Weniger als jeder zehnte Deutsche hält Aktien oder Fonds. Im internationalen Vergleich eine auffällig niedrige Quote. Eine Konsequenz: Das Vermögen der Deutschen wächst langsamer als in anderen Ländern.

Warum setzen wir Deutschen im Schnitt immer noch lieber auf Sparbuch und Bausparvertrag als auf Aktien und ETFs? Darüber sprechen Thomas Kehl und Ana Bilandzija von Finanzfluss. Neben prägenden, schlechten Börsen-Erfahrungen in der Vergangenheit und unbegründeter Übervorsichtigkeit gibt es auch historisch-kulturelle Gründe. Ein Erklärungsversuch von zwei überzeugten Anlegern.

Bestandsaufnahme

  • Die Aktionärsquote ab 14 Jahren beträgt in Deutschland aktuell 6,5 Prozent. 
  • Nur etwa sieben Prozent des Geldvermögens liegen in Aktien.
  • Im internationalen Vergleich ist diese Aktionärsquote eher niedrig: In den USA, Norwegen oder der Schweiz liegt diese beispielsweise bei 30-50 Prozent, in den umliegenden EU-Ländern bei ca. 15-2 Prozent.

Aktionärsquote in Deutschland zwischen 1997 und 2019:

Das Deutsche Aktieninstitut hat Anleger ab 14 Jahren ermittelt. 2019 waren das 4,16 Mio. Deutsche. Als „Aktionäre“ zählen in dieser Grafik Anlegerinnen und Anleger, die entweder nur direkt mit Aktien an der Entwicklung des Aktienmarktes partizipieren oder die sowohl Aktien als auch Anteile an Aktienfonds besitzen.

Es gibt immer noch eine große Spaltung zwischen Ost und West, wenn es ums Anlageverhalten geht. Das ergab eine Studie der Comdirekt: Fonds besitzen nur 1,6 Prozent der Ostdeutschen (inklusive Berlin). In den westlichen Bundesländern sind es dagegen 15,3 Prozent.

Aktionärsquoten im internationalen Vergleich:

Irrglaube 1: Aktien sind nur was für Zocker

  • Eine Studie des Deutschen Aktieninstituts ergab: Der Aussage “Aktienanlagen sind unsicher und riskant” stimmen insgesamt 44 Prozent der Befragten zu; unter Anlegern sogar trotzdem 36 Prozent.
  • Seit der Finanzkrise 2008 denken 31 Prozent der Befragten noch schlechter über Aktien als vorher → kurzfristige Schwankungen verunsichern die Anleger ungleich stärker als langfristige positive Renditen sie positiv stimmen.

Irrglaube 2: Ich muss Wirtschaftsprofi sein, um anzulegen

  • Zwei von drei Aktienbesitzern sprechen einer Studie zufolge gelegentlich über Aktien und Investments
  • 2 von 3 Menschen, die keine Aktien besitzen, sprechen in ihrem Umfeld nie über Aktien und Investments
  • Eine Studie des Deutschen Aktieninstituts ergab: 74 Prozent der Befragten geben das Vorurteil zu, dass die Aktienanlage gute bzw. ausgeprägte wirtschaftliche Kenntnisse voraussetzt, bei kleineren Anlagebeträgen nicht sinnvoll ist (55 Prozent), nicht einfach ist (50 Prozent) 

Wir wissen zu wenig über Wirtschaft

Für Wirtschaft und Finanzwissen gab es lange kein Angebot an Schulen und wenn, dann nicht einheitlich zwischen den Bundesländern.

https://finanzkun.de/artikel/wissensluecken-in-der-finanzbildung/

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaft-als-schulfach-oekonomen-fordern-andere-warnen-15186633.html

Wir sprechen zu wenig über Geld 

https://www.focus.de/finanzen/karriere/das-geht-keinen-was-an-tabuthema-gehalt-so-gehen-sie-souveraen-damit-um_id_5228095.html

  • Eine Umfrage der Postbank ergab: 63% Männer und 64% Frauen schweigen sich über Geld lieber aus. Diese Quote liegt höher unter Menschen mit Hauptschulabschluss; unter Akademikern nur etwas mehr als jeder Zweite.
  • Eine repräsentative Studie der Consorsbank stellte fest: nur 59% der D. wissen, was der Partner verdient.

Kulturelle Gründe: 

Unser Umgang mit Geld ist auch kulturell geprägt. Wir listen einige möglichen Gründe hier auf:

  • Wir leben in einer egalitären statt individualistischen Gesellschaft.
  • In Ländern mit klareren Hierarchien ist Geld vielmehr ein Thema → z.B. China.
  • Wenn jemand es “nicht schafft”, ist die Deutung tendenziell, dass er/sie keine Chancen hatte → in anderen Ländern hingegen: er/sie hat’s nicht drauf/sich nicht genug angestrengt.
  • Deutschland weist im europäischen Vergleich mit die größte Ungleichheit in Vermögen auf → wenige, reiche Deutsche sind am ehesten Anleger, viele können nichts zur Seite legen.
  • Statt “Tellerwäscher zum Millionär” / American Dream suchen wir Chancengleichheit.
  • Neidgesellschaft → oft Diskussionen über Managergehälter, Reichensteuer usw.
  • In anderen europäischen Ländern ist es ganz üblich darüber zu sprechen, was man verdient. Österreichische Unternehmen sind zum Beispiel verpflichtet, eine Angabe zu einem Mindestgehalt zu machen. Und in Schweden kann man einfach beim Finanzamt erfragen, welches Einkommen der Nachbar hat. Ein Anruf genügt.

Das Telekom-Trauma

  • 1996 ging die Telekom an die Börse – mit einem Kurswert von ca. 14 Euro pro Aktie. Dank einer großen Marketing-Kampagne mit dem damaligem Telekom-Chef Ron Sommer und Schauspieler Martin Krug und der Dotcom-Stimmung wurde Telekom zur Volksaktie.
  • 2000 erreicht der Kurs die 100 Euro-Marke, Telekom steigt in die zehn nach Börsenwert größten Unternehmen der Welt auf.
  • Danach folgt der rapide Sturz, von dem sich die Aktie nie wieder erholt hat – heute liegt sie bei ca. 15 Euro.
  • Gründe für den Kurssturz: Der überteuerter Kauf eines US-Mobilfunkanbieters, Teilnahme an Versteigerung der UMTS-Lizenzen.

Shownotes