Nur fürs gute Gefühl? Die Green Bonds der Bundesregierung

Mona Linke
Stand:

Es ist soweit: Nun hat auch Deutschland seine “grünen” Staatsanleihen herausgegeben, die Anleger ab sofort kaufen können. Aber wie sinnvoll sind die Öko-Anleihen überhaupt? Und wie viel Rendite bringen sie?

Ausgerechnet Polen. Das Land, das beim Thema Umwelt primär mit Kohlekraftwerken, Ofenheizungen und versmogten Innenstädten Schlagzeilen macht, hat schon 2016 als erstes europäisches Land überhaupt grüne Anleihen herausgegeben. Inzwischen sind auch Frankreich, Irland, Belgien und die Niederlande auf den Zug aufgesprungen. Auf grüne deutsche Staatsanleihen mussten die Investoren bislang verzichten. Doch am Mittwoch nun hat auch der deutsche Staat seine ersten eigenen Green Bonds herausgegeben, mit deren Erlös Ausgaben mit „positiver ökologisch-nachhaltiger Wirkung“ im Bundeshaushalt finanziert werden sollen. Die Bilanz dürfte den Bund freudig stimmen: Denn die Investoren haben schon jetzt alle Erwartungen übertroffen und insgesamt mehr als 33 Milliarden Euro geboten. Dabei soll das Papier mit zehnjähriger Laufzeit erst einmal nur 6,5 Mrd. Euro einsammeln. Das klingt zunächst einmal nach einer guten Sache. Dass Deutschland dadurch tatsächlich mehr Geld in Umwelt- und Klimaschutz steckt, ist allerdings ein Trugschluss.

Damit soll Schluss sein: Aber helfen Green Bonds wirklich dem Umweltschutz? | Bild: unsplash.com

Was hinter den neuen Öko-Anleihen Green Bonds steckt

Zugegeben: Dass die Bundesregierung nun “Green Bonds” emittiert, mag zunächst wie ein Meilenstein auf dem Weg in die klimagerechte Zukunft klingen. Tatsächlich ist die Bundesregierung mit ihren Öko-Anleihen im internationalen Vergleich spät dran: Polens Grüne Anleihen gibt es schon seit 2016 zu kaufen, und längst haben andere nachgezogen: Frankreich beispielsweise brachte kurz nach Polen seine erste Öko-Anleihe auf den Markt, es folgten Länder wie die Niederlande, Belgien und Irland. Selbst in Italien laufen seit einiger Zeit die Planungen für nachhaltige Staatsanleihen. 

Aber was bringen solche Green Bonds eigentlich? 

Green-Bonds, also “grüne Anleihen”, sind dazu gedacht, dass Regierungen bestimmte Projekte zum Umwelt- oder Klimaschutz finanzieren können. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches: Schließlich finanzieren Länder wie Deutschland oder Frankreich einen Großteil ihrer Ausgaben ohnehin schon über fremdes Geld, das sie sich von Banken, Institutionen oder Privatanlegern leihen. Über grüne Anleihen sollen nun ausschließlich nachhaltige Projekte finanziert werden, die zum Beispiel der Reduzierung von CO2-Emissionen oder der Förderung erneuerbarer Energien dienen. 

Frankreich beispielsweise investiert sein über Green Bonds eingesammeltes Geld in energieeffiziente Gebäude oder CO2-arme Transportmittel. Und die niederländische Regierung hat sich beinah musterhaft dem Ziel verschrieben, mit ihrer Öko-Anleihe die eigenen Treibhausgasemissionen bis 2030 um 49% zu senken. Darüber hinaus fließt das Geld beispielsweise in Projekte zum Hochwasserschutz und zur Überwachung des Meeresspiegels. 

Teilweise gibt es Green Bonds auch auf kommunaler Ebene: Die schwedische Stadt Göteborg zum Beispiel gibt ebenfalls eigene Green Bonds heraus und investiert das eingenommene Geld in eigene Biogasanlagen, Wasserfilter oder den Aufbau einer Elektroautoflotte. In der Pariser Innenstadt etwa hat man mit dem Erlös aus einer eigenen städtischen Anleihe energiesparende Straßenlaternen angeschafft.

Nichts weiter als ein “billiger Werbegag”?

