Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, ist das spannend – für das Unternehmen selbst, aber auch für uns Anleger. Heute sprechen wir darüber, wie Neuemissionen ablaufen und warum Direct Listings gerade so beliebt sind. Wir erklären den großen Marketingaufwand vor dem Börsengang, erfahren, was Börsenreife ausmacht und sprechen über die Vor- und Nachteile davon, als Unternehmen gelistet zu sein.

Börsengang Definition 

IPO steht für Initial Public Offering. Dabei geht ein vorher privates Unternehmen an die Börse und wird so zum öffentlich handelbaren Unternehmen. Man sagt auch Neuemission oder Börsengang. Ein IPO ist ziemlich teuer und zeitaufwendig, bringt dem Unternehmen aber Kapital für weiteres Wachstum. Es müssen viele Zahlen zusammengebracht werden und es treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, unter denen das Unternehmen vermitteln muss. Daneben gibt es auch das Direct Listing, also den direkten Börsengang ohne die aufwendigen Vorbereitungen. Hier gewinnt das Unternehmen nicht an neuem Kapital. 

Gründe für einen Börsengang

Durch einen Börsengang kann ein Unternehmen neues Kapital erlangen, um wachsen zu können (und ist nicht mehr rein auf Wagniskapital angewiesen). Das Unternehmen erhält Zugang zu den nationalen und internationalen Kapitalmärkten, neue Kreditoptionen eröffnen sich.

Durch das Listing werden Wert und Wachstum des Unternehmens beziffert, was für Partnerschaften, Ankäufe, Strategien hilfreich sein kann.

Außerdem stärkt es die Marke und die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, wenn ein Unternehmen an der Börse gelistet ist.

Überblick: So viele Unternehmen sind gelistet (D/Europa/weltweit), Intervalle

2021 ist ein Jahr mit außerordentlich vielen IPOs: Experten erwarten, dass das Emissionsvolumen einen neuen Rekord seit 2000 aufstellen wird (damals: 142 Börsengänge mit mehr als 23 Milliarden Euro Emissionsvolumen). In den ersten sechs Monaten 2021 gab es 14 Börsengänge mit einem Gesamtemissionsvolumen von über 8,8 Mrd. Euro. 

Auch global ist das Emissionsvolumen 2021 sehr hoch: Q1 fanden laut IPO-Barometer des Beratungsunternehmens EY 980 Börsengänge statt. Das gesamte Emissionsvolumen lag bei 197,8 Milliarden US-Dollar. 

Natürlich gibt es auch Börsenrückzüge, Delistings – dann wird das Unternehmen wieder privat geführt. Seit 2014 gab es in Deutschland laut Boersengefluester 138 Delistings.

Übrigens: Wer einen Börsenrückzug plant, muss seit 2015 den Aktionären ein Abfindungsangebot machen. Denn beim Delisting kann der Kurs stark abfallen. Es gibt einen gesetzlichen Mindest-Abfindungspreis.

IPO-Zyklen

Gerade gehen überdurchschnittlich viele Unternehmen an die Börse. Vor allem antizyklische Unternehmen, die von der Krise profitiert haben, wagen jetzt den Schritt. 

Wie auch beim Anlegen gibt es keinen perfekten Zeitpunkt für den Börsengang. In Abschwungzeiten (Baisse) sind es tendenziell weniger Börsengänge, in Haussen mehr. 2020, im ersten Jahr der Pandemie, waren es weniger Börsengänge als üblich.

Zwischen 1997 und 2000 gab es auffallend viele IPOs. Doch 2001 (nach der Dot-Com-Krise) und nach der Finanzkrise 2018 ging die Zahl der Börsengänge zurück.

Unterschied Primär- und Sekundärmarkt

Von Primärmarkt spricht man, wenn ein Unternehmen neue Wertpapiere / Aktien ausgibt und diese an die Anleger verkauft. Das passiert beim IPO oder bei einer Kapitalerhöhung.

Sind die Aktien auf dem Markt, kann ein Anleger seine Aktien über die Börse an einen anderen Anleger verkaufen – das ist der Sekundärmarkt. Das Unternehmen selbst ist nicht direkt involviert.

Ablauf eines Börsengangs 

Bei einem Börsengang gibt das Unternehmen Unternehmensanteile aus und erhält dafür neues Kapital. Doch wie läuft so ein Börsengang ab? Und wie wird der Erstverkaufspreis / Emissionspreis festgelegt?

Als Erstes wird das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt, damit es Aktien herausgeben darf. Das ist ein standardisierter Prozess, der aber Bedingung ist, um gelistet zu werden. Die meisten AGs sind übrigens nicht öffentlich gelistet, denn dafür braucht es einen Börsengang.


