Gewinner und Verlierer der EZB-Politik

Mona Linke
Stand:

Die Zeit der Sparzinsen ist vorbei – aber ist das so schlimm?

Seit Jahren wird die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), besonders in Deutschland, heftig kritisiert. Schließlich können Sparer quasi dabei zusehen, wie ihr Geld auf dem Konto an Wert verliert. Wieder andere profitieren ganz immens von der Zinsflaute. Allen voran Anleger am Kapital- und Immobilienmarkt.

Wir schreiben das Jahr 2008, es ist Oktober und der größte Knall der jüngeren Wirtschaftsgeschichte knapp vier Wochen her: die Pleite von Lehman-Brothers. Wie ein Kartenhaus fällt die Bankenwelt ineinander zusammen, die Märkte schmieren ab und Tausende von Sparern verlieren ihr Geld. In diesem Oktober 2008 ziert eine Schlagzeile den Wirtschaftsteil deutscher Tageszeitungen: “EZB senkt überraschend den Leitzins”. Von 4,25% geht es runter auf 3,75% – aus damaliger Sicht der niedrigste Wert seit Langem.

Es ist der Anbeginn einer historisch einmaligen Zins-Talfahrt, die bis heute anhält. Denn entgegen aller Erwartungen, die Niedrigzinsen seien nur eine kurzfristige Maßnahme, um die Wirtschaft infolge der Finanzkrise wieder anzukurbeln, verharrt der Leitzins seit Jahren am Boden, aktuell liegt er bei 0%. Und die großen Notenbanken, allen voran die EZB, denken nicht daran, das Ruder sobald herumzureißen. Schließlich hat die Zentralbank ihr finales Ziel noch nicht erreicht: Eine Inflationsrate von unter, aber nahe 2% und damit Preisstabilität. Gerade in Zeiten der Pandemie rattern die Geldmaschinen also, was das Zeug hält und überschwemmen die Welt mit neuen Scheinen.

Mit den Jahren ist auch der Protest aus der Mitte der Gesellschaft lauter geworden, in der sich viele Sparer von der Zentralbank betrogen und enteignet fühlen. Schließlich zahlt manch einer inzwischen Strafzinsen für das Geld auf seinem Sparbuch, das ihm einst so prächtige Renditen eingebracht hat. Wieder anderen bringt die Geldpolitik viele Vorteile.

Wir hatten die Möglichkeit, die EZB zu besuchen und eure Fragen zu stellen. Hier geht es zum Video:

Das sind die Gewinner der EZB-Geldpolitik

Unternehmen

Sind die Zinsen im Null-Bereich, dann gibt es Kredite beinah hinterhergeschmissen. Vor allem Firmen profitieren davon, denn sie können leicht neues Kapital beschaffen und investieren, was letztlich die Wirtschaft ankurbeln soll. Tatsächlich hat diese Maßnahme nach der Finanzkrise bis heute gewirkt: Die Wirtschaftsleistung ist gestiegen und es wurden zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen. Zeitgleich stieg mit niedrigen Zinsen die Nachfrage bei den Konsumenten, die sich leichter Geld leihen können. Und mehr Nachfrage bedeutet, dass die Preise hochgeschraubt werden können. 

Der deutsche Staat

Auch ganze Nationen können sich dank niedriger Zinsen viel einfacher verschulden, um in Reformen, die Infrastruktur, Bildung oder Forschung zu investieren. Das betrifft auch Deutschland: Von 2008 bis Ende 2019 hat die Regierung mehr als 400 Mrd. Euro Zinsen eingespart, wie Berechnungen der Bundesbank ergeben haben. Auch wirtschaftlich angeschlagene Länder wie Griechenland und Italien konnten sich mithilfe von EU-Rettungspaketen noch einmal aus dem Sumpf ziehen und von den niedrigen Kreditzinsen gewissermaßen profitieren. Umsonst gibt es die Darlehen jedoch nicht – und hier kommt Deutschland als größter Nettozahler der EU ins Spiel: Allein für die Rettung Griechenlands hat der deutsche Staat seit 2010 etwa 2,9 Mrd. Euro Zinsen kassiert.

Der normale Bürger

Abgesehen von neuen Arbeitsplätzen hat die lockere Geldpolitik der EZB den Bürgern gewissermaßen noch einen Vorteil verschafft: Auch sie können sich einfacher verschulden, sei es beim Autokauf auf Raten oder mit dem günstigen Privatkredit. Auch die Zinsen für Immobilienkredite sind tief gefallen, sodass der Traum vom Haus für viele greifbar geworden ist. Durch eine Entwicklung wird die Freude allerdings geschmälert: die steigenden Immobilienpreise.

