Finanzfluss Exklusiv Podcast Cover mit Thomas und Ana

#293 Heiraten für die Steuer? Ehegattensplitting erklärt

2. Juni 2022

Hinweis zu Beginn: Wir sind keine Steuerberater, diese Informationen sind nach bestem Gewissen recherchiert und zusammengetragen.

Steuerklassen nach der Hochzeit

Wer verheiratet ist, hat in Deutschland bei der Steuererklärung die Wahl: zwischen Einzelveranlagung und Zusammenveranlagung (auch Ehegattensplitting genannt).

Nur wer sich zusammen veranlagen lässt, profitiert vom sogenannten Splittingvorteil. 

Bei der Einzelveranlagung wird eure Steuerlast jeweils nach der Einkommensteuer-Grundtabelle berechnet. Bei der Zusammenveranlagung, also dem Ehegattensplitting, kommt die Splittingtabelle des Finanzministeriums zum Einsatz.

Was ist das Ehegattensplitting?

Zum Hintergrund:

1958 wurde das Ehegattensplitting eingeführt. Damals, um Ehepaare nicht zu diskriminieren.

Als Ehepartner bildet ihr eine Verantwortungsgemeinschaft. Ihr teilt euch vereinfacht gesagt Einnahmen, aber auch Ausgaben als gemeinsamer Haushalt auf:

Ihr profitiert von Steuervorteilen wie dem Splitting, habt aber auf der anderen Seite auch in gewissen Bereichen füreinander einzustehen und andere Pflichten als nicht-verheiratete Paare (z. B. gemeinsame Betrachtung bei Arbeitslosigkeit, Pflegefall etc.).

So funktioniert das Ehegattensplitting 

Beim Ehegattensplitting werden die beiden Einkommen fiktiv zu einem gemeinsamen berechnet und dann hälftig geteilt – als würden beide Ehepartner exakt das Gleiche verdienen. Dadurch kann ein Progressionsvorteil entstehen. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Steuerprogression, dass mit höherem zu versteuerndem Einkommen der Steuersatz höher wird.

Für wen lohnt sich die Zusammenveranlagung?

Wenn eines der Einkommen ungefähr 60% oder mehr des Haushaltseinkommens ausmacht, kann sich das Splitting finanziell auszahlen.

Der sogenannte Splittingvorteil ist am größten bei hohen Einkommen und einer hohen Differenz zwischen den beiden Einzeleinkommen. Die maximale Ersparnis durch den Splitting­tarif lag 2020 bei 18 035 Euro (laut Stiftung Warentest).

Die Steuer-Optionen für Ehepartner

Wenn man sich als Ehepaar für die Zusammenveranlagung (Splitting) entscheidet, hat man die Wahl zwischen verschiedenen Steuerklassen-Kombinationen. 

Diese weisen jeweils unterschiedliche Freibeträge und einen unterschiedlichen Steuersatz auf.

Die Wahl der Kombination an Steuerklassen wirkt sich auf den Cashflow aus (Nachzahlung oder nicht) und indirekt auch auf die Sozialbezüge, weil die Nettogehälter dafür hergenommen werden. Nach der Hochzeit werden seit 2018 beide Partner automatisch der Steuerklasse 4 mit Zusammenveranlagung (gemeinsame Steuererklärung) zugeordnet.

Beim Finanzamt können Ehepaare daneben auch das Splitting in Steuerklasse 3 und 5, Steuerklasse 4 und 4 mit Faktor oder die Einzelveranlagung in Steuerklasse 4 wählen. Wir haben für euch die Unterschiede zusammengefasst.

  1. Steuerklasse 4 & 4 :

Diese Kombination kann in Einzel- oder Zusammenveranlagung gewählt werden. Es gibt keine Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung. 

  1. Steuerklasse 3 und 5:

Bei großer Differenz zwischen den Einkommen maximiert ihr mit Steuerklasse 3 und 5 das monatlich verfügbare Nettoeinkommen (3=höheres Einkommen, 5=geringeres Einkommen). 

Steuerklasse 3 hat niedrigere Steuerabzüge als die Steuerklassen 4 und 1, Steuerklasse 5 hat hohe Abzüge. Der weniger verdienende Partner zahlt sozusagen Steuern für den mehr verdienenden Partner mit. 

Achtung: Oft kommt es bei Steuerklasse 3+5 zu Steuernachzahlungen. Als Richtwert passiert das immer dann, wenn der oder die Partnerin in Steuerklasse 5 weniger als 40% des Gesamteinkommens verdient.

Unterm Strich ist der Vorteil von 3+5 gegenüber 4+4 lediglich, dass der Splittingvorteil schon während des Jahres greift – sprich: mehr Cashflow. Ein weiterer potenzieller Vorteil: Der oder die Partnerin in Stk 3 erhöht sein oder ihr Nettoeinkommen und somit auch den Betrag, der als Bemessungsgrundlage für Sozialleistungen wie Elterngeld und Arbeitslosengeld dient. Wichtig: Hier müsst ihr immer eine Steuererklärung abgeben.

  1. Steuerklasse 4 + 4 mit Faktor

Eine noch selten gewählte Kombination. Bietet sich v. a. bei großer Gehaltsdifferenz an, wenn man nicht wie bei 3+5 nachzahlen möchte.

Das Finanzamt ermittelt einen “Faktor”, der die Steuerlast reduziert, mit dem die Steuer multipliziert wird. Das Finanzamt benötigt dafür zwei Zahlen: die voraussichtliche Einkommensteuer nach dem Splittingtarif (Y) und die Summe der voraussichtlichen Lohnsteuer (X) beider Ehegatten. Für die Berechnung des Faktors muss Y durch X geteilt werden.

Dadurch vermeidet man Nachzahlungen, denn der Faktor passt den Steuerabzug im laufenden Jahr an die erwartete Jahreseinkommensteuer an.

Auch hier: Die Abgabe einer Steuererklärung ist Pflicht.


Bedingungen fürs Ehegattensplitting

  • Ihr lebt nicht dauerhaft getrennt (man muss aber nicht unbedingt denselben Wohnsitz haben)
  • beide Partner sind uneingeschränkt in Deutschland einkommensteuerpflichtig
  • ihr seid standesamtlich verheiratet (nur kirchlich reicht nicht) bzw. eingetragene Lebensgemeinschaft gleichgeschlechtlicher Partner. 
  • Die gemeinsame Veranlagung kannst du ab dem Jahr der Hochzeit beantragen → wer im Dezember 2022 heiratet, kann sie für das ganze Jahr 2022 nutzen
  • Der Wechsel muss schriftlich beim Finanzamt beantragt werden. Bis 2019 ging das nur einmal jährlich, jetzt geht es mehrmals im Jahr.
  • Im Fall einer Trennung kann man im Trennungsjahr die Zusammenveranlagung beibehalten, danach nicht mehr.
  • Auch für Ehepartner in Rente ist die Frage nach der Steuerklasse relevant: Wenn etwa ein Partner noch arbeitet und der andere nicht, kann das eine große Einkommensdifferenz nach sich ziehen – und das Splitting (wieder) interessant machen.

Weitere Steuervorteile von Verheirateten

Wir haben bereits gelernt: Durch das Ehegattensplitting können Paare mit großen Gehaltsunterschieden die Progression dämpfen und bis zu mehreren tausend Euro sparen.

Der Unterschied zwischen 3+5 zu der Veranlagung in 4+4 liegt darin, dass man Monat für Monat mehr Cashflow generiert und am Ende ggf. nachzahlen muss, während bei einer Veranlagung in 4+4 am Ende die Steuerlast aufgewogen wird (auf Jahressicht).

Neben der Steuerersparnis gibt es bei der Zusammenveranlagung aber auch weitere Vorteile für Ehepaare:

  • Der Sparerpauschbetrag liegt doppelt so hoch wie bei Alleinstehenden (1.602€). Ab 2023 liegt er bei 2.000€ (also 1.000€ pro Person). Davon profitieren Konstellationen, in denen nur einer der Partner Kapitalerträge hat.
  • Der Schenkungssteuerfreibetrag erhöht sich von 20.000€ auf 500.000€. 
  • Der Freibetrag für Erbschaften liegt bei 500.000€, wenn einer der beiden verstirbt.

Die Statistik

Rund 90% aller Personen in Steuerklasse 5 sind Frauen, laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Das Problem dabei: Steuerklasse 5 reduziert den Anspruch auf Lohnersatzleistungen wie Kurzarbeitergeld, Krankengeld oder Elterngeld.

Weniger als ein Prozent aller verheirateten Paare entscheiden sich aktuell für die gleichberechtigte, doppelte Steuerklasse 4 mit Faktor. Im Jahr 2017 hatten lediglich Frauen in 14,4 Prozent der Fälle mehr Einkommen als ihr Partner (hier sind auch nicht verheiratete Paare eingeschlossen). 

Kritik und Ausblick

In der Gesellschaft  wird das Ehegattensplitting kritisiert, es sei aus der Zeit gefallen und unfair. Es fordere das traditionelle Rollenbild der Hausfrau und Mutter und dem Mann, der als (fast) Alleinverdiener das Geld nach Hause bringt.

Wenn Frauen sich für die Steuerersparnis in Klasse 5 begeben, wirkt sich das nicht nur aufs Nettogehalt aus, sondern auch auf den Anspruch von Sozialbezügen:

Also weniger Arbeitslosengeld, weniger Kurzarbeitergeld, weniger Elterngeld. Denn diese Lohnersatzleistungen werden nach dem monatlichen Nettolohn, nach dem sofortigen Abzug der Steuern, berechnet. 

Selbst wenn am Ende “gemeinsam abgerechnet” wird: Auf der Gehaltsabrechnung wird Frauen in Steuerklasse 5 so viel abgezogen, dass es die Motivation bremsen kann – der Gedanke: “Warum überhaupt noch arbeiten, wenn ich so viel Steuern zahle?”

Eine mögliche Konsequenz: Frauen bleiben in Teilzeit, was für die betroffenen Frauen weniger Rente und insgesamt weniger Steuereinnahmen für uns als Gesellschaft bedeutet.

Statt des Ehegattensplittings in Steuerklasse 3 und 5 will die Ampelkoalition Berichten zufolge auf die gleichberechtigte Besteuerung von Ehepartnern nach 4 + 4 mit Faktor wechseln. Wann und ob das passiert, ist aber noch unklar.

Shownotes

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Finanzfluss Einkommensteuer-Rechner

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Weiterführende Links:

https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerarten/Lohnsteuer/BMF_Schreiben_Allgemeines/2021-11-09-merkblatt-steuerklassenwahl-2022.html

https://www.bmfsfj.de/resource/blob/76434/129f4f687bc76e2279de569e368487a7/splitting-expertise-data.pdf

https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-lohnsteuerklasse-v-reduziert-lohnersatzleistungen-drastisch-25384.hmt

https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Ministerium/Geschaeftsbereich/Wissenschaftlicher_Beirat/Gutachten_und_Stellungnahmen/Ausgewaehlte_Texte/2018-09-27-Gutachten-Besteuerung-von-Ehegatten-anlage.pdf?__blob=publicationFile&v=2

https://www.bpb.de/themen/familie/familienpolitik/245284/debatte-ehegattensplitting/

Kommentare (6)

E

E1

sagt am 08. Juni 2022

Wenn ein Partner als Angestellter 70.000 EUR (brutto jährlich) verdient und der zweiter 150.000 EUR als Selbstständiger, lohnt sich trotzdem Steuerklasse 3+5? Danke.

Ana Bilandzija

Ana Bilandzija

Autorin

sagt am 16. Juni 2022

Auch Paare in der Konstellation "eine Person ist angestellt / eine selbständig" können das Splitting anwenden. Ob es sinnvoll ist, solltet ihr individuell durchrechnen (lassen).

A

Anonym

sagt am 12. Juni 2022

Die Annahme ist, dass man vor dem Heiraten Single und kinderlos ist? Von Steuerklasse 2 und wie sich eine Heirat darauf auswirkt war nicht die Rede. Weil, darauf ausgegangen würde, dass Alleinerziehende Frauen mir geringem Einkommen sind, die vom Ehegattensplitting nur profitieren können? Make it make sense, please.

Ana Bilandzija

Ana Bilandzija

Autorin

sagt am 16. Juni 2022

Der Einfachheit halber haben wir jeweils mit StK 1 verglichen.

A

Anonym

sagt am 03. Juni 2022

Hallo liebes Finanzfluss-Team, meine Frau und ich erwarten gerade unser zweites Kind. Deshalb ist sie mit ihrem niedrigeren Einkommen in die 3 und ich in die 5 gewechselt, um das Elterngeld zu steigern. Beim ersten Kind wollten wir das eigentlich auch machen, allerdings hatte ich mich erst bei Bekanntwerden der Schwangerschaft damit beschäftigt, sodass der Steuerklassenwechsel einen Monat zu spät kam. Beim zweiten Kind haben wir den Wechsel schon beim Entschluss durchgeführt, damit es zu dieser zeitlichen Problematik überhaupt nicht kommen konnte. Grüße!

Ana Bilandzija

Ana Bilandzija

Autorin

sagt am 16. Juni 2022

Danke, dass du eure Erfahrung teilst, das ist für Ehepaare mit Familienplanung interessant. So haben es auch Andres und Susanne gemacht, die wir für unseren Beitrag interviewt haben.


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