Der Börsengang dauert von vier Monaten bis zu zwei Jahren. Bevor es mit den Vorbereitungen los geht, sucht das Unternehmen einen Emissionspartner, also eine Bank, die später die Aktien herausgibt und das Geld dafür einsammelt. Diese wird auch Underwriter genannt. Daneben braucht das Unternehmen weitere Partner – in der Regel einen Anwalt, eine Kommunikationsagentur und einen Wirtschaftsprüfer. 

Rund fünf Prozent der einzusammelnden Summe geben Unternehmen Experten zufolge für Partner, Vorbereitungen etc. aus. Es geht darum, alles ganz genau vorzubereiten, zu analysieren und zu prüfen, sodass das Unternehmen im Fall eines Börsengangs auch ausreichend Anteile verkauft. Sonst kann ein Börsengang scheitern. Das wird entsprechend teuer – und kann das Unternehmen in eine Krise stürzen.

Die Marketingphase

Das Aufhübschen vor dem Börsengang: der Beauty Contest

Um zu beweisen, dass es börsentauglich ist, muss ein Unternehmen der Prüfung verschiedener Instanzen standhalten. In der Analysephase oder Due Diligence Phase wird das Unternehmen auf Herz und Nieren geprüft. Deshalb bemüht sich das Unternehmen auch, die Zahlen aus der Vergangenheit gut zu präsentieren und aufzubereiten – man nennt diese Phase auch Beauty Contest.

Ziel ist, festzustellen, ob das Unternehmen solide genug dasteht und genug Wachstumspotenzial hat. Es wird auch geprüft, wann der richtige Zeitpunkt für eine Neuemission wäre und wie die Marktstimmung gerade aussieht. Es kommt oft vor, dass Unternehmen ihren Börsengang verschieben, weil die Marktsituation nicht ideal ist. 

Zur genaueren Analyse stellt das Unternehmen mithilfe von Experten drei Dokumente zusammen: 

Erfolgsfaktoren, Stärken und Schwächen des Unternehmens zusammengetragen und als Equity Story zusammengefasst. Darauf aufbauen wird der Research Report durch Analysten erstellt, die Bank und Anwälte erstellen einen Wertpapierprospekt. Diese drei Dokumente enthalten alle wichtigen Infos zum Unternehmen: Produkte, Branchen, Investitionschancen und -risiken. 

Die Roadshow

Wenige Wochen vor dem Börsengang beginnt die Marketingkampagne: Das Unternehmen wirbt auf einer Roadshow für Investoren – entweder bei persönlichen Treffen oder in Telefon- bzw. Videokonferenzen. Die potenziellen Investoren machen sich mithilfe von Equity Story, Research Report und Wertpapierprospekt ein Bild vom Unternehmen und von seinem Wertentwicklungspotenzial. 

In der Zeichnungsphase entscheiden die Investoren dann, ob und wenn ja, zu welchem Preis sie einsteigen wollen. Das Unternehmen bestimmt auf dieser Grundlage den Ausgabepreis der Wertpapiere. 

Am ersten Handelstag entscheidet sich die Höhe des Wertpapierkurses. Jetzt können Investoren Wertpapiere des Unternehmens kaufen und verkaufen. Und dem gelisteten Unternehmen steht mehr Kapital zur Verfügung.

Festlegung des Emissionskurses/Ausgabekurses

Hier gibt es zwei Verfahren: das Festpreisverfahren und das Bookbuilding-Verfahren.

Das Festpreisverfahren ist heutzutage nicht mehr üblich. Hier wird, wie der Name schon sagt, ein fester Preis für die Neuemission durch das Unternehmen, das an die Börse geht, vorgegeben. Unterstützt werden sie dabei von den ausführenden Banken. Grundlage für den Preis bilden die Preise ähnlich aufgestellter Unternehmen und die Prognose nach den vorangegangenen Analysen. 

Heute läuft die Preisbildung meist als Bookbuilding ab (siehe oben). Hier gibt die Aktiengesellschaft nicht einfach einen Preis an. Sondern neben dem Unternehmen und der ausführenden Bank sprechen auch die Investoren mit. Am Ende wird kein fester Preis für die Emission vorgegeben, sondern der genaue Preis entscheidet sich am Tag der Emission. 

In der Pre-Marketing-Phase geben große Investoren unverbindliche Gebote ab, daraus wird eine Preisspanne ermittelt, z.B. zwischen 10 und 12 Euro pro Aktie. Beim Bookbuilding können Investoren und Privatanleger Kaufaufträge zu einem Preis innerhalb dieser Preisspanne abgeben. 

