Mona Linke
Mona Linke
9. Juni 2022

Greenwashing-Affäre: Ist das Gras auf der anderen Seite grüner?

Der Skandal um die DWS hat eine besondere Brisanz – doch wäre es falsch, den Versprechen anderer Anbieter grüner Fonds blind zu vertrauen.

Manchmal ereignen sich in der Finanzwelt fast schon filmreife Dinge. Die Razzia bei der DWS jedenfalls hätte durchaus Potential für eine dramatische Szene in einem Hollywood-Wirtschaftskrimi: An einem Dienstagvormittag Ende Mai marschieren rund 50 Einsatzkräfte aus Bundeskriminalamt, Bafin und Staatsanwaltschaft in eine Konzernzentrale im Frankfurter Bankenviertel und durchsuchen die Chefbüros der Deutsche Bank-Tochter. Nicht einmal 24 Stunden später tritt der CEO zurück, dessen Gesicht danach noch wochenlang in den Zeitungen der Bundesrepublik auftauchen wird.

Der Vorwurf gegen einen der größten Vermögensverwalter der Welt lautet “Greenwashing”, einige sagen dazu auch etwas verniedlicht “Öko-Schwindel”. Nur ein Bruchteil der angeblich nachhaltigen Fonds, die die DWS betreibt, sollen wirklich so grün gewesen sein, wie in den Verkaufsprospekten dargestellt, hieß es zuletzt von der ermittelnden Staatsanwaltschaft. Der Fall hat Brisanz – und versetzt die gesamte ESG-Branche in Unruhe.

Die Causa DWS: Ein Fall von vielen?

Ungemütlich wurde es bei der DWS schon vor etwa zwei Jahren, ein paar Monate, nachdem Desiree Fixler als neue Nachhaltigkeitschefin im Asset Management angeheuert hat. Heute kennen die 50-Jährige viele nur noch als die “DWS-Whistleblowerin”. Schon früh wunderte sich Fixler über die Methoden, nach denen die DWS ihre Nachhaltigkeitsfonds zusammenstellt und vermarktet. Beispielsweise darüber, dass der inzwischen insolvente Zahlungsdienstleister Wirecard noch nach Bekanntwerden erster Einzelheiten zum Bilanzbetrug die zweitbeste Note in der ESG-Kategorie Governance erhielt. Das steht, kurz gesagt, für eine gute, verantwortungsvolle Unternehmensführung. Statt eigene Analysen durchzuführen, zähle die DWS in vielen Fällen einfach alle Bewertungen externer Ratingagenturen zusammen und berechne dann den Durchschnitt, lautete einer von Fixlers Vorwürfen gegen den Fondsanbieter. Im Sommer 2021 dann musste sich die DWS gegen die Anschuldigung wehren, beim Volumen ihrer nachhaltigen Geldanlagen übertrieben zu haben. So war im Geschäftsbericht 2020 die Rede von knapp 460 Mrd. Dollar, die angeblich mit “ESG-Integrationsansatz” verwaltet würden. Ein Jahr später ist die Kategorie verschwunden, stattdessen werden nur noch knapp 70 Mrd. USD als “nach ESG-Kriterien verwaltetes Vermögen” ausgewiesen.

“Greenwashing ist kein Kavaliersdelikt”

Fixlers Anschuldigungen haben mit dazu beigetragen, dass seit Anfang 2022 nun auch die Bundesbehörden gegen den Konzern ermitteln – die amerikanische Aufsichtsbehörde hat die DWS schon seit vergangenem Jahr im Visier. Von der Staatsanwaltschaft hieß es bisher nur, dass sich “tatsächliche Anhaltspunkte” ergeben hätten, “dass entgegen der Angaben in Verkaufsprospekten von DWS-Fonds ESG-Faktoren nur in einer Minderheit der Investments tatsächlich berücksichtigt worden sind”. Die DWS streitet alle Vorwürfe ab.

Redefreudig zeigen sich derweil NGOs wie die Bürgerbewegung Finanzwende, die seit Jahren übertriebene Werbeversprechen am ESG-Markt bemängelt: “Die Vorwürfe auf Prospekt- beziehungsweise Kapitalanlagebetrug wiegen schwer und zeigen: Greenwashing ist kein Kavaliersdelikt”, kommentierte Magdalena Senn, Referentin für nachhaltige Finanzmärkte, die Untersuchungen bei der DWS. Das Ganze werde “Signalwirkung für andere Vermögensverwalter entfalten”, sagte sie den Medien. Anbieter von als nachhaltig beworbenen Finanzprodukten würden ihrer Meinung nun genau prüfen, “ob ihre eigenen Anlagekriterien halten, was sie versprechen.“

“Ein Warnschuss für alle anderen Anbieter”

Dass innerhalb der Branche sowohl bei den Kunden als auch bei den Anbietern bereits Unruhe herrscht, bestätigt auch ein Branchenkenner, der für eine große Fondsgesellschaft arbeitet und sich gegenüber Finanzfluss zu den aktuellen Ereignissen geäußert hat. Beunruhigte Kunden, insbesondere institutionelle Investoren, riefen zuletzt bei ihm an und erkundigten sich genauer nach der ESG-Strategie des Anbieters. Dazu würde sich in der Frankfurter Finanzszene “ein wenig Angst” breit machen.

Das ist ein Warnschuss für alle anderen Anbieter, von denen natürlich nun jeder Angst hat, dass ihm einmal das Gleiche passieren könnte. Die Frage ist eben, ob das, was als grün bezeichnet wird, auch wirklich grün ist.

