Der Fall Wirecard: ein Finanz-Krimi

Milliardenschwerer Bilanzbetrug, die Details sind immer noch nicht geklärt, einer der Gründer ist untergetaucht: hört sich an wie ein Thriller, ist aber wirklich passiert.

Wie es dazu kommen konnte, dass Wirecard seine Pleite so lange verschleiert hat und unzählige Anleger ihr Geld verloren haben, versuchen wir in dieser Folge zusammenzufassen.

Wirecards Geschäftsmodell 

Wirecard wurde 1999 in Aschheim bei München gegründet und stieg zum wichtigsten Zahlungsdienstleister in Deutschland auf. Wirecard hat Kreditkartenzahlungen im Internet abgewickelt – am Anfang waren vor allem Porno- und Glücksspielseiten Kunden. 

2002 wurde Markus Braun Vorstand von Wirecard und baute das Unternehmen zum seriösen Zahlungsdienstleister um, der immer größer wird. Bei Zahlungen via Giro- oder Kreditkarte sichert Wirecard die Transaktion – und zwar insgesamt in Milliardenhöhe. Bei jeder Transaktion erhält Wirecard eine kleine Gebühr.

Immer mehr wichtige Kunden wie Ikea, Aldi und Telefonica arbeiten mit Wirecard. Wirecard erhält eine Bankenlizenz. Denn: Für die Zahlungssicherheit betreibt Wirecard Treuhandkonten, die im Notfall einspringen können, wenn das Konto eines Kunden nicht gedeckt ist.

In Europa laufen die Treuhandkonten über die Wirecard Bank, in Asien und anderen Ländern über Partnerlizenzen. Zumindest behauptet Wirecard das. Denn: Der Skandal hat mit angeblichen Treuhandkonten in Asien zu tun, die es vielleicht gar nicht gegeben hat. 

Wirecards Erfolg & Aufstieg in den DAX

2018 ist Wirecard sogar in den DAX aufgestiegen und hat die Commerzbank verdrängt. 

Die Wirecard-Aktie steigt auf 199 Euro, der Unternehmenswert steigt auf fast 25 Milliarden Euro: Wirecard ist mehr wert als die Deutsche Bank!

Wie wir heute wissen, hält dieser Hype nicht lange an. Nach dem Skandal fliegt Wirecard aus dem Dax, am 21. August 2020. Dazu gleich mehr.

Chronik des Skandals

Es gab schon seit Jahren Zweifel an der Bilanz von Wirecard. Journalisten und Fondsmanager haben die Börsenaufsicht darauf hingewiesen, dass die Zahlen von Wirecard stinken…der Vorwurf der Marktmanipulation stand im Raum. 

Darum geht es in Zahlen: 3,2 Mrd. Euro Schulden. Es sollen 1,9 Mrd. Euro fehlen. Insider schätzen den Betrag sogar auf das Doppelte. 

Im April 2015 beginnt die Financial Times eine Artikelserie namens “House of Wirecard” und veröffentlicht darin große Zweifel an den Zahlen von Wirecard.

Im Februar 2016 veröffentlicht Zatarra Research eine Analyse und wirft Wirecard Geldwäsche und Bilanzfälschung vor, auf über 100 Seiten. Der Zatarra-Chef und andere Investoren shorten die Wirecard-Aktie. Statt Wirecard zu untersuchen, werden die Hedgefonds untersucht – Vorwurf: Marktmanipulation. Wirecard steht als Opfer da.

Im Mai 2016 stellt die Bafin sogar Strafanzeige wegen möglicher Marktmanipulation gegen Perring und andere Investoren.

Im Januar 2019 schießt die Financial Times wieder gegen Wirecard. Der Vorwurf: Geldwäsche und gefälschte Konten in Asien. Im Februar öffnet die Bafin dazu eine Untersuchung. Zum einen untersuchen sie Wirecard, zum anderen aber weiterhin die Medien, die gegen Wirecard berichten und Shortseller. 

Am 15. Februar 2019 wird die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung damit beauftragt, die Wirecard-Bilanz zu checken. Ganze vier Jahre nach den ersten Vorwürfen.

Am 18. Februar verbietet die Bafin für die Dauer von zwei Monaten das Shorten von Wirecard-Aktien, was einmalig ist. Am 19. Februar 2019 wird Finanzminister Olaf Scholz darüber informiert, dass in alle Richtungen ermittelt wird.

Im April erstattet die Bafin Anzeige gegen zwei Journalisten der Financial Times, der Vorwurf lautet wieder: Marktmanipulation. Wirecard schließt sich mit einem japanischen Konzern zusammen, der Aktienkurs entwickelt sich weiter gut. Die Ruhe vor dem Sturm.

27. Juni 2019: Der Staatssekretär Wolfgang Schmidt trifft sich mit einem Akteur in China, um Wirecard beim Zutritt in den chinesischen Markt zu unterstützen. Dieses Treffen wird später stark kritisiert: Was wusste die Bundesregierung über Wirecards Probleme?

Kurz danach, im Juli, prüft die Bafin noch mal Wirecard auf den Verdacht der Geldwäsche. Wirecard reagiert und beauftragt KPMG, die saubere Bilanz zu bestätigen…was aber nicht passieren wird – Ende April 2020 stellt KPMG ein schlechtes Zeugnis aus. Denn: Es fehlen Belege für angebliche Einzahlungen auf Treuhandkonten.