Aus den ermittelten Daten wird dann der Emissionspreis ermittelt. Gebote gleich oder über dem Emissionspreis erhalten Aktien zum ermittelten Emissionspreis. Wenn während des Verfahrens die Nachfrage höher ist als das Angebot, dann spricht man von einer Überzeichnung. Dann wird eine Reserve ausgegeben, um der Nachfrage nachzukommen (Greenshoe) oder es wird noch mal angepasst.

Am Ende der Preisfindung steht die Stabilisierung des Preises. Der Preis der Bank und die Vorstellung der Interessenten konvergieren. Der “Underwriter” (Versicherer) verkaufen mehr Aktien als vom Unternehmen für den Börsengang geplant, die das Unternehmen später zurückkauft – so wird der Kurs stabilisiert.

Die Marktphase (Sekundärmarkt)

Jetzt ist die Aktie frei handelbar für alle Marktteilnehmer. Das Unternehmen selbst kümmert sich jetzt u.a. um die Kurspflege. Das heißt der Aktienkurs soll im Interesse der Anlegerinnen und Anleger auf einem Niveau gehalten werden. Dabei hilft in der Regel die Emissionsbank, indem sie einen Ausgleich an Tagen mit unausgeglichenen Verkaufsaufträgen schafft.

Was ist Direct Listing und wie unterscheidet es sich? 

Beim Direct Listing geht ein Unternehmen direkt an die Börse, ohne die aufwendigen Vorbereitungen eines IPOs. In letzter Zeit häufen sich die Direct Listings, Spotify, Slack und Coinbase sind Beispiele dafür. 

Preisermittlung:

Auch beim Direct Listing sind Banken involviert, nur weniger intensiv. Morgan Stanley hat die Direct Listings von Spotify als auch von Slack organisiert. Die Bank hat die Auktionen geleitet, mittels derer der Preis ermittelt wurde, bei dem sich Kauf- und Verkaufsaufträge deckten. Außerdem hat MS die Liquidität geprüft, damit die Listings glatt ablaufen. Befürworter von Direct Listings sagen, dass die Preisbildung realistischer abläuft, weil keine Emissionsbank den Kurs “künstlich stabilisiert” / zu hoch treibt.

Direct Listings sind vor allem dann für Unternehmen interessant, wenn es nicht vorrangig um neues Kapital geht, sondern Manager, Investoren und/oder Mitarbeiter ihre Anteile verkaufen wollen. Denn die Anteile sind nicht liquide handelbar, bis es an der Börse ist. Allerdings kommt in dem Fall durch den Börsengang kein neues Kapital rein.

Ein Vorteil des Direct Listings ist, dass das Unternehmen sehr viel Geld spart: Es verzichtet auf die komplette Planungs- und Unterstützungsleistung der Investmentbanken, die nicht nur bei der Vorbereitung auf das IPO, sondern auch danach viel Geld kosten.

Der Ausgabekurs wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt, ist für Anlegerinnen und Anleger also auf den ersten Blick fairer, aber kann zu Beginn sehr volatil sein wegen des geringen Marktvolumens. 

Da kein neues Kapital gewonnen wird, beeinflusst der Börsengang im Fall eines Direct Listings nicht das Wachstumspotenzial eines Unternehmens. Er dient meist der Umverteilung von Anteilen, die vorher bei Management/Mitarbeitern lagen. Es stellt sich auch die Frage, warum die zum aktuellen Kurs aussteigen wollen…man sollte sich darüber informieren, wie das Unternehmen weiteres Wachstum finanzieren will/was die Ziele sind.

Sollte man in IPOs investieren?

Man kann sich bei manchen Brokern für Anteile bei einem IPO anmelden, allerdings kann es sein, dass man als Privatanleger/in leer ausgeht, wenn die institutionellen Investoren entsprechend viele Anteile gezeichnet haben. 

Selbst für Experten ist es schwierig einzuschätzen, wie sich der Kurs am ersten Tag entwickelt – teilweise halbiert sich der Kurs innerhalb des ersten Tages. 

Ein besonderes Risiko besteht, weil man als Privatanleger eine eingeschränkte Einsicht in die Zahlen des Unternehmens, in die Quartalsberichte, Unternehmenshistorie usw. erhält und sich so keine vollständige Meinung bilden kann. Deshalb kann es sich lohnen, etwas abzuwarten und zu sehen, wie sich das Unternehmen an der Börse entwickelt. 

Shownotes