Muss die Anlegerwelt also damit rechnen, in ein paar Monaten den nächsten Greenwashing-Skandal zu erleben? Ausgeschlossen ist das nicht. Trotzdem sollten Anleger auch schon jetzt gewahr sein, dass die allerwenigsten Fonds wirklich so nachhaltig sind, wie sie von ihren Herausgebern dargestellt werden. Denn eine einheitliche Definition, was Nachhaltigkeit überhaupt bedeutet, existiert noch immer nicht. Die von der EU geplante Taxonomie als einheitliches Klassifizierungsinstrument wird erst ab 2023 in vollem Umfang gelten und allen ESG-Anbietern einheitliche Regeln auferlegen.

Fondsanbieter haben weitgehend freie Hand

Zumindest übergangsweise könnte demnächst etwas mehr Orientierung in den Markt kommen. So plant es jedenfalls die amerikanische Finanzaufsicht SEC. Nur wenige Tage nach der Razzia bei der DWS legte die Behörde erste Pläne für eine Nachweispflicht für Fondsanbieter vor. So könnten Herausgeber von ESG-Produkten bald verpflichtet werden, jeweils die Menge an CO2 zu veröffentlichen, die alle Aktiengesellschaften in einem Fonds zusammen ausstoßen. Auch sollen nach Plänen der SEC nur solche Fonds das Akronym “ESG” tragen dürfen, deren Vermögen auch tatsächlich zu 80% in nachhaltige Aktien fließt. Außerdem könnten Fondsanbieter verpflichtet werden anzugeben, wie sie auf den Jahresversammlungen der Aktiengesellschaften abstimmen. In den nächsten Monaten soll die Nachweispflicht verabschiedet werden.

Ähnliche Pläne für eine Regulatorik hat vergangenes Jahr auch schon die deutsche Bafin vorgelegt. In einem Entwurf ist die Rede von 75% “Mindestinvestitionsquote” der Fonds in ESG-Produkte, um das Akronym im Namen tragen zu dürfen. 

Zumindest in Teilen greift auch jetzt schon die geplante EU-Taxonomie: So müssen sich Fondsanbieter beispielsweise an die sogenannte Offenlegungsverordnung halten: Sie sind dazu verpflichtet, ihren Nachhaltigkeitsansatz einer von drei Kategorien zuzuordnen: Den “sonstigen Finanzprodukten”, die nach Artikel 6 klassifiziert sind und keinen besonderen Fokus auf Umwelt- und Ethikaspekte legen. Den nach Artikel 8 klassifizierten Fonds, die ökologische und / oder soziale Aspekte zumindest berücksichtigen – wenn auch nur im Ansatz. Oder sie strukturieren einen Fonds nach Artikel 9 und damit als strengen Impact-Fonds: Enthalten sein dürfen nur Unternehmen, die aktiv Umweltziele oder soziale Ziele verfolgen, also beispielsweise an Lösungen für einen geringeren CO2-Ausstoß arbeiten. Auf diese Weise versucht die EU-Kommission schon jetzt, Greenwashing zu verhindern. Ob ihr das durch die Offenlegungspflicht gelingt, ist eine andere Frage.

Am ESG-Markt herrscht Wildwuchs

Die meisten nachhaltigen Publikumsfonds und ETFs sind nämlich nach Artikel 8 strukturiert – und für diese Kategorie genügt es, zumindest teilweise ESG-Kriterien anzuwenden. Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Nur weil ein Fonds besonders grün klingt, muss er das längst noch nicht sein. Denn wie ein Fondsanbieter seinen ESG-Fonds zusammenstellt. an welchen Maßstäben Nachhaltigkeit gemessen wird und wie die Bewertungen einzelner Unternehmen zustande kommen, obliegt allein dem Asset Management. Strafbar machen sich die Anbieter – Stand jetzt – nur dann, wenn sie ungenügend über ihre Vorgehensweise informieren oder in den offiziellen Dokumenten feststehende Begrifflichkeiten falsch verwenden. Also beispielsweise von “Impact Investing” sprechen, obwohl lediglich durch ein einfaches Screening ein paar kontroverse Branchen ausgeschlossen werden.

Ein Grund für den aktuellen Wildwuchs am ESG-Markt ist auch, dass sich viele Fondsanbieter an den Bewertungen externer Research-Agenturen orientieren. Denn auch die kommen bei einzelnen Unternehmen teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen, wenn sie es bewerten sollen. Der Vermögensverwalter Flossbach von Storch etwa hat 2019 herausgefunden, dass der Autohersteller VW auf einer Nachhaltigkeitsskala von 0 bis 100 bei einer Rating-Agentur 0 Punkte erreichte, bei einer anderen 19 Punkte und bei einer weiteren 65.

Deka, Commerz Real und BNY Mellon wurden schon verklagt

Wegen “irreführender” Informationen zu Fondsprodukten wurden schon vor dem Fall DWS einige Anbieter zur Rechenschaft gezogen. Zum Beispiel kassierte erst vor wenigen Wochen der Assetmanager BNY Mellon eine 1,5 Mio. USD Strafe von der SEC. Der Fondsanbieter habe stets die eigene ESG-Qualitätsprüfung angepriesen, hätte sie aber bei vielen Fonds gar nicht angewendet, so der Vorwurf der Behörde. Verklagt wurde auch schon die Commerz Real, ein Tochterkonzern der Commerzbank, die einen nachhaltigen Klimafonds betreibt, der als Elt