Immobilienwirtschaft / Bausektor:

Wenn die Kredite billig sind, ist die Nachfrage nach Bausparverträgen, Eigentumswohnungen oder dem Haus auf dem Land entsprechend hoch. Auch Bauherren profitieren von den Niedrigzinsen und sehen den richtigen Zeitpunkt, ihr Projekt zu verwirklichen. All das hat die Preise auf dem Wohnmarkt in den vergangenen Jahren in die Höhe schießen lassen. Auch wenn die Steigerung nicht überall so dramatisch ist wie in Berlin, Hamburg oder München, haben die Kaufpreise für Immobilien doch bundesweit angezogen, wie der Hauspreisindex von Statista beweist. Allein zwischen 2015 und 2019 sind die Preise im Schnitt um 28% gestiegen. Auch, weil in den vergangenen Jahren viele Menschen ihr nicht mehr rentables Sparkonto aufgelöst und zum Beispiel in eine Eigentumswohnung gesteckt haben. Aus Sicht von Immobilienmaklern und Bauherren ist das natürlich erfreulich. Viele Mieter stellt das allerdings vor Herausforderungen, während Experten und Wirtschaftsinstitute wie das DIW das Risiko einer Blasenbildung auf dem Immobilienmarkt sehen.

Anleger am Kapitalmarkt

Schon seit Jahren wächst der Geldspeicher der Welt, und die Corona-Pandemie hat dieser Entwicklung noch einmal einen ordentlichen Schub verpasst. Um zu vermeiden, dass die Inflation absinkt, kauft die EZB verstärkt Anleihen, die in der Konsequenz günstiger werden, was den Zins fallen lässt. Während Sparer vermehrt in die Röhre schauen, profitieren all jene, die investieren. Vor allem Käufer von Aktien und ETFs. Denn den Börsenkursen geht es seit 2008 prächtig, was vor allem zwei Gründe hat:

Zum einen steigt die Nachfrage bei den Investoren bzw. Sparern, da billig Geld geliehen und anschließend an der Börse investiert werden kann. Zum anderen stehen kaum noch renditebringende Alternativen (Tagesgeld, Sparbuch) zur Verfügung. Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen. In den USA ist die Entwicklung noch deutlicher zutage getreten, nachdem die FED den Leitzins schon 2007 extrem gesenkt hat und vor allem in der aktuellen Corona-Pandemie den Markt mit neuem Geld überschwemmt. Allerdings ist der durchschnittliche US-Bürger der Börse auch etwas freundlicher gesinnt als hierzulande. Die Nachfrage nach Aktien und Fonds ist größer und der Kapitmlarkt inzwischen deutlich entwickelter als beispielsweise in Deutschland.

Das sind die Verlierer der EZB-Geldpolitik

Sparer

Die EZB macht die Deutschen arm, heißt es häufig. Das ist etwas überspitzt gesagt, aber: Wer sein Erspartes auf dem Girokonto oder gar auf einem Sparbuch sammelt, wird durch die anfallenden Niedrigzinsen (und teilweise sogar Strafzinsen) schleichend enteignet. Denn übrig bleibt letztlich nur der Realzins: Also die Differenz aus Zinssatz und Inflation. Rund 533 Mrd. Euro Verlust haben die privaten Haushalte hierzulande zwischen 2010 und 2018 im Vergleich zum “Normalzinsniveau” erlitten, wie die Berechnungen einiger Banken ergeben haben. Inwiefern dein eigenes Erspartes auf dem Konto davon betroffen ist, kannst du übrigens mit unserem Inflationsrechner herausfinden.

Konsumenten bzw. Arbeitnehmer

Selbst wenn das Ersparte unter der Matratze steckt, können die Niedrigzinsen unerfreuliche Folgen haben. Durch die steigende Inflation sinkt die Kaufkraft – sofern die Gehälter nicht genauso steigen wie die Preise für Güter und Vermögenswerte. Nun ist es so, dass nicht in jedem Beruf die Löhne an das Preisniveau angepasst werden und so einige Arbeitnehmer auf der Strecke bleiben. Konnten sie sich beispielsweise vor 10 Jahren noch eine 3-Zimmer-Wohnung leisten, reicht das Gehalt jetzt vielleicht nur noch für die 1-Zimmer-Wohnung. 