Und Deutschland? Nun ja. Auch hier soll das Geld der Gläubiger ausschließlich in “grüne” Projekte fließen. In saubere Verkehrssysteme zum Beispiel oder in erneuerbare Energien, wie aus einer gemeinsamen Pressemitteilung der Bundesministerien für Umwelt und für Finanzen hervorgeht. Die biologische Vielfalt solle unterstützt und ein effizienterer Energieverbrauch forciert werden. All das klingt toll – erst einmal. Denn Deutschland investiert in all diese Sachen ohnehin schon, neue Schulden für nachhaltige Projekte sind nicht geplant. Die Erlöse aus den grünen Wertpapieren werden den Ausgaben des vergangenen Haushaltsjahres zugeordnet, wie Kirsten Bradtmöller, Pressesprecherin der Finanzagentur des Bundes, auf unsere Anfrage erklärt. Konkret heißt das: Es wird nicht ein Cent mehr investiert als bislang. 

Green Bonds: Grüne Zukunft oder Werbegag?
Green Bonds: Unterstützung einer grünen Zukunft oder bloßer Werbegag? | Bild: unsplash.com

Und genau das ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan: „Grüne Anleihen sind und bleiben Greenwashing in Reinform, da darf man sich als Anleger nicht täuschen lassen“, sagte zum Beispiel der FDP-Fraktionsvize Christian Dürr den Medien. Dem Bürger würde suggeriert, mit dem Kauf der Anleihen irgendwelche umweltpolitischen Entscheidungen beeinflussen zu können. Tatsächlich entscheide am Ende immer noch das Abgeordnetenhaus, wie viel Geld in welche Projekte gesteckt wird, so Dürr weiter. „Diese Bundesanleihen sind leider nichts weiter als ein billiger Werbegag, der die guten Absichten der Anleger ausnutzt“. 

Geplant ist mehr Transparenz

In der Finanzagentur, die die Anleihen emittiert, sieht man das anders: “Von Greenwashing sprechen wir, wenn grüne Ausgaben bei genauer Betrachtung keine grüne Wirkung erzielen. Durch die Zuordnung bereits getätigter, an internationalen Standards gemessenen Ausgaben, ist dies eindeutig ausgeschlossen”, so Bradtmöller. 

Okay, dann hat Deutschland also schon vorher in allerlei umweltschützende Projekte investiert – nur hat jetzt eben auch der geneigte Anleihen-Käufer die Möglichkeit, sein Erspartes dafür zu verleihen – auch wenn das weder an der Höhe der Investitionen noch der Art der Projekte etwas ändern wird. 

Doch dafür gebe es gute Gründe, so die Kommunikationsleiterin: Schließlich werde der Haushalt jährlich vom Parlament verabschiedet. Und diesem parlamentarischen Recht könne die Finanzagentur nicht einfach vorgreifen, so Bradtmöller. Überhaupt seien die Green Bonds dazu aber auch gar nicht gedacht. “Mit der Emission grüner Bundesanleihen verfolgen wir das Ziel, besonders auch institutionelle Investoren für nachhaltige klimafreundliche Investitionen zu gewinnen.” Etwas ist dann doch neu an den deutschen Green Bonds: Sie sollen für mehr Transparenz sorgen. So will die Finanzagentur künftig jedes Jahr ausführlich darüber informieren, wofür sie das Geld ihrer Gläubiger ausgibt – und welche Wirkungen die Projekte letztlich tatsächlich auf die Umwelt haben. 

Grüne Bonds kommen als Zwillingsanleihen

Der grüne Anleihenmarkt soll also aus der Nische geholt und mehr Investoren für die nachhaltigen Geldanlagen begeistert werden. Um die Hürden für potenzielle Anleihen-Käufer abzubauen, sollen die Green Bonds außerdem als sogenannte Zwillingsanleihen herausgegeben werden und damit genauso leicht handelbar sein wie die klassischen Anleihen. Konkret funktioniert das so: Mit jeder “grünen” Anleihe wird auch ein konventionelles Papier herausgegeben, das die Finanzagentur in ihren Eigenbestand aufnimmt – mit gleicher Laufzeit und gleichem Kuponzins. Der Zwilling-Bond kann dann als Maßstab genommen werden, um den Wert der grünen Anleihe einschätzen zu können. Außerdem bekommt der Investor so die Möglichkeit, sein nachhaltiges Papier jederzeit in eine “normale” Anleihe umzutauschen – ohne fürchten zu müssen, die Anleihe nicht mehr oder nur zu einem schlechten Preis verkaufen zu können. Dafür muss der Investor die Anleihe lediglich bei der Finanzagentur zurückgeben und bekommt stattdessen dann ein konventionelles Papier gutgeschrieben. 

