Nachhaltiges Investieren wird auch in Deutschland immer beliebter und der Trend scheint sich zu verstärken. Deshalb ist es definitiv an der Zeit, darüber nachzudenken, was grünes oder nachhaltiges Investieren denn tatsächlich ist. In der Vergangenheit hatten die verschiedenen Institutionen und Anbieter nämlich ihre eigenen Guidelines und Regeln aufgestellt, was eine Definition und die Vergleichbarkeit der Aktien und ETFs sehr schwierig machte.

Dieses Problem soll nun eine EU-Verordnung lösen. Die sogenannte EU-Taxonomie ist ein Klassifizierungssystem, das europaweit definieren soll, wann ein Finanzprodukt nachhaltig ist, um mehr Struktur in das ganze Thema zu bringen. Wie genau die Taxonomie funktioniert, was die Vor- und Nachteile von grünem Investieren sind und mehr erfährst du in dieser Finanzfluss Exklusiv-Folge mit Ana und Thomas.

Warum überhaupt grün anlegen?

Viele Anleger entscheiden sich, ihr Geld breit gestreut in ETFs anzulegen. Das hat viele Vorteile. Aber: je größer der ETF, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass keine “lupenreinen” Firmenwerte enthalten sind. Z.B.: Rüstungsindustrie, Erdöl, Fast Fashion,…je nachdem, worauf man Wert legt. Klassische Welt-ETFs erfüllen das Kriterium “fair und grün” jedenfalls nicht. 

Für alle, denen ethisches Investieren am Herzen liegt, oder die an den Bereich glauben, gibt es die sogenannten ESG-ETFs und Indexfonds. ESG steht für Environmental, Social, Governance – zu deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

ESG liegt im Trend

ESG-Finanzprodukte sind nicht neu, es gab sie schon in den 80er-Jahren. Aber in den letzten Jahren sind sie extrem beliebt geworden: 

In Deutschland hat sich das Volumen der ESG-Investments 2019 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt.

Welche Kriterien gelten für ESG-Anlagen?

Lange gab es keine einheitlichen Kriterien dafür, wann eine Geldanlage nachhaltig ist. Die Anbieter nutzen teils unterschiedliche Begriffe, selbst bei ihren eigenen Produkten. Seriöse Anbieter listen aber ihre Auswahlkriterien transparent auf. → Oft musst du als Anleger trotzdem noch recherchieren, um das passende Produkt zu finden. Eine neue EU-Regelung schafft seit Juli 2020 etwas mehr Klarheit: die EU-Taxonomie. 

EU-Taxonomie

Der offizielle Titel der EU-Taxonomie lautet: 

VERORDNUNG (EU) 2020/852 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 18. Juni 2020 über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen und zur Änderung der Verordnung (EU) 2019/2088

Einfacher ausgedrückt: Die Taxonomie ist ein Klassifizierungssystem, das europaweit definieren soll, wann Finanzprodukte nachhaltig sind. Damit endlich Einheit darüber einkehrt. 

Beispiel Atomkraft: Während Frankreich, das den größten Teil seines Stroms aus Kernenergie bezieht, den Atomstrom als grüne Anlage kennzeichnen wollen (da es keinen CO2-Ausstoß gibt), ist das für Länder wie Deutschland undenkbar. Die Taxonomie soll Greenwashing verhindern und Verbrauchern und Unternehmen Orientierung geben.

Finanzteilnehmer, die grüne Produkte vermarkten, müssen laut Taxonomie offenlegen, welcher Teil ihrer Investments den EU-Richtlinien entspricht.

Kern ist ein 600 Seiten starker Bericht der technischen Expertengruppe (TEG), der für verschiedene Branchen – unter anderem für die Bau- und Immobilienbranche – strenge Vorgaben macht.

Die Kriterien zusammengefasst:

  • Wesentlicher Beitrag zur Verwirklichung mindestens eines Umweltziels
  • keine erhebliche Beeinträchtigung eines Umweltziels
  • Einhaltung internationaler sozialer und arbeitsrechtlicher Mindeststandards und
  • Einhaltung der technischen Standards, die von der Kommission festgelegt werden.

In der Taxonomie-Verordnung werden die Folgenden Umweltziele adressiert:

  • Klimaschutz
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser und Meeresressourcen
  • Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  • Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Aktueller Stand

Ein wichtiger Meilenstein ist der 10. März 2021: Dann tritt die Offenlegungsverordnung der EU-Kommission in kraft = Sustainable Finance Disclosure Regulation, kurz SFDR. Als nächste Schritte sollen die Level-2-Verordnungen (Durchführungsverordnungen) folgen, an denen die EU aktuell noch arbeitet.

Folgen der Taxonomie

Für die Finanzbranche:

Die Unternehmen müssen sich auf die neuen Anforderungen einstellen, die im Detail immer noch nicht feststehen. Es wird eine weiter steigende Nachfrage nach ESG-Produkten erwartet – Finanzakteure müssen sich darauf einstellen/den Markt bedienen. Das ist gut für ETFs, weil sie regelbasiert arbeiten


Für Anlegerinnen und Anleger:

  • im Idealfall weniger Recherche & klare Angaben über Produkte
  • mehr grüne Finanzprodukte, was zu sinkenden Kosten führen könnte
  • stärkere Regulierung und Kontrolle – das stärkt das Vertrauen in Angebote 

Für die Welt:

Die EU-Taxonomie hilft, Klimaziele zu erreichen – bis 2050 will die EU klimaneutral sein. Die Taxonomie folgt außerdem dem Trend zu nachhaltigem Wirtschaften und Awareness – es gibt immer mehr Druck von der Gesellschaft auf Unternehmen, ökologisch zu handeln.

Auf G20-Ebene ein wichtiges Thema, das gute Entwicklungen nach sich zieht: Zentralbanken und Aufsichtsbehörden weltweit prüfen jetzt stärker, ob und wie Finanzmarktakteure ihre Risiken berücksichtigen. Das gilt auch für die deutsche Finanzaufsicht (BaFin und Deutsche Bundesbank). 

Grenzen und Nachteile der grünen Geldanlage

Wer grün investiert, setzt ein Zeichen für faire Arbeitsbedingungen und Klimaschutz. Aber: Was ein Unternehmen produzieren lässt, kannst du mit deinem Portfolio nicht beeinflussen. Es könnte immer noch entscheiden, irgendwann nicht mehr fair zu produzieren oder sich neu auszurichten.

Rendite bei grünen Geldanlagen?

Untersuchungen haben ergeben, dass sich mit einem ethischen Investment in beispielsweise einen Indexfonds langfristig genau so viel Rendite machen lässt wie mit einem herkömmlichen Portfolio. 

Das Risiko ist aber höher, denn die Diversifikation ist geringer: Unternehmen, die nicht den ESG-Kriterien entsprechen, werden aussortiert – deshalb ist ein ESG-ETF nie so groß wie der MSCI World. Ein weiterer Minuspunkt: höhere Kosten, denn es müssen ESG-Analysen durchgeführt werden. Deshalb sind die ESG-Produkte ein bisschen teurer als übliche ETFs. Und: Ein ESG-Investment ist rechercheaufwendiger. Wer wirklich Bescheid wissen will, muss sich trotz Taxonomie einlesen und informieren.

Quellen:
Finanzfluss Ratgeber: Nachhaltiges Investieren
Finanzfluss Video: Nachhaltige Geldanlagen
Hypovereinsbank: ESG-Kriterien
CMSHS: Neue Offenlegungspflichten unter der Taxonomie-Verordnung
Bei Offenlegungsverordnung drängt die Zeit
Bafin zu den Perspektiven