Filial- und Direktbanken

Geldhäuser klagen nicht erst seit gestern über die historisch tiefen Zinsen. Obwohl auch sie heutzutage viel billiger an neues Geld kommen, lohnt sich das klassische Bankgeschäft schlichtweg nicht mehr. Vergeben sie Kredite, bekommen sie dafür kaum noch Zinsen. Müssen die Kreditinstitute wiederum Geld über Nacht bei der EZB zwischenparken, zahlen sie Strafzinsen. Ihre Einbußen versuchen die Banken an die Kunden weiterzugeben: in Form von Negativzinsen oder zusätzlichen Gebühren.

Auch Direktbanken leiden unter den Niedrigzinsen, können die fehlenden Gewinne aber besser ausgleichen. Sie unterhalten keine Filialen, es gibt keine persönliche Beratung und alle Bankgeschäfte werden online abgewickelt. Trotzdem nehmen auch sie kaum noch etwas ein, wenn sie einen Kredit vergeben. Entsprechend ernüchternd sind deswegen inzwischen auch die Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten. Um die 0,2% oder weniger gibt es heute pro Jahr auf die Einlagen auf dem Tagesgeldkonto. Vor zehn Jahren noch waren es um die 5%.

Versicherer und Versicherte

Die Folgen der Zinsflaute bekommen auch Anbieter von Lebensversicherungen sowie die privaten Krankenkassen zu spüren – denn sie dürfen die Rücklagen ihrer Kunden nicht nach Lust und Laune in Aktien oder ETFs investieren, sondern müssen sich an gesetzliche Regeln halten. Und die sehen vor, dass die Alterungsrückstellungen der Beitragszahler nur in konservative Assets wie beispielsweise deutsche Staatsanleihen investiert werden dürfen. Die Renditeaussichten sind hier gleich null – und das geben die Versicherer ebenfalls an ihre Kunden weiter: die Beiträge steigen.

Also: Die Medaille hat zwei Seiten

Ja, die niedrigen Zinsen bringen viele Menschen und teilweise sogar ganze Branchen in die Bredouille. Nichtsdestotrotz haben die Notenbanken dieser Welt gute Gründe, das Zinsniveau so niedrig wie möglich zu halten. Und gerade dann, wenn schwere Krisen die Weltwirtschaft erschüttern, ist es wichtig, dass eben diese wieder angekurbelt wird: Durch billige Kredite, neue Investitionen und höhere Preise. Tatsächlich sind die Notenbanken nicht allein verantwortlich für die Entwicklung der Zinsen. Die EZB bestimmt zwar den Leitzins (also jenen Zinssatz, den Kunden einer Bank bekommen, wenn sie ihr Erspartes dort parken). Glaubt man einigen Wirtschaftsforschern und Ökonomen, wird die Inflationsrate aber auch von ökonomischen Faktoren beeinflusst. Oder anders gesagt: Auch die Bürger selbst sind “schuld”, dass die Zinsen nicht steigen.

Die Menschen werden älter und legen mehr Geld auf die Seite. Sie sparen eher, statt zu investieren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Firmen digital arbeiten und entsprechend gar nicht mehr riesige Kapitalsummen benötigen. Kurzum: Es werden nicht so viele Kredite nachgefragt, wie verfügbar sind – die Inflationsrate steigt nur wenig und die Zinsen bleiben am Boden.

Was sollten Anleger am besten tun? 

Zu den Gewinnern der Niedrigzins-Politik gehören definitiv Anleger am Kapital- und Immobilienmarkt. Vor allem in den USA, aber auch hierzulande, kennen die Börsenkurse seit 2008 (mit Unterbrechungen, versteht sich) nur eine Richtung: nach oben. Grund dafür sind mitunter die Geldmengen, die Notenbanken wie die FED und die EZB seit Jahren in den Markt pumpen.

Das eigene Ersparte auf dem Girokonto, in der Lebensversicherung oder gar in deutschen Staatsanleihen zu parken, ist aktuell mit Abstand die die schlechteste Lösung – und wird es vermutlich auch noch ein paar Jahre bleiben. Wenn das Geld nicht ohnehin von Strafzinsen aufgefressen wird, dann spätestens durch die Inflation. Jetzt risikoarm und dennoch renditereich anzulegen, verhindert also nicht nur die schleichende Enteignung, sondern ermöglicht langfristig auch Gewinne.

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