Apropos Preis: Wie viel Rendite bringt so eine Öko-Anleihe eigentlich? 

In Sachen Staatsanleihen herrscht hierzulande ja bekanntlich Flaute, was die Zinsaussichten angeht. Nein, schlimmer noch: Inzwischen muss der Gläubiger sogar blechen, leiht er dem deutschen Staat sein Erspartes. Der Grund: In der gesamten Eurozone ist das Zinsniveau seit Jahren in den Keller gerutscht. Wie es genau im die Zinsen auf europäische Staatsanleihen steht, haben wir übrigens in diesem Artikel schon einmal erklärt.  

Ähnlich ernüchternd ist auch die “Rendite”, die nun beim Kauf von Green Bonds winkt: -0,46%. Verzinst ist die Anleihe mit 0% Kupon pro Jahr, woraus sich die negative Rendite ergibt. So rutscht der Käufer am Ende der Laufzeit deutlich ins Minus: Weil sein Geld nicht nur von den Negativzinsen, sondern obendrein  noch von der jährlichen Inflation vernichtet wird.

Also: So wirklich lohnen sich die grünen Bundesanleihen nicht 

Es ist wahr: Deutschland investiert das Geld seiner Gläubiger in nachhaltige Vorhaben, die die Umwelt und das Klima schützen sollen. Allerdings passiert das genau so schon seit Jahren – nur bekommen Anleihen-Käufer jetzt eben das gute Gewissen gratis dazu. An den umweltpolitischen Entscheidungen, die nach wie vor von den Abgeordneten im Parlament getroffen werden, wird auch der größte Anleihen-Käufer dennoch nichts ändern können. Die Höhe der Investitionen bleibt dieselbe – und welche Projekte unterstützt werden, darüber entscheidet die Politik. 

Und dennoch: Um Aufmerksamkeit für das “grüne” Anleihengeschäft zu schaffen, könnten die neuen “Green Bonds” der Bundesregierung durchaus nützlich sein. Noch allerdings sind nachhaltige Anleihen – genau wie übrigens alle anderen grünen Formen des Investierens – eine Nische. Das Emissionsvolumen in 2019 lag für Green Bonds weltweit bei knapp 200 Mrd. USD.

Green Bonds: Grüne ETFs als Alternative

Möglichst risikofrei und rentabel das Ersparte anlegen, ohne dabei Kohlekraftwerke oder Rüstungsunternehmen unter die Arme zu greifen, funktioniert alternativ auch über sogenannte ESG-Aktienfonds. Die Abkürzung steht für “Environment”, “Social” und “Governance” beschreibt quasi ein nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Handeln, dass Investitionen in bestimmte Branchen (Tabak, Glücksspiel, Rüstung) von vornherein ausschließt. So gut wie alle Vermögensverwalter bieten ihren Kunden inzwischen spezielle Öko-ETFs oder ganze klimabewusste Portfolios an. Auch die grünen Aktien-ETFs haben ihre Schwächen, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll. Renditetechnisch lohnen sie sich aber deutlich mehr als grüne Anleihen. 

Was von den neuen Green Bonds der Bundesregierung zu halten ist, darüber haben wir außerdem mit dem Credit-Risk-Manager Philipp Degenhard gesprochen. Das ganze Interview:

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Simon Zscheile
23 Tage

Vielen Dank für die Info! Spannende Themen, wie immer.
Keep up the good work!

Admin
Georg Seebode
23 Tage
Reply to  Simon Zscheile

Danke! Wenn ihr Themenvorschläge habt die wir uns mal anschauen sollten -> immer her damit

Justin Stella
23 Tage

Ein wirklich gut geschriebener Artikel. Danke für die ausführliche Erklärung der Green Bonds!

Admin
Georg Seebode
23 Tage
Reply to  Justin Stella

Danke für das lob! Wir freuen uns immer über positives Feedback von der Community 🙂

Finanzfluss Team
10 Tage
Reply to  Justin Stella

Gerne 🙂