Die Subprime-Krise hat eine weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst und die Eurozone ins Wackeln gebracht. Doch was genau ist schiefgelaufen, als die Immobilienblase in den USA geplatzt ist? Was haben Verbriefungen damit zu tun und welche Rolle spielt der American Dream?

In dieser Folge erklären euch Thomas und Ana alles, was ihr über die Finanzkrise 2008 und ihre Ursprünge und Folgen wissen solltet. Und: Wir stellen fest, was wir aus der Sache mitnehmen können.

Das Ausmaß der Krise in Zahlen

Der IWF schätzt den Gesamtverlust Ende 2009 auf 11,9 Billionen US-Dollar. Vorher war der IWF von 4,1 Billionen USD ausgegangen. Davon 2,7 Bio. Verluste bei US-Papieren, 1,2 Billionen USD bei europäischen Papieren, 150 Mrd. USD bei japanischen Papieren. Der Großteil davon betrifft wirtschaftlich entwickelte Länder. Betroffen sind vor allem Banken, Versicherungen und Fonds.

Laut Internationalem Währungsfonds ist das reale Bruttoinlandsprodukt der entwickelten Staaten 2009 das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg geschrumpft: um 3,4 Prozent im Vergleich zu 2008. 

Auf die Krise folgt der stärkste Exporteinbruch seit 1950: 12,4 Prozent Rückgang zwischen 2008 und 2009. Dieser wurde aber schnell in den Folgejahren aufgeholt.

Chronologie der Krise

Der Traum vom Eigenheim

Einen Grundstein für die Subprime-Krise legte die amerikanische Wirtschaftspolitik. Teil des American Dreams sollte ein Eigenheim sein, was immer schwieriger zu erreichen ist für viele US-Amerikaner aufgrund der großen Ungleichheit. Daran wollten einige der US-Präsidenten etwas ändern.

Unter Jimmy Carter wurde 1977 der “Community Reinvestment Act” verabschiedet. Der soll Kredite auch in einkommensschwache Gegenden bringen, um ihnen Teilhabe durch Immobilienkauf zu ermöglichen.

Bill Clinton und George Bush haben sich stark dafür eingesetzt, dass jeder Amerikaner sich ein Haus leisten kann, und den CRA sogar gelockert – jetzt waren Kredite auch für Menschen möglich, die nicht kreditwürdig waren. Sogenannte Subprime-Kredite, später mehr dazu.

Es ist allerdings umstritten, ob der CRA eine große Rolle bei der Finanzkrise gespielt hat – die betroffenen Kredite wurden größtenteils außerhalb des Programms vergeben. Aber: Das Umfeld war da.

Zweites Versagen: Der Markt für OTCs (Finanzderivate) wurde lange nicht reguliert, die Bush-Regierung wollte nicht eingreifen und die Wirtschaft “nicht behindern”. Ersetzte stattdessen darauf, dass die Märkte sich selbst regulieren/die Kreditbanken schon im Blick haben, wie sie ihr Geld zurückbekommen.

Die Subprime-Krise

Subprime nennt man Kredite mit höheren Zinsen, die an Schuldner mit schlechter Bonität vergeben wurden – keine “Prime”-Kunden also. Die Kreditnehmer wurden später “Ninjas” genannt, der Begriff hat sich in der Presse etabliert: No Income, no Job, no Assets. 

Die Kreditnehmer haben schlechte Credit Scores und damit ein hohes Risiko für Zahlungsausfall und hätten keinen klassischen Prime-Kredit bekommen.

Die Kreditbedingungen wurden stark runtergesetzt: Kreditgröße, Schulden- und Einkommensquote, Beleihungsquote wurden nicht mehr so streng geprüft, weil man wusste, dass die Kredite sehr rentabel sind.

Im Prime-Kreditsegment war der Markt größtenteils gesättigt, die Konkurrenz unter den Anbietern war groß. Die Subprime-Zielgruppe war noch nicht erschlossen, hier lag viel Geld.

In die Kredite gelockt wurden die Kunden oft mit “Teaser Rates”: sehr niedrigen oder sogar null Zinsen und Aussetzung der Tilgung in den ersten zwei Jahren. Ihnen wurde dann später eine Umschuldung versprochen, also den Wert der Immobilie einzusetzen, um einen noch höheren Kredit zu besseren Konditionen abzuschließen, z.B. via RMBS (Residential Mortgage-Backed Securities). 

Der Anteil der Subprime-Kredite stieg rasant: von 9 Prozent 2001 zu 40 Prozent im Jahr 2006. Immer mehr Amerikaner konnten sich ein Haus leisten: 63,8 Prozent Hauseigentümer 1994 – im Vergleich zu 69,2 Prozent im Jahr 2004.

Die Hauspreise stiegen immer weiter, eine Immobilienblase, wie sich später herausstellt. Die “Ninja”-Kreditnehmer haben sich dadurch immer öfter “nachverschuldet”, statt Schulden abzubezahlen und neue Kredite aufgenommen, um die alte Rate zu tilgen.

Diese Subprime-Kredite waren also ein super Geschäft: Die Kredite wurden zu Paketen geschnürt und gehandelt – durch Verbriefung. Das ist eine Reihe von Finanzprodukten, genauer Derivaten, die die Kreditvergabe beschleunigen sollten.

Denn: So sollte man nach Kreditvergabe wieder schneller an Geld kommen und das Risiko (Zahlungsausfall) sollte für einzelne Wertpapiere verringert werden, indem es aufgeteilt wird.

Verbriefung 

Verbriefung bedeutet, dass Wertpapiere erstellt werden, die durch die Bündelung von Krediten bzw. anderen Wertpapieren besichert sind. Also “aus vielen wird eins” → Verbriefungen sind Derivate, denn sie werden von anderen Wertpapieren abgeleitet.

Im Fall der Zahlungsunfähigkeit des Emittenten könnten Investoren also Ansprüche durch Zugriff auf diese Pakete geltend machen. 

Die Forderungen von Krediten zu verkaufen und zu handeln ist nicht neu: Factoring. So erhält das Kreditunternehmen wieder Liquidität, trotz bestehendem unbezahlten Kredit, und kann weitere Kredite vergeben. Allerdings: Das Risiko, dass der Schuldner nicht zurückzahlen kann und ausfällt, besteht immer. 

Gekauft haben diese Verbriefungen v.a. Fonds (darunter viele Pensionsfonds), also Unternehmen, die Vermögen verwalten, mit dem eingesammelten Geld Wertpapiere kaufen und aus den Zinseinnahmen bzw. dem Gewinn aus dem Handel mit den Wertpapieren Ausschüttungen an ihre Anleger auszahlen. 

Verkauft wurden sie von “Schattenbanken”, die der Mutterbank Subprime-Pakete abgekauft hat. Es gab verschiedene Ausführungen dieser Subprime-Derivate, siehe unten.

Die Subprime-Kredite wechseln so mehrfach den Eigentümer, in der Hoffnung, dass sie am Ende vom Schuldner zurückgezahlt werden. Außerdem versuchen Spekulanten, ausschließlich durch den Kauf und Verkauf der Forderungen Geld zu verdienen.

MBS = Mortgage-Backed Securities

Hypothekenbasierte Wertpapiere, also Kredite, die durch den Wert einer Immobilie abgedeckt sind. Anders als bei Prime-Krediten haben die Schuldner oft keine Anzahlung oder andere Garantien. Es gibt sie in zwei Varianten: 

Es gibt sie in zwei Ausführungen: Agency- und Non-Agency-Papiere – Agency bedeutet, dass sie von einer staatlichen Institution wie Fannie Mae/Freddie Mac garantiert oder versichert sind, dazu gleich mehr. In der Theorie sind sie weniger risikoreich, aber auch weniger Rendite. Die Non-Agency-Papiere mussten ihren Anlegern mehr Rendite anbieten, um attraktiv zu sein, weil sie ja nicht den guten Ruf der Agency-Papiere hatten.

GSEs = Government-sponsored enterprises

Diese vom Staat unterstützten Firmen decken Subprime-Kredite, indem sie eine große Zahl von ihnen zu RMBS/MBS-Paketen schnüren, die dann gehandelt werden können.

Die wohl bekanntesten an der Krise beteiligten GSEs sind Fannie Mae und Freddie Mac. Weil sie vom Staat mitfinanziert werden, haben Anleger die GSEs als attraktive und sichere Anlage gesehen, was den Subprime-Trend weiter befeuerte. 

Fannie Mae und Freddie Mac

Die zwei größten Hausfinanzierer zur Zeit der Finanzkrise. Private Aktiengesellschaften mit Regulierung, weshalb sie als sehr positiv und sicher wahrgenommen wurden und so niederwertige Derivate so gut verkaufen konnten. 

2010 verstaatlicht, mit mehr als 150 Milliarden USD Steuergeldern gerettet. Sie machten die Hälfte des US-Hypothekenmarkts aus, fünf Billionen Dollar / 36 Prozent des damaligen BIPs.

Ratingagenturen

Auch die Ratingagenturen hatten ihren Anteil an der Finanzkrise. Sie haben Ratings für die  verbrieften Subprime-Kredite vergeben und so zum Erfolg der “Ramschkredite” beigetragen. Sie wurden fast immer von den Mutterbanken beauftragt. 

Zur Risikobewertung haben die Agenturen teils wenig aussagekräftige Daten verwendet und nur die Hochphase der Immobilienblase berücksichtigt, sodass die Ratings viel zu gut waren. Dank der Ratingagenturen bekamen plötzlich Kredite mit F-Rating ein A-Rating verpasst. 

Im Nachzug der Krise hat die Agentur Moody’s eine Mitverantwortung zugegeben und 864 Mio. US-Dollar Strafe gezahlt.

Showdown

Schon 2001 haben die ersten Experten gewarnt, dass sich eine Immobilienblase entwickelt. 2006 waren die Preise auf dem Höchststand, danach brachen sie ein, die Blase ist geplatzt → die Subprime-Schuldner konnten ihre Kredite nicht mehr abbezahlen, weil die Immobilie nicht mehr so viel wert war, wie sie dachten → der Subprime-Boom war vorbei, der Schwindel flog auf.

Anfang 2007 gingen die ersten US-Kreditbanken in Konkurs, 2008 ging die Investmentbank Bear Sterns pleite und wurde von JP Morgan übernommen. 

Die großen und staatlich gesponserten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac werden verstaatlicht. Im Herbst 2008 bricht dann noch die Investmentbank Lehman Brothers ein → weitet sich zu weltweiter Finanzkrise aus

Ab Mitte 2006 stieg die Inflation in den USA an, die Immobilien sinken im Wert, die Folge sind höhere Zinsen → Kreditausfälle auf dem Subprime-Markt, weil Kreditnehmer ihre Schulden nicht mehr abbezahlen konnten.

Immer mehr Häuser kommen auf den Markt und werden nicht verkauft → die Immobilienpreise fallen stark. 

Mehrere Faktoren entwickeln sich zu einem Teufelskreis:

  • starker Preisverfall bei Finanzprodukten wegen der Immobilienkrise – Aktien von Finanzunternehmen verlieren stark an Wert
  • es kommt zu Notverkäufen v.a. bei Banken, die einen hohen Fremdkapitalanteil aufweisen — Overleverage
  • großer Vertrauensverlust der Banken untereinander: Einfrieren des Interbankenmarkts – viele Schattenbanken unterwegs, gegenseitige Sicherung beeinträchtigt
  • dadurch Liquiditätsengpässe auf dem Interbankenmarkt → für Banken wird es schwieriger, an Geld zu kommen und Lücken zu stopfen

Folgen der Subprime-Krise:

Eurokrise, weltweite Wirtschaftskrise, teilweise mit heute noch anhaltenden Auswirkungen

Wie kamen wir aus der Sache raus?

Hilfsgelder für Banken (Rettungsschirm), Hypothekenversicherer verstaatlicht (s.o.), Konjunkturprogramme, Arbeitsmarktmaßnahmen wie z.B. Kurzarbeitsgeld

Die Rolle der Banken

Fremdkapital-Anteil, hinterlegte Sicherheit,

Ratingagenturen, Banken-Praxis in der Kreditvergabe, Regulationsprobleme = institutionelles Umfeld

Für Banken galten die Eigenkapitalregeln der Bankenaufsicht. Wenn die Banken die Subprime-Kredite nicht weitergegeben hätten, hätten sie Eigenkapital dafür hinterlegen müssen. So hätten sie aber weniger Leverage gehabt, um neue Kredite zu vergeben → stattdessen haben sie die Subprime-Kredite zu Derivaten “verpackt”, die dank Ratingagenturen größtenteils als erstklassige Wertpapiere eingestuft wurden.

So konnten die Banken mehr Leverage erwirtschaften und noch mehr Kredite vergeben – v.a. an Fonds in den USA und im Ausland.

Was hat sich durch die Krise geändert?

Kreditkriterien, Bankenaufsicht etc.

  • Verbriefungen sind leider nicht verschwunden, vor allem in den USA und in China werden die Kredit-Pakete weiter gehandelt, v.a. im Immobilienbereich.
  • Aufklärung und Verständnis von Derivaten: auf die harte Art gelernt 
  • Ratingagenturen haben eine Chance auf Neuanfang erhalten – und genutzt?
  • Auflagen für Kreditvergaben strenger
  • Rücklagen der Kreditinstitute müssen höher sein