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#307 Selbstständigkeit: von Kleingewerbe bis SE

21. Juli 2022

Rund jeder 12. in Deutschland ist selbstständig. Doch selbstständig kann vieles heißen: vom Kleingewerbe bis zur global agierenden Kapitalgesellschaft. Deshalb geben wir euch in dieser Podcastfolge einen Überblick darüber, welche Unternehmensformen es in Deutschland gibt und was du beachten solltest, wenn du dich selbstständig machen willst.

Was sind Selbstständigkeit und Unternehmertum?

Man unterscheidet zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung. Selbstständige arbeiten eigenverantwortlich und haben dabei ein hohes Maß an unternehmerischer Gestaltungsfreiheit. Dafür sind sie auch für ihre finanzielle und soziale Absicherung in der Regel selbst verantwortlich.

Im Sprachgebrauch nennt man oft nur solche Selbstständige Unternehmer, die Mitarbeitende haben und z. B. eine GmbH führen. Rein rechtlich ist auch ein Soloselbstständiger, der Umsatzsteuer zahlt, Unternehmer. Als Geschäftsführer eines Unternehmens kann man je nach Situation angestellt oder selbstständig sein.

Statistik

Laut einer Erhebung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales waren 2020 ca. 3,5 Mio. Menschen in Deutschland selbstständig. Die Definition lautete: Die selbstständige Tätigkeit ist die Haupttätigkeit oder einzige Tätigkeit. Soloselbstständige machen demnach den größten Teil aus: mit 1,92 Mio. im Jahr 2020.

Zahl der Selbstständigen nach Geschlecht 

Insgesamt sind 2020 8,4% der Erwerbstätigen in Deutschland selbstständig. 33% der Selbstständigen in Deutschland sind Frauen, 67% Männer. Unter den Selbstständigen mit Angestellten waren es mit 75% mehrheitlich Männer.

Arbeitspensum

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Selbstständigen liegt laut der Erhebung bei 46 Stunden – mit Personalverantwortung sogar bei 48,9 Stunden. Im Vergleich: Bei Angestellten sind es 39,9h. 

Einkommen

Zahlt diese Stundenzahl sich dann zumindest aus? Kommt darauf an, nicht unbedingt:

Der Median für alle Selbstständigen lag laut der Betrachtung im Jahr 2020 bei 1.800 Euro netto – und damit ungefähr genauso hoch wie der Median für abhängig Beschäftigte.

Soloselbstständige kommen jedoch nur auf 1.255€ netto. Selbstständige mit Beschäftigten auf 2.700€, also mehr als doppelt so viel – die Bandbreite ist groß.

Formen der Selbstständigkeit in Deutschland

Das Spektrum der Selbstständigkeit bzw. des Unternehmertums ist groß.

Wir schauen uns jetzt die bekanntesten Unternehmensformen an, und fangen klein an. Dabei benennen wir nicht jede Unterform, das als Hinweis.

Einzelunternehmen

Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  1. Je nach Tätigkeit gilt deine Selbstständigkeit als freier Beruf oder Gewerbe. 
  2. Kleinunternehmen sind nicht umsatzsteuerpflichtig. Umsatzsteuerpflichtig wird, wer im Vorjahr mehr als 22.000€ Umsatz gemacht hat und im laufenden Jahr nicht mehr als 50.000€ Umsatz machen wird.
  3. Nur Gewerbe müssen Gewerbesteuer abführen (auch hier: Kleingewerbe nicht)
  4. Ob eine Tätigkeit als freier Beruf oder Gewerbe zählt, steht im Einkommensteuergesetz. Als Gewerbe zählen Unternehmen, die in der Regel Produkte oder Dienstleistungen vertreiben. Dazu gehört z. B. auch die Vermögensberatung oder ein Handwerk.
  5. Als Einzelunternehmer haftest du voll mit deinem Privatvermögen.
  6. Ein Eintrag ins Handelsregister ist für Kaufleute mit Handelsgewerbe Pflicht – ausgeschlossen sind Kleingewerbetreibende. 
  7. Eine Kammer-Mitgliedschaft ist für viele Gewerbetreibende verpflichtend.

