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ETF-Auswahl

Regionale Gewichtung im Weltportfolio
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- Die Gewichtung der Länder und Unternehmen in einem Index kann zu Unterschieden in der Wertentwicklung führen. Die meisten (Welt-)Indizes gewichten nach Marktkapitalisierung, also nach dem Wert der an der Börse gelisteten Unternehmen.
- Dadurch kann es zu Differenzen im Vergleich zur tatsächlichen Wirtschaftsleistung eines Landes kommen, das durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ausgedrückt wird.
- Die MSCI-Indizes wie MSCI World oder MSCI ACWI haben deswegen ein Übergewicht an US-amerikanischen Werten verglichen mit dem US-Anteil am Welt-BIP.
- Um solche Übergewichtungen auszubalancieren, können Indizes mit regionalem Fokus dienen, wie der STOXX Europe 600, der auf europäische Unternehmen mit geringer, mittlerer und hoher Marktkapitalisierung spezialisiert ist.
Indizes gewichten meist nach Marktkapitalisierung
Die meisten Weltindizes wie beispielsweise der MSCI ACWI bilden die Weltwirtschaft anhand der Marktkapitalisierung nach. Das bedeutet, dass sie Unternehmen automatisch nach ihrem Wert an der jeweiligen Börse gewichten.
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Für die Wirtschaft eines Landes bedeutet also die Marktkapitalisierung den Wert aller börsengelisteten Unternehmen. Die Gewichtung der verschiedenen Länder wird also bei Weltindizes wie zum Beispiel dem MSCI World anhand der Marktkapitalisierungen eines Landes im Verhältnis zur Marktkapitalisierung aller enthaltenen Länder bestimmt.
Diese Art der Gewichtung hat den großen Vorteil, dass ein Rebalancing automatisch erfolgt und Länder sowie Unternehmen nach der Höhe ihrer Marktkapitalisierung klassifiziert werden. Wenn also beispielsweise ein Land die Grenze vom Schwellenland zur Industrienation überschreitet, wird es automatisch im Index für Industrieländer aufgenommen (in der MSCI-Familie also in den MSCI World). Allerdings spielen auch andere Faktoren eine Rolle, wie der Anteil der freihandelbaren Aktien. Denn nur wenn ausreichend Aktien handelbar sind, können ETF-Anbieter die nötigen Aktien kaufen.
Wo die Grenze zwischen Industrie- und Schwellenland verläuft, unterscheidet sich übrigens zwischen den verschiedenen Index-Anbietern, beispielsweise ordnet FTSE Südkorea als Industrieland ein, MSCI führt es hingegen als Schwellenland.

Die Berechnung der annualisierten Durchschnittsperformance basiert auf den iShares Core MSCI World UCITS ETF und schließt eventuelle Ausschüttungen mit ein.
Sind die USA überrepräsentiert?
Als problematisch kann diese Art der Gewichtung angesehen werden, weil ein großer Anteil der Weltwirtschaft sich außerhalb der Börsen abspielt – in nicht-börsennotierten Unternehmen. Dementsprechend tun sich im Verhältnis der Marktkapitalisierung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP – also dem Gesamtvolumen einer Volkswirtschaft) große regionale Unterschiede auf.
Deutschlands Wirtschaft fußt beispielsweise zu einem wesentlichen Teil auf großen und mittleren Unternehmen, die oft nicht börsennotiert sind. Hierzu zählen unter anderem Bosch, die Schwarz-Gruppe oder Aldi. Daraus resultiert, dass der Börsenwert deutscher Aktien insgesamt nur etwas mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung Deutschlands beträgt. Dies entspricht ungefähr dem EU-Durchschnitt. Nachbar Frankreich hat einen Anteil von über 80% und in den USA sind es sogar an die 150%. Das ist u.a. darauf zurückzuführen, dass dort viele große international tätige Technologieunternehmen wie Apple, Microsoft, Alphabet (Google) und Meta (Facebook) ansässig sind, die außerhalb der USA Einnahmen generieren, aber an den US-Börsen gelistet sind. Zudem stecken in den hohen Börsenbewertungen der US-Technologieunternehmen große Hoffnungen auf zukünftige Gewinne. Der Wert der US-Unternehmen übersteigt daher den Wert der US-Wirtschaft.