Game Over

Am 18. Juni 2020 hat Wirecard bekannt gegeben, dass 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar sind. Angeblich sei das Geld bei Banken auf den Philippinen geparkt. Es wird noch geklärt, ob das Geld wirklich weggekommen ist oder ob es das Geld nie gegeben hat und Wirecard Umsatz und Gewinn vortäuschen wollte. 

Pikant ist: Der Wirtschaftsprüfer EY hat die Wirecard-Bilanzen von 2011 bis 2018 ein uneingeschränktes Testat erteilt. Erst ab 2019 hat EY Ungereimtheiten festgestellt. Auch EY wird nun überprüft und könnte bis zu vier Mio. Euro pro Jahresbilanz bestraft werden. KPMG wurde von Wirecard 2019 beauftragt, hat aber keine positive Analyse bescheinigt. Auch KPMG wettert jetzt gegen EY.

Angeblicher Plan von Wirecard: die Deutsche Bank zu übernehmen. 

Der Aktienkurs fällt von 104€ am 17. Juni 2020 auf 38,80€ am 18. Juni und 1,43€ am 26. Juni. 

Ende August 2019 wurde das Insolvenzverfahren in München eröffnet. 730 von insgesamt 1.300 Mitarbeitern soll gekündigt worden sein. Rund 500 Mitarbeiter sollen weiter für Wirecard arbeiten – teils für die insolventen Gesellschaften, teils für die nicht insolvente Wirecard Bank. 

Die spanische Santander hat das europäische Kerngeschäft von Wirecard abgekauft und rund 500 Mitarbeiter übernommen. Kaufpreis: Experten zufolge rund 100 Millionen Euro. Teilgeschäfte in den USA, Südafrika, Brasilien und anderen Gebieten wurden auch schon verkauft.

Die Rolle der Bundesregierung

Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit seiner Investment- und Consultingfirma Spitzberg Partners zwischen 2016 und 2020 Wirecard beraten, laut Spiegel zum China-Geschäft. Guttenberg soll im September 2019 mit Merkel gesprochen haben und für Wirecard lobbyiert haben.

Ein Schlüsselfaktor des Skandals soll ohne die Bundesregierung nicht möglich gewesen sein: der angebliche Ankauf von AllScore Payment Services, einem Zahlungsdienstleister in China, der wegen Verflechtung in Glücksspiele verurteilt worden ist. In der Jahresbilanz fehlten nämlich 1,9 Milliarden Euro.

Die Übernahme soll laut Spiegel nur möglich gewesen sein, weil die Bundesregierung ein gutes Wort für Wirecard eingelegt hat – bei der Chinareise der Kanzlerin im September 2019.

Die Frage ist nun: Wusste die Regierung was von Wirecards krummen Geschäften? Laut Finanzministerium wurde die Bundesregierung schon vor dem Treffen in China über den Verdacht gegenüber Wirecard informiert…

Finanzminister Olaf Scholz wurde im Februar 2019 erstmals von der Bafin über laufende Untersuchungen informiert. 

Und: Am Tag vor dem China-Deal von Wirecard soll sich Scholz’ Staatssekretär Jörg Kukies mit Wirecard-Chef Markus Braun getroffen haben. 

Der aktuelle Stand: Gerichtsverfahren usw.

Seit September 2020 läuft ein Untersuchungsausschuss im Bundestag zum Wirecard-Skandal mit vielen hochrangigen Personen: Finanzminister Olaf Scholz und Politiker anderer Parteien, Bankenchefs und Vertreter der Bafin, mögliche Komplizen der Wirecard-Manager.

Ex-Vorstand Jan Marsalek ist untergetaucht. Ein mutmaßlicher Fluchthelfer wurde festgenommen. Um Marsalek ranken sich viele Gerüchte, unter anderem soll er für den österreichischen Geheimdienst oder für Russland gearbeitet haben. Er hatte gefälschte Identitäten und soll mal in Russland, mal in Asien untergetaucht sein. Die BKA und wohl auch Interpol suchen ihn.

Der Ex-CFO Burkhard Ley war 2,5 Monate wegen Untreue in Haft und ist wieder auf freiem Fuß.

Der Ex-Wirecard-CEO Markus Braun ist in Untersuchungshaft und versucht, freizukommen. Der Vorwurf: Er und seine Komplizen hätten Investoren und Banken um bis zu 3,2 Milliarden Euro geprellt. Im laufenden Verfahren hat er viele Fragen nicht beantwortet.

Am 29. Januar 2021 legt Felix Hufeld, Chef der Bafin, sein Amt nieder, eine Entscheidung des Finanzministeriums infolge des Wirecard-Skandals. 

Und die Bafin will Unternehmen mit einer ähnlichen Struktur wie Wirecard, die Zusammenschlüsse sind, aber keine Finanzholding, stärker untersuchen. Auch für Wirtschaftsprüfer gibt es jetzt strengere Vorgaben von der Bundesregierung.

Noch ist also lange nicht alles geklärt. Auch nicht, in welchem Umfang und seit wann die Wirecard-Führung krumme Geschäfte macht. Manche vermuten: schon seit 2014. 

Shownotes