GbR = Gesellschaft bürgerlichen Rechts

  • Bei der GbR handelt sich um eine Personengesellschaft.
  • Sie besteht aus mindestens zwei Gründern.
  • Es gibt einen Gesellschaftsvertrag, der recht unkompliziert ist und theoretisch sogar mündlich vereinbart werden kann. 
  • Eine GbR zu gründen ist unkompliziert und viel unbürokratischer als es bei anderen Gesellschaftsformen der Fall ist (in der Regel sind keine Bilanz und keine Jahresabschlüsse nötig).
  • Es gibt kein Mindeststammkapital.
  • Aber: Die Gesellschafter haften in unbegrenzter Höhe mit ihrem Geschäfts- und Privatvermögen.
  • Ein Eintrag ins Handelsregister ist nicht nötig.

GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung 

  • Bei der GmbH handelt sich um eine Kapitalgesellschaft.
  • Eine GmbH kann man bereits ab einer Person gründen.
  • Der große Vorteil der GmbH gegenüber den vorigen Unternehmensformen: Die Haftung wird auf das Geschäftsvermögen begrenzt, du haftest also nicht mit deinem Privatvermögen, sondern nur mit deiner Einlage.
  • Die Haftung kann sich ändern, wenn ihr einen Kredit für zusätzliches Kapital aufnehmt – hier fordern Banken oft Sicherheiten aus dem Privatvermögen.
  • Um eine GmbH zu gründen, müssen mindestens 25.000€ als Stammkapital eingelegt werden.
  • Das Kapital kann in bar durch eine Stammeinlage oder durch Sacheinlagen eingebracht werden (z. B. Immobilien, Büroausstattung, Firmenwagen).

  • Für die Gründung fallen zusätzlich Kosten von ungefähr 1.000€ an.
  • Die GmbH ist wesentlich bürokratischer als eine GbR – u. a. fällt hier eine doppelte Buchführung an, Bilanzen und Jahresabschlüsse müssen erstellt werden.
  • Ein Steuerberater ist dringend empfohlen, aber nicht verpflichtend (erst ab einer sehr hohen Bilanzsumme von ca. 5 Mio)

  • Die GmbH verfügt über folgende Organe: Gesellschaftsversammlung und Geschäftsführung. Ein Aufsichtsrat ist erst ab einer bestimmten Größe verpflichtend.
  • Ein Eintrag ins Handelsregister ist vorausgesetzt.

UG haftungsbeschränkt = Unternehmergesellschaft haftungsbeschränkt

  • Die UG wird im Volksmund auch “Mini-GmbH” genannt.
  • Sie wurde 2008 eingeführt, um in Deutschland ein Pendant zu der britischen Limited “Ltd.” zu haben.
  • Der entscheidende Unterschied zur GmbH: Als Stammkapital brauchst du bei der Gründung nur einen Euro!
  • Auch hier ist ein Eintrag ins Handelsregister nötig.

⚠️

Es gibt aber einen “Haken”

Auch hier sollen 25.000€ Stammkapital zusammenkommen. Und das Geld dafür führst du von deinen Gewinnen ab – jeweils 25%, bis 25.000€ erreicht sind.

AG = Aktiengesellschaft

  • Gründen kann man eine AG schon ab einer Person, also einem Aktionär.
  • Bei einer AG handelt es sich wieder um eine Kapitalgesellschaft.
  • Eine AG hat einen bestimmten Aufbau, bestehend aus den Organen:
    Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung.
  • Der Vorstand leitet das Unternehmen, im Aufsichtsrat werden die Interessen der Aktionäre vertreten; bei der Hauptversammlung können die Aktionärinnen ihre Beteiligung in Form der Stimmkraft wahrnehmen.
  • Für die Gründung einer AG muss ein notariell beurkundeter Gesellschaftervertrag vorgelegt werden. 
  • Eine AG bringt großen bürokratischen Aufwand mit, lohnt sich deshalb in vielen Fällen erst ab einer bestimmten Unternehmensgröße.