Diese Ausgangslage trägt dazu bei, dass in nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes die USA ein hohes Gewicht haben. Im MSCI ACWI sind es beispielsweise 65%. Viele Anleger kritisieren das Klumpenrisiko, das durch die Übergewichtung entstehen kann. Die Wertentwicklung der USA trägt also einen überproportionalen Teil der Performance eines solchen Index. In EU-Ländern ist hingegen beispielsweise im Schnitt nur etwas mehr als die Hälfte des BIP marktkapitalisiert, die Übergewichtung der USA geht auf Kosten solcher Regionen.
Ein weiterer Faktor in der Wert-Balance ist die Wahl der Unternehmensgröße. Der MSCI World nimmt beispielsweise nur Unternehmen mit hoher oder mittlerer Marktkapitalisierung (sogenannte Large und Mid Caps) auf. Der Zielwert liegt hier bei 85% – so viel der gesamten Marktkapitalisierung deckt der MSCI World ab. Kleinere Unternehmen, sogenannte Small Caps (oder „Nebenwerte“ im Deutschen), die 15% der Wirtschaftsleistung ausmachen, werden somit nicht aufgenommen.
Gewichtung nach BIP als Alternative
Letztlich ist es eine Ermessensfrage, ob du einen nach Marktkapitalisierung gewichteten Weltindex wie den MSCI ACWI als Grundlage für dein Anlageprodukt nutzen möchtest. Wenn du die Gewichtung dieser Indizes für problematisch hältst, kannst du dich am BIP orientieren. Das mindert das Klumpenrisiko, indem die USA geringer gewichtet werden. So kann die Weltwirtschaft genauer nachgebildet werden. Durch eine stärkere Gewichtung der Schwellenländer, die nach Marktkapitalisierung untergewichtet sind, können sich neue Renditechancen ergeben.
Ein Problem liegt aber in der Notwendigkeit der Umschichtung bzw. des Rebalancings, da sich die Verhältnisse der verschiedenen BIPs dynamisch verändern. Allerdings wird Rebalancing auch in nach Marktkapitalisierung gewichteten Portfolios notwendig, wenn sie auf mehr als einem Index beruhen.
Regionale Indizes zum Ausgleich nutzen
Es gibt zum Glück einige stressfreie Möglichkeiten, um Ungleichgewichte abzufedern und sich mehr am BIP zu orientieren. Die einfachste Variante ist eine Übergewichtung der Schwellenländer durch einen höheren Anteil der Emerging Markets bei einer Indexmischung aus MSCI World und MSCI Emerging Markets. Schwellenländer sind nämlich durch die Gewichtung nach Marktkapitalisierung rund 20 Prozentpunkte weniger stark vertreten, als sie es bei einer Gewichtung nach BIP wären.
Eine andere gute Variante ist die Beimischung eines Index wie dem STOXX Europe 600, der Large-, Mid- und Small-Cap-Unternehmen aus dem europäischen Raum abbildet. Europa ist in einer Gewichtung nach BIP im Vergleich zur Gewichtung nach Marktkapitalisierung um einiges stärker vertreten. In diesem Artikel stellen wir einige solcher Portfolios ganz konkret vor.
Small Caps verstärken
Auch die Beimischung von Indizes mit Fokus auf Small-Cap-Unternehmen kann eine sinnvolle Ergänzung sein, da Small (und Mid) Caps im MSCI World untergewichtet sind. Hier gibt es beispielsweise den MSCI Europe Small Cap, der sich speziell auf Small Caps aus dem europäischen Raum konzentriert. Ein alternatives Produkt zum selben Zweck ist der STOXX Europe 200 Small. Insbesondere, um die Wirtschaft von Ländern wie Deutschland mit seinem großen Mittelstand abzubilden, kann eine solche Hinzunahme von Mid, Small und Micro Caps Sinn ergeben.
Bei all den genannten Beimischungen sollte natürlich darauf geachtet werden, in regelmäßigen Zeiträumen zu rebalancen und dadurch das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Noch mehr Fakten rund um Ungleichgewichte in (Welt-)Indizes siehst du in diesem Video: