Vom norwegischen Staatsfonds lernen

Markus Schmidt-Ott
Stand:

Der norwegische Staatsfonds investiert komplett passiv – und ist damit sehr erfolgreich. Privatanleger können seine Strategie leicht imitieren.

Mit gut 11.000 Milliarden norwegischen Kronen (ca. 1.000 Milliarden €) im Jahr 2021 ist er der größte Aktionär der Welt. Ihm gehört nicht nur der Neubau des Axel Springer Hauses in Berlin, sondern auch so gut wie jede Aktie von bekannten Unternehmen. Von Tausenden Unternehmen auf der ganzen Welt besitzt er im Schnitt jeweils 1,1% der Anteile. Mit einer Durchschnittsrendite von 6,3% p.a. und eine Gesamtkostenquote (TER) von 0,05% erregt er bei vielen Investoren Interesse. Die Rede ist vom norwegischen Staatsfonds. 

Die Geschichte des norwegischen Staatsfonds

Nachdem in den 1960er-Jahren erstmals in Norwegen Öl gefunden wurde, war für die Regierung von Anfang an klar, dass die gesamte Bevölkerung von diesem Reichtum profitieren solle. Nach dem Ölpreisschock und dem Rückgang der Nachfrage nach Rohöl, musste eine Strategie her, den Wohlstand des Landes auch für die Zukunft zu sichern und diesen unabhängig vom Rohstoffmarkt zu machen. In den 1990er-Jahren wurde daher der norwegische Ölfonds mit einem Vermögen von 2 Mrd. norwegischen Kronen aufgelegt (entspricht heute etwa 200 Mio. €). Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft wurden seither darin angelegt, außerdem verwaltet er die Mittel der Sozialversicherung.

In Kronen gerechnet ist somit jeder der 5,4 Millionen Einwohner Norwegens Millionär. In Euro gerechnet entfallen auf jeden Einwohner immerhin gut 200.000€. Investiert ist der Fonds zum größten Teil in Aktien, aber auch Anleihen und Immobilien gehören zum Portfolio. Die Diversifikation ist mit unter anderem über 9.000 Aktien höher als die der meisten weltweit investierten ETFs.

Der Fonds wird vom Norges Bank Investment Management (NBIM), einer Einheit innerhalb der norwegischen Notenbank, verwaltet, während das Parlament die Strategie vorgibt. 

Seit Auflage des Fonds hat sich die Investmentstrategie geringfügig verändert. Zunächst war der Aktienanteil auf maximal 40% gedeckelt, inzwischen ist dieser auf heute 70% angewachsen. Erst seit dem Jahr 2010 darf der Fonds auch in Immobilien investieren. Unternehmen, die beispielsweise ihren Umsatz aus Kohleenergie generieren, werden seit 2015 desinvestiert, was eine leichte Rendite-Einbuße zur Folge hat. Bislang umfassen die Anleihen des Fonds zu etwa einem Viertel Unternehmensanleihen – künftig wird jedoch nur noch in Staatsanleihen investiert. Darüber hinaus soll der Fonds ab 2021 die Zahl seiner Aktien stark zurückfahren – von über 9.000 um ein Drittel auf etwa 6.000. Auf diese Weise sollen Kosten eingespart werden, zum Beispiel für die Nachverfolgung und Betreuung von Unternehmensbeteiligungen. Auch wird sich der Fonds künftig mehr in Schwellenländern zurückhalten. Damit soll das Verhältnis zwischen Risiko und Rendite des Fonds optimiert werden.

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Der Fonds im Überblick

Gesamtvermögen: 11.119 Mrd. NOK, entspricht 1.109 Mrd. €

Anzahl Positionen: 11.235 (9.123 Aktien, 1.245 Anleihen, 867 Immobilien)

Top 10 Aktieninvestments 

Marktwert [Mrd. USD]Anteil am Aktienportfolio
Apple Inc21,62,32%
Microsoft Corp17,31,86%
Amazon.com Inc14,51,56%
Alphabet Inc11,41,22%
Nestle SA9,00,97%
Facebook Inc7,90,85%
Taiwan Semiconductor Manufacturing Co Ltd7,70,83%
Roche Holding AG6,90,74%
Samsung Electronics Co Ltd6,60,71%
Alibaba Group Holding Ltd6,50,70%
Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Immobilieninvestments: Top 10 Städte

StadtAnzahl an Objekt Beteiligungen
London 156
Las Vegas29
Houston24
Kent (UK)21
Budapest18
Paris17
Schiller Park (USA)17
New York16
Wrocław14
Commerce13
Sonstige542
Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Top 10 Anleihengeber nach Ländern

CountryMarktwert [ Mrd. USD]Anteil am Anleihenportfolio
Vereinigte Staaten135,641%
Japan38,712%
Deutschland30,29%
Frankreich19,36%
Vereinigtes Königreich19,06%
Kanada14,84%
Australien8,53%
Spanien8,22%
Internationale Organisationen6,72%
Südkorea5,42%
Staats- und Unternehmensanleihen, Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Performance des Fonds

Durchschnittliche kumulierte Jahresrenditen des Fonds nominal vor Inflation seit 1998. Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Hätte man 1998 sein Vermögen in den Fonds investiert, hätte man bis heute durchschnittlich eine Jahresrendite von 6,29% erzielt.

Nach welchen Regeln wird investiert?

Der Fonds verfolgt eine klassische Buy and Hold-Strategie: Verfügbare Mittel wie Einnahmen aus der Erdölförderung oder Gewinnausschüttungen werden unabhängig von der Stimmungslage im Markt sofort investiert – sogenanntes Market Timing ist dem Fonds also ein Fremdwort. Maximal 3% des Fondsvolumens darf die Regierung pro Jahr für den Staatshaushalt abziehen – der Rest ist vor einem Zugriff des Staates geschützt. Bis 2019 lag diese Grenze bei 4%. Inzwischen ist die Rendite des Fonds höher als die Einzahlungen, und die Entnahmen waren bislang immer geringer als die Auszahlungen. 

Die Investitionen erfolgen nach strengen ethischen, sozialen und ökologischen Standards. Aktien von Unternehmen, deren Umsatz zu mehr als 30% aus Kohleenergie stammt, müssen seit 2015 verkauft werden. Auch Firmen aus der Tabakindustrie, Hersteller von Massenvernichtungswaffen und Unternehmen, die gegen Menschenrechte verstoßen, sind unter anderem tabu. Diese Richtlinien werden stetig weiterentwickelt und werden vom Parlament verabschiedet. 

Das Fondsmanagement hat sich an einem Referenzindex zu orientieren, den das Finanzministerium vorgibt. Derzeit orientiert sich der Fonds am FTSE Global All Cap Stock Index sowie einem Mix an weiteren Anleihenindizes. Die Rendite darf in Krisenzeiten maximal 3,75% vom Referenzindex nach unten abweichen und die Volatilität darf nicht mehr als 1,25% von diesem abweichen. 

Der norwegische Staatsfonds nimmt als Aktionär aktiv sein Stimmrecht in Unternehmen wahr und hat so Einfluss auf die Firmenpolitik. So nahmen Mitarbeiter des Fonds pro Jahr an etwa 11.000 Vollversammlungen teil, und orientieren dort ihr Abstimmungsverhalten an sogenannten Voting-Guidelines. Diese sind auf der Website des Fonds einsehbar.

Die Anlagestruktur (Asset Allocation) des Fonds darf variieren, der Anteil der einzelnen Anlageklassen ist jedoch grob geregelt. So muss der Aktienanteil zwischen 60 und 80% liegen, Anleihen dürfen 20 bis 40% beanspruchen und Immobilien dürften theoretisch bis zu 7% des Fondsvolumens ausmachen. Der Stimmrechtsanteil an einem einzelnen Unternehmen darf nicht mehr als 10% betragen. Die folgende Grafik zeigt die aktuelle Asset Allocation:

Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Transparenz

Skandinavische Staaten werden häufig als vorbildlich in ihrer Transparenz gesehen. So sind auch auf der Website des norwegischen Staatsfonds alle Aktien-Investments, alle Immobilien und alle Anleihen zu finden. Wer gerne mit Zahlen spielt, wird hier auf seine Kosten kommen: https://www.nbim.no/en

Ausführliche Jahresberichte, die Investitionsregeln, und Richtlinien zu den unterschiedlichsten Aspekten wie Kinderrechte, Anti-Korruption, Voting-Guidelines und vieles mehr sind hier zu finden.

Investieren wie der norwegische Staatsfonds

Der norwegische Staatsfonds hat keine WKN-Nummer und ist nicht börsengelistet, sprich: Ein Privatinvestor kann nicht in diesen investieren. Jedoch ist die Strategie mit einfachen Mitteln und wenig Startkapital leicht nachzuahmen. Der Fonds demonstriert, dass sich ein weltweit diversifiziertes Investment lohnt, denn man erhält eine hohe Rendite bei einem vergleichbar geringen Risiko. Wer also in einen weltweit gestreuten ETF investiert, ist schon auf dem richtigen Weg. 

Die folgenden beiden Indizes bilden weltweite Aktien von großen, mittleren und kleinen Unternehmen in Industrie- und Schwellenländern ab. Die Diversifikation kommt gut an den Aktien-Anteil des norwegischen Staatsfonds heran. Ein physisch replizierender ETF auf diesen Index, also ein ETF, der nach einem bestimmten Muster in genau diese Aktien investiert, ermöglicht es, zu sehr geringen Kosten (0,25 – 0,4% Gesamtkostenquote) in ein ähnlich großes Aktienportfolio zu investieren.

  • MSCI ACWI IMI: knapp 9.000 Unternehmen 
  • FTSE All-World: deutlich weniger Werte abgebildet, nämlich ca. 4.000 Werte von großen, mittleren und kleinen Unternehmen in Industrie- und Schwellenländern.

Betrachtet man die regionale Verteilung des Staatsfonds, fällt hier eine, verglichen mit den beiden erwähnten Indizes, recht hohe Gewichtung von europäischen Aktien auf (siehe Grafik), während der Staatsfonds knapp 30% des gesamten Volumens in europäische Werte investiert, sind es bei den obigen unter 15%. Wer eine ähnliche regionale Verteilung erreichen möchte, könnte dem Portfolio weitere ETFs beimischen – beispielsweise einen Fonds auf den MSCI Europe oder den STOXX Europe 600. Eine zu hohe Komplexität durch eine ganze Reihe an ETFs im Portfolio ist jedoch nicht zu empfehlen.

Regionale Verteilung des Portfolios

Quelle: Norges Bank Investment Management, 2020.

Um die Volatilität zu reduzieren, investiert der norwegische Staatsfonds zusätzlich zu fast einem Drittel in Anleihen – künftig nur noch Staatsanleihen. Auch diese können durch einen einzelnen ETF abgedeckt werden. Hier stellt sich grundsätzlich für einen Privatinvestor jedoch die Frage, ob dieser weltweit in Staatsanleihen investieren möchte oder nur in Anleihen der Heimatwährung. Durch Letzteres vermeidet man Währungsschwankungen im Portfolio.

Drei (plus zwei) Regeln, um genauso erfolgreich zu sein wie der norwegische Staatsfonds

  1. Passiv investieren
    Es ergibt wenig Sinn, den Markt schlagen zu wollen. Eine marktneutrale und Indexnahe Investitionsstrategie hingegen entspricht der des norwegischen Staatsfonds. 
  2. Diversifizieren
    Auf ein einziges Pferd oder wenige Einzelaktien zu setzen, gibt deinem Portfolio ein unnötig hohes Risiko. Wenn Du allerdings eine möglichst große Zahl an weltweit verteilten Aktien in deinem Portfolio hast, reduzierst du dadurch das Risiko, während die Rendite dennoch hoch ist. Ein ETF ermöglicht ein Investment in Tausende Aktien auf einmal und das bei sehr niedrigen Verwaltungskosten.
  3. Langfristig denken
    Beträge, die innerhalb der nächsten zehn Jahre benötigt werden, sollen nicht in Aktien investiert werden. Abschwünge und Krisen kannst du jedoch durchstehen, wenn du langfristig mit einem Anlagehorizont von 15 bis 30 Jahren investierst. Auch der norwegische Staatsfonds kommt mit weniger als 3% Entnahmen aus.

Und: 

  • Investiere regelmäßig einen festen Betrag, zum Beispiel mithilfe eines Sparplans. Außerplanmäßige Einnahmen, wie zum Beispiel Steuerrückzahlungen oder Bonuszahlungen werden sofort investiert – egal ob die Aktienkurse hoch oder niedrig stehen.
  • Optional: Investiere nach ethischen Gesichtspunkten. Viele Fondsanbieter bieten auf einen Index auch einen ETF mit dem Zusatz “ESG” oder “SRI” an welchen du eine nachhaltige Investitionsstrategie erkennen kannst.