  • Als Stammkapital werden 50.000€ vorausgesetzt (die Mindesteinzahlung zum Gründungszeitpunkt beträgt 12.500€).
  • Das Grundkapital einer AG ist in Aktien zerlegt. Als Gesellschafter hält man also Anteile in Aktien. 
  • Diese Zerlegung in Aktien hat den Vorteil, dass man Anteile viel leichter und schneller auf andere Personen übertragen kann. Im Gegensatz zur GmbH, wo dafür immer der Gang zum Notar nötig ist.
  • Das bedeutet aber nicht, dass diese Aktien immer über die Börse gehandelt werden. Bei vielen AGs werden die Aktien nicht frei auf dem Markt gehandelt. Prominentes Beispiel: Die Deutsche Bahn AG.
  • Bei einer AG ist die Haftung auf das Gesellschaftsvermögen begrenzt.
  • Die AG muss im Handelsregister eingetragen werden.

SE = Societas Europaea = Europäische Aktiengesellschaft

  • Die SE ist eine europäische Rechtsform für Aktiengesellschaften.
  • Sprich: Es muss bereits eine Aktiengesellschaft existieren, bevor man zu einer SE umfirmieren kann.
  • Beispiele dafür: Zalando, Rocket Internet, Windeln.de
  • Die SE unterscheidet sich in der Struktur von einer AG, was den Bereich Corporate Governance angeht. Sie kann entweder in einem dualistischen System mit Vorstand und Aufsichtsrat geführt werden. Oder in einem monistischen System, in dem ein Verwaltungsrat die Gesellschaft eigenverantwortlich leitet und geschäftsführende Direktoren bestellt.
  • Besonders interessant an der Unternehmensform ist für international agierende Unternehmen, dass eine SE ihren Sitz in jedem beliebigen Mitgliedstaat der EU/EWR haben kann.
  • Das Stammkapital für die Gründung einer SE muss mindestens 120.000€ betragen.

Wie mache ich mich selbstständig?

Folgende Zusammenfassung kann dir einen Anhaltspunkt geben:

  • Fällt deine Tätigkeit in den Bereich Gewerbe, solltest du einen Gewerbeschein beantragen. Als Freiberufler meldest du deine Tätigkeit i.d.R. formlos dem Finanzamt.

  • Der Eintrag ins Handelsregister ist für Kaufleute verpflichtend. Laut Handelsgesetzbuch gilt als Kaufmann, wer ein Handelsgewerbe betreibt. Zur Einordnung gibt es mehrere Kriterien wie den Jahresumsatz, den Umfang der Buchhaltung, die Zahl der Beschäftigten usw. Kleingewerbetreibende können sich freiwillig eintragen lassen.

  • Je nach Unternehmensform musst du einen Gesellschaftsvertrag schreiben – bei einer GbR geht das unkompliziert, bei einer GmbH musst du einen Notar beauftragen.

  • Um Privates und Geschäftliches sauber zu trennen, solltest du ein Geschäftskonto eröffnen.

  • Für Gründerinnen und Gründer sind Fördergelder interessant.

Shownotes

Kommentare (3)

J

Jan

sagt am 26. Juli 2022

Hey Finanzflussteam! Erstmal danke für die tolle Folge! Hab da eine frage bezüglich Kleinunternehmen, ich darf ja keine offizielle rechnung schreiben mit Mwst. Hat das Unternhemen das ich eine Quittung ausstelle irgendwelche nachteile dadruch oder wirkt es sehr unseriös? Haben vor Nebenberuflich Seminare zu geben und externer beauftragter zu sein. Wie würde man sowas am besten Komunizieren bei Vehandlungen/Auftragsbestätigung?

Ana Bilandzija

Ana Bilandzija

Autorin

sagt am 01. August 2022

Hi Jan, danke für dein Lob! Gerade bei nebenberuflicher Selbständigkeit ist das Kleinunternehmen verbreitet und die Sorge meiner Erfahrung nach unbegründet. Nachteile sollten dadurch nicht entstehen, außer, dass deine Rechnung eben anders abgerechnet wird.

L

Lars

sagt am 21. Juli 2022

Wie immer eine tolle Folge! Danke dafür! Interessant wäre bestimmt auch noch: wie kann ich neben meinem Angestelltentätigkeit selbständig machen? Z.B. IAB bilden und in PV Anlagen investieren.


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