft werden. Bei den tokenbasierten Schuldverschreibungen gibt es eine solche Urkunde nicht.

Zinsen, Bonuszinsen und Exiterlöse

Insgesamt 60.000 solcher Schuldverschreibungen mit einem Nennbetrag von jeweils 50€ hat Lemonaid am 2. November ausgegeben. So kommt der Gesamtnennbetrag von 3 Mio. Euro zustande. 250€ und damit mindestens fünf Schuldverschreibungen musste pro Anleger mindestens investiert werden, 25.000€ durften es maximal sein. Die feste Verzinsung beträgt 5% und soll jährlich zu Beginn des Geschäftsjahres im Januar ausgezahlt werden. Eine Kündigung vor Ablauf der Frist ist vonseiten des Anlegers nur dann erlaubt, wenn “besondere” Gründe vorliegen. Dazu zählt beispielsweise, dass ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde, Zinszahlungen ausbleiben oder sonstige finanzielle Schwierigkeiten öffentlich werden. Neben den 5% jährlichen Zinsen wirbt Lemonaid mit einer Gewinnbeteiligung in zweierlei Form: 

Im Falle eines Exit: Sollte es zu einem Verkauf oder Teilverkauf von Lemonaid während der Laufzeit kommen, will die Emittentin die Anleger an dem Exiterlös beteiligen, sofern dieser größer ausfallen würde als der Nennbetrag, den ein Anleger investiert hat. Gleiches gilt im Falle eines Börsengangs (IPO-Exit). Wie hoch die Beteiligung letztlich ausfällt, hängt von der Höhe des Exiterlöses sowie der Höhe des gewinnberechtigten Kapitals ab. Bei dem gewinnberechtigten Kapital handelt es sich um das Stammkapital der Firma plus die Summe aller digitalen Geschäftsanteile, die das Unternehmen herausgegeben hat.

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Ein Beispiel

Sollte Lemonaid in den kommenden Jahren zu einem Preis von 120 Mio. Euro verkauft werden, würde das bei 50.000€ gewinnberechtigtem Kapital einem Erlös von 60€ pro Token mit einem Nennbetrag von 50€ entsprechen. Hat ein Privatanleger beispielsweise 300€ investiert, würde das eine Ausschüttung von 360€ bedeuten. Anders ausgedrückt: Eine Schuldverschreibung würde in ihrem Wert um 20% steigen. Die tokenbasierten Schuldverschreibungen enden in einem Exit-Fall automatisch.

Bonuszins: Die zweite Form der Gewinnbeteiligung soll über einen sogenannten Bonuszins erfolgen, der weder garantiert noch in seiner Höhe vorher festgelegt ist. Dieser wird ausgeschüttet, wenn Gewinne aus dem operativen Geschäft erwirtschaftet werden, man spricht hier vom sogenannten EBIT (Ergebnis der Geschäftstätigkeit vor Zinsen und Steuern). Einen Prozent dieses EBIT will Lemonaid mit seinen Crowd-Investoren teilen. Je mehr Schuldverschreibungen ein Anleger erworben hat, also je mehr Geld er oder sie investiert hat, desto höher fällt die Beteiligung an dem einen Prozent aus. Der Haken bei der Sache ist: Es muss erst einmal Gewinn bei Lemonaid übrig bleiben, um ihn unter den “Crowdies” zu verteilen. Die wenigsten Wachstumsunternehmen oder Startups legen Gewinne zurück, für gewöhnlich wird so viel reinvestiert wie nur irgend möglich, um das Geschäft auszubauen und dem Wettbewerb am Markt standhalten zu können.

Wie sich das Unternehmen wirtschaftlich entwickelt, darüber will Lemonaid seine Privatinvestoren halbjährlich in Form von Investoren-Reportings und Updates zu Geschäftszahlen oder Jahresabschlüssen informieren.

Warum sich Crowdinvesting vor allem für die Emittenten lohnt

Als Begründung für die Crowd-Kampagne führt Lemonaid auf all